Aller Anfang ist dividuell.

Wie ein beliebiges Buch seine Autorschaft teilt, wie ein Denken immer schon auf den Schultern von Riesen steht, die aber ihrerseits wieder ganzen Schwärmen von durchschnittlich Hochgewachsenen und angeblich vernachlässigbaren Größen verpflichtet sind, wie ein Intellekt von vielen Geistern bewohnt wird, nie Individuum allein, so beginnt alles in der reißenden Mitte des Dividuellen. Die Mitte ist reißend, weil in ihr die Dinge Geschwindigkeit aufnehmen, ein Strom, der in alle Richtungen überfließt, das Gegenteil von reguliertem Mainstream, Mittelmaß und Vermittlung. Die Mitte liegt nicht einfach auf dem Weg zwischen einem Anfang und einem Ende, in ihren Strudeln geraten Linearität und Ursprungsmythen ins Stocken. Die Mitte ist dividuell, weil sie ein Teilen der Teile impliziert. Selbst wenn hier ein Ich spricht, so wird dieses Ich nie ganz allein gewesen sein. Geteilt und teilend, teilt dieses instituierende Ich sein Werden mit den vielen Instanzen des Anfangens in der Mitte.

Die reißende Mitte des Dividuellen betrifft nicht nur das Schreiben und Sprechen, die Textmaschinen, die akademischen Maschinen, die literarischen Wunschmaschinen. Auch die Körpermaschinen, die sozialen Maschinen, die revolutionären Maschinen, die abstrakten Maschinen und ihre gegenseitigen Kon- und Disjunktionen treffen und trennen sich in der dividuellen Mitte. Anfangen in der Mitte, nicht an einem Punkt, sondern auf der Linie. Die Linie ziehen und von ihr gezogen werden, inmitten von Kämpfen auf ihr balancieren. Vier Typen des Schreibens und der Anfang nicht nur des Schreibens liegt in der Mitte. So wie auch im Fall des Kalle Ypsilon.

Die Kandidatin tritt nach gewonnener Wahl im Landtag vor die Presse, bedankt sich und erklärt, die Sozialdemokratie sei wieder da. Rechts hinter ihr steht Kalle Ypsilon in der Reihe der UnterstützerInnen, als ihr Lebenspartner und nächster Berater, etwas verschwitzt und mit gelöstem Krawattenknoten, und ist vollkommen im Bann des Moments. Maschinisch spricht er die Worte der Kandidatin mit, zunächst verhalten, dann mit immer mehr Verve, jede Betonung mitphrasierend, sogar die Wellen des Beifalls antizipierend. Wort für Wort, in vollendeter Zusammenstimmung, lippensynchron mit der Kandidatin stemmt er den Text dem Jubel entgegen. Er steht so nah an der Kandidatin in der doppelten Helligkeit von Blitzlichtgewitter und Scheinwerferlicht, dass es wohl allen auffällt – den PressefotografInnen, den JournalistInnen, allen Anwesenden, aber auch und vor allem den vielen Fernsehenden, die live den ersten Auftritt der Wahlsiegerin verfolgen wollen. Nur Kalle Ypsilon merkt es nicht und bleibt dabei, hochkonzentriert mit-sprechend, begeistert – von allen Geistern nicht verlassen, sondern besessen.

Das autoritäre Schreiben fußt auf einem Paradox, das gerade wegen seiner Allgegenwärtigkeit nicht offen zutage liegt. Einerseits setzt es einen Anfang, einen Beginn, der am Anfang stehen möchte. Es ist ein Anfang, und die subjektive Figur dieses Anfangs ist das Autor-Individuum. Um den Anfang als absolut simulieren zu können, hat dieses Individuum die Vielheit ausgelöscht, von der es kommt, seine molekulare Mannigfaltigkeit, die vielen Teile, die es geteilt hat, bevor es sich als ungeteilt und unteilbar setzt. Zugleich und andererseits erschafft sich das auktoriale Individuum in genau abgestimmten Verweisen, Referenzen und Belegen eine Stammlinie, eine vertikale Verbindung zu den Vorvätern, zurück an einen Ursprung, der weit vor allem Werden scheint, das hier und jetzt sich ausbreitet. Die Filiation, die Bezugnahme des Sohns auf den Vater in einer abgestuften Abfolge, ist nichts als eine molare Parodie auf die ausgelöschte Vielheit. Die Stammlinie soll den Mythos des auktorialen Individuums stärken, und sie ist paradoxerweise auch Beweis dafür, dass die Autorität nicht nur ein Anfang sein will, sondern gleichsam immer schon da, anfangslose Ursache, „natürliche Autorität“.

Diese „natürliche Autorität“ als Stamm- und Ursprungslinie setzt sich neben und über den Anfang der individuellen Urheberschaft als auctoritas. Sie beansprucht Autorität implizit oder explizit als hierarchische Positionierung, molare Reterritorialisierung, vertikale Linearität. Eine Leiter, die nicht auf dem schwankend-schwimmenden Boden der Mitte steht und frei in die Luft hinaufragt, sondern steil vom Boden ihres Ursprungs geradewegs an die Wand. Das auktoriale Schreiber-Individuum steht mit dem Gesicht zur Wand auf der letzten Stufe der Leiter, drückt die Leiter mit steifen Füßen an den Boden, hebt die Leiter mit krampfenden Zehen aufwärts an die Wand. Die Leiter der Stammlinie will zugleich gegen den Boden ihres Ursprungs und gegen die Wand ihres zu Zeigenden gehalten werden, den Ursprung verkörpern und das spectaculum des individuellen Gesichts.

Effekt von Filiation, „natürlicher Autorität“, Besitzgeist und ängstlichem Buchstabengeiz ist die Domestizierung der Textproduktion, Reduzierung der inhaltlichen wie formalen Möglichkeiten, zwanghafte Rasterung der Schreibweisen. In der immer engeren Schnürung des Schreib-Korsetts erstickt auch noch der letzte Wunsch nach einem anderen Text. An seine Stelle tritt ein unstillbares Begehren nach Namen und Gesichtern. Sie sind die zentralen Funktionen des autoritären Schreibens, die den Text und seine Mannigfaltigkeiten anordnen, unterordnen, übercodieren. Mit dem Gesicht zur Wand schreibt sich der Name in das Weiß dieser Wand.

In der Logik des autoritären Schreibens scheitert die sozialdemokratische Kandidatin nicht an irgendwelchen falschen, weil zu radikalen politischen Allianzen, sondern daran, dass sie es nicht schafft, eine unterscheidbare, individuelle Autorschaft zu etablieren. Die sie rief, die Geister der Wahlkampfmaschine, wird sie nun nicht los. Wo die AutorIn nicht unterscheidbar ist, wird das Begehren umso größer, ein ungeteiltes Autor-Subjekt zu produzieren, und sei es in der Rezeption. Die Frage nach dem Gesicht hinter den Masken, nach der Identität hinter den vielen Schichten ist eine Wiederholung des Begehrens nach dem Vater hinter dem Sohn. Wo die Produktion den Namen nicht offenlegt, arbeitet die Rezeption an der Konstruktion der Stammlinie. Der zunächst verhinderte, deplatzierte, un/sichtbare Mit-Autor Kalle Ypsilon, Souffleur, Schattenmann, menschlicher Teleprompter, tritt nur scheinbar im falschen Moment und an der falschen Stelle ins grelle Licht der Scheinwerfer. Kalle Ypsilon ist aus der Perspektive des autoritären Schreibens der wahre Autor, derjenige, der – ohne es zu wollen – seine Autorschaft als Ghostwriter offenlegt, die Autorität des Mannes hinter der Frau. Und nur zu leicht fällt es dann auch anderen ungerufenen Geistern, den Kommentaren der Mainstreammedien und nach ihnen den vielen Postings in Social Media, über die Kandidatin herzufallen, sie als Politikerin hinzustellen, die nicht die einfachsten Polit-Stehsätze alleine zustande gebracht habe. Diese Lesart insinuiert: „Die Frau kann gar nicht reden, aber neben ihr steht ein Kerl, und der sagt ihr, wie‘s geht.“ Bauchrednerpuppe, Marionette, Dummy, all diese Bilder sind in ihrer Geschlechter-Asymmetrie eine besonders gegenderte Variante des Prinzips der Stammlinie, die sich der molekularen Mannigfaltigkeit bemächtigt hat. In der Logik des autoritären Schreibens kann es nur einen Autor geben, möglichst markant unterscheidbar, und der hat in diesem Fall den Namen Kalle Ypsilon. Auch wenn er nicht Herr im Haus seiner Geister ist, Individuum zwar, aber ganz und gar nicht autonom, wird Kalles Auftritt im Zeichen des autoritären Schreibens gelesen. Dort, wo die ungeteilte Autor-Funktion sich nicht selbst ans Licht drängt, wird sie hergestellt.

Der zweite Typus ist das kommunitäre Schreiben. Als spiegelbildliches Gegenüber des individuell-auktorialen Schreibens betont es die gemeinschaftliche Autorschaft. Gegen die liberale Ideologie des Individuums und deren molare Verstümmelung der Kollektivität in der Stammlinie will es den General Intellect hervorheben, die gemeinsame Autorschaft, die kollektive Kooperation, in der nicht nur Wissens- und Textproduktion ihren Ausgang nehmen. Hier ist es die Gemeinschaft, die am Anfang steht, das kommunitär-kollektive Schreiben gegen das individuell-autoritäre. Doch kom-munitäres Schreiben muss ein munus, eine Abgabe leisten, ein Opfer bringen, um das autoritäre Individuum gemeinschaftlich zu überwinden. Es geht etwas verloren in der Aufhebung der AutorIn in der Gemeinschaft. Der individuellen AutorIn droht hier ein ganz spezifischer Tod, ein anderer Tod auch, als ihn Foucault und Barthes vor vierzig, fünfzig Jahren vorgesehen haben. Während die poststrukturalen Interpretationen Vielstimmigkeit, Vermehrung der Stimmen, Proliferation von Autorschaft affirmieren, läuft die AutorIn des kommunitären Schreibens Gefahr, in der Ganzheit, Einheit, Einheitlichkeit des Kollektivs unterzugehen. Das munus des kommunitären Schreibens versenkt das ungeteilt-unteilbare Individuum im All-Einen.

Zum kommunitären Schreiben gehören gesetzesartige Texte, politische Verlautbarungen, Solidaritätsaufrufe, Manifeste, aber auch komplexere Textformate, die das Ganze, das All-Eine nicht nur anrufen, sondern auch in der Form reproduzieren. Das Kind mit dem Bade ausschütten bedeutet hier, mit der Preisgabe des Individuell-Einen zugunsten des All-Einen auch des Singulär-Einzigen verlustig zu gehen. Das kommunitäre Schreiben will die Individualität überwinden und läuft dabei Gefahr, die vielfältigen Stile, den Eigensinn, die spezifischen Feinheiten theoretischer und poetischer Architekturen zu schwächen. Der kollektiv-kommunitäre Typus des Schreibens gibt Anlass zu Ungenauigkeiten, Verallgemeinerungen und Vereinheitlichungen. Die Gemeinschaft als Anfang wie als Ziel verschlingt nicht nur das autoritäre Individuum, sondern auch die Singularitäten.

Was das autoritäre und das kommunitäre Schreiben gemeinsam haben, ist dass sie von einer einheitlichen Ursache ausgehen und auf ein einheitliches Ziel aus sind. Die eine und universale Substanz bestimmt den einen Autor wie die vielen Einheiten des kommunitären Schreibens. Und am Ende ist das Kommunitäre vielleicht auf andere Weise ebenso autoritär wie das Individuelle, in der Setzung der Gemeinschaft als Anfang, in der Filiation der Gemeinschaft in Bezug auf die Konstruktion ihrer Vorgeschichte, in der Inwertsetzung des Namens, nunmehr eines Brands, eines kollektiven Namens. Wie die natürliche und individuelle Autorität das Viele, so fährt das Kommunitäre das Singuläre gegen die weiße Wand.

Vor diesem Hintergrund der spiegelbildlichen Problematik des autoritär-individuellen und des kommunitären Schreibens stellt sich die Frage nach einem anderen Schreiben, das weder die molekulare Mannigfaltigkeit auslöscht noch die spezifischen Singularitäten. Wäre es denkbar, dem Individuum weniger das Kommunitäre, das Kollektivistische, die Gemeinschaft gegenüberzustellen als vielmehr das Positiv jenes Negativs, welches sprachlich durch den Begriff In-dividuum abgebildet wird?

Auf der Suche nach dem dividuellen Schreiben fällt mein Blick zunächst auf dessen dunkle Seite, den dritten Typus, den ich als Typus des inter-aktiven und aktivierenden Schreibens benennen möchte. Das Maschinisch-Werden des Kapitalismus impliziert einen Prozess der zunehmenden Verpflichtung und Selbstverpflichtung zur Teilnahme der Teile. Dieser Imperativ der Involvierung, des Engagements und der Selbstaktivierung prägt die Verstrickungen und umfassenden Inwertsetzungen im maschinischen Kapitalismus, ohne klare Grenzen zwischen Rezeption und Produktion.

Schon auf der scheinbar rein rezeptiven Seite des Textes wird versucht, die Potenziale der LeserIn als KonsumentIn im digitalen Zeitalter des Buchs verwertbar zu machen. In elektronischen Lesemaschinen, E-Books und E-Readers erhalten die technischen Plattformen ausgedehnte Auskünfte über Verhaltensweisen der LeserInnen in Bezug auf individuelle Lektüre und Lesweisen. Diese maschinisch lesbaren Daten sind für ein Kontinuum der Verwertung von der anonymen Sammlung von Big Data bis zur automatisiert-personalisierten Werbung von Bedeutung. Amazon weiß inzwischen mehr über mich als der Staat. Die interessantesten Bücher kaufe ich wahrscheinlich zwar immer noch in kleinen, radikalen oder obskuren Buchläden, aber der bei Amazon online durchgesehene und zum Teil auch bestellte Mainstream dürfte ausreichen, um ein ordentliches Profil von mir zu erstellen. Wenn ich gar Kindle verwenden könnte, würden selbst meine persönlichen Anmerkungen elektronisch gespeichert werden und wären sichtbar für Amazon. Daraus ergäbe sich dann in typischem Marktforschungsjargon m/ein „Leseverhalten“. Die Erforschung m/eines Leseverhaltens ist die Erfindung der gläsernen LeserIn – Amazon weiß, wieviel von einem Buch einer wie ich liest, wie schnell einer wie ich es liest, welche Stellen einer wie ich anstreicht, welche Stellen einer wie ich euphorisch bekritzelt, wo einer wie ich stockt, und vieles mehr.

Die maschinisch les- und sammelbaren Daten können damit auch auf die Produktion von Büchern, von Texten überhaupt zurückwirken. Zum Beispiel ist es möglich, die gesammelten Daten über die besonders oft in E-Books angezeichneten Stellen auszuwerten, oder umgekehrt über Ausstiegspunkte aus der Lektüre. Auf der Produktionsseite kann das dazu führen, dass nicht einfach nur schlecht verkaufte Bücher nicht mehr aufgelegt werden, sondern die AutorInnen aufgefordert, die Bücher an den nun durch Datenakkumulation nachgewiesen problematischen Stellen zu kürzen oder gar umzuschreiben. Individuelles Augenmerk wird darauf gelegt, wenn es um die demokratisch nachgewiesenen Fehler der AutorIn geht, wenn schließlich amtlich wird, dass ein signifikanter Anteil der LeserInnen bei einem der von mir geschriebenen Bücher an einer bestimmten Stelle aussteigt. Diese Information aus dem Datenbestand von Amazon operated by an automatic moderator wird gegen Entgelt ein Start-Up-Unternehmen meinem Verlag mitteilen, der deswegen auf mich zukommen wird. In Zukunft werde ich dank Amazon vielleicht auch nur von meinem US-amerikanischen Verlag ersucht werden, für die nächste englische Auflage diese eine Stelle etwas umzuschreiben, hier und da noch etwas zu kürzen, vielleicht überhaupt eine Kurzfassung zu erstellen, die ca. einem Viertel des Originaltexts entspricht und mit einem vom Verlag nach LeserInnen-Befragung ausgewählten spektakulären Titel gekrönt wird – das alles natürlich auf der objektiven Datengrundlage des „Leseverhaltens“ „meiner“ LeserInnen. Und das im Prinzip in einer unendlichen Feedback-Schleife und Kette von immer neuen Versionen, die das Buch als auf ewig unabgeschlossenes Werk erscheinen lassen. Vom Slogan des offenen Kunstwerks ist es nur ein kleiner Schritt zum sysiphosen Alptraum der nunmehr gezwungenermaßen interaktiven AutorIn, die eine neue Form von maschinischer Indienstnahme erfährt. Immerzu angeschlossen an die Maschine regiert das anonyme Datenvolk über das interaktive Schreiben.

Zuletzt können die KonsumentInnen auch über diese Verwertungsmechanismen hinaus aktiviert und in die Mitte des prozessualen Mitschreibens einbezogen werden. In diese Richtung gehende Experimente versuchen schon jetzt, das Potenzial der mitschreibenden LeserInnen im Netz auszuloten. Elektronische Abstimmungen über die Zukunft der ProtagonistInnen von Büchern und Drehbüchern sind nur die ersten Testanlagen, die potenziell auch das interaktive Zwischen des Produktionsstroms der Verwertung zugänglich machen. In den Kombinationen des durchgehend an die Maschine angeschlossenen, interaktiven Lesens mit dem die Crowd aktivierenden Schreiben werden sowohl die einzelnen Positionen als auch die gesammelten Daten verwertet. Inwertgesetzter, indienstgenommener General Intellect, der genauso wie sein Pendant des verkabelten und verdateten Körpers keine Ruhe findet und sich immer weiter bewegen muss durch die unendlichen Weiten der Inter-Aktivität.

Das Ziel könnte man als Umkehrung des alten Stegreiftheaters imaginieren: Es sind nicht mehr die wenigen AkteurInnen auf der Bühne, die auf spontane Stichwörter aus dem Publikum aktiv werden, sondern die Funktion der Autor-AkteurInnen beschränkt sich darauf, die Vielen zu animieren, sich im Mitschreiben, in der Partizipation, in der Selbstführung zu führen und zu verwerten. Auf der Basis dieser Inwertsetzung des Schwarms fällt das Surplus der Sichtbarkeit am Ende hier und da wieder auf die individuelle AutorIn, die dann auch das Lob abbekommt, den Schwarm, die Meute, die Vielen aktiviert, und damit zugleich auch gebändigt zu haben. Umschließende, einschließende Aktivierung, die jeden Exzess unterminiert, normalisiert oder per Abstimmung verhindert.

Wie wird die Mitte im maschinischen Kapitalismus aufs Neue ungefügig? Die Textmaschinen sind nicht einfach Mittel zu politischen Zwecken, Propaganda-Tools, Objekte revolutionärer Subjekte. Text und Revolution, kritische Diskursivität und soziale Kämpfe, die Text-Maschinen und die revolutionären Maschinen können nicht als einander äußerlich verstanden werden. Wenn im Ungehorsam gegen den maschinischen Kapitalismus eine neue soziale Zusammensetzung entsteht, kommt es zugleich zu Begriffserfindungen und zur Neuzusammensetzung der Texte. Diese Verkettungen erfahren allerdings Verschiebungen in ihren unterschiedlichen historischen und geopolitischen Kontexten. Die okzidentale mittelalterliche Verkettung von Textkritik und sozialer Maschine etwa erfolgte zweifellos in einem anderen Modus als das Gegenüber einer schwer greifbaren ökonomischen Macht wie jener des industriellen Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Der öffentliche Intellektuelle des späten 19. und des 20. Jahrhunderts von Zola bis Sartre war zweifellos nie ganz die heroische Figur, als die er sich vorgestellt hatte. Heute jedoch ist er nichts mehr als eine Funktion der Medien, zur Gänze indienstgenommenes Überbleibsel der Idee des autoritären Individuums, das sich fein säuberlich dem jeweiligen medialen Rahmen fügt, sobald es auf die öffentliche Bühne gebeten wird. Schöne neue Welt der Philosophen in immer neuen Posen der spektakelhaften Provokation und Selbstinszenierung.

Wenn heute dagegen die Stellung des General Intellect, einer massenhaften, mannigfaltigen und kämpferischen Intellektualität verhandelt wird, bedeutet das neue Herausforderungen. Der Intellekt, der sich nicht in das individuelle Autor-Individuum verschließt, der Intellekt, der die Flüsse des gesellschaftlichen Wissens nicht in einer kommunitären, generellen, universellen Einheit aufhebt, erfindet sich im maschinischen Kapitalismus als ein transversaler Intellekt. Transversal ist dieser Intellekt, weil er in der Durchquerung der Singularitäten des Denkens, Sprechens, Schreibens, Wissen-Fabrizierens entsteht: ein maschinisch-dividueller Strom des Denkens, der sich quer zur Dichotomie von Individuum und Gemeinschaft bewegt, der die Individuen und die Kollektive durchzieht, die Räume, Dinge und Landschaften zwischen ihnen bevölkert, und neue Formen des Ungehorsams entstehen lässt, neue Formen der Unfügsamkeit, neue Ungefüge.

Für die Typologie des Schreibens bedeutet dies, einen vierten und letzten Typus zu bezeichnen, das dividuelle Schreiben. Sein Anfang liegt in der Mitte, und egal, wie sehr er auch als einsamer Prozess erscheinen mag, die SchreiberIn ist nie ganz allein. Zunächst ist da der erwähnte Effekt des „auf den Schultern von Riesen Stehens“, die Tatsache, dass in jedem Schreiben das Teilen und Trennen von genealogischen Linien betrieben wird. Genealogie ist keineswegs mit Filiation gleichzusetzen, mit dem differenzlosen Bezug auf die Väter, mit der Auslöschung der molekularen Mannigfaltigkeit durch die molare Autorität der Stammlinie. Vielmehr klingt hier an, dass die Mitte, in die jeder Anfang sich setzt, nie eine leere Mitte war. Kein neutrales Gefäß, sondern eine Mitte, in der geheime Transaktionen vor sich gehen, Asymmetrien sich ausbreiten und herrschaftliche Hierarchisierungen ebenso stattfinden wie mannigfaltige Ermächtigungen. Immer schon ist eine diachrone wie synchrone Mitautorschaft von Vielen im sozialen Raum und in der alinearen Tiefe der Zeit die Basis jeden Schreibens. Nicht nur der reale Austausch zwischen Schreibenden spielt eine Rolle, das gegenseitige Lesen, Kommentieren, Diskutieren, die kollegiale Kritik, sondern auch der nicht oder noch nicht vollzogene Austausch, die Wunschproduktion, das Begehren nach Wiederkehr und Werden der molekularen Mannigfaltigkeit.

Vor dem Hintergrund der Inwertsetzung von Wissensproduktion und der Aktivierung auch des Schreibens im maschinischen Kapitalismus besteht die Frage heute nicht mehr einfach nur darin, wie der Mythos der geniehaften, individuellen auctoritas als Anfang dekonstruiert werden kann, sondern vor allem wie sich der nunmehr transversale Intellekt, das Schreiben als dividuelle Praxis, als emanzipatorische, nicht so regierte, nicht so inwertgesetzte, nicht so gefügige Kooperation entwickeln kann.

„Mein Zustand“, schreibt Kafka mitten in einer Schreibkrise in einem frühen Tagebucheintrag Anfang 1910, „ist nicht Unglück, aber er ist auch nicht Glück, nicht Gleichgültigkeit, nicht Schwäche, nicht Ermüdung, nicht anderes Interesse, also was ist er denn? Daß ich das nicht weiß, hängt wohl mit meiner Unfähigkeit zu schreiben zusammen. Und diese glaube ich zu verstehn, ohne ihren Grund zu kennen. Alle Dinge nämlich, die mir einfallen, fallen mir nicht von der Wurzel aus ein, sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte. Versuche sie dann jemand zu halten, versuche jemand ein Gras und sich an ihm zu halten, das erst in der Mitte des Stengels zu wachsen anfängt. Das können wohl einzelne, zum Beispiel japanische Gaukler, die auf einer Leiter klettern, die nicht auf dem Boden aufliegt, sondern auf den emporgehaltenen Sohlen eines halb Liegenden, und die nicht an der Wand lehnt, sondern nur in die Luft hinaufgeht. Ich kann es nicht, abgesehen davon, dass meiner Leiter nicht einmal jene Sohlen zur Verfügung stehn.“

Solange in der Schreibkrise die dividuelle Maschine Kafka sich als individuell isoliert imaginiert, wird sie unfähig bleiben zu schreiben. Das Individuum Kafka steht auf der letzten Stufe seiner Leiter, die selbst am Boden steht und an der Wand. Ursprungsboden, weiße Wand der Repräsentation und das Gesicht des Autor-Individuums. Erst die Erschaffung der dividuellen Maschine, in der Leiter und Sohlen, die Körper der Gaukler, die vielen Komponenten der Maschine auseinander- und zusammenstimmen, lässt das Gras von der Mitte des Stengels her wachsen. Eine dividuelle Maschine, teilbar und teilend. Dort, in der reißenden Mitte des Dividuellen, braucht es keinen Grund, keine Wurzel, keinen Boden, keine Wände, die Leitern halten, keine Wände, die Gesichter zeigen. Dort trennen und treffen sich die molekular-revolutionären Maschinen, die Körpermaschinen, die sozialen Maschinen mit den Textmaschinen, dort entsteht aus mannigfaltiger Geisterhand die dividuell-abstrakte Linie.

Noch einmal Kafkas Tagebuch von 1910: „Aber jeden Tag soll zumindest eine Zeile gegen mich gerichtet werden, wie man die Fernrohre jetzt gegen den Kometen richtet. Und wenn ich dann einmal vor jenem Satze erscheinen würde, hergelockt von jenem Satze ...“ Die Zeile kommt aus der dividuellen Mitte und richtet sich an und gegen die SchreiberIn, die ins Visier gerät, als Projekt, als Projektil. Es ist die Mannigfaltigkeit, aus der die Zeile schießt und abgeschossen wird. Die SchreiberIn erscheint vor dem dividuellen Satz wie vor einem namenlosen Gericht. Die Lockung dieses Satzes ist es, die sie herauslockt zum Schreiben. Entbindung und Verbindung, Wegstehlen und Waffensuche, Dis- und Konjunktion von Mannigfaltigkeit und Singularität. Im Wirrwarr der Stimmen, im Gemenge der Geister lässt sich eine Linie ziehen, eine Waffe finden. Und so endet Kafkas letzter Tagebucheintrag aus dem Juni 1923, wieder über die Schwierigkeiten des Schreibens, über die „Hand der Geister“, die noch im Schwung der Hand ihre Bewegung gegen den Schreibenden kehren: „Der Trost wäre nur: es geschieht, ob du willst oder nicht. Und was du willst, hilft nur unmerklich wenig. Mehr als Trost ist: Auch du hast Waffen.“

Warum ich meinen Namen beibehalten habe? Nicht nur aus Gewohnheit, bloßer Gewohnheit, nicht nur, um mich bis zur Unkenntlichkeit kenntlich zu machen, nicht nur, um es belanglos zu machen, ob ich Ich sage oder nicht. Bei aller Problematik der molaren Aspekte einer auktorialen Einleitung und ihrer repräsentativen Logik: Das Ich, das hier spricht, will eine Linie sein, die die Mannigfaltigkeit teilt, von der sie herkommt, und die sie zugleich affirmiert. Keine Auslöschung, sondern Wiederholung der Mannigfaltigkeit. Pseudonyme, multiple Namen, Verästelungen und Fiktionalisierungen des Ichs, Condividualitäten, alles kann vorkommen, solang das Ich nicht den Fetisch des Namens bedient. Den Posten verlassen, keine Bilder hinterlassen, die Spuren verwischen, den Namen verraten. Aber nicht der Anonymität zuliebe, nicht in die Unsichtbarkeit. Verschwinden aus dem Rahmen der organischen Repräsentation, ja, die Singularität auslöschen, nein.

„Maschinisch spricht er die Worte der Kandidatin mit“. Maschinisches Mit-Sprechen, Mit-Teilen, Mit-Sein, Mit-Hängen. Kalle Ypsilon ist kein Autor-Individuum, sondern Komponente einer dividuellen Maschine. Und die sozialdemokratische Kandidatin ist ebensowenig Marionette am Faden Kalles, wie Kalle nicht zwangsläufig professioneller Ghostwriter ist oder patriarchaler Geist, der über den Körper der Kandidatin wacht. Ein Marionettentheater, das seine StrippenzieherIn verloren hat, Maschine ohne MaschinistIn. Kalle und die Kandidatin teilen nicht nur den familiären Alltag, einen Haushalt und ein professionell-politisches Berufsleben, sondern auch ein Haus mit vielen Geistern. Geteilte, teilbare, teilende Dividualität, die die Teile affirmiert und verkettet, anstatt sie zu vereinzeln und zu vereinen. Mit dem Kopf durch die Wand, mit der Leiter durch den Boden. Niemand beherrscht die Vielheit der Geister, kein Heiliger Geist kontrolliert die vielen Stimmen, kein Vater regiert die Söhne.


Bibliografische Details und Download des Buchs: http://transversal.at/books/dividuum