2 Jahre ist es her, dass die Deutsche und Österreichische Regierung auf Druck der Migrationsbewegungen die Grenzen öffneten. Seit dem hat sich viel verändert, wenig zum Besseren. Haben die nationalstaatlichen Grenzziehungen und Einfriedungen ein für alle Mal gewonnen? Wie unterscheidet sich die gegenwärtige Situation von der vor 2015? Und was hat die Migration mit sozialen Netzwerken und Formen des Gemeinsamen zu tun?

Am Freitag den 4. September 2015 brachen tausende Migrant_innen gemeinsam vom Budapester Bahnhof Keleti Richtung Westen auf und hunderte aus dem Röszker 'Erstaufnahmezentrum' aus.[1] Mannigfaltige Unterstützungsaktionen folgten, die unter dem Begriff der ›Willkommenskultur‹ abgefeiert wurden. Alle wollten plötzlich dabei mithelfen, dass Leute ankommen oder weiterkommen können; so schien es zumindest für kurze Zeit. Hier und da gingen Bilder von wutentbrannten Polizist_innen an der Deutsch-Österreichischen Grenze durch die Medien, die über die richtige Auslegung des ›Grenzmanagements‹ stritten, Politiker_innen und Medien debattierten wild über den richtigen Umgang mit den grenzüberquerenden Bewegungen. Das Europäische Migrationsregime war in die Krise geraten. Grenzen, die noch am Tag zuvor als unumstößlich und unveränderbar galten, waren auf einmal offen. Ein Bruch fand statt, etwas Neues passierte. Nicht neu war, dass Bewegungen entlang verbotener, illegalisierter Routen oft mit immenser Gewalt, Gefahr und Ausbeutung einhergehen. Insofern waren es weniger die Geflüchteten, die diesen Sommer auf einmal in die Krise geraten sind, womit auch der Begriff der „Flüchtlingskrise“ in die Irre führt. Neu und anders war die offensichtliche Krise der Migrationsregimes und weniger die „plötzlich“ schlechten Lebensbedingung von Migrant_innen und Geflüchteten. Insofern kann der Begriff der 'Flüchtlingskrise' sehr verwirrend sein, wenn es eigentlich um eine Krise des europäischen Grenz- und Migrationsregimes geht.

Dieser Krise des Migrationsregimes bzw. des Migrationsmanagments versuchen die europäischen Nationalstaaten seitdem wieder ‚Herr’ zu werden, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Den Anschein des Normalzustands wieder herzustellen klappt mal besser, mal schlechter, mal durch Anwendung von Repression, mal mehr durch die Herstellung von Konsens. Im einen Moment dient der Humanitarismus und die Inklusion, im nächsten die Niederschlagung und die staatlich legitimierten Gewaltakte als Mittel, aber immer laufen diese Strategien in unterschiedlicher Intensität parallel und gleichzeitig. Die Begriffe der ›Willkommenskultur‹ und der ›Flüchtlingskrise‹ sind insofern zentrale Elemente dieser nationalstaatlichen Operationen als sie entscheidend zur spezifischen Rasterung und Stratifizierung der mannigfaltigen Ereignisse des Sommers 2015 beigetragen haben: So wie der Begriff der Flüchtlingskrise die Krisenhaftigkeit bei den ‚Flüchtlingen’ verorten soll, um von der Krise des Migrationsregimes abzulenken, so soll auch die Bezeichnung und Vorstellung einer ‚Willkommenskultur’ eine bestimmte Perspektive auf die Ereignisse rund um den Sommer 2015 durchsetzen und andere Geschichten verunmöglichen: Der Begriff der ‚Willkommenskultur’ zeichnet ein Bild von nationalen Körpern und nationalen Kulturen der Großzügigkeit, die die Anderen, Fremden, die geschundenen Körper und handlungsunfähigen Opfer einladen, eine Zeit hier zu verweilen. Im Nachhinein scheint es dann so, als ob es einzelne nationale Subjekte oder gar einzelne Politker_innen waren, die den langen Sommer der Migration ermöglichten. Diese Form der Geschichtenerzählung und der Geschichtsschreibung verdeckt natürlich nicht zufällig einige entscheidende Dinge:

Denn es waren sicherlich keine nationalen Kulturen des Willkommen-Heissens, die die Grenzöffnungen initiierten, sondern zu aller erst waren es die selbstbestimmten, also autonomen Bewegung derer, die sich so nicht hätten bewegen sollen und dürfen, es aber trotzdem taten. Es waren die grenzüberschreitenden Bewegungen, die allen Widerständen zum Trotz stattfanden und so die Unterstützungsaktionen, Fluchthelfer_innen und Unterkunftgeber_innen hervorbrachten, herbeiriefen. Die Migration folgte nicht den davor existenten nationalen Kulturen des Willkommens, sondern, im Gegenteil: Es war die Migration, welche jene Praxen, Affekte, Vernetzungen und Formen des Gemeinsamen produzierte. Sozialitäten und Ökonomien unterhalb des Rasters des Nationalstaats, welche sich diesem entziehen, ihn unterminieren und sukzessive aushöhlen.

 Das was im Nachhinein als Willkommenskultur benannt und breit gefeiert wurde - also die unzähligen und mannigfaltigen Praxen der Unterstützung und der Hilfe beim Ankommen und Weiterkommen und die daraus resultierenden Mikro-Politisierungen der ansässigen Bevölkerung – war also nicht Ursache, nicht die Bedingung, sondern Resultat und Effekt der Migration.

Diese produktive und erfinderische Kraft der grenzüberschreitenden Bewegungen lässt sich unter anderem aus einem Brief herauslesen, welcher kurz vor dem Sommer 2015 von Vertreter_innen der Gemeinde Alberschwende verfasst wurde. Darin wird bereits die potentielle Politisierung durch die Migration angedeutet: »Es gärt im Land, es rumort in den Gemeinden! Durch unsere Aktivitäten mit Asylwerbern haben wir Einblick in die Unzulänglichkeiten des europäischen Asylsystems (Dublin-Abkommen) bekommen. Wir sind nicht mehr gewillt, uns gleichgültig den ›Achselzuckern‹ anzuschließen. Wir Menschen an der Basis scheinen in puncto Asylpolitik weiter zu sein, als die mutlose und – in diesem Falle – unehrliche ›hohe‹ Politik« (Gemeinde Alberschwende 2015). Nicht nur die Migrant_innen waren also von der lokalen Unterstützung abhängig, sondern nicht minder waren diese lokalen Netzwerke der Unterstützung von den Migrant_innen abhängig: Wenn diese Menschen im Sommer 2015 nicht hierhergekommen wären und ihre Erzählungen, Erfahrungen, Wünsche und Perspektiven hier hergebracht hätten, dann hätte es diese Netzwerke und Vernetzungen nie gegeben. Die Präsenz der Geflohenen und Gereisten ermöglichte den Menschen in den Unterstützungsnetzwerken viele Geschichten zu hören, welche sie davor nicht kannten bzw.  welche sie bis dahin als Geschichten aus den täglichen Nachrichten einordneten und neben den vielen anderen ›Horrorgeschichten‹ bald wieder vergessen hatten. Die Migration hat im Sommer 2015 u.a. in Österreich somit eine Politisierung derjenigen mit sich gebracht, die hier – scheinbar von Natur aus - Bürger_innenrechte genießen, indem eine »Denormalisierung« von Staat und Nation stattfand – egal ob sich die Betroffenen dieses Prozesses der Politisierung als »Helfer_innen«, »Unterstützer_innen«, »Aktivist_innen« oder »Ehrenamtliche« bezeichnet haben. Durch diese Formen der Vernetzung und der – sicher nie unproblematischen – Unterstützung entstanden Auseinandersetzungen darüber, wer hier unter welchen Bedingungen leben können soll. Wer als ‚von hier’ gilt, wer nicht unter diesen gegebenen Bedingungen leben soll und mit wem ich hier leben möchte wurde so zur Frage, die den Gesetzgebenden, Rechtssprechenden und Gesetzes-Anwender_innen entrissen und stattdessen neben dem Bahnhofsklo, auf dem Gehsteig vor dem Flüchtlingslager, beim gemeinsamen Abendessen oder im Urlaub mit Blick aufs Meer erschüttert, abgeklärt, beschämt oder zornentbrannt diskutiert wurde. Der vorherrschende Vergabemodus von Rechten und Möglichkeiten, der einigen ein relativ gutes Leben verheißt, andere abschiebt, inhaftiert oder kriminalisiert, also noch ausbeutbarer macht, erschien plötzlich nicht mehr als die einzige Möglichkeit, sondern als das, was er ist: eine von vielen Möglichkeiten, und darunter eindeutig nicht die beste. Was der Sommer 2015 also zeigen konnte, war, dass die Verhältnisse alles andere als in Stein gemeißelt sind. »Den Staat so – also über den Umweg der Immigration – zu hinterfragen, führt in der abschließenden Analyse dazu, dass sozusagen ›entnaturalisiert‹ wird, was fast schon als ›natürlich‹ gilt. Das hat zur Folge, dass der Staat oder das, was im Staat von einer Geschichtsamnesie befallen zu sein scheint, wieder historisiert wird, das heißt, dass an seine sozialen und historischen Entstehungsbedingungen erinnert wird«, schreibt Sayad in »Das große Gefängnis« (Sayad 2015: 39).


De- und Renormalisierung

Seit dem Sommer 2015 wird auf Hochtouren an der Renormalisierung des Migrationsregimes gearbeitet - auf offiziellen wie auf subjektiven Ebenen. Das Phantasieren vom Schließen und Öffnen der Migrationsrouten wuchert wie nie zuvor, als ob die Migrationsströme wie eine Wasserhahn auf und zugedreht werden könnten. Das Phantasma der Integration spukt umher, als hätte es Kanack Attack, Maiz, 1.März, die vielen Refugee Protest Camps seit 2012, Non Citizen Confernces, No-Border-Camps, Refugee Forums, fluchthelfenden Konvois, Schleppereinetzwerke, postmigrantisches Theater, Sans Papiers Besetzungen und die vielen größeren und kleineren antirassistischen und postnationalen Formen der Vernetzung der letzten Jahre und Jahrzehnte nie gegeben. Aber: Den Träumen, Einordnungswünschen, Verarbeitungsversuchen und Arbeitsplatzbeschaffungen geht immer schon etwas vorweg, an das es sich lohnt zu erinnern: Eine Kraft, auf die reagiert wird und die regiert werden soll, eine Bewegung, die immer und immer anders und immer wieder über die Stränge schlägt, sich nie ganz leiten lassen wird; eine Potentialität, die den Wasserhahn immer und immer wieder zum lecken bringen wird, egal wieviel Hähne angestückelt oder Dichtungsmaterial aufgepappt wird. Diese Widerständigkeit, diese Kraft, welche die Regierung und das Management kontinuierlich von Neuem herausfordert wurde immer wieder als die Autonomie der Migration bezeichnet.

„Wenn es sein muss werden wir Schlupflöcher finden – über Berge, durch Dörfer oder durch den Dschungel“[2] Der Begriff der Autonomie meint hier weniger eine heroische Praxis, welche daher rührt, nie einen Gedanken an die Hindernisse und Kontrollen verschwendet zu haben. Viel eher ist der Begriff der Autonomie ein Versuch das Vermögens zu verstehen der Kontrolle und Beschränkung im einen Moment zu trotzen, im nächsten ihnen zu entwischen, im übernächsten vielleicht eine unerwartete Geschichte auszupacken, welche die Kontrolleur_innen verwirrt und ablenkt, ihnen die Köpfe verdreht. So unsinnig es damit wird, Migrant_innen bzw. die Migration in Mitleidsvorstellungen und Viktimisierungen einzuhüllen, so verfehlt sind also auch die unterschiedlichen Formen der Heroisierung und Romantisierung der Migration: Weder Opfer noch Heldin, vielleicht beides, wahrscheinlich aber etwas ganz Anderes, das sich Repräsentation, Einordnung und Verortung immer wieder entziehen, sich ihnen nie fügen wird.

Die grenzüberschreitenden Bewegungen von Leuten, die aufbrachen, obwohl sie dort hätten bleiben sollen, wo sie davor gewesen sind, überqueren mal besser und mal schlechter gesicherte Grenzen, der Transport ist manchmal teurer, mal billiger, manchmal sehr gefährlich, manchmal lustig, im einen Moment zügig und hoffnungsvoll, in einem anderen zäh, zermürbend, tödlich und traumatisierend. Die Bewegungen der Migration verlaufen entlang sehr unterschiedlicher Linien und Realitäten und diese Wege sind natürlich entscheidend von den staatlichen Hürden, Filtern und Barrieren geprägt, sowie von den gewalttätigen oder den freundlichen Schlepper_innen, vom vorhandenen, weniger oder nicht vorhandenen Geld, von den Infos und der Infrastruktur; und all das hängt natürlich entscheidend von deinen Freund_innen ab. Die Autonomie der Migration liegt also weniger in einem romantischen, unabhängigen Heldentum als vielmehr in einem Modus des teilweise-gemeinsamen Weiterkommens allen Widerständen zum Trotz. Teilweise-gemeinsam weil diese Netzwerke sicher keine homogenen Gemeinschaften voller Liebe und frei von Ausbeutung und Gewalt sind; gleichzeitig sind es genau diese ambivalenten und konfliktuösen Netzwerke der Unterstützung, Sorge und des Austauschs, welche die Bedingung der Möglichkeit der Migration darstellt.[3]  Flüchtige Netzwerke unter Migrant_innen - wie oben geschildert sind im einen oder anderen Fall auch Nicht-Migrant_innen involviert – die es ermöglichen, trotz der Behinderungen und Entschleunigungen seitens des Migrationsregimes weiterzukommen, immer wieder Geschwindigkeit aufzunehmen, immer wieder einen Ort des Ankommens zu finden. Was der Sommer 2015 zeigen konnte ist, dass es mehrere – in Bezug auf schlichte Zahlen aber auch auf Differenzen und Mannigfaltigkeiten – werden können, die diese Regierung der Migration, diese Aufteilung von Rechten, Möglichkeiten und Affekten nicht länger als Normalität wahrnehmen. Dieser Regierung und Aufteilung in Regierende und Regierte widersprach der Sommer nicht zuletzt auch insofern er darauf verwiese, dass die Politik nicht das Geschäft einiger weniger sein kann, sondern die kontinuierliche Auseinandersetzung damit, wie wir, die hier sind, miteinander und mit den vorhandenen Problemen umgehen wollen.

Unabhängig davon ob sie gerade willkommengeheissen, ausgebeutet, inkludiert oder verboten wird, Migration und ihr Ankommen wird weiterhin stattfinden, in dem sie ihre Pfade finden wird; wenn es sein muss, um obiges Zitat in Erinnerung zu behalten. Für diese Widerständigkeit und Persistenz entscheidend ist dabei immer das Vermögen, Formen der Vernetzung und des Gemeinsamen zu schaffen, welche andere soziale Wirklichkeiten produziert, als jene, die vom Nationalstaat vorgesehen und vorgegeben werden. Die Autonomie der Migration liegt also wesentlich in der kreativen und erfinderischen Kraft, neue soziale Netzwerke, Erzählungen und affektive Bündnisse herzustellen, welche die nationalstaatlichen Einfriedungen immer und immer wieder untergraben, umgeben, bedrängen und unter Druck setzen wird - relativ egal ob das in diesem Moment ignoriert wird oder offensichtlich ist.


Quellen

Gemeinde Alberschwende (2015): Manifest Alberschwende URL: http://www.alberschwende.at/fileadmin/Download/Asylverfahren-Manifest_und_Aktivit%C3%A4ten.pdf [01.09.2017].

Kuster, Brigitta (2017): Europas Grenzen und die Mobile Undercommons. In: Texte zur Kunst 105.

Papadopoulos, Dimitris / Tsianos, Vassilis S. (2013): After Citizenship: Autonomy of migration, organisational ontology and mobile commons. In: Citizenship Studies 17 (2). 178-196.

Sayad, Abdelmalek (2015): Immigration und »Staatsdenken«. Übersetzt von Birgit Mennel. In: Birgit Mennel und Monika Mokre: Das große Gefängnis. Wien: transversal texts.


Dieser Text basiert teilweise auf einem Artikel, welcher unter dem Titel dealen, schleppen, willkommenheißen - Kämpfe um Bewegungsfreiheit nach dem langen Sommer der Migration im Sammelband Der lange Sommer der Migration - Grenzregime III 2016 bei assoziation-A erschienen ist.

 



[1] für mehr Details siehe Siehe z.B.: http://moving-europe.org/march-of-hope-3/

[2] so die Stimme des Fernsehsprechers, welche über die der Person am Belgrader Busbahnhof gelegt wurde, die dort von einem fernsehteam im Sommer 2015 interviewt wurde: https://www.welt.de/politik/ausland/article146507736/Wer-die-historische-Grenzoeffnung-wirklich-ausloeste.html

[3] Weiterführend dazu auch Papadopoulos / Tsianos 2013 oder Kuster 2017