Am Montag, den 14. September 2015, führt Deutschland neuerlich Grenzkontrollen ein und Ungarn stellt seinen Stacheldrahtzaun gegen Migrant_innen fertig. 7 Uhr 15, die Lagerströmien werden von Herbstwind und –Regen geschüttelt, fertig. Txetx Etcheverry auf La Chaîne Info zuhören, die Alternativen und der Wandel, einige Jahre zur Verhinderung einer klimatischen Katastrophe, 5000 Kilometer auf dem Fahrrad und die Energie der Bürger_innen. 25. und 26. September in Paris am Place de la République.

Seit Trésor von Griechenland nach Frankreich gekommen ist, hat er bei Caroline in Montreuil, bei Marc und Anne in Nante und dann draußen geschlafen. Das Asyl, das er in Griechenland zu beantragen gezwungen war, eingesperrt, wie er war, im Lager von Korinth, in unbegrenzter Haft, wie das bis Jänner 2015 in Griechenland üblich war, hat er in Paris neuerlich beantragt. Eine Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs, die geurteilt hatte, dass ein Iraner, Asylwerber in Griechenland, der in Deutschland sein Glück suchte, Gefahr lief, in seinem ersten Ankunftsland herabwürdigend behandelt zu werden, ermöglichte ihm das. Umso besser. Trésor, jung, männlich, ledig, hat dennoch keine Unterkunft. Das ist keine Priorität, es gibt keinen Platz. 

Vier Babys und elf Kinder ertrinken am Sonntag auf offener See in Griechenland. Eine Familie beerdigt ihre Kinder, die mit Aylan ertrunken sind. Gestern Abend die Tribune de Genève lesen und von Link zu Link, über Fotos aus dem Frühjahr und Sommer stolpern, Schiffbrüchigen im Mittelmeer, in Decken eingerollte Körper, Körper am Strand, neben Tourist_innen. Schon wieder ein Schiffbruch, Sonntag, also. Montag schließt Deutschland seine Grenzen, die anderen europäischen Länder sollen reagieren, es ist von überlaufen, von überfordert die Rede. 15 Kinder sind am Sonntag ertrunken. Die deutschen Städte sind überfordert. Ungarn und sein Zaun.

Samstag in Bayonne und in zahlreichen anderen Städten beteuern hunderte versammelte Personen vor dem Rathaus, dass wir auch hier, im Baskenland, Geflüchtete aufnehmen wollen. Die Städte, die territorialen Kollektivitäten müssen jetzt etwas zu tun. Auch der Staat. Ein Transparent fordert europäischen Status für Migrant_innen. Man denkt, während man darauf wartet, besser zu denken, dass das ist besser ist als das Gegenteil, diese Versammlungen, man hört das Wort Geflüchtete, es man hört es wieder, man hat es diese Woche mehre dutzend Male gehört, man hat am Donnerstag sogar den schönen Text von Erri de Luca in Le Monde gelesen: Streuen wir Salz ins Mittelmeer, damit die Wunden niemals verheilen, und diese großen verhinderten Reisenden, die Risiken eingehen, und denen es, wie man weiß, gelungen ist, das Vokabular zu verändern, von Klandestinen zu Migrant_innen zu Geflüchteten, schrieb, am Donnerstag, Erri de Luca.

Geflüchtete, ein Name, in dem man das Partizip Perfekt hört, den Passiv, nicht wahr? Das war’s, geflüchtet, das war’s, man ist angekommen. Das war’s also?

Man kreuzt Chantals Blick, seit Jahren kämpft sie in der kleinen Stadt, damit sie Familien, deren Asyl abgewiesen wurde, und Familien mit Asyl unterbringen kann und damit diese untergebracht werden, Familien, die längst keinen Anspruch mehr haben auf CADA, die Unterbringungszentren für Asylwerber_innen in Frankreich, weil es keinen Platz mehr gibt in den CADA, sie kämpft seit Jahren. Sie ist da.

Montag Morgen, die deutschen Städte sind überfordert, es stimmt, dass man sich eher Deutschland vorstellt, wenn man flüchtet, dass man sich eher Deutschland als Frankreich vorstellt. Weder Griechenland noch Spanien. Sicher. Freitag, dieses Café in der Bucht von Txingundi in Hendaye, die Augustsonne schien und das Meer war vollkommen unbewegt, man konnte ihr die Haut zu sehen geben: als sie in Calais (erneut) die Barackenlager niedergerissen und Personen angehalten und diese auf Abschiebegefängnisse in Frankreich verteilt haben (in geschlossene Lager, das muss wieder und gesagt werden, geschlossene Lager für Migrant_innen ohne Papiere, die man klandestin, geflüchtet, flüchtend oder Fluchtkandidat_innen nennen kann), als man uns aus Calais einige dieser jungen Männer geschickt hat, die im Dschungel campierten, wollte man ihnen, den Jungs, auf der Karte zeigen, wohin sie transferiert worden waren, und man hat ihnen gesagt: Spanien, neben Spanien, siehst du, hier, das ist Spanien und sie haben geantwortet: Was ist das, Spanien? Das ist Sarah, die erzählt.

Dieses Wochenende Tweets oder entrüstete Scherze von Personen des öffentlichen Lebens lesen. Einige Gerüchte hören, wider den Elan der Großzügigkeit, der ausgelöst wurde von, von was? Von einem Bild? Von einem Kind? Von einer Bewusstwerdung?

Ein wenig misstrauisch bleiben, aber nicht zu sehr, den Elan etwas anderem vorziehen und dennoch einige gegenteilige Gerüchte folgender Art hören: Ja, aber die Integration; ja, aber die Zuweisungen – eigentlich nichts besonders Neues oder Intelligentes, wenn man eine Bilanz ziehen würde, wenn man es nur vonseiten der Zahlen betrachten würde, nur der Zahlen, nicht einmal der Schlussfolgerung, auch nicht des Denkens, vonseiten der Zahlen, die ein bisschen veraltet sind, sie stammen aus 2012, die Kosten der Immigrationspolitik für das Jahr 2012 beliefen sich auf 88.921 Milliarden Euro, wenn man es vonseiten der Goldenen Fallschirme sähe, der Zusatzpensionen, der migrierten oder geflüchteten Konten irgendwo in den Paradiesen oder im Eldorado, der Konten, die zugunsten von niemandem besteuerbar sind und sicher nicht zugunsten der, die murren, die das Gerücht nähren, die Familienbeihilfen, die Familienbeihilfen.

Also, der Elan. Montag Morgen scheint er abzufallen. Die Kids aus Syrien sind in Lesbos, sie erwarten, dass ihnen bei ihrer Ankunft in Deutschland applaudiert wird, nichts ist weniger gewiss. Da waren einige Züge. Ein paar Tage lang. Es gibt keine Züge mehr.

Worte, auf dem Rathausplatz oder in der Bucht von Txigundi. Migrant_innen, das alte Partizip Präsens, du hörst es. Du bist in Bewegung. Das Land, von dem du aufbrichst, aus irgendeinem Grund, wegen irgendeinem Krieg, das Land, aus dem aufbrichst und die wahnsinnigen Risiken auf dich nimmst, die Risiken der Wüsten, der Schlauchboote, des Gelds für die Fluchthelfer_innen, der Kinder auf dem Schlauchboot, der Alten, die du zurücklässt, das Land, aus dem du aufbrichst und in das du vielleicht eines Tages zurückkehrst, wirst du es jemals wiederfinden? Vielleicht wirst du es nicht wiederfinden, selbst wenn du dorthin zurückkehrst. Vielleicht kehrt man niemals aus dem Exil zurück. Das Land, das du verlässt, ist ein gutes Land. Es ist das schönste Land. Es war das schönste aller Länder. Deutschland oder Norwegen sind nicht mehr wert als das Land, aus dem du gegangen bist. Und was Frankreich angeht …

Spanien, was ist das?

Das Café Le Chantier, die Buch von Hendaye, Freitag: In einem Abschiebegefängnis, eine Angestellte, um Einsprüche zu machen, man fragt dich und du antwortest. Als die aus Calais angekommen sind, waren sie schon erstaunt. Sie fanden hier genährte Gefangene, nicht wohlgenährte, aber genährte, die Tischfußball spielten. Gefangene, die Tischfußball spielten.

Passive, Gefangene, Steller_innen eines Antrags, den du, Verein, mehr oder weniger beantwortest. Eine Bindung? Nein, ich bin der Verein – Guten Morgen! – hier das Wesentliche, der Einspruch, das Papier, die Information, die Übersetzung. Der Antrag, keine Bindung. Keine Bindung, kein Austausch. Antrag, Antwort. Zwangsläufig hört man Dummheiten. Auch hier hört man Dummheiten, wegen dem Fehlen von Bindungen und weil man nichts gemeinsam tut. Man hört: Du, du bist der Verein, du bist Frankreich, du bist rassistisch, du willst nicht, du willst mich nicht, du wolltest mich nie. Mannomann, niemals wird man Naivitäten und Gemeinplätzen zustimmen. Man wird sich schlecht fühlen, wenn man dem Mann sagen muss, dass man ihn nur um 10.30 Uhr empfangen kann, weil vorher … Man wird ein bisschen an den Dummheiten zerbrechen, die man hier hört, wie an den denen, die man woanders hört. Man wird ein bisschen angesichts der überschwänglichen medialen Begeisterung zerbrechen, an den vor dem Krieg Geflüchteten, denen man applaudiert, wenn sie in Deutschland ankommen, man wird das dem Gegenteil vorziehen, aber man wird nicht ohne Unruhe hören, wie sich das Wortfeld von Zuflucht und Krieg verallgemeinert. Dieser Mann, der dir gesagt hat: schließlich sind die wenigsten der Geflüchteten schwarz. Der Ärger damals, aber jetzt kommt das wieder hoch.

Frage, Antwort. Einspruchsmaschine,  zwangsläufig. Du wirst zwangsläufig zu einer Einspruchsmaschine werden, das steht außer Frage. Das Drama des Antrags ohne Bindung. Inhaftiert, geflüchtet: alles Partizip Perfekt Passiv, wenn man ein wenig Grammatik macht. (Sie sind) in ein Abschiebegefängnis geflüchtet (worden). Vollständig passiv. Auch vor mir passiv, in der Beantwortung des Antrags – passiv und überfordert, überfordert, aber nicht wie eine deutsche Stadt überfordert ist – überfordert von der Absurdität der Situation oder der Situationen. Hör mal zu. Du hast dein Land verlassen. Du bist geflohen vor Krieg, Hunger, Elend, das ist ein ökonomischer Krieg, du bist geflohen vor einer Familie, einer politischen Situation, die dir an den Kragen will, kurz, du bist geflohen. Du kommst aus Eritrea, aus Syrien, aus dem Irak, aus dem Kongo, aus Afghanistan. Du kannst dich in einem Zug in Richtung Deutschland wiederfinden, wo man dir zujubelt, du kannst transferiert werden, nachdem man dich in Frankreich ausgewählt hat, man wird dich in einem offenen Lager abseits der Stadt unterbringen, du wirst Nahrung haben, aber du wirst nicht arbeiten können. Du kannst auch ein bisschen Glück haben: Kochen in einem Haus voll Solidarität im 18. Pariser Arrondissement; es wird weniger Vereine geben als vielmehr Privatpersonen, und nicht allzu viel Passives. Diejenigen, die Anträge stellen, sind stark, voller Solidarität, ebenso wie jene, die die Anträge beantworten oder nicht; es wird hier Konflikte und Missverständnisse des Lebens geben so wie überall. Du wirst auch warten können, mit verletzten Beine, wunden Beine, in improvisierten Camps in Calais oder nahe bei Calais oder anderswo, auf einem Pariser Gehsteig, in einer Garage, du wirst warten und dich organisieren können, du wirst mit Gewalt in die halboffenen Lager oder in vollständig geschlossene Lager gebracht werden können, zwei Kilometer von dort, wo du nach zwei oder drei Jahren auf dem Weg endlich angekommen warst. In diesen geschlossenen Lagern wirst du 45 Tage lang gefangen sein, schlecht essen, deine Beine pflegen, Hoffnungslosigkeit erfahren. Du wirst auch, wenn man dir Asyl verweigert hat, in neuen ein bisschen offenen und ein bisschen geschlossenen Lagern auf die kommende Abschiebung warten können. 

Du wirst auch blockiert in einem Lager im Norden von Athen bleiben können, dir wird kalt sein, die Füße und der Bauch werden dir weh tun, du wirst mehr oder weniger wissen, dass die Bedingungen hier, dort verurteilt wurden, vom Gerichtshof, aber du wirst blockiert sein, sechs Monate lang, was man so sagt, vorher war es unbeschränkt, es wird keine Ärzt_in geben und auch keine Vereine für Papiere und Übersetzungen und Einsprüche, es wird gar keinen Einspruch geben. Du wirst auch an den Stacheldrahtzäunen Ungarns hängen bleiben können. Dahinter warten.

Große Reisende, die Wüsten und Meere überquert haben, sind in Europa angekommen. Auf dem Place de la Liberté in Bayonne, am Samstag, auf einem Transparent lesen: Europäischer Status für Migrant_innen.  Und auf der Website des Innenministeriums ein veröffentlichter (und nach der Emotion, die der kleine Körper des ertrunkenen Kindes ausgelöst hat, wieder entfernten) Erlass lesen, der Erlass empfahl, die Abschiebegefängnisse zu füllen, die nur zu 30% ausgelastet sind. Man gewährt Zuflucht, man empfängt, man applaudiert und man sperrt ein. Alles zugleich. Es wird selten zugegeben, dass dicht machen nichts bringt, der Beweis, es ist nicht dicht, was man dennoch dicht macht. Man legt den Rückwärtsgang ein, man veröffentlicht, zieht die Veröffentlichung zurück, man weiß nicht, man lässt Züge fahren, man applaudiert und dann gibt man sich überfordert. Man weiß nicht. Immerhin hat man da diese Lager am Hals, die sehr teuer waren, und diese Leute auf der Straße. Man weiß nicht. Immerhin berichtet man seit mehr als zehn Jahren von den Gefahren der Immigration, von den Pains au chocolat, die man den französischen Kindern stielt, vom Elend, das man nicht aufnehmen kann, man kriminalisiert und jetzt gewährt man Zuflucht oder vielmehr muss man Zuflucht gewähren, weil man weiß, weil man letztlich vielleicht verstanden hat, dass es nicht möglich ist, es sei denn, man will die Unmenschlichkeit zum Prinzip erheben und dem Prinzip folgen, man hat verstanden, dass es nicht möglich ist, das Überwinden der Grenzen-Mauern, Grenzen-Meere, Grenzen-Stacheldrahtzäune zu verhindern, man hat uns gesagt, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Bewegungen und der klimatischen Veränderungen sein, der Bewegungen in Zusammenhang mit der klimatischen Veränderung, die trotzdem auch ignoriert wird, obwohl man es uns sagt. Nach der Kriminalisierung gewährt man Zuflucht, man ist mit konfrontiert mit den CADA, den Abschiebegefängnissen, den offenen Lagern, halboffenen Lagern, mit Asyl, Asylzurückweisungen, Dschungeln, Squats, Camps, Zügen, Kontrollen, Abschiebungen. Man weiß nicht.

Montag Morgen, die deutschen Städte sagen, sie sind überfordert.

Der Elan und die Emotion wiegen schwerer als das Gegenteil, das ist sicher. Du stellst deine Anträge in hypermodernen Lagern und die Einspruchsmaschine antwortet dir, in den Lagern mit herabwürdigenden Behandlungen wartest du und nichts geschieht, Europa öffnet sich für einen Tag, weil seine Moral, wie es sagt, es dazu verpflichtet, dann verschließt sich Europa, weil es überfordert ist, du konstatierst Willkür und geänderte Verhaltensweisen, du konstatierst hyperbewegliche Regeln, eine andere Repräsentation der betroffenen Reisenden, ökonomische Migrant_innen, vor dem Krieg Geflüchtete, Opfer von Al Assad, Opfer von Daesh, Arme, Geflüchtete, die Ärmsten, die Geflüchtetsten, die Unglückskinder, die Nächsten, die am wenigsten Schwarzen, die Gefährlichsten, die zukünftigen und möglichen Terrorist_innen, die, die man nicht abschiebt, die die man abschieben wird, die, die man ohne Delikt einschließt, die, die man suchen wird, um ihnen Zuflucht zu gewähren. Man bewegt sich von einer Figur zu anderen, wie von einer Verhaltensweise zur anderen.

Sind anderen Repräsentationen und Verhaltensweisen den Veränderungen der Emotion ähnlich? Wer öffnet und schließt? Gleichzeitig? Es scheint, dass die Fotografie eines toten Kindes in den Gewässern des Mittelmeers aufwecken kann; es scheint, dass sie auch einschläfern kann. Man gewöhnt sich zwangsläufig durch Reproduktion an das, was so unerträglich ist. Man sieht, man ist unerträglich bewegt. Es gibt genug zu sehen, man schläfert die Emotion und die Intelligenz ein. Man ist überfordert, man schafft die Emotion aus der Welt.

Quantitativer und auch qualitativer Überschuss von Emotionen und Bild. So unerträglich, dass ich es leugnen werde, ich werde das Bild leugnen, es ist zu viel, es ist eine Art Komplott: Dieses negationistische Phänomen ist trotzdem nicht neu. Ein Kind, das stirbt, du sprichst, ein montiertes Bild, nur Fremde, Invasoren (Invasor: gelesen auf dem richtigen oder falschen – das ist noch zu verifizieren – Twitter-Account einer Person des öffentlichen Lebens, eines Komikers, glaube ich, Jean Roucas), die uns die … nehmen wollen.

Man ging vom Bild eines dreijährigen ertrunkenen Kindes aus. Die Emotion, wenn sie erst ihre Quelle bestreitet, wenn sie sich erst weigert, macht einer großen Härte Platz, nichts Neues in der Sonne, Montag 12.18 Uhr, in der Sonne, die nach dem heftigen Wind zaghaft wieder zurückkehrt. 

In der zaghaften Septembersonne ist man also nicht ohne Unruhe.