Er war Dieb, Räuber, Krimischriftsteller, Drehbuchautor, Theatermensch, Dichter und Schauspieler. Abdel Hafed Benotmans Herzmaschine hat ihn am 20. Februar abends losgelassen und lässt uns in unendlicher Trauer zurück. Aber sein wirkliches Herz wird uns nie verlassen.

Man hielt ihn für unverwüstlich, diesen großartigen Compañero. Selbst nach drei Infarkten war es für ihn eine Ehrensache, an seiner guten Lebensweise auf der Basis von Abbaye-Bier und Zigaretten festzuhalten. Nach einer Operation am offenen Herzen hatte ihn ein großer Kardiologe mit silbriger Mähne am Fuß seines Spitalbetts vor zahlreichen Fachärzt_innen in Ausbildung gerügt: „Was? Sie hatten drei Infarkte und rauchen immer noch? Aber Herr Benotman, Sie sind der König der Dummen!“ Hafed, der das Talent dazu hatte, reagierte mit einer lustigen, schlagfertigen und strengen Antwort: „Ein Untertan darf nicht so mit seinem König sprechen!“, wodurch er den Hochmut des Mandarins schmälerte und bei den Studierenden in weißem Mantel Gelächter auslöste. Ein Credo: Sich immer über Tod und Autorität lustig machen!

Hafed hatte sein Leben in der Revolte am 3. September 1960 begonnen. Geboren in Ménilmontant in einer algerischen Arbeiter_innenfamilie, wuchs er mitten im 6. Arrondissement von Paris auf. Er war sofort offen für das ungleiche soziale Spiel, weil er als maghrebinischer proletarischer Jugendlicher in einer ökonomisch und kulturell reichen und weißen Umgebung einzigartig war – auch wenn das Quartier Saint-Germain-des Prés in den 1960er und 1970er Jahren sozial noch lange nicht so homogen war wie heute. 1962 entschieden sich seine Eltern für die gesamte Familie für die algerische Staatsbürger_innenschaft. Nach juridischen Zwischenfällen, die sein Leben kennzeichnen sollten, konnte Hafed keine französischen Papiere mehr bekommen und war seit den Pasqua-Gesetzen zur Doppelbestrafung von Abschiebung in ein Land bedroht, das er überhaupt nicht kannte. Er starb schließlich als Staatenloser … und war stolz, ein solcher zu sein. Denn Hafed hat sich immer geweigert, sich als „soziales Opfer“ zu verstehen. Mit 15 Jahren verkaufte er seinen wohlhabenderen Klassenkamerad_innen alles, was er in Geschäften geklaut hatte und nahm ihnen so ihr Taschengeld ab: „Das Wort ‚Delinquenter‘ birgt die Idee einer Viktimisierung, das Wort Dieb hat etwas mehr von Revolte und Entscheidung.“ (http://transversal.at/transversal/1014/Benotman/Gefaegnis_Schreiben)

Mit 16 Jahren wurde er zum ersten Mal im Jugendgefängnis von Fleury-Mérogis eingesperrt, dann wurde er 1979 wegen Bankraub von einem Schwurgericht zu zweimal sieben Jahren Haft verurteilt und im Gefängnis von Clairvaux eingelocht. Insgesamt verbrachte er 17 Jahre hinter Gittern … ein Drittel seines Lebens. Er nutzte sein Verlangen nach Schreiben und Lesen, das er bei passionierten Französisch-Professor_innen erlangt hatte. Das Schreiben in einer Epoche, in der es im Knast keine Bildschirme (und keine Handys) gab, war auch eine Möglichkeit, sich der Arbeitsverpflichtung zu entziehen und sich für andere Inhaftierte, die lese- und schreibunkundig waren, nützlich zu machen. Er erklärt, dass sein Festhalten am Schreiben durch „Verführung“ entstand: „Ich bin ein gemeines Recht, ich habe daher meine Karriere als Lügner begonnen – Lügen heißt, Geschichten zu erzählen – und anschließend bin ich Dieb geworden. […] Das war meine Schule. Und das Schreiben – ich spreche mehr vom Schreiben als von der Literatur – war wirklich etwas, um mich mit dem Realen zu konfrontieren. Aus diesem Grund wurde ich Querulant, ich habe der Administration den Nerv getötet … darum bin ich, zum Beispiel, immer erst am Ende der Strafe rausgekommen.

Sein Körper ist den aufeinander folgenden Inhaftierungen gezeichnet, sein Werk und Leben zeugen in allen Poren von einem erbitterten Kampf gegen alle Einsperrungen: „Das Gefängnis beginnt, wo die Kindheit endet. Die wahre Kindheit, die dazu führt, dass die soziale Welt besagter Erwachsener zu leben glaubt, während sie nur das Behältnis eines Inhalts ist, das heißt, der Sarg, der der Erwachsene ist, der den Leichnam des Kindes trägt. Welches Kind hat gesagt: ‚Später möchte ich Gefängniswärter_in sein?‘ […] Das Gefängnis beginnt auch dort, wo das Verbrechen entsteht, das Verbrechen gegen das Leben, weil Einsperren unmenschlich ist, selbst ein Monster, das davon überzeugt ist, immer noch ein Mensch zu sein und demgegenüber die Gesellschaft, die Moral der mächtigen Straflosen alles tut, um es glauben zu machen:

  • Es ist für dein Bestes, sagt die Moral.
  • Dass man mein Übel einsperrt?, fragt das Monster.“

Anfang der 2000er Jahre beteiligte sich Hafed an der Gründung der Zeitschrift und des Kollektivs L’Envolée (http://lenvolee.net/), wo Gefangene zu Wort kommen und Texte gegen das Gefängnis veröffentlicht werden. Aufgrund seiner zahlreichen Aufenthalte „drinnen“, war Hafed ein „privilegierter“ Zeuge der Veränderungen im Gefängnismilieu, dieses Spiegels, der die Schandtaten der Gesellschaft vergrößert: „… die Islamisierung im Gefängnismilieu, ich habe sie entstehen sehen. Ich bin Atheist, aber weil ich Maghrebin bin, habe ich große Konflikte gehabt. In einem der Urteile des Verwaltungsgerichts wurde festgehalten, dass ich in Zusammenhang mit Islamisierung innerhalb der Mauern Morddrohungen erhalten habe. In den 1990er Jahren, zur Zeit des Golfkriegs, gab es eine Art arabisch-maghrebinische und muslimische Überheblichkeit, die jene Personen anging, die am meisten Misserfolge erlebt hatten, von denen das Gefängnis der letzte war. […] Die Gefängnisadministration hat die Islamisierung bevorzugt, weil sie zur Befriedung des Gefängnisses beitrug. Selbsternannte Imane, die doch kleine Kaids waren, begannen den Jüngeren zu erklären, dass sie im Gefängnis waren, weil Gott es so wollte. Man war nicht mehr auf sozialem Territorium. Man war nicht da, weil man arbeitslos war oder Drogen nahm! Es war Gott. Hatten die Jungen dies erst verinnerlicht, waren weder die Richter_in, noch die Wächter_in, weder die Justizmminister_in noch der Staat die Feind_innen. Die Gefängnisadministration hat die Islamisierung gegen die extreme Linke im Gefängnis ins Spiel gebracht. Ich war stigmatisiert, ebenso wie andere Typen, weil das „Feld des Gefängnisses“ für uns bloß die Verwaltung des sozialen Elends war. Das war die Revolte der Landstreicher_innen. Wir verlangten zusätzliche Duschen und Besuchszimmer. Wir wollten bessere Haftbedingungen. Wir waren minoritär und die Gefängnisadministration hat uns mit Transfers in Einzelhaft gebrochen. Sie hat die Islamisierung sehr weitgehend bevorzugt. Auf die Dauer ist sie ihr in die Falle gegangen. Junge muslimische Gefangene haben mit der Aufforderung, die Gebote Mohammeds zu befolgen, eine gewisse physische und mentale Gesundheit erlangt und begonnen, die Augen zu öffnen.

Ab 2007 widmete sich Hafed draußen dem Schreiben – er liebte es, zu sagen, dass seine Umschulung zum Schriftsteller seine kriminelle Karriere ernsthaft kompromittiert hatte –, er widmete sich auch Theaterworkshops, Filmdrehbüchern und dem Restaurant seiner Gefährtin Francine sowie seinen Freund_innen. Die Treue, in der Freundschaft und im Kampf, war sein Charakteristikum […].

Dieser Text wurde auf Französisch auf der Website von Ce qu’il faut dire veröffentlicht: http://cqfd-journal.org/Hafed-s-est-fait-la-belle