Clinamen: Wir wollen die Ereignisse von 2015 in Erinnerung rufen, die das konventionelle Bild Europas erschütterten: Der Angriff auf Charlie Hebdo, die griechische Situation, in der dann beim Referendum alle auf europaweite Unterstützung hofften, bis hin zu den Bewegungen in Österreich und Deutschland, wo Migrant_innen trotz der restriktiven europäischen Bestimmungen oft inklusiv aufgenommen wurden. Miguel Mellino ist argentinischer Anthropologe, Lehrer, Essayist, Forscher und Aktivist, der seit vielen Jahre in Italien lebt. Immer wenn wir hier von Argentinien aus auf die Situation in Europa blicken, ist Miguel ein wichtiger Gesprächspartner für uns. Heute heißen wir Dich, Miguel, wieder einmal bei uns willkommen, diesmal zu einem Gespräch darüber, was Europa im Kontext dessen mobilisiert und bewegt hat, was als Krise der Migration bezeichnet wurde.

Kurz nach dem Charlie Hebdo-Attentat hast Du in einem weit verbreiteten Interview[1] einen Unterschied zwischen einem Europa, das sich bewegt, und einem, das sich nicht bewegt, aufgemacht. In diesem Sinne wäre die erste Frage an Dich, Miguel: Wie können wir dieses Panorama der Krisen des europäischen Humanismus, diese Fragmentierung Europas in eines, das sich bewegt, und eines, das sich nicht bewegt, verstehen?


M: Als ich damals darüber gesprochen habe, was als Krise des europäischen Humanismus bezeichnet wurde, schlug ich vor, von einem Ort aus zu denken, der zu dieser Zeit wenig Beachtung fand. Wenn wir bei den Fakten beginnen, dann müssen wir sagen, dass alle Protagonisten des Attentats auf Charlie Hebdo französische Jugendliche waren, in Frankreich geboren, aber wie man sagen könnte, „andere“ Franzosen, weil sie Teil der zweiten oder dritten Generation von Immigrant_innen sind. Die fundamentale Frage schien mir diese zu sein: Was passiert in Europa mit jenem Teil der Bevölkerung, den wir der Einfachheit halber  „postkolonial” nennen können, in dem Sinne, dass er Produkt einer Massenimmigration nach Europa ist, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Kolonien stattfand. Was sagt uns dieser Teil der Bevölkerung, wie steht es um deren Gefühlsstrukturen in Bezug auf das gegenwärtige Europa?

Diese Frage stellt sich vor allem deshalb, weil die Situation, die Charlie Hebdo hervorgerufen hat, keine neue war, sondern eine, die sich längst schon als Wiederholung vollzieht. Die Situation gab es bereits während des Attentats auf das World Trade Center, während des Kriegs im Irak oder im Afghanistan der Taliban, wo europäische Jugendliche, mit dunklem Teint oder mit muslimischem Glauben oder einfach mit einer Familiengeschichte, die in einem spezifischen Verhältnis zu den Exkolonien steht, islamischen Organisationen beitreten, wo sie dann gegen europäische Länder kämpfen, in denen sie geboren wurden und gelebt haben. Wir wissen, dass diese Organisationen wie ISIS oder Al-Qaida auf die Unterstützung von vielen „europäischen” Jugendlichen zählt, das ist nichts Neues. In manchen Teilen der europäischen Bevölkerung bietet der religiöse Fundamentalismus also eine Form der Subjektivierung, der subjektiven Identifizierung an, die als Ausweg aus den zerstörerischen Effekten des Rassismus funktioniert. Sie funktioniert als „Naht” für die offenen Wunden, die durch die Exklusion und die Marginalisierung des Rassismus verursacht werden.

Fanon beschreibt bereits sehr gut den objektivierenden bzw. de-subjektivierenden Effekt, den der rassistische Blick auf das rassifizierte Subjekt hat. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um zu verstehen, was heute passiert. Fundamentalismus kanalisiert den Hass auf das, was sich so anfühlt und so aussieht wie ein Fortbestehen der white supremacy, der weißen Vorherrschaft, in Frankreich, England und anderen europäischen Ländern. Das können wir schon zum Beispiel in der berühmten Autobiographie von Malcolm X finden. Darin erzählt er von den materiellen und alltäglichen Formen des Rassismus, die er als schwarze Person in den USA erlebt hat, was ihn zum Islam brachte, was seine Wut und die Ablehnung der Gesellschaft, in der er lebte, befeuerte. Mir scheint, als könne die Erfahrung von Malcom X ganz schön viel davon erzählen, was heutzutage in Europa passiert; und darüber, was sich gerade bewegt in Europa, wo ein großer Teil der Bevölkerung mit kolonialer Herkunft von Alltagsrassismus betroffen ist.

Dieser Alltagsrassismus ist integral für die Wirklichkeit jenes Teils der Bevölkerung und nicht einfach nur ein sekundärer oder marginaler Zustand, wie die Mehrheit der politisch-intellektuellen Welt der europäischen Linken das gerne annimmt. Dieser Teil der europäischen Gesellschaft bewegt sich, genauso wie sich Migrant_innen mit ihrem antirassistischen Kampf und Refugees heute mit ihrem Begehren nach Freiheit bewegen, aber diese Bewegung tritt nicht in die politische Anrufung der europäischen Linken ein, in keine ihrer Versionen. Ich habe keine Lösung, ich sage nur, dass hier ein Problem existiert und dass es wichtig wäre, es anzuerkennen; was nicht immer passiert. Um eine andere berühmte Definition von Fanon zu wiederholen: Der Rassismus ist konstitutiv und integral für die Verhältnisse der Ausbeutung und Marginalisierung, welche maßgeblich für diese jungen Leute sind, und unter denen sie, aber nicht nur sie, leiden.

Eine Möglichkeit, das Problem zu verstehen, ist einzugestehen, dass hier eine Lücke existiert zwischen einer Linken, die über Rassismus spricht, und jenen Gruppen postkolonialer Subjekte, die ihn auf alltäglicher Basis erleben. Es ist klar, dass diese Lücke die marginalen Elemente der europäischen Gesellschaft von einer – wenn wir sie so nennen wollen – europäischen Linken entfremdet hat. Aber wir könnten es auch umgekehrt formulieren, also behaupten, dass die europäische Linke sich von diesen sozialen Segmenten abgewendet hat, welche in ihrer Mehrheit als Teil dessen bezeichnet werden können, was wir ein europäisches Proletariat nennen. Ich beschuldige niemanden, ich sage nur dass dieses Problem existiert.

Meiner Ansicht nach sollte das einer der ersten Ansätze sein, um die Natur dessen zu reflektieren, was etwa Charlie Hebdo gewesen ist, welche Bewegungen also zu diesem Ereignis geführt haben. So wissen wir z.B. alle, dass sich die Reaktionen auf Charlie Hebdo örtlich rund um die Feiern des Monuments der Republik Frankreich konzentrierten, um den Place de la République: Fortwährend sind Kerzen für die Republik angezündet worden, so als wäre die Erinnerung ein Kult der Republik. Charlie Hebdo wurde als Angriff auf die Republik und ihre Werte interpretiert: die Werte des Okzidents (liberal, kolonial, kapitalistisch und bourgeois), welche als die eigenen und die universellen verstanden wurden. Ich glaube, dass das Ganze als ein Effekt der Republik, der Ideologie des französischen Republikanismus zu betrachten ist, einer Ideologie, die sich von den Konservativen und den reaktionären Rechten von Marine Le Pen bis zur Linken erstreckt, und nicht nur bis zur institutionellen Linken, sondern auch bis zur radikaleren Linken und so manchen Intellektuellen, die den radikalsten sozialen Bewegungen in Europa nahe stehen. Es scheint mir, dass wir hier anfangen müssten. Ironischer Weise könnte gesagt werden, dass das Attentat auf Charlie Hebdo von Söhnen, von Bastarden der Republik durchgeführt wurde…


C: Miguel, in Zusammenhang mit einer Krise des europäischen Humanismus hast Du in einem anderen Kontext von strukturellem Rassismus in Bezug auf die Konstitution von Europa gesprochen. Würdest Du sagen, dass es ein rassistisches Fundament des europäischen Humanismus gibt, das immer gegenwärtig ist?


M: Ja, es gab diesen rassistischen Kern immer. Nicht nur Fanon und Sartre haben auf ihn verwiesen, sondern auch ein guter Teil der Black Radical Tradition in Nordamerika und der Karibik, sowie die Postcolonial Studies, wenn auch in einer etwas barocken und weniger radikalen Weise. Aber was ich in Bezug auf den Humanismus wichtig finde, ist die Frage, ob wir uns eine universelle Idee des Menschen vorstellen können, oder sogenannte Menschenrechte, ohne dabei die antikolonialen Kämpfe, ohne den Widerstand der Sklav_innen, ohne die Bewegungen der Dekolonisierung oder der nationalen Befreiungskämpfe in der ganzen Welt, ohne die Kämpfe der Frauen, ohne den Antirassismus der schwarzen oder nicht-okzidentalen Frauen zu erwähnen? Diese Frage findet oft wenig Beachtung, wenn im Fernsehen oder in großen politischen Debatten von „Menschenrechten” gesprochen wird. Aber sie wäre sehr hilfreich für eine Diskussion der materiellen und diskursiven Begrenzungen des europäischen Humanismus. Dieser Mangel, diese Begrenzung ist in Europa sehr ausgeprägt, und gleichzeitig ist die Linie, die Humanismus, Rassismus und Kolonialismus verbindet, sehr oft unsichtbar. Die Rolle der kolonialen Frage innerhalb der europäischen Geschichte, die Auswirkung auf Wissen, Kultur und Politik bleibt weiter nur eine Frage für akademische Nischen oder, mit der Ausnahme von Großbritannien, eine Frage jenseits öffentlicher Debatten. Es geht nicht darum, ein mea culpa in Bezug auf die koloniale Vergangenheit Europas zu vollziehen, sondern viel mehr darum, das materielle Vermächtnis des Kolonialismus in der Konstitution des postkolonialen europäischen sozialen und politischen Raums zu verstehen.

Das könnte uns dann auch Einblick darin geben, wie mit den Flüchtlingen heute umgegangen wird und wie die Europäische Union das verwaltet, was eine „humanitäre Katastrophe“ genannt wurde. Dass Merkel und Hollande (neben anderen) die Entscheidung getroffen haben, die Grenzen für Flüchtlinge teilweise zu öffnen, muss keinen Bruch mit der konstitutiven Logik der Einwanderungspolitik der EU bedeuten. Ich glaube nicht – wie es etwa in einigen europäischen Zeitungen behauptet wird –, dass die EU endlich den Druck der Immigration als etwas erkannt hat, was sie nicht einfach abwehren kann. Viel eher scheint es mir, als wusste man schon längst über die Unabwendbarkeit des Drucks der Migration Bescheid, weshalb versucht wird, die Migration in einer bestimmten Weise zu regieren, die funktional für die kapitalistische Inwertsetzung, die repressive und sicherheitspolitische Kontrolle der Bevölkerungen und der unterschiedlichen Territorien ist. Die Rede ist hier von einer repressiven Kontrolle, die konstitutiv für die neoliberale Technologie der Regierung ist. Es ist wirklich schwer zu glauben – wie es von den Medien fast naiv behauptet wurde –, dass das Foto des toten syrischen Jungen am Strand im Stande war, Menschen wir Merkel oder Hollande oder die „Geier“ der EZB oder der Europäischen Komission zu sensibilisieren, die davor keinerlei Bedenken hatten, migrantische Bewegungen mit militärischen Mitteln aus der Luft, am Meer oder am Land zu bekämpfen, ihnen den Krieg zu erklären, oder der griechischen Bevölkerung gewalttätige Lebensbedingungen während der letzten Verhandlungen mit Syriza aufzuzwingen.

Ich sehe keinen Bruch mit dem System der europäischen Regierung der Migration oder mit der Weise, in welcher das Herzstück der Europäischen Union die griechische Krise administriert hat. Ich sehe auch keinen Bruch mit der „republikanischen“ Mobilisierung, die die Reaktionen auf Charlie Hebdo informiert hat. Zuerst glaube ich, dass die teilweise Öffnung der Grenzen nicht lange dauern wird und dass diese auch keine Veränderungen in den europäischen Migrationspolitiken hervorbringen wird. Diese Europäische Union wird nicht Gutes hervorbringen, sie ist unreformierbar. Wie sie die Krise verwaltet, stimmt perfekt mit einer der Voraussetzungen des europäischen Migrationsregimes überein – mit der Steigerung der institutionellen Willkürlichkeit in der Vergabe von Asyl und mit dem Fokus auf die Vermehrung und Ausdifferenzierung der Statusformen, die Migrant_innen zukommen. Diese Strategie geht natürlich Hand in Hand mit der Stigmatisierung der spezifischen Kategorie der „ökonomischen Migrant_in“. Das verstärkt das Regime der differentiellen Inklusion von Migrant_innen, welches das letztendliche Ziel der EU-Richtlinien ist.

Wir dürfen nicht vergessen, dass in Europa – vor allem in den nördlichen Ländern – die NGO-Lobby eine sehr wichtige Rolle spielt. Diese Sphäre ist tief verwurzelt in einer Ideologie, die wir eher humanitär als humanistisch nennen können, und welche nicht weit entfernt ist von dem „Humanitarismus“, mit dem die EU die Krise verwaltet. Humanitarismus von oben und Humanitarismus von unten greifen beide auf eine demobilisierende Politik zurück, nicht nur in Bezug auf soziale Konflikte, sondern gerade auch in Bezug auf das Leben dieser Gruppen: Der „Flüchtling“ wird so genau als Nicht-Subjekt produziert, welcher auf die Heilung durch die Vormundschaft durch irgendjemanden wartet, um dann so den Status des Subjekts zu erreichen. Es handelt sich hier um ein de-subjektivierendes Dispositiv vom_von der anderen, dessen bzw. deren Status als Subjekt immer von der Anerkennung des Herren abhängt. In diesem humanitaristischen Diskurs taucht der Flüchtling als Effekt einer Naturkatastrophe auf, als Produkt eines Prozesses, der außerhalb des Subjekts genau dieses Diskurses angesiedelt wird. Das dient dazu, die Verantwortung der europäischen Länder zu verschweigen, welche sie durch die militärischen, politischen und ökonomischen Interventionen tragen, die Massenvertreibung oder Migration auslösen. Um es zusammenzufassen: Diese „humanitären Logiken“ tun durch ihre viktimisierende Prozesse nichts anderes, als Europa als Subjekt und moralisches Gewissen zu bestätigen, insofern Europa das einzige Subjekt ist, das in der Lage ist, Rechte zu garantieren oder zu legitimieren; dem_der anderen wird ein weiteres Mal die Position des Objekts und des Opfers zugeschrieben. Es scheint so, als ob das alte koloniale Verhältnis zurückkehrt, hier in einer Form, die wir „ethischen Imperialismus“ nennen könnten: „Ich rette Dich“.


C: Ich sehe nicht ganz den Zusammenhang zwischen Rassismus und der Verwaltung der humanitären Krise nach NGO-Art. Wo siehst du die Verbindung?


M: Es gibt verschiedene Verbindungspunkte. Zunächst verhalten sich NGOs – sicher nicht alle – in vielen Teilen der Welt als Ergänzung zur internationalen Ordnung, welche die USA und Europa als ihr Zentrum haben. In anderen Worten fungieren sie als eines der hegemonialen Instrumente der okzidentalen Dominanz. In vielen Fällen wurde dieses komplementäre Verhältnis durch Kriege und militärische Angriffe erreicht, was heißt, dass es sich um eine sehr explizite Komplementarität handelt: Zuerst attackiert, zerstört und interveniert die „internationale Community“ militärisch und erzeugt Katastrophen, und später kommen dann die NGOs, um die sogenannte „humanitäre Krise“ zu lösen. Es scheint so, als ob NGOs den Job zu Ende brächten, den die Waffen begonnen hatten. Und als Effekt wird immer zur Demobilisierung der Bevölkerung beigetragen. Wenn wir etwas übertreiben, dann könnten wir sagen, dass überall dort, wo westliche NGOs hingehen, der politische Antagonismus der Bevölkerung verschwindet.  Das humanitäre System funktioniert hier wie ein Apparat der Bevölkerungskontrolle. In anderen Fällen nimmt dieses Ergänzungsprinzip eine andere Dynamik an, wie in der europäischen „humanitären Krise“, obwohl es eigentlich sinnvoller wäre, hier von einer Krise zu sprechen, auf die eine humanitäre Antwort gegeben wurde bzw. die durch humanitäre Vernunft regiert wird.

Die humanitäre Vernunft ersetzt die Politik des Rechts und der Gerechtigkeit durch eine Ethik des Mitleids und Leidens. Es handelt sich hier um eine perverse Ethik, die total beliebig ist und die nichts anderes tut, als noch mehr Ungleichheit, Verletzlichkeit und Ausdifferenzierung unter den Migrant_innen einzuführen, und die nur eine weitere Form der Hierarchisierung des Rechts auf Bürger_innenschaft darstellt. Auf Basis welchen Rechts wird diesen Flüchtlingen Asyl gegeben? Auf einer völlig beliebigen Basis: zum Beispiel ausgehend von der völlig oberflächlichen Unterscheidung zwischen „sicheren“ und „nicht sicheren Zonen“. Wie wird entschieden, welche Zone als sicher gilt und welche nicht? Im Falle der gegenwärtigen Krise trägt die humanitäre Vernunft bzw. die humanitäre Verwaltung zur Aufrechterhaltung der Institution der Bürger_innenschaft als Kontroll- und Hierarchisierungs-Dispositiv von Bevölkerung und Territorium bei. Deshalb glaube ich, dass wir hier von einem humanitären Rassismus sprechen können, der sich perfekt mit dem institutionellen Rassismus ergänzt, der aus dem gegenwärtigen europäischen neoliberalen Dispositiv der Bürger_inneschaft hervorgeht.


C: Was denkst du über die Krise des europäischen Humanismus, die sich jedoch nicht auf einen Humanitarismus bezieht, sondern auf den Humanismus à la Sartre oder Fanon, der sozusagen einen kämpferischen, antirassistischen Humanismus darstellt und der die  rassifizierende Figur des europäischen Humanismus zerstören will ...? Es scheint so, als ob in diesem Szenario jetzt genau solche Erfahrungen der Kämpfe fehlen würden, welche die Perspektive umdrehen könnten. In diesem Sinne möchte ich etwa auf das Signal achten, das aus Griechenland kommt, das Signal von Syntagma, der Bewegungen, die an die Plätze des Arabischen Frühlings anknüpften, an den Tahrir-Platz, dessen Bilder wiederum Bewegungen der indignados in Europa beeinflussten. Wenn diese Bewegungen nicht zu einer anderen Perspektive geführt haben, wie könnten wir diese erreichen?


M: Die Syriza-Regierung hatte von Beginn an ein großes Problem: Tsipras und Varoufakis glaubten, dass die Europäische Union von innen reformierbar wäre – das ist verrückt. Tsipras wollte mit der EU einen Kompromiss aushandeln, aber ohne sich auf etwas stützen zu können, was im Stande wäre, die Kräfteverhältnisse umzudrehen; ohne sozialen Konflikt – in Griechenland vielleicht, ja, aber nicht in Europa. Es war sehr symptomatisch, dass sich während der Griechenland-Krise sehr wenig im Rest von Europa bewegte: sehr wenig in Italien, sehr wenig in Deutschland, obwohl die Deutschen hier eine historische Chance hatten, sich mit einer bestimmten Art der Macht zu desidentifizieren; sehr wenig in Spanien, wo es sich als Nächstes lohnen wird, hinzuschauen. Ich glaube, dass Tsipras’ Problem und das Problem eines großen Teils der europäischen Linken ist, dass sie daran scheitern, sich mit dem zivilisierenden Mythos der Europäischen Union und Europas zu des-identifizieren. Es scheint so, als würde ein unbewusstes und implizites Bild von Europa existieren, welches Europa als Ort der Rechte, der Integration, der Gemeinschaft und des Kosmopolitischen zeichnet; ein Bild also, das wenig mit der Realität zu tun hat.

Das ist das Problem. Es fehlt die Fähigkeit, sich frontal zu positionieren, in einem antagonistischen Sinne, gegen die Europäische Union und ihre Institutionen. Oft scheint es, als wäre sie von einem großen liberalen und okzidentalen Virus befallen. Dieses Verhalten führt bedauernswerter Weise dazu, dass der ganze Raum des radikalen Bruchs der souveränen, rassistischen und xenophoben Rechten überlassen wird, die so weiterhin gelassen behaupten kann: Europa „ist, was es ist.“


C: Das erinnert mich an die neusten Nachrichten aus Brasilien und die Situation der brasilianischen Arbeiter_innen Partei, die Partido dos Trabalhadores (PT). Für uns änderte sich die PT in den 1980er Jahren. Als die Sowjetunion gefallen ist, war sie eine von den Sozialen Bewegungen geführten Partei der Neuen Linken, die die Krise der kommunistischen und linken Parteien, die durch etatistische Formen kompromittiert geblieben sind,  vermeiden und stattdessen eine Radikalität der Linken erneuern konnte. Wenn man nun die aktuelle Krise Brasiliens in den Blick nimmt, unterstützt die PT den Wirtschaftsminister, der gestern in einer Erklärung ankündigte, das spanische Austeritätsmodell sei ein Modell für Brasilien. Wenn wir also die Karte vervollständigen, die sich vor uns auffaltet, wenn Miguel von Spanien als nächstem Versuchsfeld spricht und wir unseren Blick in diesem Zusammenhang auf die PT richten, wo könnten wir dann Punkte antagonistischer Figuren gegen dieses Bild von Europa, gegen diese Bilder der universellen Anpassung finden? Was heute fehlt, scheint mir eine klarere Identifikation mit diesen Kampfpunkten zu sein, die Miguel die „Desidentifikation von Europa“ genannt hat. In einem gewissen Sinne ist dieses Bild von Europa umfassender, auch wenn es in Lateinamerika nicht genau das gleiche ist, denn die progressiven Regierungen hatten von Anfang an ein Programm eines politisch radikalen, ethnisch gemischten Kampfes mit sozialer Ausrichtung . Trotzdem scheinen wir immer auf das gleiche Problem zu stoßen. Was passiert mit diesen Bildern? Miguel, was würdest du sagen in Bezug auf diese Verbindung zwischen Europa und Lateinamerika?


M: Es gibt viele Verbindungen: Wenn wir z.B. auf die Form des Ausschlusses blicken, der das Leben jenes Teils der Bevölkerung prägt, welchen ich „postkoloniale Europäer_innen“ nenne, dann können wir sehen, dass es sich hier um sehr ähnliche Lebensbedingungen handelt, unter welchen auch hier die Leute in den populären Vierteln leben. Das hat mit der doppelten Politik oder dem doppelten System des Neoliberalismus zu tun: Denn es geht hier einerseits um ein System für die „Inkludierten“ und andererseits um ein System für die „Exkludierten“. Letztere sind in den letzten 30 Jahren zunehmend einem strafenden, Polizei-basierten und kriminalisierenden Apparat ausgesetzt, und es scheint, als wär das eine Gemeinsamkeit zwischen Europa und Lateinamerika. Wenn wir die Lebensrealitäten breiter Teile der Bevölkerungen in Lateinamerika und in Europa bedenken, dann wird paradoxerweise noch eine andere Gemeinsamkeit deutlich: die Konstruktion der Trennlinie zwischen Inklusion und Exklusion findet über den Rassismus und durch die Effekte des kolonialen Diskurs um „Rasse“ statt. Das doppelte Gesicht, das sich in der territorialen Governance des Neoliberalismus zeigt, ist tiefgreifend von Rassimus geprägt.

 

Das Gespräch wurde am 8. September 2015 in der Radioshow „Clinamen“ in Buenos Aires gesendet.[2]
Redaktion: Kelly Mulvaney und Niki Kubaczek, transversal texts

 



[1] Das Interview “I am the West” ist auf Italienisch, Englisch, Französisch zu finden bei http://commonware.org/index.php/cloe/542-je-suis-ouest, auf Spanisch bei http://anarquiacoronada.blogspot.de/2015/01/yo-soy-occidente-entrevista-con-miguel.html.

[2] Link zur Aufnahme: http://ciudadclinamen.blogspot.de/2015/09/crisis-del-humanismo-europeo.html, vielen Dank an Miguel Mellino für die Transkription.