Es regt sich etwas Neues auf der Welt: In über 30 Ländern wird am 8. März zu einem internationalen Frauen*streik aufgerufen. Schon im letzen Herbst kam es in Polen zu großen Protesten gegen die dortige Abschaffung von Frauen*rechten. In Argentinien hat sich eine starke Bewegung gegen Frauen*morde und die Gewalt von Schulden und wirtschaftlicher Ausbeutung formiert, die auf ganz Lateinamerika ausstrahlt. Nach der Einsetzung von Donald Trump als US-Präsident haben am 21. Januar riesige Demonstrationen von Frauen* und ihren Unterstützer_innen die Weltöffentlichkeit in Staunen versetzt.

Auch wir leben in einem Land, das viel zu sehr nach den Prinzipien gestaltet ist, die Trump verkörpert. Wir haben keinen “muslim ban”, aber auch aus Deutschland werden Migrant_innen in Kriegsgebiete wie Afghanistan deportiert. Wir bauen keine Mauer an der europäische Südgrenze – dort liegt bereits das Mittelmeer. Aber in unserem Land gibt es ganze Regionen, die von Rassifizierung betroffene Menschen nur mit großem Risiko betreten können. Und Frauen* und Kinder halten es oft für normal, sich nicht frei in der Öffentlichkeit bewegen zu können – während tatsächlich vielen von ihnen auch innerhalb ihrer Familien und Haushalte Gewalt angetan wird. Aber auch Erfahrungen alltäglicher und institutioneller Ungleichbehandlung, Geringschätzung und Ausgrenzung führen vielen von uns vor Augen, dass die Emanzipation noch passieren muss. Wir werden nicht von autoritären Rechtspopulist_innen regiert, aber auch in Deutschland sind diese wieder politisch präsent und schaffen eine Stimmung, in der Übergriffe auf Geflüchtete und Muslim_innen zum Alltag gehören und gegen progressive Stimmen – etwa aus den feministischen Gender-Studies – mediale Hexenjagden lanciert werden.

Wir alle bewohnen einen sich langsam erwärmenden Planeten mit endlichen Ressourcen. Wenn Trump den Klimawandel leugnet und sich nicht um den Schutz von Gewässern, Luft und Ökosystemen schert, mag uns das entsetzen, aber wir wissen nur zu gut, dass unsere gesamte Wirtschaftsweise auf solcher Zerstörung fusst. Der Kapitalismus betrachtet alles als verwertbare und ausbeutbare Resourcen. Vermutlich wollen unzählige wohlmeinende Unternehmer_innen unsere Welt nicht so behandeln. Aber auch sie sehen sich der Zwangslage ausgesetzt, im Zweifelsfall der Konkurrenz derer zu unterliegen, die weniger Skrupel haben, denen nichts heilig ist, oder die schlicht durch übermäßige Geschäftsgröße die Macht haben, allen anderen die Bedingungen zu diktieren.

Als Arbeiter_innen und Angestellte, als Jobber_innen, Aushilfskräfte, Freelancer_innen und Akademiker_innen, als Ärzt_innen, Bäuer_innen und Handwerker_innen, als von Behörden schikanierte Arbeitslose oder Arbeitsunfähige, als Schüler_innen und Student_innen wissen wir, dass das, was wir tun, fast immer dazu dient, eine Maschine am Laufen zu halten, deren Richtung uns nicht gefällt. Wir müssen arbeiten, um steigende Miete und unsere bröckelnde Rente zu sichern. Wir müssen arbeiten, um uns und unsere Nächsten versorgen zu können. Selbst wo wir unsere Tätigkeiten sinnlos oder falsch finden, müssen wir doch täglich gegen die Angst an arbeiten, eingespart zu werden. Sogar wenn es keine Arbeit für uns gibt, müssen wir so tun, als suchten wir sie unablässig.

Die zusätzliche Arbeit, die Frauen* und andere Sorgende leisten, um sich um die zu kümmern, die von Ihnen abhängig sind, hat dabei nach wie vor keinen richtigen Platz. Sie wird auf Kosten der eigenen Kräfte, auf Kosten der eigenen Berufswege und auf Kosten all der Dinge, um die man sich dann wirklich nicht auch noch kümmern kann, abgepresst – oder an andere, schlechter bezahlte, häufig migrantische Frauen* weitergereicht.

Die Frauen*tagsstreiks stehen für einen Feminismus der 99%. Die Belange, die Frauen* betreffen, sind allgemeine Belange. Frauen* sind ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sexualität, selbst ihres Geschlechts nach so unterschiedlich, dass diese Bewegung Anliegen vertreten kann, die das volle revolutionäre Erbe antreten. Frauen* erkennen, wo Gewalt herrscht, weil sie und ihre Kinder sie oft genug zu spüren bekommen. Frauen* wissen, wo Arbeit ausgebeutet wird, weil sie doppelt belastete und schlechter bezahlte Arbeiter_innen sind.

Wenn wir am 8. März einen “Tag ohne Frauen*” ausrufen, dann deshalb, weil wir unentbehrlich sind. Und weil wir das sind, wollen wir unsere Arbeit, unsere Kraft, unser Kümmern nicht länger dafür einsetzen, eine Welt zu stützen und zu flicken, in der neues Leben in Konkurrenz und Profitstreben aufgerieben wird und die darauf beruht, allem Leben unterschiedlich viel Wert beizumessen. Was wir am 8. März tun wollen, ist nicht nur, der Arbeit, die uns zwingt gegeneinander oder unsichtbar zu arbeiten, den Rücken zu kehren. Wir wollen mehr. Wir wollen uns einander zuwenden und einen Tag lang proben, der Welt näher zu kommen, in der wir leben wollen und in der unsere Nachkommen und die Nachkommen anderer Spezies leben können.

Die Frauen*streiks haben eine neue Geste erfunden.

Streck Deine rechte Hand aus. Wende die Handfläche aufwärts, spreize die Finger etwas und krümme sie, als würdest Du eine Kugel auf Deinen Fingerspitzen balancieren. Eine Kugel, oder einen Kürbis, einen Globus oder ein Köpfchen. Sieh Dich um. Egal wo Du bist – auf der Strasse, zu Hause, in Menschenmengen, unterwegs, im Büro, auf dem Hof, in der Werkstatt, in der Fabrik, im Café, in der Kantine. Sieh Dich um. Vielleicht wird jemand die Geste erwidern. Sieh sie an. Hebe Deine Hand etwas und wende Deine Fingerspitzen ihren* zu. Zwischen Euch könntet Ihr nun einen Ball halten, eine Kugel...wenn wir genug sind, die ganze Welt. Schaut Euch weiter um. Vielleicht werdet Ihr mehr. Gesten sind ansteckend. Wenn Du zuerst die Hand ausgestreckt hast, solltest Du die Moderation übernehmen. Du hast eine Gesprächsrunde einberufen. Einen Frauen*rat. So wie in der Geste Deine Finger einander zugewandt waren, steht Ihr nun in einer Gruppe zusammen. Ihr bildet eine Versammlung. Viel spontaner, viel zufälliger, aber doch auch von Deiner Hand ausgegangen. Solche Versammlungen, auch wenn sie zuerst nur eine Handumdrehung dauern, haben die Macht, die Welt neu einzurichten. Sprecht von Euren Wünschen und davon, was Ihr braucht. Sprecht von Euren Wünschen für die Welt und davon, was sie braucht. Sprecht von den nächstliegenden Problemen und davon, wie ihr sie zusammen lösen könntet. Hört Euch zu. Hört denen zu, die Ihr am wenigsten versteht; hört auf die, die sonst am wenigsten zu sagen haben. Stellt Euch vor, wie Ihr in eurer Welt zusammenleben wollt.
Dann kämpft dafür, es zu können.

Am Weltfrauen*tag, d. 8.3.2017, um fünf vor 12: Strecke Deine Hand aus und bilde einen Frauen*rat.


International Women*s Struggle demo, 8th of March'17 Berlin

16:30 Warschauer Str. corner Revaler Str. - 18:00 Oranienp!latz
(Demo will pass through Skalitzerstraße and will finish in Oranienplatz with Kundgebung and concert)

http://international8thmarchberlin.blogspot.de/
https://www.facebook.com/events/1876318802650807/