Lagunillas vor dem Zentrumsdispositiv

Auch wenn sie noch irgendwie funktioniert, ist die Marke Costa del Sol, mit der sich Málaga während der franquistischen Diktatur an den Strand- und Sonnentourismus verkaufte, ausgereizt, verbraucht und allzu sehr abhängig von den Exzessen der Finanz- und Immobilien-Industrie. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts platzte die Immobilienblase, doch die Immobilien- und Tourismus-Industrie stellte sich schnell neu auf, um eine weitere Blase zu erfinden, diesmal über die Idee der „Kultur“. Das historische Zentrum von Málaga ist zu einem großen Einkaufszentrum geworden, einer outdoor mall, die im Namen der „Kultur“ umgestaltet und für die touristische Nutzung und zum Vorteil ausländischer Investor_innen wie konservativer politischer und unternehmerischer Gruppen in der Stadt geprägt wird. Kulturverwaltung und Stadtplanung verbünden sich, vervielfachen die Anzahl der Museen, beginnen die unendliche Ausbeutung der Marke Picasso und machen damit aus Málaga eine „Kulturstadt“.

In den vergangenen Jahren hat das Kultur-Branding seine Spielräume ins Urbane und Coole ausgedehnt: Bekannte Street Artists wie Obey und Invader wurden dafür engagiert, authentisch-künstlerische Zugänge zu schaffen und von der Stadtverwaltung bestimmte Barrios und Zonen zu kolonisieren, um Luft in die Tourismus- und Immobilienblase zu pumpen. All dies geschah im Auftrag der neokonservativen Gruppe im Rathaus und vor dem Hintergrund einer institutionellen Vernachlässigung der lokalen Kreativen als Hintergrund.

Ironischerweise verweist das Stadtzentrum in der Ära des Kultur-Brandings nicht so sehr auf ein geographisches Territorium, das durch die Ablagerungen kulturellen Erbes abgrenzbar wäre, als auf eine expansive und mobile kapitalistische Lebensweise. Wie das Geld selbst, das den materiellen Bezug zum Gold verloren hat, verliert das Zentrum die materiellen Bezüge zur Zeit (zur Geschichte) zugunsten der Aneignung des Raums (Geographie). Das Zentrum verwandelt sich so in ein mobiles Dispositiv, das sich im Takt der (vereinnahmten oder überproduzierten) „touristischen Neugier“ und der städtischen Reformen und der diese begleitenden spekulativen Interessen bewegt. Die Räume werden konsumiert und die Orte ihres Gedächtnisses und ihrer Identität entleert.

Als Dispositiv aktiviert und deaktiviert das Zentrum Lebensformen in Übereinstimmung mit den Kapitalströmen und produziert, was Suely Rolnik „Luxus-Subjektivitäten“ (luxo) und „Müll-Subjektivitäten“ (lixo) nennt. Diese Entwicklung hat vielfache räumliche Ausprägungen und Konsequenzen für die lokale Bevölkerung: eine Tendenz zur Polarisierung von Reichen und Armen im Konflikt um den städtischen Raum; die Vertreibung der Anwohnenden aus den zentralen Bezirken im Rahmen der Prozesse der Gentrifizierung rund um touristische Unterkünfte; Exotisierung, Überrepräsentation und Substitution aller Arten von Codes und Praktiken der lokalen Kultur; Gleichförmigkeit durch Franchising und multinationale Marken; Preissteigerung; prekäre Arbeit etc.

Lagunillas ist ein Barrio am Rand des aktuellen Zentrum-Dispositivs und war einmal eines seiner Grenzgebiete. Heute jedoch ist es neuerdings in den Fokus der Spekulationsinteressen geraten: Jetzt wollen sie, dass Lagunillas auch Zentrum wird. Lagunillas ist ein Geflecht von Straßen mit niedrigen Häusern, in einer Ebene zwischen zwei städtischen Hügeln gelegen. Es hat in gewisser Weise das Erscheinungsbild eines Dorfes bewahrt und erlebte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Zeit des Wohlstands und der Geschäftstätigkeit, die jedoch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zurückging.

Lagunillas liegt parallel zu Cruz Verde, einem kleinen Barrio, das in den 1980er Jahren abgewertet und von Heroin heimgesucht wurde, und wo die andalusische und die lokale Regierung in den 1990ern eine Politik der Umsiedelung und Konzentrierung von vertriebenen Familien aus Roma-Barackensiedlungen und von durch die Überschwemmung von 1989 verarmten Familien durchgeführt haben. Ihr Vorhaben war es, diese Bevölkerung näher ans Zentrum zu bringen, aber weder die Probleme noch die Gewalt, von denen die Überlebensstrategien armer und stigmatisierter Menschen gewöhnlich begleitet sind, verschwanden dadurch, dass sie in einem Gebäude mit dem Aussehen eines Gefängnisses und in umliegenden Gebäuden entlang der Calle Cruz Verde konzentriert wurden. Ganz im Gegenteil: Die Situationen und Ästhetiken der Marginalität breiteten sich über die ganze Zone aus, und Lagunillas wurde von den Effekten der Cruz Verde auferlegten Konzentrations- und Kontrollpolitik eingeholt.

 
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So bot Lagunillas ein Bild der Vernachlässigung, von geschlossenen Lokalen, abgenutzten Fassaden, leeren Brachen, Müll und Schmutz. Es bekam die institutionelle Behandlung als „marginales Viertel“ und die Zone wurde in den offiziellen Klassifikationen der Viertel des historischen Zentrums als Cruz Verde – Lagunillas benannt. Durch einige lokale Geschäfte (deren Mehrheit allerdings von den großen Einkaufszentren verdrängt wurde) und das Gewebe der Nachbarschaftsvereine assistenzialistischen Zuschnitts blieb es im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts lebendig und reich an Kultur und Sozialität, unter anderem durch Verschönerungsaktionen von Fassaden und Straßen unter Beteiligung von anwohnenden Kindern, durch polemische Pressestimmen und andere Aktivitäten.
Seit ein paar Jahren wird Lagunillas nun mit neuer Bedeutung belegt: von einem verwahrlosten und gefährlichen Barrio zu einem Barrio, das der touristischen Neugier würdig ist, vor allem wegen der Graffitis, die sich über die Fassaden des Viertels ausbreiten, ohne Gewinnstreben der Graffiter@s aus der Stadt und ihrer Freund_innen auf Besuch. Und nach und nach verkaufen die alten Eigentümer_innen ihre Häuser und Wohnungen, und es tauchen Aparthotels und Airbnb auf. Gruppen von jungen Tourist_innen verbinden sich mit der visuellen Landschaft, und der Lärm der Rollkoffer mit ihrer Klangwelt. Ihrerseits verteilen nordeuropäische Immobilienfirmen Flyer an jeder Tür und ermutigen Ladenbesitzer_innen und Anwohnende zum Verkauf. Die Politik etabliert nach und nach eine Ökonomie des Opportunismus im Barrio, die die verbleibenden Bewohner_innen und ihre singuläre Lebensweise zu vertreiben droht. Der neueste Entwicklungsplan sieht vor, das Zentrum, die rentable Zone, gegen Lagunillas hin zu entleeren und das im Moment unassimilierbare Cruz Verde als neue Grenze zu belassen (was es allerdings auch in einen potenziellen Verbündeten als von Gentrifizierung betroffenes Barrio verwandelt).

Aber nicht nur Tourist_innen und Opportunist_innen, auch Kreative und Aktivist_innen sind in der nachbarschaftlichen Zusammensetzung von Lagunillas aufgetaucht. Genauer gesagt genießt, wie Deleuze es ausdrücken würde, die Nachbarschaft ein Revolutionär-Werden, und zugleich genießen auch die Aktivist_innen, Künstler_innen und Sympathisant_innen ein Nachbarschaftlich-Werden.

 
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Weihnachten 2016 besetzen Kreative aus der Nachbarschaft und Sympathisant_innen eine kleine Brache, in der früher die Autos parkten, machen sie zu einem Garten, verschönern sie und nennen sie „Victoria de Quién“[1]. Kurz darauf gründet ein Anwohnender den Verein „Lagunillas por venir“ und schafft es schnell, einen guten Teil der Nachbarschaft zur Verteidigung des Viertels und zur gegenseitigen Unterstützung zu versammeln. Auf der Plaza de la Esperanza werden Konzerte, Volksfeste mit Tombola etc. veranstaltet. Während des glamourösen offiziellen Filmfestivals von Málaga wird die Kurzfilmreihe „Lagunillas se defiende. Nachbarschaftliche Kämpfe und Gentrifizierung“[2] in der besetzten Brache gezeigt. Und es entstehen mediale Maschinen der Äußerung wie Lagunews[3], Videonachrichten über YouTube, die einerseits die Vernachlässigung des Viertels vor dem Hintergrund von Unfähigkeit, Nachlässigkeit, Opportunismus und Heuchelei der lokalen Politik und andererseits die Singularität von Lagunillas im Humor, in der Ironie und Parodie seiner Anwohnenden zeigen.


Lagunews: Technökologie oder das Gelächter des Barrios

Wo die Stadtplanungs- und Kulturpolitik sich auf den Tourismus und eine von Glamour- und Luxus-Ästhetik verführte Wähler_innenschaft richten, verorten sich Lagunews, die Nachrichten aus Lagunillas, in der Ästhetik des Mülls, des Schutts, der Hundescheiße, des Risses in der Wand, des verlassenen Lokals, der Feuchtigkeit, der kargen Straßenmöblierung, des Freaks, des barriobajero und des merdellón[4].

Auch die „Moderatorinnen“ der Nachrichten repräsentieren die Dualität von luxo/lixo, Luxus und Müll: Es handelt sich um zwei Handpuppen, Lagunilla von Bismarck und Belén Esteban. Die erstere, mit deutschem Akzent und Damenhut, ist eine Parodie auf die Figur der Gunilla Gräfin von Bismarck (Königin ohne Thron im Jetset von Marbella) und repräsentiert das glamouröse und hochkulturelle Antlitz, auf das die Designer der Marke von Málaga abzielen – Beispiele dafür sind das Museum der Baronesse Thyssen, die Renovierung der Muelle Uno, eines Teils des Hafen, der den superexklusiven Hafen von Marbella, Puerto Banús, kopiert, die Verwendung der Figur des nach Málaga zurückgekehrten Antonio Banderas für die Bewerbung von Events, Projekten, Museen, etc. Die zweite, Belén Esteban, repräsentiert eine Medienpersönlichkeit der andalusischen niedrigen oder merdellón-Kultur, die durch eine Beziehung zu einem bekannten Stierkämpfer in die Medien-Shows kam und aufgrund ihrer Fähigkeit zur Kontroverse, ihrer heiseren Stimme, ihrer Schreie, ihrer rauen Sprache, kurz: ihrer spektakulären barriobajera-Performance eine nationale Yellow-Press-Ikone wurde. Tatsächlich spiegelt Lagunews den zweiseitigen Hintergrund des touristischen und musealisierten Málaga, einen Hintergrund, der auf die Komposition der TV-Shows antwortet, in denen das Aristokratische und das Niedrige, der Luxus und der Müll einander benötigen, berühren und sich gegenseitig verdunkeln.

Doch die Erfindung von Technodispositiven wie Lagunews antwortet nicht nur auf eine instrumentell-technologische Ratio mit medienaktivistischen Zielen im Sinne der Schaffung eines Informationsmediums als Alternative zum Medien-Mainstream. Lagunews ist kein Instrument, mit dem Wahrheiten auf der argumentativen und repräsentativen Ebene bekräftigt oder entkräftet werden können, sondern vielmehr eine der Formen, die das Barrio-Machen des Barrios annimmt, eine der Äußerungsweisen, in denen durch Ironie, Parodie und Theater seine Anwohner_innen subsistieren, sich singularisieren, Gemeinbegriffe und fröhliche Affekte produzieren. Und dann lassen sie sie als ansteckende Verbindungen im Netz zirkulieren. Mehr als ein Kommunikationsmedium ist Lagunews eine Äußerungsweise, in der sich „ein Surplus des Begehrens [zeigt], das nicht allein durch die technische Nützlichkeit erklärt werden konnte“[5]. Eine technökologische Ausdrucksweise des Barrios, in der das Technologische sich mit dem Wunschfluss im Revolutionär-Werden von Lagunillas transversalisiert. Lagunews ist ein Barrio-Machen, das sich im Netz als Nebenprodukt eines vielfältigen und situierten Wissens und Augenzwinkerns kristallisiert. Es ist eine der Formen, die Kritik annimmt, wenn sie als Gelächter im Barrio-Machen und seinen Widerstandspraktiken verkörpert ist.


Barrial Geographic: Wenn der Blick des Barrios den konsumierenden Blick observiert

Ende Juli 2017. Eine Lokalzeitung widmet eine Seite einer Initiative der Firma „Málaga en el corazón“ („Málaga im Herzen“), die von einem auf Stadtplanung, Urbanismus und Immobilienmarkt spezialisierten Unternehmer geleitet wird. Die Seite wird unter der Rubrik Nachrichten präsentiert, ist aber eigentlich reine Werbung: Die Zeitung kündigt eine geführte Graffiti-Tour durch Lagunillas mit einer jungen Kunsthistorikerin als Expertin an. Die Teilnahme kostet 8 €. Es melden sich 30 Personen an. Zwei Wochen vor dem Termin versuchen einige Anwohnende aus Lagunillas, sich mit den Veranstalter_innen in Verbindung zu setzen. Keine Antwort. Auf der Facebook-Seite der Veranstaltung werden diese gebeten, sich mit dem Nachbarschaftsverein in Verbindung zu setzen. Keine Antwort. Zwei Tage vor der Veranstaltung schafft es ein Anwohnender, mit dem Unternehmer zu sprechen, der ihm antwortet, dass die Straße frei ist und dass sie tun werden, was sie wollen.

„Okay, wir auch“, dachten wir. Die Graffiter@s waren verärgert: „Was werden sie für den Unterricht zu den Graffitis berechnen, die wir gratis und für die ganze Welt gemacht haben!? Wie werden sie unsere Kreationen erklären, ohne mit uns zu rechnen!?“ Aus diesen Fragen entstand eine notwendige Debatte über den Inhalt der Graffitis. Bis zu diesem Moment hatten die Inhalte wenig mit der Lage des Barrios zu tun, sie waren nicht von einem Konflikt mit den Akteur_innen der Gentrifizierung ausgegangen. Der Fall der Zerstörung der Arbeiten von Blu und anderer Street Artists in Berlin[6] wird diskutiert. Die Graffiter@s beginnen, die Rolle ernst zu nehmen, die sie in der neuen Kultur-Immobilien-Blase spielen. Und ein paar Wochen später tauchen Graffitis auf, die eindeutig auf die Situation der Nachbarschaft bezogen sind, mit offensichtlichen Anklagen der perversen Konsequenzen des massenhaften Tourismus und des kapitalistischen Opportunismus, die aus Lagunillas ein ungemütliches oder problematisches „Asset“ machen.[7]

 
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Wir beschlossen, aktiv zu werden. Zwei Tage vor der Führung versammelten wir uns um den Vorschlag, die Besucher_innengruppe in das Objekt unseres Blicks, unserer Neugier und unseres Studiums zu verwandeln. All dies geschah in einem Kontext der spanienweiten medialen Attacke auf den zunehmend sichtbaren Widerstand von Anwohnenden in ganz Spanien gegen den Massentourismus und seine Konsequenzen. In diesen Tagen waren nur zwei Dinge in den spanischen Medien zu hören: „Venezuela“ und „Tourismophobie“. Das Wort „Tourismophobie“ begann in TV, Radio, Print und Internet zu zirkulieren.[8] Die Medien programmierten TV-Diskussionen, um einen durch das Finanz-Tourismus-Medien-Dispositiv dafür geschaffenen Begriff zu propagieren und das Unbehagen, das die touristische Immobilienindustrie im lokalen Leben auslöst, zu pathologisieren und zu entpolitisieren. Das mussten wir vor dem Hintergrund der Möglichkeit, selbst pathologisiert und kriminalisiert zu werden, bedenken.

 
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Erstens benutzten wir die Graffitis selbst, um das Unternehmen und die Teilnehmer_innen direkt anzusprechen. Wir entschlossen uns dazu, auf den zentralen Graffitis folgendes Motto anzubringen: „Die Kunst hier ist gratis. Für alle. Mein Barrio ist nicht dein Geschäft. Wenn du das Barrio kennenlernen und unterstützen willst, sende eine E-Mail an lagunillasporvenir@gmail.com“. So würde, zusätzlich zur Peinlichkeit und zur Einladung, die Nachbarschaft mit ihren Nachbar_innen kennenzulernen, die Botschaft mit jedem neuen Foto aufs Neue dokumentiert werden.

 
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Zweitens bedienten wir uns der geführten Tour, um eine Lagunews zu drehen, in der wir das Verhältnis der Vereinnahmung umkehrten und das touristische Unternehmen in der Form von Statist_innen in unsere kreative Praxis integrierten.

Drittens war die Sprache des Humors und der Parodie ebenso wie die „spontane“ Sprache des Barrios von besonderer strategischer Wichtigkeit. Parodie hat eine doppelte Bedeutung: als Opposition und Spott, und gleichzeitig als Wiederholung, die eine Differenz einführt. Es handelte sich, um Bourdieu mit Butler zu mischen, um die Beantwortung des kulturtouristischen Habitus mit einer queeren Anti-Gentrifizierungsparodie. Die Parodie erlaubte es, uns parallel zur vorhersehbaren Liturgie einer geführten Tourist_innen-Gruppe zu verorten und eine Differenz einzuführen, ein Ereignis zu produzieren und uns gegenüber der kapitalistischen Instrumentalisierung des kulturellen Reichtums des Barrios zu singularisieren. Die Führung war ein performativer Akt, durch den aus Graffitis Kunstware und Objekte von Expert_innenwissen gemacht werden sollten, aus dem Barrio ein Museum, aus den Anwohnenden Statist_innen und aus den Graffiter@s kapitalisierte Gemeingut-Produzent_innen, die Kunst und Leben im öffentlichen Raum nicht trennen. Durch Parodie, durch die exzessive Erhöhung des Stereotyps und durch das Angebot eines umgekehrten Bilds, wollten wir die performative Kraft dessen neutralisieren, was die Führung, und schon ihre Ankündigung durch die Bewerbung in der Zeitung, einführen wollte.

Parodie sollte also die naturalisierte Gewalt und ihre Ausübung aufzeigen, indem sie diese komische Weise spiegelte, aber auch so, dass die Besucher_innengruppe sich durch unsere Anwesenheit nicht in physischer Gefahr fühlen würde und es zugleich erschwert würde, uns in der möglichen Resonanz in der Presse als „radikale“ Anwohner_innen zu kriminalisieren, die unter einer „irrationalen Tourismophobie“ litten. So kleideten sich einige von uns mit Elementen, die an die Berichte von National Geographic erinnerten, und wir gingen im „Safari“-Stil ausgestattet mit unseren Kameras zu dem Event. Das europäische koloniale Imaginarium in Afrika war der Ort der exzessiven Parodie, an dem wir die kapitalistische Kolonialität in der Metropole spiegeln wollten.

 
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Die soziale Zusammensetzung der Gruppe überraschte uns. Wir hatten eine Gruppe von ausländischen Tourist_innen erwartet, doch es handelte sich hauptsächlich um Personen aus anderen Stadtteilen von Málaga, ungefähr die Hälfte jüngere und die andere Hälfte ältere Menschen. Dieses offensichtliche Paradox löst sich auf, wenn wir das Bild der Tourist_in von jenem der Ausländer_in aus dem globalen Norden trennen, vor allem in einer Stadt wie Málaga, wo wir alle Tourist_innen sind. Je mehr das touristische Dispositiv die Räume und Beziehungen formt, desto mehr wird jedeR zu seinem unmittelbaren Produkt: zur Tourist_in (und/oder auf seiner Kehrseite: zur prekären Arbeiter_in).

Der „Plan“ entstand am Weg: Wir erwarteten die Besucher_innengruppe in unserer Brache „Victoria de Quién“ und hielten unsere Kameras, Mobiltelefone, Ferngläser usw. auf sie, und zugleich filmten und fotografierten einige von uns die Szene von außen. Mittlerweile gab einer unserer Expert_innen von Barrial Geographic in komisch-akademischem Ton einen Vortrag über kulturelle Aneignung, kapitalistischen Opportunismus und touristische Gruppen in verarmten Barrios. Wir spielten, dass wir ihre Konsumpraxis zum Objekt unsrer Blicke machten, so wie unsere künstlerischen und Lebens-Praktiken durch ihre Konsumpraxis umgewandelt worden waren. Wo eine Gruppe den kollektiven Reichtum im Namen der neoliberalen Freiheit als Merkantilisierung des öffentlichen Raums privatisierte, verteidigte die andere Gruppe diesen Reichtum und gab ihm einen politischen Dreh in Richtung dieser Begriffe von Freiheit und Öffentlichkeit im Namen des Gemeinsamen.

Wie gesagt, war es nicht unser Ziel, die Besuchstour zu verhindern, sondern sie umzukehren und in Material für eine Lagunews zu verwandeln. Wenn wir schon für den Profit eines privaten Unternehmens arbeiteten, sollte die geführte Gruppe und das Unternehmen selbst als Statist_innen für Lagunews arbeiten.


Was ist geschehen? Die Politik des Ereignisses

Unsere Parole war es, nicht in dialektische Konfrontationen mit der Führerin oder mit den Teilnehmer_innen einzutreten und die Personalisierung des Konflikts zu vermeiden. Und so theatralisierten wir auch die kapitalistisch-patriarchalische wissenschaftliche Beziehung „vom Subjekt zum Objekt“, die wir über Kultur-Industrialisierung und „Expertenwissen“ erfahren hatten. Die Subjekt-Objekt-Beziehung ist eine Form der Gewalt, die auf der Aufhebung der Subjektivität der anderen beruht und eine binäre, hierarchisierte Beziehung einführt, die sich über die Zeit nur durch Zwang und Kolonisierung erhalten kann – ein Monolog von Wissen-Macht. Dieses Element der Gewalt, die wir auch auf unserer Ebene ausübten, wenn wir aus der touristischen Gruppe ein Objekt machten, könnte, so man unsere parodische Umkehrung versteht, ein Auslöser dafür sein, diese mit der Gewalt zu verbinden, mit der das Barrio die Form ihres Besuchs aufnimmt, und weiter noch, die Gewalt aller Formen von Gentrifizierung. Humor erlaubte uns, die notwendige Differenz einzuführen, unsere Geste als einen Akt defensiver Gewalt geltend zu machen. Jedenfalls wurde der Konflikt aufgeworfen. So reagierte die Tourist_innen-Gruppe und singularisierte sich auch.

Unser Anspruch, zu handeln, ohne direkt mit der Gruppe zu interagieren, war zum Scheitern verurteilt, als die Älteren uns zu fragen und ihren Besuch zu rechtfertigen begannen. Eine Frau sagte uns, sie sei gekommen, um das Haus zu sehen, wo ihre Mutter geboren wurde, und dass es dort ein schreckliches Graffiti (?) gab. Ein Mann beklagte sich bei uns, dass er, wenn die Kunsthistorikerin nicht gewesen wäre, niemals gedacht hätte, dass „das“ Kunst sei, er hätte gedacht, es sei städtischer Dreck. In einem anderen Moment kommentierte jemand, dass er die Graffitis, wenn es keine geführte Tour gegeben hätte, nie kennengelernt hätte, weil das Viertel ihm Angst machte. ... Und dann brach das Drehbuch zusammen, die Aufführungen beider Gruppen durchbrachen einander, die Gruppen mischten sich, die Gruppen-Objekte des Blicks und die Aussagen wurden zu dialogischen Subjekten, die zu Diskussionen und Gesprächen führten, in denen wir versuchten, die Motive unserer Aktion zu erklären und Einladungen auszusprechen, das Barrio zu besuchen und es zusammen mit den Anwohnenden zu unterstützen, nicht ohne sie.

An diesem Punkt gerieten die Angst und der Unmut der älteren Menschen allerdings in Gegensatz zu den Reaktionen der jüngeren. Einige kamen, sich zu entschuldigen, ihre Sympathie für das Barrio auszudrücken und zu erklären, dass sie nicht wussten, dass dieses Unternehmen nicht mit uns sprechen wollte. Sie hörten unsere Geschichten über die Konsequenzen des kulturellen Tourismus in Lagunillas (Vertreibung der Anwohnenden, Mieterhöhungen, Verschwinden seiner Singularität, Nachbar_innen, die von Räumung bedroht sind ...). Einige von ihnen verließen die Tourist_innengruppe und blieben, um mit der Gruppe der Anwohnenden zu reden. Wir tauschten Kontakte aus. Und wir beendeten es mit einem Bier in einer Bar im Barrio, wohin nach dem Ende der Tour auch die Kunsthistorikerin kam, mit der wir freundschaftlich sprechen konnten, jede_r aus ihrer Position.

Lagunillas ist ein Stadtviertel, das sich in seinen Benennungen an die Zukunft richtet - der Verein Lagunillas por venir (porvenir bedeutet Zukunft), ein Lokal und eine Facebook-Page mit dem Namen „Lagunillas: el futuro está muy Grease“ („die Zukunft wird sehr grau/Grease sein“) etc. Es nährt sich von Gesten der wechselseitigen Sorge, von Kreativität und kollektiver Intelligenz, und mit nichtkonformem Gelächter bewohnt es die Stadt im Herzen des touristischen Kapitalismus. Wird das Gelächter ansteckend sein? Victoria, ¿de quién? Wessen Sieg?

 

Link zum Video der Aktion: https://www.youtube.com/watch?v=1J8htkeH3m8&feature=youtu.be

 

 



[1] Das bis ein Jahr zuvor auf der Brache stehende, abgerissene Gebäude hatte zuvor der feministische Verein Victoria Kent gefordert. Der Name der Brache ist ein indirekter Appell an die örtlichen Behörden, ein Wortspiel mit dem Namen der sozialdemokratischen Aktivistin Victoria Kent, die um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert hier gelebt haben soll, und der Frage “Victoria de quién?”, „wessen Sieg?“ der Abriss bedeutete.

[3] Vgl. z.B. die Lagunews zur Besetzung der Brache “Victoria de quién?”: https://www.youtube.com/watch?v=i2nxReJ2Tes.

[4] Merdellón ist ein abwertender Begriff, der in Málaga für Leute aus den barrios bajos, den unteren Vierteln, und für ihre kulturellen Praktiken gebraucht wird. Auch wenn das Wort vom lateinischen merda für Scheiße abgeleitet zu sein scheint und schon im Altitalienischen gebraucht wurde, um auf  „eineN BediensteteN, der in Unsauberkeit dient“ zu verweisen, erzählt die urbane Legende, dass es vom französischen merde de gens oder gens de merde kommt. Merde de gens war der Ausdruck, mit dem die französischen Soldaten während der zwei Jahre der napoleonischen Besetzung (1810-1812) die lokale Bevölkerung benannten. Diese Erklärung des Worts lässt sich nicht als etymologische Wahrheit verteidigen, sie ist viel eher eine mythische Wahrheit populären Wissens und deren performative Wiederholung in den selbstreferenziellen Geschichten über die Stadt. Merdellón bezieht sich auf das lokale Gespenst der gewaltsamen Besetzung des Territoriums durch eine fremde oder exogene Gruppe, das Gespenst einer unbestimmten lokalen Kultur in der kulturellen Hierarchie Europas, das Gespenst der Selbstgeringschätzung und der Klassenverachtung, die heute auf eine soziale Gruppe aufgrund ihres für die touristische Besucher_in „unpassenden“ Bilds zurückfällt. Merdellón spielt auf ein Gespenst an, das die Präsenzen des Barrios durchstreift, um es abzuwerten, aber das Barrio verwandelt es in einen Aspekt der Äußerung gegen den klassistischen Druck des institutionellen Brandings im Rahmen des touristisch-kulturellen Málaga. Dies alles sollte auch den interpretativen und afffektiven Rahmen der Videos von Lagunews klären.

[6] “Berlin graffiti artists destroy their art to fight gentrification”, http://skrufff.com/2014/12/berlin-graffiti-artists-destroy-their-art-to-fight-gentrification/

[7] Auch wenn sogar politisierte Graffitis und Aktivismus der Gentrifizierung eines Stadtteils Energien zuführen können, ist die neokonservative Regierung von Málaga äußerst tendenziös und repressiv in Bezug auf die Sichtbarkeit von Äußerungen im öffentliche Raum. Im April 2017 bedrohte die Gemeinde Málaga einen marokkanischen Verein mit einer Geldstrafe von 600 €, wenn das Wandbild nicht von dessen Tür entfernt würde, auf dem ein junger Marokkaner zu sehen war, der hinter dem Grenzzaun auf Europa sah, und eine schwarze Frau mit einer Waage, auf der geschrieben stand: „Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Gleichheit“. http://cadenaser.com/emisora/2017/04/18/ser_malaga/1492532927_225371.html. Noch drei Jahre zuvor war Obey von der Stadtregierung für ein riesiges Wandgemälde engagiert worden, dessen ursprüngliche Botschaft „Frieden und Gerechtigkeit“ lautete. Obey änderte sie auf Wunsch seiner Mäzene allerdings in „Frieden und Freiheit“, eine viel bequemere Botschaft für die Neokonservativen. Siehe Rogelio López Cuenca, “Obey en Málaga”,  https://contraindicaciones.net/obey_en_malaga_un_analisis_de_rogelio_lopez_cuenca/.