Ende 2008 brach die globale Wirtschaft zusammen. Es ist schwierig abzuschätzen, was als nächstes passieren wird, jedoch einfach zu erraten, dass die Rezession noch eine Weile anhalten wird. Der Zusammenbruch der globalen Wirtschaft kann als Rückkehr der Seele gelesen werden. Die perfekte Maschine neoliberaler Ideologie zerfällt in Stücke, weil sie auf die fehlerhafte Annahme gestützt war, dass Seele auf reine Vernunft reduziert werden kann. Die dunkle Seite der Seele, Furcht, Angst, Panik und Depression ist schliesslich an die Oberfläche getreten, nachdem sie sich während eines Jahrzehnts im Schatten des oft beworbenen Siegs und der ewigen Versprechungen des Kapitalismus herausgebildet hat. In diesem Essay möchte ich zwei verschiedene Bedeutungen des Wortes Depression behandeln. Dieses Wort bezeichnet eine spezifische Art von psychischer Krankheit, aber auch die allgemeine Form einer globalen Krise, die den historischen Horizont unserer Zeit verdunkelt. Wir haben es hier nicht mit einem linguistischen Trick zu tun; es ist nicht nur eine Metapher, sondern eine Verflechtung und Interaktion von psychischen Flüssen und ökonomischen Prozessen.

Im Jahr 2000 hat der US-amerikanische Markt die Effekte der Überproduktion im Feld der Informations-Ökonomie erlebt. Nach dem Dotcom-Crash und dem Zusammenbruch grosser Unternehmen wie world.com, Enron usw., hat der US-Kapitalismus den Kurs geändert und die Ökonomie der virtuellen Produktion hat der Kriegs-Ökonomie den Weg geebnet.1 Dank dem Krieg startete die Wirtschaft wieder durch, jedoch fielen die Lohnkosten weiterhin und das Wirtschaftswachstum fusste auf der Ausdehnung der Familien- und Staatsschulden. Die Krise der Überproduktion verschwand nicht, und tauchte 2008 wieder auf, nachdem die subprime-Krise den erstaunlichsten Finanz-Crash verursacht hatte. Die Ereignisse der Ökonomie und der psychischen Depression müssen in demselben Kontext verstanden werden, weil sie zusammenhängen. Nicht nur, weil sie sich  gegenseitig bekräftigen, sondern auch weil die psychoanalytische Theorie sozialen Denker_innen etwas lehren kann und die Psychotherapie sehr brauchbare Methoden für den Prozess der sozialen Transformation liefert.

Neoliberale Ideologie stützt sich auf die Idee, dass die Wirtschaft als ausgeglichenes System von vernünftigen Prognosen und Investitionen zu denken ist. Jedoch sind im sozialen Raum der Wirtschaft nicht alle Prognosen, rational und nicht alle Investitionen sind reine und mathematische Ökonomie. Begehren ist Teil dieses Prozesses und das Unbewusste spricht bei jeder Handlung von Investition, Konsum und ökonomischem Austausch aus dem Hintergrund. Das ist, weil die angebliche perfekte Ausgeglichenheit des Marktes zu einem katastrophalen Durcheinander  geworden ist. Euphorie, Konkurrenz, Überschwang sind in diese Marktdynamiken der «Bull Years» involviert. Panik und Depression wurden verleugnet, aber sie waren immer am Werk. Jetzt gelangen sie wieder zur Oberfläche und stören den normalen Fluss der kapitalistischen Inwertsetzung. Semio-Kapitalismus, die Produktion und der Handel von semiotischem Material für die kapitalistische Produktion, hat die Seele immer ausgebeutet, als Produktivkraft und als Marktplatz. Aber die Seele ist viel unberechenbarer als die muskuläre Arbeitskraft, die am Fliessband arbeitete. In den Jahren der Prozac-Ökonomie war die Seele glücklich, ausgebeutet zu werden. Aber das konnte nicht für immer halten. Seelen-Probleme sind in den letzten Jahren der dot-com-Dekade erstmals aufgetaucht, als die Techno-Apokalypse unter dem Namen Millenium-Bug angekündigt wurde. Die soziale Imagination war so mit den apokalyptischen Erwartungen aufgeladen, dass der Mythos des globalen Techno-Crashs eine Welle der Aufregung auf der ganzen Welt erschuf. Nichts passierte in der Milleniumnacht, aber die globale Psyche wankte am Rande des Abgrunds.

Alan Greenspan sprach in dieser Zeit von einem irrationalen Überschwang, um die gefährlichen Effekte einer emotionalen Unruhe im Feld des Finanzmarktes zu benennen. Aber die emotionalen Unruhen waren kein zufälliges, kontingentes oder zeitliches Phänomen: Sie waren die Effekte von einer Hyper-Ausbeutung der psychischen Energie, ein Kollateralschaden: eine unvermeidliche Konsequenz der arbeitenden Seel. Es ist sogar unmöglich die Ausbreitung der Emotionalität zu vermeiden, es ist unmöglich, die psychopathologischen Effekte zu vermeiden, wenn die nervlichen Energien der kognitarischen Arbeitskraft einer ständigen Info-Stimulation ausgeliefert sind. Die Angst einer Depression hat sich im Frühling 2000 materialisiert, als die virtuelle Ökonomie plötzlich durch den Absturz des Tech-Sektors an der Börse in Schwierigkeiten geriet. Die Dot-Com-Blase platzte und die gesamte Wirtschaft war so tief geschockt, dass die Stimme der Depression sich auf der Welt auszubreiten begann.

Würde man versuchen die aufkommende psychische Depression mit Amphetamin-Pillen zu heilen, mit Schock-Therapie-Psychopharmakologie? Nur ein dummer Arzt würde das tun. Jedoch geruht dieser dumme Arzt im Weissen Haus zu sitzen, von George W. Bush wird pharmakologisch-militärische Therapie verschrieben: Krieg, Senkung der Steuer für die Reichen, Aufforderung zum Konsum, und ein beispielloser Anstieg der privaten und öffentlichen Schulden. Eine weltweite Kampagne gegen die kollektive Intelligenz, gegen die Forschungsfreiheit und gegen die öffentliche Schule wurde gestartet. Die Depression auf Dauer mit künstlicher Euphorisierung zu heilen, kann nicht funktionieren und wird den depressiven Organismus früher oder später zum Kollabieren bringen. Die Betonung von kompetitiven Lifestyles, die permanente Reizung des Nervensystems führte zu dem endgültigen Kollaps der globalen Ökonomie, der sich jetzt vor den Augen der erstaunten Menschheit entfaltet. Die neoliberale Idee der Balance zwischen verschiedenen Komponenten des ökonomischen Systems war eine fehlerhafte Theorie, weil sie die systemischen Effekte auf die soziale Psyche nicht mitbedachte. Deshalb ging die bipolare Ökonomie von Euphorie zu Panik über und wankt jetzt am Rande der Depression.


Ausserhalb unser Wissen

Ökonomen und Politiker sind besorgt: Sie nennen es eine Krise und hoffen, dass es sich so entwickelt, wie die vielen früheren Krisen, welche versickernd und verdampfend den Kapitalismus gestärkt zurückliessen. Ich denke, dieses Mal ist es anders. Das ist nicht eine Krise, sondern der endgültige Kollaps eines Systems, das für fünfhundert Jahre Bestand hatte. Man betrachte das Terrain: Die grossen Kräfte der Welt versuchen die Finanz-Institutionen zu retten. Aber der finanzielle Kollaps hat bereits das industrielle System affiziert, die Nachfrage fällt, und Millionen verlieren ihren Job. Um die Banken zu retten, muss der Staat das Geld vom Steuerzahler von Morgen nehmen, was heisst, dass die Nachfrage in den kommenden Jahren noch weiter fallen wird.  Familienausgaben fallen und damit wird sich auch ein Grossteil der industriellen Produktion auflösen.

In einem Artikel, publiziert vom Inernational Herald Tribune, schreibt der moderat-konservative David Brooks: «Ich mache mir Sorgen, dass wir weit ausserhalb unseres ökonomischen Wissens handeln.» Das ist der Punkt: Die Komplexität der globalen Ökonomie ist weit ausserhalb von jeglichem Wissen und Herrschaft. Bei der Präsentation von Obamas Rettungsplan vom 10. Februar 2009, sagte Timothy Geithner, dass er ehrlich sein will. Diese umfassende Strategie würde Geld kosten, Risiko beinhalten und Zeit brauchen. Wir müssten uns daran als Bedingung für die Veränderung halten. Wir würden Dinge ausprobieren, die wir noch nie zuvor probiert haben. Wir würden Fehler machen. Wir würden durch Zeiten gehen, in welchen es schlimmer wird und der Fortschritt unregelmässig oder unterbrochen ist.

Obwohl diese Worte sowohl die intellektuelle Ehrlichkeit von Geithner zeigen, als auch den beeindruckenden Unterschied der neuen Führungsriege Amerikas, verglichen zu den Bushs, verweisen sie auf den Zusammenbruch des politischen Selbstvertrauens.

Das ererbte politische und ökonomische Wissen von den modernen Vernunft-Philosophen ist unbrauchbar, weil die aktuelle Krise der Effekt der unendlichen Komplexität von immaterieller Produktion und der Unverträglichkeit oder schlechten Eignung des General Intellects im Rahmen der kapitalistischen Governance und Privateigentum ist. Chaos (d.h. ein Grad von Komplexität der jenseits der Möglichkeiten des menschlichen Verständnisses liegt) ist der neue König der Welt, soweit Chaos eine Realität bedeutet, die zu komplex ist, für unser aktuelles Paradigma der Verständlichkeit. Das Problem, mit dem die Welt heute konfrontiert ist, kann nicht im Rahmen der ökonomischen Vernunft gelöst werden. Das kapitalistische Paradigma kann nicht mehr die universelle Regel der menschlichen Aktivität sein.

Wir sollten die aktuelle Rezession nicht nur von einem ökonomischen Blickwinkel aus betrachten. Wir müssen sie als einen anthropologischen Wendepunkt sehen, der die Verteilung der weltweiten Ressourcen und Mächte verändern wird. Das Modell des unendlichen Wachstums wurde tief verinnerlicht und durchdringt Alltag, Wahrnehmung, Bedürfnis und Art des Konsums. Jedoch ist dieses Modell des Wachstums vorbei und es wird niemals zurückkommen, nicht nur, weil die Menschen niemals fähig sein werden die Schulden zurückzuzahlen, die sie in den letzten drei Jahrzehnten akkumuliert haben, sondern auch, weil die physischen Ressourcen auf unserem Planeten bald erschöpft sein werden und das gesellschaftliche Gehirn nahe am Zusammenbruch steht.


Katastrophe und Morphogenese

Der laufende Prozess kann nicht als Krise definiert werden. Krise heisst Destrukturierung und Restrukturierung eines Organismus’ der fähig ist seine funktionale Struktur zu erhalten. Ich denke nicht, dass wir eine Wieder-Anordnung der kapitalistischen, globalen Strukturen sehen werden. Ich denke, dass wir in einen bedeutenden Prozess von katastrophischer Morphogenese eingetreten sind. Das kapitalistische Paradigma, welches auf der Verbindung von Ertrag und Arbeitsleistung beruht, ist unfähig die existierende Form des General Intellects zu umschliessen (semiotisch und sozial). In den 1930er Jahren lag die Möglichkeit des New Deals in der Verfügbarkeit von physischen Ressourcen und an der Möglichkeit von wachsender Nachfrage und Konsumption. Dies alles ist vorbei. Die Erde hat bald keine natürlichen Ressourcen mehr und die Welt steuert auf eine Umweltkatastrophe zu. Der gegenwärtige ökonomische Abschwung und die Öl-Preise fördern die Verringerung und Erschöpfung der physischen Ressourcen des Planeten.

Gleichzeitig können wir keinen Boom im individuellen Konsum voraussehen, zumindest in den westlichen Gesellschaften. Es ist also unsinnig das Ende dieser Krise, oder eine neue Politik der Vollbeschäftigung zu erwarten. Keine Vollbeschäftigung in der Zukunft. Der Crash der globalen Ökonomie ist nicht nur ein Effekt des Endes der Finanz-Blase. Es ist auch und hauptsächlich der Effekt des Platzens der Arbeits-Blase. Wir haben in den letzten fünf Jahrhunderten zu viel gearbeitet. Das ist die einfache Wahrheit. So viel zu arbeiten brachte eine starke Vernachlässigung der Vital-Funktionen der sozialen Umwelt mit sich, eine Kommodifikation von Sprache, Affekt, Lehre, Therapie und Selbst-Sorge. Die Gesellschaft braucht nicht mehr Arbeit, mehr Jobs oder mehr Konkurrenz. Im Gegenteil, wir brauchen eine starke Kürzung der Arbeitszeit, eine grosse Befreiung des Lebens von der sozialen Fabrik, um das Gewebe der sozialen Beziehungen wiederherzustellen. Die Auflösung der Verbindung von Arbeit und Ertrag würde eine grosse Freisetzung von Energie für soziale Aufgaben ermöglichen, die nicht mehr als Teil der Wirtschaft gesehen werden und neue Formen des Lebens erschaffen können.

Während die Nachfrage schrumpft und die Fabriken schliessen, leiden die Menschen an Geldmangel und können sich die Sachen des täglichen Bedarfs nicht mehr leisten. Das ist ein Teufelskreis, den Ökonomen sehr gut kennen, aber absolut unfähig sind etwas dagegen zu tun, weil es die Zwickmühle ist, welche die Wirtschaft verdammt ist zu ernähren. Die Zwickmühle der Überproduktion kann nicht mit ökonomischen Mitteln aufgelöst werden, sondern nur mit einer anthropologischen Verlagerung, mit dem Verlassen des ökonomischen Rahmens von Gehalt im Austausch gegen Arbeit. Wir haben gleichzeitig einen Exzess von Wert und ein Schrumpfen der Nachfrage. Ein Prozess von Umverteilung des Reichtums ist dringend nötig. Die Idee, dass Gehalt die Belohnung einer Leistung sei, ist das Dogma, das wir loswerden müssen. Jede Person hat das Recht die Menge an Geld zu erhalten, die sie für das Überleben braucht. Und Arbeit hat nichts damit zu tun. Ein Lohn ist kein natürliches Ding, sondern das Produkt von kultureller Formung der sozialen Sphäre: Die Verbindung von Überleben und Unterwerfung mit dem Prozess der Ausbeutung war nötig für das kapitalistische Wachstum. Jetzt müssen wir den Menschen erlauben ihr Wissen, ihre Intelligenz und ihre Affekte zu entfalten. Das ist der heutige Reichtum, nicht zwanghafte, unbrauchbare Arbeit. Solange die Mehrheit der Menschheit nicht befreit ist von der Verbindung von Ertrag und Arbeit, wird Elend und Krieg die Regel der sozialen Beziehungen sein.


Wie eine Depression heilen?

Obwohl Félix Guattari und Gilles Deleuze das D-Wort selten brauchen, falls überhaupt, sagen sie doch sehr interessante Dinge zu diesem Thema im letzten gemeinsamen Buch Was ist Philosophie? und in Guattaris letztem, Chaosmose. Im letzten Kapitel von Was ist Philosophie? sprechen sie von Chaos. Chaos, in ihren Worten, hat viel mit der Beschleunigung der Semiosphäre und mit der Verhärtung der Info-Kruste zu tun. Die Beschleunigung der umliegenden Welt der Zeichen, Symbole und Info-Stimulationen produziert Panik. Depression ist die Deaktivierung des Begehrens (Wunsch) nach der Panik-Beschleunigung. Wenn du nicht mehr fähig bist den Fluss der Informationen, welche dein Hirn stimulieren, zu verstehen, neigst du dazu, das Feld der Kommunikation zu verlassen, ausserstande einer intellektuellen und physischen Antwort: «Nichts ist schmerzvoller, furchteinflößender als ein sich selbst entgleitendes Denken, als fliehende Gedanken, die, kaum in Ansätzen entworfen, schon wieder verschwinden, bereits angenagt vom Vergessen oder in andere hineingestürzt, die wir ebenso wenig beherrschen.»2

Wir sollten die Depression nicht als eine reine Pathologie sehen, sondern auch als eine spezielle Form von Wissen. James Hillmann sagt, dass Depression einen Geisteszustand nahe des Wissens von Verschwinden und Sterben ist. Leiden, Mangelhaftigkeit, Senilität und Zersetzung: Das ist die Wahrheit, die du aus Sicht der Depression siehst. In der Einleitung zu Was ist Philosophie? sprechen Deleuze und Guattari von Freundschaft. Sie schlagen vor, dass Freundschaft die Depression überwinden kann, weil Freundschaft heisst, einen Sinn zu teilen, eine Sicht und einen gemeinsamen Rhythmus zu teilen: Ein gemeinsamer Refrain (Ritournelle), wie Guattari sagt.

In Chaosmose spricht Guattari von «heterogenem Verständnis von Subjektivität». Guattari beschreibt die Arbeit von Daniel Stern, der so Guattari:
«die präverbalen subjektiven Bildungen des Kindes auf bemerkenswerte Art und Weise erforscht [hat]. Er zeigt, dass es keinesfalls um ‹Stufen› im freudschen Sinn geht, sondern um Subjektivierungsebenen, die das ganze Leben hindurch nebeneinander fortbestehen. Er nimmt also Abstand von der Überbewertung der Psychogenese der als strukturelle ‹Universalien› der Subjektivität dargestellten freudschen Komplexe. Andererseits hebt er den von Beginn an transsubjektiven Charakter der frühen Erfahrungen des Kindes hervor, die das Selbstgefühl nicht vom Gefühl des anderen trennen».3

Die Singularität der Psychogenese ist Zentral im schizoanalytischen Vision von Guattari. Dies impliziert auch eine Singularität des therapeutischen Prozesses.

«Es geht daher nicht um eine einfache Umstrukturierung der Subjektivität der Patienten – so, wie sie schon vor der psychotischen Krise existierte –, sondern um eine Produktion sui generis. […] [D]iese Komplexe bieten der Person vielgestaltige Möglichkeiten, sich eine existenzielle Körperlichkeit neu zusammenzusetzen, aus ihren repetitiven Sackgassen herauszutreten und sich gewissermaßen zu resingularisieren».4

Diese wenigen Zeilen müssen, meiner Meinung nach, nicht nur als ein psychotherapeutisches Manifest, aber auch als ein politisches Manifest gelesen werden.

Das Ziel der Schizoanalyse ist nicht, wie Guattari sagt, die universale Norm in das Verhalten eines Patienten zu re-installieren, sondern, ihn oder sie zu singularisieren, ihr/ihm dabei helfen, der eigenen Differrenz bewusst zu werden, um die Fähigkeit zu erlangen, in guter Beziehung mit seinem singulären Wesen  und seinen tatsächlichen Möglichkeiten zu sein.

Wenn man mit einer Depression zu tun hat, geht es nicht darum die depressive Person zurück in ihre Normalität zu bringen, ihr Verhalten in die universalen Standards der normalen sozialen Sprache zu bringen. Das Ziel ist, den Fokus ihrer depressiven Aufmerksamkeit zu re-fokussieren, den Geist (das Gehirn) und den Fluss des Ausdrucks zu deterritorialisieren. Depression basiert auf der Versteifung des existenziellen Refrains, auf die zwanghafte Repetition des versteiften Refrains. Die depressive Person ist unfähig hinaus zu gehen, den repetitiven Refrain zu verlassen und sie geht und geht immer wieder in diesem Labyrinth. Das Ziel des Schizonanalysten ist, ihr die Möglichkeit zu geben, andere Landschaften zu sehen und den Fokus zu verändern, um neue Wege der Imagination zu öffnen. Ich sehe eine Gemeinsamkeit zwischen dieser schizoanalytischen Weisheit und dem Kuhn’schen Konzept des Paradigmenwechsels, wenn wissenschaftliches Wissen in ein Rätsel hineingenommen wird.

In Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen5 definiert Kuhn ein Paradigma als «eine von einer Gruppe von Menschen geteilte Glaubenskonstellation». Ein Paradigma könnte somit als ein Modell gesehen werden, das ein Verständnis einer gewissen Zusammenstellung der Realität ermöglicht. In Kuhns Annahme (vision), ist die wissenschaftliche Revolution eine Erschaffung eines neuen Models, das besser in die sich verändernde Realität passt, als das bisherige Modell der Episteme. Der Begriff Episteme im Griechischen bedeutet, vor etwas zu stehen: Das epistemische Paradigma ist ein Modell das uns ermöglicht die Realität zu sehen. Paradigma ist die Brücke, die den Freunden die Fähigkeit gibt über den Abgrund des Nicht-Seins zu gehen.

Die Depression zu überwinden beinhaltet mehrere Schritte: Deterritorialisierung des zwanghaften Refrains, re-fokussierung und Veränderung der Wunsch-Landschaft, aber auch die Erschaffung von neuen geteilten Glaubenskonstellationen, die gemeinsame Wahrnehmung einer neuen psychischen Umwelt und die Konstruktion eines neuen Beziehungsmodels. Deleuze und Guattari sagen, dass Philosophie die Disziplin ist, welche Konzepte erschafft. In der gleichen Art vertreten sie die Ansicht, dass Schizoanalyse die Disziplin ist, welche Perzepte und Affekte erschafft, durch die Deterritorialisierung des zwanghaften Rahmens.

Die schizoanalytische Methode sollte als politische Therapie in der aktuellen Situation angewandt werden: die bipolare Ökonomie fällt in eine tiefe Depression. Was während dem ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts passiert ist, kann in psychopathologischen Begriffen als Panik und Depression bezeichnet werden. Panik tritt auf, wenn Dinge beginnen zu schnell zu werden, wenn wir ihre Bedeutung nicht mehr begreifen, als Beispiel dafür der ökonomische Wert in der kompetitiven Welt des kapitalistischen Handels. Panik tritt auf, wenn die Geschwindigkeit und die Komplexität des umliegenden Informationsflusses die Fähigkeit des sozialen Hirns zur Decodierung und zu Prognose übersteigt. In diesem Fall zieht der Wunsch (das Begehren) seine Investitionen zurück und dieser Rückzug führt zu Depressionen. Hier sind wir nun, nach dem Sub-Prime-Riss und dem daraus folgenden globalen Kollaps. Was jetzt?

Dem ökonomischen Kollaps kann nicht mit ökonomischen Werkzeugen und Gedanken begegnet werden, weil die ökonomische Konzeptualisierung bereits das Problem ist und nicht Teil der Lösung sein kann. Die enge Abhängigkeit von Gehalt auf Lohnarbeit, das fanatische Streben nach Wachstum – die Dogmas von Vereinbarkeit und Konkurrenz: das sind die krankheitserregenden Merkmale, welche die soziale Kultur loswerden muss, wenn wir aus der Depression herauskommen wollen. Im vorherrschenden politischen Diskurs heisst aus der Depression herauskommen, die Dynamik von Wachstum und Konsum wiederaufzunehmen, welche als Erholung betrachtet wird. Dies ist aber unmöglich, weil die Schulden nicht bezahlt werden können und weil der Planet eine neue Phase kapitalistischer Ausdehnung nicht tragen könnte. Die Ökonomie des Wachstums ist Gift; es kann nicht das Gegengift sein.

Während den letzten zehn Jahren hat der französische Ethnologe Serge Latouche die décroissance als politisches Ziel vorgeschlagen. Nun ist die décroissance da: Wenn das Bruttoinlandprodukt fällt und einige Teile des industriellen Systems zerbröseln und die Nachfragen abstürzen, können wir sagen, dass Nicht-Wachstum (un-growth) kein Programm der Zukunft mehr ist. Décroissance (de-growth) ist hier. Das Problem ist, dass die soziale Kultur noch nicht dafür bereit ist, weil die soziale Organisation auf der Idee von unendlicher Expansion von Konsum und Bruttosozialprodukt aufbaut und die moderne Seele von den Konzepten der Privatisierung und von den Affekten der endlosen Steigerung der Konsumption geformt wurde.

Die eigentliche Idee von Reichtum sollte überdacht werden: nicht nur das Konzept von Reichtum, sondern die Wahrnehmung des Reich-Seins. Die Identifikation mit Reichtum und Errungenschaften sind tief in der sozialen Psyche und auch in den sozialen Affekten verankert. Jedoch ist eine andere Wahrnehmung von Reichtum möglich, eine, welche auf Freude beruht, nicht auf Besitz. Ich denke nicht an eine asketische Wende in der kollektiven Wahrnehmung von Reichtum. Ich denke, dass sinnliches Vergnügen immer ein Teil des Fundaments von Wohlbefinden sein wird. Aber was ist Vergnügen? Die Disziplinarkultur der Moderne hat Vergnügen und Besitz gleichgesetzt. Die Ökonomie hat Knappheit und privatisierten Bedarf auf der kulturellen Ebene erschaffen, um den Prozess der kapitalistischen Akkumulation zu ermöglichen. Aber darin liegt auch die Quelle der heutigen Depression.


Unendlicher Therapie-Prozess

Wir sollten keinen schnellen Wechsel in der sozialen Landschaft erwarten, jedoch eher das langsame Auftauchen von neuen Entwicklungen: Gemeinschaften, die das Feld der zerbröckelnden, vorherrschenden Ökonomie verlassen, immer mehr Menschen, die ihren Forschungsjob aufgeben und ausser-ökonomische Überlebens-Netzwerke errichten. Die eigentliche Wahrnehmung des Wohlstands und Reichtums wird sich in die Richtung von Genügsamkeit und Freiheit verändern.

Die Ent-Privatisierung von Services und Gütern wird durch diese notwendige kulturelle Revolution möglich gemacht. Dies wird nicht in einer geplanten und einheitlichen Form passieren, sondern Effekt des Rückzugs sein von einzelnen Menschen und Gemeinschaften und der Erschaffung einer Ökonomie von geteiltem Gebrauch gemeinsamer Dinge und Dienstleistungen und Befreiung der Zeit für Kultur, Vergnügen und Zuneigung.

Die Gleichsetzung von Wohlstand und Privateigentum ist so tief verwurzelt, dass wir nicht im Stande sind, die Barbarisierung der menschlichen Umwelt zu verdrängen. Aber die Aufgabe des General Intellects ist genau diese: Weglaufen von Paranoia, neue Zonen von menschlichem Widerstand erschaffen, mit autonomen Formen hochtechnologisierter, energiearmer Produktion experimentieren und die Mehrheit der Population eher mit der Sprache der Therapie statt mit der Sprache der Politik ansprechen.

Politik und Therapie werden in der kommenden Zeit ein und dieselbe Aktivität sein. Menschen werden sich hoffnungslos und depressiv und panisch fühlen, weil sie nicht mit der Nach-Wachstums-Ökonomie umgehen können und weil sie die sich auflösende moderne Identität vermissen. Unsere kulturelle Aufgabe wird sein, auf diese Menschen aufzupassen und uns um ihren Wahnsinn zu kümmern, und ihnen den Weg einer Anpassung zeigen, einer griffbereiten , fröhlichen Anpassung. Unsere Aufgabe wird die Erschaffung sozialer Zonen des menschlichen Widerstands sein, gedacht als Zonen therapeutischer Ansteckung.

Kapitalismus wird nicht von der Landschaft verschwinden, aber es wird seine Rolle als alldurchdringendes Paradigma der Semiotisierung verlieren, er wird eine von vielen möglichen Formen sozialer Organisation werden. Kommunismus wird nie das Prinzip einer neuen Totalisierung sein, aber eine der möglichen Formen des Unabhängig-Werdens von kapitalistischen Regeln.

In den 1960er Jahren hat Cornelius Castioradis und seine Freunde ein Magazin mit dem Titel Socialisme ou barbarie publiziert. Jedoch erinnert man sich, dass im «Rhizome», der Einleitung zu Tausend Plateaus, Deleuze und Guattari vorschlugen, dass die Disjunktion (oder… oder… oder) der vorherrschende Modus westlicher Metaphysik ist, den wir versuchen zu vergessen. Sie stellen dieser Disjunktions-Methode die Methode der Konjunktion entgegen:

«Ein Rhizom hat weder Anfang noch Ende, es ist immer in der Mitte, zwischen den Dingen, ein Zwischenstück, Intermezzo. Der Baum ist Filiation, aber das Rhizom ist Allianz, einzig und allein Allianz. Der Baum braucht das Verb ‹sein›, doch das Rhizom findet seinen Zusammenhalt in der Konjunktion ‹und… und… und…›. In dieser Konjunktion liegt genug Kraft, um das Verb ‹sein› zu erschüttern und zu entwurzeln, […] eine Logik des UND [zu entwickeln], die Ontologie [umzukehren], die Grundlagen außer Kraft [zu setzen], Anfang und Ende [zu annullieren]».6

Der Prozess der Automatisierung soll nicht als Aufhebung*, sondern als Therapie gesehen werden. In diesem Sinne ist dies weder totalisierend noch beabsichtigt, die Vergangenheit zu zerstören oder abzuschaffen.

In einem Brief an Sigmund Freud, hat der junge Psychoanalytiker Fliess gefragt, wann es möglich ist, das Ende einer Therapie abzuwägen, und dem Patienten gesagt werden kann «du bist OK». Freud antwortete, dass die Psychoanalyse ihr Ziel erreicht hat, wenn die Person verstanden hat, dass die Therapie ein unendlicher Prozess ist. Der Prozess der Autonomisierung ist im gleichen Sinne ein unendlicher Prozess.

 

http://madame-psychosis.com/essays/wie-eine-depression-heilen/

 

 

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1 Marazzi, Christian (2008) Capital & Language: From New Economy to War Economy. Trans. Gregory Conti. New York: Semiotext(e).

2 Deleuze, Gilles & Guattari, Félix: Anti-Ödipus, Suhrkamp Berlin 2003

3 Guattari, Félix: Chaosmose, Turia & Kant Wien 2014, S.13f

4 Guattari, Félix: Chaosmose, Turia & Kant Wien 2014, S.14f

5 Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp Berlin 1996

6 Deleuze, Gilles & Guattari, Félix: Tausend Plateaus, Merve Berlin 1992, S.41
Bifo zitiert ungenau nach der englischen Übersetzung: A.a.O., University of Minnesota Press Minneapolis 1987, S.25