Wir haben uns noch nicht mit der vollen Bedeutung und den Auswirkungen der Tragödie von Marikana abgefunden. Obwohl der von der Marikana-Untersuchungskommission herausgegebene Bericht irgendwie auf dieses Ziel hinweist, müssen die grundlegenden moralischen Dilemma, die durch den Verlust eines jeden einzelnen Lebens in diesem Konflikt aufgeworfen werden, noch richtig zur Artikulation gebracht werden.

Die Welt wurde in Marikana Zeuge von der außergerichtlichen Exekution von südafrikanischen Bürger_innen in einem Land, das die Todesstrafe formell abgeschafft hatte.

Die, die auf allen Seiten umkamen, waren nicht angeklagt worden. Noch wurden sie vor ein Gericht gestellt. Kein Urteil wurde verhängt.

Formell oder informell, bedachtsam oder spontan, die Entscheidung ihr Blut zu vergießen und ihre Leben zu einem Ende zu bringen, war nicht konform damit, dass die Todesstrafe in Südafrika gesetzlich verboten worden war.

Dass diese außergerichtlichen Exekutionen so vor sich gingen, war nicht nur ein gravierender Moment der Diskriminierung und Ungleichheit vor dem Gesetz, es war eine Anklage gegen den Staat.

Damit Gerechtigkeit obsiegt, sind Kompensation und Reparationen moralisch angebracht.

Was ist der Staat und warum sind wir in erster Linie von seiner Notwenigkeit überzeugt, wenn nicht aus dem Grund, dass er unsere Leben beschützen wird, indem er das größte aller Übel – gewaltsamen Tod – aus der politischen Sphäre ausschließt.

Ursprünglich war die raison d’être des Staats, den Tod aus der Gemeinschaft zu vertreiben. Seine allerwichtigste Rolle ist nicht die, darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben muss – es ist die, ein sicheres Leben für alle seine Bürger_innen zu gewährleisten. Das tut er, indem er eine Distanz zwischen Leben und Tod einführt, im Gesetz und in der Praxis.

Wegen unserer Geschichte eines institutionalisierten Rassismus wurde der Staat in Südafrika in einer Weise aufgebaut, dass das Gesetz in Sachen von Leben und Tod nicht alle gleich beschützte.

Insbesondere für Schwarze spielten das Gesetz, der Tod und der Staat tendenziell allzu oft und allzu lange in einem endlosen Albtraum zusammen.

Es war immer so, als ob schwarze Menschen, um das Leben des Staats auf rituelle Weise zu beteuern, auf die eine oder andere Weise geopfert werden mussten, vorzugsweise durch irgendeine Form der Exekution statt einer fehlenden Gerechtigkeit.

Das Recht, das Blut schwarzer Menschen großzügig zu  vergießen, verlieh dem südafrikanischen Staat sein Leben.

Das ist es, was es schließlich in die atmenden Leichname, die wir Apartheid nannten, verwandelte.

Die Exekution schwarzer Männer und Frauen in diesem Land war nicht zufällig – sie war immer politisch determiniert.

Zur Rechtfertigung dieser Exekutionen behauptete der Staat, dass er sich – sollte der schwarze Mann nicht exekutiert werden – als jemand herausstellen könnte, der den Staat zerstören und alle in einen Naturzustand zurückbringen wird, in dem eine sehr viel größere Zahl von Männern und Frauen sterben würden.

Aber wie wir wissen, ist die wahre Chiffre des Rassismus nicht die Forderung nach Sicherheit; es ist Nihilismus. Es ist das Zusammenspiel von Tod und der Norm.

Die formelle Abschaffung der Todesstrafe bedeutet nicht, dass viele immer noch nicht zum Tod verurteilt sind. Die Todesstrafe hat sich eigentlich in zahllose Formen außergerichtlicher Exekutionen verwandelt.

Blut wird immer noch vergossen, entweder in den Händen von Staatsorganen oder von jenen zahllosen privaten Henkern.

Was wir Korruption nennen ist ein wesentliches Element in dieser neuen politischen Ökonomie.

Südafrika der Postapartheid ist nicht nur eine Nation, in der die meisten ihrer Bürger_innen in einer Gesellschaft besitzlos sind, in der die Konsumption regiert, sondern eine Nation von privat bewaffneten Bürger_innen. Eine systemische Umverteilung der Mittel der Gewalt ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung dieser neuen politischen Ökonomie.

Eine Polizei in militärischer Kluft, hunderte privater Sicherheitsfirmen und eine öffentliche Kultur, die zutiefst nostalgisch ist gegenüber den für die Apartheid typischen Einsperrungsumgebungen, sie alle haben konspiriert, um eine zunehmend fragmentierte, furchtsame und verletzliche Nation herzustellen.

Angesichts des generalisierten Sterberisikos ist die Nation gewillt, zu glauben, dass jedes Individuum sein oder ihre eigene Polizeioffizier_in, Richter_in und Henker_in sein kann.

Diese neue Risiko- und Unsicherheitsregime und dieser Modus der Umverteilung der Gewaltmittel unterminieren Gemeinschaft und fördern eine Gesellschaft atomistischer Individuen, die vor der Macht isoliert, durch Furcht, Misstrauen und Verdacht voneinander getrennt und anfällig dafür sind, sich eher unter dem Banner eines Mobs oder einer Miliz zu mobilisieren, denn als eine Gemeinschaft, die um Netzwerke der Solidarität herum aufgebaut wird.

Dies wirft alle Arten von Fragen auf, wovon die wichtigste die ist, was Freiheit und Bürger_innenschaft in einer bewaffneten Gesellschaft bedeuten.

Was bedeutet ein Begriff wie „Zivilgesellschaft“ in einem solchen Kontext?

Wir erkennen die Merkmale einer bewaffneten Gesellschaft in der Verbreitung von Waffen, in Gewaltvorkommnissen und im Tod in Zusammenhang mit der Verwendung von Waffen.

Eine bewaffnete Gesellschaft ist alles, nur keine höfliche und anständige Gesellschaft.

In einer bewaffneten Gesellschaft ist Sprechen nicht höchste Form menschlicher Verbindung. Eine bewaffnete Gesellschaft ist nicht der Freiheit und Gleichheit der sie zusammensetzenden Mitglieder zugetan.

Sie ist dem Kult der Waffe oder der Drohung mit dieser zugetan.

Wie die Dinge stehen, gibt es überhaupt keine Garantie, dass sich Marikana nicht wiederholen wird.

Damit sich Marikana nicht wiederholt, müssen wir genau über die ethischen und legalen Implikationen dessen nachdenken, was wirklich geschah.

Die Waffe steht für eine Form der Gewalt, deren Hauptmerkmal es ist, eine undemokratische Kultur zu fördern.

Eine undemokratische Kultur ist eine Kultur, in der die Waffe sich in das bevorzugte Mittel verwandelt, das die Beziehungen zwischen vermeintlich freien und gleichen Bürger_innen vermittelt.

Und wo immer sich die Herrschaft der Menschen in die Herrschaft des Eigentums und die Herrschaft des Eigentums in die Herrschaft der Waffe verwandelt, nimmt die Wahrscheinlichkeit von außergerichtlichen Formen der Exekution dramatisch zu.

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Für mehr Info zum Marikana-Massaker, in das ein Bergarbeiter_innenstreik im Jahr 2012 mündete, vgl. die Berichterstattung auf labournet.