Im Jahr 1992, kurz vor seinem Tod, schreibt Félix Guattari: „Die meisten bisherigen Instanzen der Kommunikation, Reflexion und Verständigung haben sich zugunsten eines Individualismus und einer Einsamkeit aufgelöst, die oft synonym sind mit Angst und Neurose. Aus diesem Grund plädiere ich – unter der Ägide einer neuen Verbindung der Umwelt-Ökologie, der sozialen Ökologie und der mentalen Ökologie für die Erfindung von neuen Äußerungsgefügen […].Ebenso sind die Intelligenz und die Sensibilität Objekte einer wahrhaftigen Mutation geworden, als ein Resultat neuer informatischer Maschinen, die sich nach und nach in die Bereiche der Sensibilität, der Gesten und der Intelligenz eingeschlichen haben. Wir können gegenwärtig Zeug_innen einer Mutation der Subjektivität werden, die vielleicht wichtiger ist als die Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks.“[1]

Eine radikale Mutation der Subjektivität, die einhergeht mit der Ausbreitung neuer informatischer Maschinen – 26 Jahre nach dem Erscheinen von Félix Guattaris letztem Text werden die Ausmaße dieser technopolitischen Mutation in ihrer monströsen Vieldeutigkeit zwischen herrschaftlicher Wahrheitsproduktion, Mikrofaschismen und neuen Subjektivierungsweisen aufs Neue erkennbar. Fake news, alternative facts, Lügenpresse, Postfaktizität, post-truth – das Amalgam von alten Boulevardmedien und neueren „social media“ scheint eine neue Ausformung von Hetz- und Hasstechniken zu etablieren. Und gerade in dieser fatalen Situation gilt, ganz im Sinne Guattaris, auch: Immer wenn ein neues Technodispositiv auf den Weg gebracht wird, verketten sich mit ihm affektive Maschinen und revolutionäre Maschinen, ereignet sich eine Intensivierung der Wünsche auf allen vorstellbaren und unvorstellbaren Ebenen. Liebesverhältnisse in unerwarteten Konstellationen, neue Formen der Affizierung, ungehörte kollektive Äußerungsgefüge, Instituierungen eines nicht-faschistischen Lebens. Technökologie.

Die drei Ökologien Guattaris[2], die Umwelt, der Socius und die Mentalitäten, verschränken sich mit Technodispositiven nicht in einer Weise, dass zu den drei Ökologien einfach eine vierte hinzukäme. Es ist vielmehr eine integrale Verkettung von technischen Dispositiven und Wunschmaschinen, die sich auch nicht auf Fragen der Nützlichkeit und innovativen Nutzung von neuen Medien und Technologien reduzieren lässt: Die globalisierungskritische Bewegung nutzte SMS-Ketten, um den Verlauf von Demos zu verbreiten, und sie nutzte das Internet zur breiten Organisierung jenseits von Massenmedien, doch zugleich zeigte sich durch diese Nutzung hindurch ein Surplus des Begehrens, das nicht allein durch die technische Nützlichkeit erklärt werden konnte. Die iranische grüne Revolution agierte erfolgreich mit Smartphones und YouTube, um die Zensur der Massenmedien zu umgehen, und auch hier verband sich die Faszination der neuen Gadgets mit auf Zeit unkontrollierbaren Wunschmaschinen. Der „arabische Frühling“ wurde nicht als Facebook-Revolution bekannt, weil er ein weiterer Werbegag des Monopolisten war oder weil Facebook einfach ein mächtiges technisches Tool ist, sondern weil es auch als Trigger zu diesem Zeitpunkt eine monströse Bündelung der Wünsche nach sich zog. Und Twitter ist schließlich nicht zwingend der Name des Vehikels für die skurrilen Kurznachrichten von Leuten wie Donald Trump, sondern auch eines der technischen Dispositive hinter, unter und um die aktuellen spanischen Bewegungen von 15M bis zu den Munizipalismen[3] herum.


1. Wo ist Midstream? Wo strömt der Strom, der durch die Mitte geht?

„Die Mitte ist reißend, weil in ihr die Dinge Geschwindigkeit aufnehmen, ein Strom, der in alle Richtungen überfließt, das Gegenteil von reguliertem Mainstream, Mittelmaß und Vermittlung. Die Mitte liegt nicht einfach auf dem Weg zwischen einem Anfang und einem Ende, in ihren Strudeln geraten Linearität und Ursprungsmythen ins Stocken.“ Einer von uns schrieb diese Zeilen, und sie sind nicht ganz falsch. Immerhin schaffen sie jedoch eine Zweideutigkeit, die sich erst durch eine Übersetzung vom Französischen ins Deutsche ergibt. Gabriele Ricke und Ronald Voullié prägten die deutsche Rezeption des berühmten Endes des Rhizom-Plateaus von Tausend Plateaus[4], indem sie milieu als ‚Mitte‘ übersetzten. Und auch diese Übersetzung ist nicht falsch, doch ‚Mitte‘ bringt im Deutschen wesentlich mehr den Sinn eines konkreten Orts mit sich als das Milieu. Gerade diese Tendenz zur Bestimmung ihres Orts birgt das Problem der Übersetzung als Mitte.

Das Milieu ist kein Zentrum, kein Kern, kein Mittelpunkt, und es ist auch keine Mitte zwischen zwei Punkten. Zugleich findet es sich aber auch nicht einfach nur an den Rändern, als peripherer, ephemerer Widerpart des Zentrums. Das Milieu ist nicht festzumachen, die Frage nach seiner räumlichen Bestimmung geht ins Leere. Das Milieu ist ein diffuses Terrain, Surround, Umgebung, schwimmende, treibende, fließende Ökologie, nicht festzulegen auf einen gewissen, abgegrenzten Bereich. Und es ist keineswegs eine Wiederholung jener zentralen Figur des okzidentalen Denkens, die in der Vermittlung als Bändigung besteht, als befriedende Mischung und Vereinheitlichung des Anderen im Selben, gewaltsame Vereinigung oder selbstregierende Passung in eine vorgegebene Einheit. Das Milieu ist keine vermittelnde, befriedende Figur, es ist gefährlich, ein zugleich reißender und stockender Strom, über seine Ufern tretend und sie zugleich unterspülend – Midstream.


2. Das subsistenzielle Territorium als Milieu

Eher als dass wir es besitzen, sind wir besessen von ihm, und wir sind besessen von seinen Geistern, seinen Rhythmen, seinen grausamen Stockungen, seinem mitreißenden Fluss: Das subsistenzielle Territorium ist Milieu, insoweit es eine Ökologie der Umgebung und ihrer Dinge mit hervorbringt, eine Ökologie der sozialen Maschinen und eine Ökologie der Mentalitäten, die es bewohnen. Lagunillas zum Beispiel: Das subsistenzielle Territorium Lagunillas bewegt sich mit den Menschen, die täglich durch seine Straßen ziehen – Bewohner_innen von Málaga auf dem Weg in die Stadt und aus ihr heraus, Tourist_innen auf der Jagd nach Street-Art-Photos, Gasflaschen-Transporteure, Hundehalter_innen, umherstreifende Flaneurs –, mit den Möwen, die über denselben Straßen ihre Linien in die Lüfte zeichnen, wenn sie nicht quer darüber in wilden Flügen Tauben erlegen, mit den Architekturen, teils mit Liebe preserviert, teils dem Verfall preisgegeben und vom Abriss bedroht, mit den Brachen, die auf ihre Spekulanten warten, mit den unscheinbaren Plätzen, an denen sich die Leute treffen, ohne konsumieren zu müssen, mit der Mischung der unterschiedlichen sozialen Maschinen, die sich in Enriques Bar, in der Fruteria Celia oder in der Peluqueria Mounir versammeln, mit den spontanen Performances seines transversalen Intellekts. Und es bewegt sich auch mit den Geistern der Lagunen, auf die es gebaut ist, Geistern des arabischen Friedhofs, auf dem es steht, Geistern der Reconquista, deren Sieg der nahen Calle Victoria ihren Namen gab, Geistern der durch die Aufwertung Vertriebenen und derjenigen, die es vorgezogen haben, in der Zeit der Junkies lieber in bessere Gegenden zu ziehen, Geistern des Franquismus, eher lebendig als tot. Mit Walter Benjamin besteht eine Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem: In den Stimmen, denen wir hier und jetzt unser Gehör schenken, ist ein Echo von längst verstummten, es streift uns ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist.[5]

Dividuelle Linien durch die Zeit und durch den Raum. Das subsistenzielle Territorium ist eine mannigfaltige Ökologie. Sub- im Sinne von nahe an etwas, unmittelbar um etwas herum, manchmal verborgen, versteckt hinter etwas, – subsistierend im Sinne von beharrend, bleibend, im Unter-, im Hintergrund Widerstand leistend – subsistenziell im Sinne von werdend, mitförmig, condividuell, niemals im Sein fixiert, nie in einer individuellen Existenz eingesperrt. Das Territorium ist das Milieu, in dem Menschen, Dinge, Sozialitäten nicht durch Blut und Boden und Geborensein oder durch Besitz und Gesetz und Individualität existieren, sondern durch ihre singuläre Subsistenz subsistieren. Subsistenziell ist das Territorium, weil es die Festungen und Kerbungen jedes Staatsapparats unterhöhlt, seine Logik von Besitz, Gesetz und Individualität; und zugleich jede totalisierende Schließung in stabilen Gemeinschaften.

Das subsistenzielle Territorium ist ein Territorium der Sorge. Subsistenz meint hier nicht die Reduktion auf eine notgedrungene Ökonomie, die aus dem Mangel kommt, sondern eine queer-feministische Ökologie der Sorge. Die Ökologie der Sorge bedeutet für das subsistenzielle Territorium, dass sorgende Sozialität in ihm produziert und preserviert wird.

Das subsistenzielle Territorium preservieren heißt nicht, es für ewig gleich zu halten, zu konservieren, es bedeutet, für die sozialen Maschinen, die mentalen Maschinen, die Dingmaschinen zu sorgen und mit ihnen zu sorgen, auf ihre Sorge zu bestehen, sie persistent zu machen und mit ihnen persistent zu werden. Nicht einfach für jeden und jede das eine und gleiche, sondern auf asymmetrische Weise unterschiedlich pflegt alles Subsistierende seine je eigene Subsistenz. Und zugleich sind die Subsistierenden und ihre Subsistenzen mitförmig, konform, und öffnen sich dividuellen Linien, die das Milieu durchqueren: Baumaschinen, Mischmaschinen, Gitarren und Waschmaschinen und die Mischungen ihrer Klänge, Ritornelle des Surround und der Reterritorialisierung, Lebensrhythmen, Siesta-Ruhen, Vogelstimmen, Geisterspuren, singuläre Aufeinandertreffen, Gestenströme, intensive Unterhaltungen mitten im geschäftigen Treiben, Affizierungen aller Art.

Gierig greifen Technokrat_innen der Stadtplanung und Investment-Scouts nach jedem Stück dieser mannigfaltigen Ökologie, nach dem unfassbaren Milieu Lagunillas. Sie wollen das Zentrum ausweiten. Sie wollen die Straßen plätten und Fußgängerzonen bauen. Sie wollen die Anwohner_innen einbeziehen. Sie wollen ein Modellviertel entwickeln. Doch das subsistenzielle Territorium ist kein auf den Karten der Stadtplanung zu rasterndes Objekt, ein der Verwertung, der Aufwertung zuführbares Asset. Pseudo-Partizipation, Ausweitung des Zentrums des Zugriffs, die Kreativen als kolonisierende Vorreiter und Schmiermittel der Gentrifizierung. Das Raster gräbt Kerben in die Stadt, die Aufwertung glättet ihre Streifen, doch nie erreichen sie das subsistenzielle Territorium. Das hat schon längst seine vermischten Zonen der Be- und Entschleunigung, des Zufußgehens und der diversen motorisierten Bewegung, der Begegnung und des Aneinandervorbeikommens. Und es ist monströs und gefährlich, wie es zugleich prekär ist und gefährdet. Es ist nichts als ein flüchtiges Ritornell, das in seinen Wiederholungen, in seinen heterogenen Weisen der Reterritorialisierung und Deterritorialisierung das Territorium ständig aufs Neue entwirft und ausdifferenziert. Es ist ein flüchtiges Ritornell der Flüsse, des Aufbruchs, der Deterritorialisierung, aber es trägt auch Erde mit sich, die terra des Territoriums und die gegenständliche Erde, und darunter das Wasser der alten Lagune, wiederkehrend die Güsse der Trombas, und darüber das Vogelreich.


3. Mehr Milieus

Doch wie entgeht das Territorium den Lokalismen, den Schließungen durch Besitz, Individualismus und Legalismus? Wie können die konkreten Maschinen des Milieus es verhindern, sich von den abstrakten Maschinen abzukoppeln, die mit ihnen gemeinsam entstanden und immer im Entstehen sind? Im urbanen Geflecht des heutigen Spaniens liegt eine erste Antwort auf diese Fragen zunächst im Hinweis auf die sich ausbreitenden Munizipalismen. Barcelona en Comú, Ahora Madrid, Málaga Ahora und viele andere sind nicht einfach nur aus Pragmatismus gerade im städtischen Rahmen entstanden, als Notlösung zur Übernahme kleinerer Staatsapparate, überschaubarerer Ministaaten, sofern der nationale Rahmen zu groß wäre. Die Größenordnung ist wichtig, aber vor allem deswegen, weil es gerade auf der Ebene der Städte die Chance gibt, den institutionellen Apparat nicht einfach zu übernehmen, sondern ihn zu verändern, instituierende und konstituierende Prozesse zu starten, die die Form der Institution selbst in Frage und auf die Probe stellen.[6]

Die konkreten munizipalistischen Maschinen greifen ein in die städtischen Apparate, sie versuchen sie umzubauen, sie versuchen die Subjektivierungsweisen der in ihnen Arbeitenden zu verändern, während und inmitten ihrer Arbeit. Doch um diese schwierige Aufgabe zu leisten, braucht es auch Wunschströme, translokale Verkettungen, abstrakte Maschinen, die die konkreten munizipalistischen Maschinen durchziehen und mit sich mitreißen. Hier liegt es zunächst nahe, die Netzwerke zu thematisieren, die sich mit den Munizipalismen entwickeln: die interurbane Bündelung der Energien in Versammlungen wie macuno in Málaga (Juli 2016)[7], makdos, mactres, maccuatro in Pamplona (Januar 2017), A Coruña (Oktober 2017) und Madrid (Juni 2018), bei denen Hunderte von Protagonist_innen der munizipalistischen Bewegung zusammenkommen, um aktuelle Probleme und Herausforderungen gemeinsam zu diskutieren; aber auch die entstehenden translokalen Netzwerke wie jenes der Refugee-Städte oder jenes der Digital Sanctuary Cities[8].

Und dennoch reicht das Konzept des Netzwerks als nachholende Verknüpfung vorher bestehender Punkte nicht aus, um das Verhältnis von konkreten und abstrakten Maschinen zu denken. Der Komplexität der Entwicklungen von subsistenziellen Territorien und ihren abstrakten Maschinen entsprechend ist es vielleicht besser, mit Anne Querrien von Netzen der De- und Reterritorialisierung zu sprechen, von Strömen, die die Städte wie die Barrios durchziehen. Querrien zieht es vor, „nicht von der Stadt, sondern von einem Netz von Städten zu sprechen, mithin von Territorien, die von Straßen und anderen Verkehrswegen durchzogen sind, welche an geschichtlich etablierte und destrukturierte Kräfteverhältnisse angeschlossen sind und die hierarchisierten Städte ihrerseits an diese Kräfteverhältnisse anschließen. Die Stadt deterritorialisiert sich, sie tritt zur Seite im Verhältnis zu den sie durchziehenden Strömen, die sich im Lauf der Zeit vervielfältigen.”[9] Diese Ströme, die nicht nur ganze Städte, sondern auch die subsistenziellen Territorien in ihnen durchziehen, formen und verformen das offene Immanenzfeld des Territoriums. Während das subsistenzielle Territorium keineswegs ein abgeschlossenes Feld ist, niemals gleich und ausgeglichen, sind die strömenden, dividuellen, translokalen, abstrakten Maschinen ebenso wie das subsistenzielle Territorium als Milieu, als Midstream, als strömende Mitte zu verstehen.


4. Technökologie

Diese Milieus der konkreten und abstrakten Maschinen, der subsistenziellen Territorien und dividuellen Ströme lassen sich nicht nur über klassische Kollektivität in direkter Kommunikation denken, seien sie nun lokal oder translokal. Die Sorge-Ökologie der subsistenziellen Territorien ist immer auch angebunden an neue mediale Dispositive, an „soziale“ Medien als abstrakte Maschinen, sie sind damit auch Technökologien. In Lagunillas etwa werden sogar Whatsapp-Gruppen für die Organisierung verwendet, der Facebook-Messenger wird umfunktioniert zu einer widerständigen Informationsplattform über die Stadtplanung oder zur Organisierung von kleinen Aktionen wie der Besetzung und Umgestaltung der kleinen Victoria-Kent-Brache. Das in diesem Zusammenhang gestaltete Mural fragt: Victoria de quien? Wessen Sieg? Nach wessen Sieg ist die Calle Victoria benannt? Aber vor allem auch: Wessen Victoria Kent? Wem gehört das Gedächtnis der sozialistischen Republikanerin Victoria Kent? Wer gab der Verwaltung das Recht, das Geburtshaus Victoria Kents abzureißen, das ein Jahr zuvor noch am Ort der Brache stand? Wem gehört die Brache jetzt? Was soll mit ihr in Zukunft geschehen?

Involviert in die Organisierung eines Filmzyklus, in dessen Rahmen parallel zum großen Filmfestival Málaga auf der Victoria-Kent-Brache für drei Tage Filme zur Frage der Gentrifizierung gezeigt werden sollten, musste ich gerade für diese Tage zu Meetings und Lehre nach Zürich. Doch obwohl weit weg fühlte ich mich als Rad dieser Maschine, als wäre ich Teil dessen, was in Lagunillas geschah. Ein extrem intensiver Strom von Whatsapp-Nachrichten begleitete meine Tage in Zürich – drei Whatsapp-Gruppen, die überflutet wurden mit Hunderten von Messages zur Organisation, zu technischen Details, und politischen Äußerungen. Ich war in der reißenden Mitte der Konstruktion einer neuen kleinen Welt. Ich erfuhr die hektischen Vorbereitungen, den Druck, rechtzeitig fertig zu werden, die immer neuen Ideen für den Rahmen der Filmpräsentationen, die Suche nach technischer Ausrüstung, den roten Teppich und die vielen kleinen Details der Performance. Und ich erfuhr auch den abrupten Abbruch der Veranstaltung durch die Polizei und den Zusammenbruch der sozialen Maschine am zweiten Tag. Wessen Sieg?

Klassischerweise wird die Frage nach der Funktion von Medien für Mikropolitik und soziale Bewegung so beantwortet, dass Medien als Vermittlung eingesetzt werden, zur Verbreitung der Nachricht, als direkte Linie von den Wenigen, die die Aussage begründen, hin zu den Vielen, die von dieser Aussage erreicht werden sollen. Doch das Medium ist selbst Milieu, nicht sekundäres Mittel der Vermittlung. Es dient nicht einfach zur Vermittlung eines Inhalts, und selbst die Vorstellung eines viralen Mediums ist noch immer zu sehr von der linearen Vorstellung eines zu verbreitenden Contents geleitet. Es geht nicht um Milieus als Mikrosozialitäten, die durch soziale Medien unter die Lupe genommen, vergrößert und makroisiert werden. Die abstrakten Maschinen bilden sich nicht aus kleineren, konkreteren Maschinen, sondern entstehen gemeinsam mit ihnen.

Subjektivierungsweisen in den „alten“ Massenmedien waren dazu angetan, dass sich eine kleine Zahl von Produzierenden als öffentliche Intellektuelle inszenierten, meist maskulinistisch-narzisstisch mit ihrer Bühne verschmolzen, schließlich als Massen-Medienintellektuelle gänzlich zur Funktion der Medien wurden. Sartre und Habermas im Feuilleton, Sloterdijk in der Talkshow, die „neuen Philosophen“ in allen Medien, derer ihr Narzissmus habhaft werden konnte. Subjektivierungsweisen in und mit neueren Medien funktionieren grundsätzlich anders, zerstreut, mannigfaltig. Was seit Guattaris letztem Text zwischen der Erfindung des Internets und den Entwicklungen der sozialen Netzwerke an Veränderung geschehen ist, betrifft einerseits die Ausarbeitung einer grundsätzlich zerstreuten Struktur und ihre schnellen Inbesitznahme durch Wenige. Doch das Internet wurde nicht einfach nur von ein paar Monopolisten gekapert, wie uns das viele Kommentator_innen weismachen wollen. Facebook und Co. haben vor allem die neuen Subjektivierungsweisen mitgeprägt, die uns in den „sozialen Netzwerken“ begegnen. Nicht Subjekt, nicht Aussage also, sondern Subjektivierung und Äußerungsweise. Es steht nicht wahre Aussage gegen falsche Aussage, und mit ihnen das mehr oder weniger vertrauenswürdige Subjekt der Aussage, nach dem Muster Merkel, die seriöse Aussagen tätigt, die jedem Fakten-Check standhalten, gegen Trump, der lügt, dass sich die Balken biegen. Anstelle von Aussage und Subjekt treten Subjektivierungsweise und Äußerung. Zunehmend in der Form von Wut, Angst, Hass und Häme.

Doch gerade hier, in der Mitte der medialen Subjektivierung, ergeben sich auch neue Formen der Affizierung, neue Äußerungsweisen. Es ist nach wie vor möglich, von der maschinischen Indienstnahme sozialer Medien in eine maschinische Ungefügigkeit überzugehen, anstatt des Amalgams von Ultra-Individualisierung im Netz und Wettbewerb unter den vernetzten Individuen Ausbrüche von dividuellen Strömen zu affirmieren. Wir können diese mögliche Wendung mit Guattari die postmediale Ära nennen, aber lieber noch sollten wir uns dem „post-“ verweigern und jene Technökologie hegen, in der sich Dinge, Umgebungen, Maschinen und Sozialitäten vermengen und verketten.

Für die Forcierung einer solchen Technökologie ist es erstens notwendig, grundsätzlich offene und inklusive technische Strukturen und Apparate zu erfinden. Zweitens wird es auch in der Zukunft darum gehen, die Besitzverhältnisse dieser Strukturen im Auge zu behalten. Drittens sollten technökologische Subjektivierungs- und Äußerungsweisen in den Mittelpunkt rücken, die sich in ihnen und mit ihnen und um sie herum entwickeln: anstelle von Hass, Häme, Neid, Sozio-Narzissmus, individualistischer Abgrenzung und Isolation inmitten der Sozialität treten dann Technökologien, die das Milieu produzieren und preservieren, das subsistenzielle Territorium, den Surround. Noch einmal mit Walter Benjamin: Es geht um jene feinen und spirituellen Dinge, die selbst im rohen und materiellen Klassenkampf „als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit“[10] lebendig sind. Es geht um Technökologien, die feine Dinge, kleine Gesten, ungefügige Affizierungen in der Situation der Affekt-Umhüllung hervorbringen und fördern. Nicht als zunehmend reale Technofantasien des invasiven Vordringens von Technologie in den menschlichen Körper oder des nicht-organischen Fühlens der Maschinen, sondern als umhüllender Surround, der das Soziale, das Milieu, das subsistenzielle Territorium produziert und preserviert. Gerade hier, in den feinen Hüllen der Technökologie, findet sich ein Potenzial für neue kollektive Äußerungsgefüge, für die nächste monströse Mutation der Subjektivierungsweisen, für ein Milieu, das zum reißenden Midstream wird.

 



[1] Félix Guattari, „Für eine Neugründung sozialer Praxen“, in: Ökologien der Sorge, Wien et al.: transversal texts 2017, 209-229, hier: 211, 220f.

[2] Félix Guattari, Die drei Ökologien, 2. Auflage, Wien: Passagen 2012. Vgl. auch das einleitende Zitat.

[3] Vgl. die Ausgabe des transversal-Webjournals http://transversal.at/transversal/0916.

[4] Gilles Deleuze, Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin : Merve 1997, 41f.

[5] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. I/2, „Über den Begriff der Geschichte“, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1974, 693.

[9] Anne Querrien, „Von der Architektur für die Psychiatrie zur Ökologie der Stadt. Ein Ensemble von Aktionsforschungen inspiriert durch Félix Guattari“, in Lorey, Nigro, Raunig (Hg.), Inventionen 2, vgl. auch CERFI, „Les équipements du pouvoir“, Recherches, Nr. 13, Paris 1973

[10] Benjamin, ebd., 694.