AND Publishing "Working in The Edges" book launch at The Showroom, London 20 Jan 2014 ; Photo Eva Weinmayr


1. „Man publiziert, um Genossen zu finden!“ (1997: 52). Diese Aussage von André Breton ist ein so passender Ausgangspunkt wie jeder andere, um eine Diskussion darüber zu beginnen, was ein Aufstand der Verlegten bedeutet oder bedeuten könnte. Denn was Breton hier sagt, ist keine lockere Ansage, sondern vielmehr etwas, worüber es sich tatsächlich nachzudenken lohnt, wenn man über die gegenwärtigen Verschiebungen im sich verändernden Verhältnis von Veröffentlichen, Politik und Kulturarbeit im Allgemeineren nachdenken will. Denn Breton sagt hier nicht, dass veröffentlicht wird, um etwas zu propagieren oder zu streuen, das bereits vollständig begriffen worden wäre: Es geht nicht darum, eine Offenbarung publik zu machen oder einer imaginär bereits bekannten Leser_innenschaft etwas zu Bewusstsein zu bringen. Breton beschreibt vielmehr etwas, was man als das Öffentlich-Machen einer Resonanz bezeichnen könnte; das heißt, es geht nicht um eine Veröffentlichungspraxis, die notwendigerweise darauf aus ist, irgendwen von irgendetwas zu überzeugen, sondern vielmehr um eine Praxis, die die Bedingungen für eine Koproduktion von Bedeutung schaffen will. Veröffentlichen ist also nicht notwendig das, was am Ende eines Denkprozesses steht – das Vorbringen einer künstlerischen oder intellektuellen Arbeit –, sondern vielmehr soll damit ein sozialer Prozess eingeleitet werden, in dem sich diese Arbeit weiter entwickeln und entfalten kann.

2. In diesem Sinne wäre es möglich, dass die Organisation dieses produktiven Prozesses der Veröffentlichung ebenso wichtig ist wie das, was produziert wird. Wie das? Weil Veröffentlichen neue Formen sozialer Verhältnisse ins Leben rufen will, Verhältnisse, die durch die stetige Ausweitung und Entwicklung der Publikationstätigkeit möglich werden, dadurch, dass soziale Verhältnisse mit Leben gefüllt werden. Beim und durch das Veröffentlichen selbst werden demnach bestimmte Potenziale zur sozialen Kooperation wachgerufen, die kostbar und wertvoll sind, selbst wenn das, was als Endprodukt produziert wird, vielleicht im Ergebnis nicht herausragend ist. Vielleicht ist das letztlich gar nicht so wichtig. Kurz: Veröffentlichen bedeutet eher, einen Prozess einzuleiten, in dem verkörpertes Wissen und Verstehen produziert und reproduziert werden, als unveränderliche Objekte zu schaffen, in denen vollständiges Verstehen fixiert und eingeschlossen ist. Die Produktion eines Zusammenhangs geteilter Bedeutung und Zusammenarbeit, die Produktion einer Öffentlichkeit birgt oft einen größeren Reichtum in sich als ein einzelner Text. Die Produktion eines Textes kann nur wertvoll werden aufgrund der sozialen Verhältnisse, in die sie eingelassen ist und durch die Bedeutung produziert wird.

3. Das ist auch der Grund, weshalb Formen sozialer Bewegung und Veränderungen in der Medienproduktion historisch eng miteinander verbunden waren. Deutlich wird das in Sean Stewarts exzellentem Buch On the Ground (2001), das die Verbindung zwischen der Entwicklung von Underground- und gegenkulturellen Szenen sowie dem Auftauchen alternativer Publikationsformen in den 1960ern untersucht. Eine vergleichbare Beziehung zeigt sich auch in der Entwicklung radikaler Politik in den 1970ern – insbesondere in Zusammenhang mit Punk, dem Auftauchen der Produktion von Fanzines und der Verwendung von Fotokopiermaschinen –, die schon oft Gegenstand von Untersuchungen war (Duncombe 2008). Ähnlich hat auch Jodi Dean nahegelegt, dass während der Formierung der Bolschewistischen Partei Notwendigkeiten eine große Rolle spielten, die sich aus dem Betrieb einer Tageszeitung mit den für ihre Aufrechterhaltung verbundenen intensiven Verpflichtungen und Organisationsformen ergaben (2012). Diese Einsicht bedeutet nicht, einem Techno-Determinismus in der Manier McLuhans zu verfallen, bei dem die Veränderungen in der Medienform sich unmittelbar in die Veränderungen der sozialen Zusammensetzung einschreiben und diese determinieren. Vielmehr bedeutet es, anzuerkennen, dass Medienproduktion und Kulturen sozialer Bewegungen eng miteinander verflochten sind und dass auch die Verschiebungen zwischen ihnen kompliziert und vielschichtig sind.

4. Man könnte vermutlich noch eine ganze Reihe anderer Beispiele anführen, um über das Verhältnis zwischen den Veränderungen in Print und Politik nachzudenken; man könnte eine vergleichende Analyse durchführen und zeigen, was diese Veränderungen für die darin Involvierten bedeutet haben. Dies könnte nützlich sein und vielleicht zu einer verfeinerten Grammatik politischer Subjektivierung in Zusammenhang mit den sich verändernden Printpolitiken führen.[1] Und danach könnte es um die Explosion der Begeisterung gehen, die mit den diversen Wellen und Veränderungen während des Entstehens der Netztechnologie einherging und die sich nach dem wiederholtem Platzen der unterschiedlichen Techno-Blasen stets wieder einstellte, um sich mit jeder neuen, nachfolgenden Form von technologischer Interaktion – von Blogs bis hin zu sozialen Medien – neuerlich auszubreiten (Henwood 2003). Doch so wichtig diese Lektionen auch wären, die Diskussion um einen Aufstand der Verlegten würde in jedem Fall bedeuten, zu diesen früheren Momenten zurückzukehren, um aus ihnen zu lernen, wie die Dynamiken der Gegenwart adressiert werden können. Was sind die gegenwärtigen Bedingungen der Print-Politik als Wirkungen der sich verändernden Regime von Arbeit, Kultur und Medien?

5. Man mag versucht sein, über die gegenwärtigen Dynamiken der Printveröffentlichung so nachzudenken, wie dies David Batterham mit seiner klugen und nur so hingeworfenen Bemerkung tut, wenn er behauptet, dass die meisten Buchhändler_innen ziemlich eigenartig seien, was, wie er meint, überhaupt nicht überraschend sei, „weil wir es alle geschafft haben, regulärere Arbeitsformen zu vermeiden oder diesen zu entwischen“ (2001: 7). Das Problem mit dieser Beobachtung ist lediglich, dass – während es einst möglich gewesen sein mag, „regulärere Arbeitsformen“ dadurch zu vermeiden, dass man bestimmte Formen literarischer und Publikationstätigkeit verfolgte – es heute vielmehr so scheint, als sei es die Arbeit, die sich uns entzieht, weil es in den Verlags- und Medienindustrien ganz allgemein nur noch eine geringe Zahl von ordentlich bezahlten Jobs gibt. Letztens diskutierte ich mit einem Freund, der für einen einigermaßen großen Verlag arbeitet und davon sprach, dass er fast vierzig sei, etwas arbeite, das dem, was er als seinen Traumjob bezeichnen würde, sehr nahekomme, dass er aber immer noch mit drei anderen gemeinsam eine Wohnung teilen und mit einem Einkommen sein Auslangen finden müsse, das eher einer studentischen Existenz entspreche als jemandem, der seit mehr als zehn Jahren in einem professionellen Job arbeite. Man könnte versucht sein, dies, wie es etwa Jaron Lanier (2013) tut, als Teil einer allgemeineren Demontage von Mittelklassejobs, insbesondere bei bestimmten Formen von Kulturarbeit und Medienproduktion, zu beschreiben, die auf die Auswirkungen der Netzwerktechnologien und -Arbeit zurückzuführen ist.

6. Erleben wir nun also den Niedergang des Gedruckten? Alessandro Ludovico hat jüngst ein exzellentes Buch geschrieben, in dem die Geschichte dieser Behauptung von 1984, als sie zum ersten Mal aufgestellt wurde, bis heute nachzeichnet wird (2012). Es ist, angesichts dessen, dass es nunmehr möglich ist, diese Idee über mehr als ein Jahrhundert zu verfolgen, vielleicht nicht überraschend, dass der drohende Niedergang des Drucks aufs Neue ein wenig übertrieben scheint. Dass jedoch die gedruckte Form eher nicht untergehen wird, heißt nicht, dass sie sich nicht grundlegend verändert, zumal die permanenten technologischen Veränderungen und die Dynamiken der digitalen Welt sie auf drastischste Weise betreffen. Die gedruckte Veröffentlichung wird auch durch  kollidierende Anforderungen und Rollen transformiert, ist in sich verändernde Erwartungen hinsichtlich der Rolle der unterschiedlichen Medien eingelassen und kann sich mit verschiedenen Medienplattformen verbinden. Ludovico legt nahe, dass diese Veränderungen in Politik und Veröffentlichung paradoxerweise zum Wiederaufleben der Printform führen könnten. Ich persönlich würde diese Entwicklung sehr begrüßen, da trotz der explosionsartigen Zunahme von Materialien, die mit digitalen Medien geschaffen werden, eine gewisse Haptik verloren geht. Das Wiederaufleben der gedruckten Form hätte wohl kaum ein Massenmedium zur Folge, sondern würde vielleicht eher analog zur Rückkehr des Vinyl verlaufen, das als für seine ästhetischen Qualitäten gefeiertes Medium den Aufstieg der digitalen Medien in der Musik begleitet hat.

7. An diesem Kreuzungspunkt von sozialen und technologischen Dynamiken würde ich gerne das Projekt Minor Compositions verorten – eine Buchreihe, die ich seit 2009 im Auftrag von Autonomedia herausgebe und betreue. Der Zugang und die Orientierung von Minor Compositions stehen ganz allgemein in engem Zusammenhang mit der Geschichte von Autonomedia. Autonomedia veröffentlicht seit den frühen 1980er Jahren Werke anarchistischer und autonomer politischer Theorie, Kultur und Geschichte. Minor Compositions war zunächst ein Nebenprojekt von Autonomedia, insofern es Teil dieses Verlags war (und ist),  jedoch mit einem hohen Maß an verlegerischer Unabhängigkeit arbeitet. Und da Autonomedia immer skeptisch war hinsichtlich des intellektuellen Eigentums und der Einschließung von Wissen durch Copyright, hat dies ganz generell bedeutet, dass wir zufrieden waren, wenn andere Leute die von uns verrichtete Arbeit aufgriffen und frei verteilten. Genau das geschah in einigen Fällen. Das hatte breiter gefächerte sowie avancierte Distributionsformen zur Folge, als dies sonst der Fall gewesen wäre, wie etwa bei der großflächigen Verbreitung der Schriften von Hakim Bey und Peter Lamborn Wilson. Zumeist bedeutete dies nicht, dass die fertigen Buchdateien ins Netz gestellt wurden. Dies geschah erst ist einem weiteren Schritt von Minor Compositions, durch den die fertig gestellten PDFs eines jeden produzierten Titels für den freien Download verfügbar wurden. So verfuhren wir mit allen 19 bisher produzierten Titeln. Das Verhältnis zwischen dem freien Teilen von Information und der Fähigkeit des Projekts zur Selbsterhaltung ist jedoch komplex, insofern, als das freie Teilen zum Teil beachtliche Kosten verursachte, jedoch auch Nutzen brachte, was das Zirkulieren und Entwickeln von Ideen angeht.

8. Doch es bleibt die Frage, was dies für die Politik des Open-Source-Publishing bedeutet? Können wir sagen, dass es immer noch eine Politik gibt, die für Open Publishing eintritt, jetzt da es, wenn auch deformiert und verwässert, zur ausdrücklichen Politik unzähliger Regierungen wurde? Ich würde sagen, ja, Open Publishing birgt immer noch politische Potenziale in einem und für einen Aufstand der Verlegten, aber sie sind undeutlicher und gleichzeitig vielschichtiger denn je. Schien es vor einigen Jahren noch vernünftig, den Akt des Open Publishing selbst als Grundlage einer Politik zu verstehen und darin eine Antwort auf das Argument von Konservativen wie Mark Helprin zu sehen, die denjenigen, die sich in Open-Source-Kulturproduktion involvierten, vorwarfen, sie seien die Vorbot_innen einer neuen digitalen Barbarei (2009), so ist das heute nicht länger der Fall. Der Akt und auch der Prozess des Open-Source-Publishing bietet keine ausreichende politische Grundlage mehr. Vielmehr geht es, um auf Breton zurückzukommen, um die Frage, was der Prozess des Open Publishing ermöglicht. Das ist das Argument von Gary Hall, einem der Gründer der Open Humanities Press, der sagt, dass „die Ethik und Politik der Open-Access-Publikationen und -Archive nicht bereits fix und fertig zur Verfügung stehen, sondern von ihren Anwender_innen im Prozess der Verwendung selbst produziert und erfunden werden müssen“ (2008: 27).

9. Das hat zur Konsequenz, dass der ständige Rekurs auf den Begriff der Offenheit bzw. das ständige Beschwören derselben wohl eine Vorbedingung für den Aufstand der Verlegten sein mag, dies jedoch nicht sein einziges Charakteristikum ist. Vielmehr landen wir bei Fragen wie: Wie, wodurch und von wem wird diese Offenheit begründet? Oder vielleicht noch grundsätzlicher: Was ist das Offene beim Open Publishing? Welche Arten von sozialen Verhältnissen werden dadurch befördert? Und welche sozialen Verhältnisse werden tendenziell verhindert? Wie kann Open Publishing die Sozialität im Veröffentlichen befördern, für die jemand wie Breton steht? Eine interessante, wenn auch etwas seltsame Weise, über diese Art von Fragen nachzudenken, wäre ein Rückgriff auf Agambens Kommentar zu Jakob Johann von Uexkülls Forschung zu Zecken (2004). Wie Uexküll zeigt, ist die Zecke vollkommen offen für die Welt. Aber er sagt auch, dass ihre Offenheit eher beschränkt bleibt: Sie spürt die Bewegung warmblütiger Säugetiere, die sich unter ihr befinden, sodass sie sich auf diese fallen lassen, die für sie notwendige Nahrung einsaugen und dann sterben kann. Diese Version des Offenen resultiert nicht in einer uneingeschränkten Fähigkeit zu werden und sich zu verändern. Vielmehr geht es um die Fähigkeit des Organismus, mit seiner besonderen Welt zu interagieren. Es ist nicht richtig, zu sagen, die Zecke sei nicht offen für die Welt. Sie ist so offen, wie sie es sein kann, und erhält sich selbst durch dieses Verhältnis zur Welt.

10. Der Aufstand der Verlegten muss von folgenden Fragen seinen Ausgang nehmen: Was ist Offenheit für die Welt, die durch die sozialen Verhältnisse des Veröffentlichens, in denen wir derzeit selbst stehen, produziert wird? Das ist keine Frage, die allein dadurch beantwortet werden kann, dass die Politiken der Medienproduktion für sich selbst oder die in die Medienproduktion gesteckte Arbeit betrachtet werden – egal wie unmittelbar politisch oder unpolitisch diese zu sein scheinen. Es ist vielmehr eine Frage der Medienökologien, wo Printpolitiken in größere Ökologien der Produktion, Zirkulation, Distribution und Konsumption von Medien eingebettet sind – in einer Zeit, in der die Differenz zwischen diesen ehemals gesonderten Tätigkeiten immer mehr ineinander zu verschwimmen begonnen hat. Es geht nicht nur darum, wie diese autonome Print- und Medienproduktion am besten zu organisieren ist – obwohl das eine wichtige Aufgabe darstellt –, sondern auch darum, wie Öffentlichkeiten und undercommons am besten organisiert werden können, die sich durch eine autonome Medienproduktion artikulieren, einen Beitrag leisten zur kontinuierlichen Entwicklung und Lebenswelt dieser autonomen Medienproduktion und sich in sie einspeisen. Wie Breton auch heute noch sagen würde, man publiziert, um Genoss_innen zu finden, aber nicht nur Genoss_innen als Konsument_innen von Information oder Medien, sondern vielmehr als Mitkonspirator_innen und Kompliz_innen.


Literatur
Agamben, Giorgio (2003): Das Offene. Der Mensch und das Tier. Übers. v. Stefan Monhardt, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Batterham, David (2011): Among Booksellers: Tales Told in Letters to Howard Hodgkin. York: Stone Trough Books.
Breton André (1997) zitiert in Gareth Branwyn: Jamming the Media: A Citizen’s Guide Reclaiming the Tools of Communication. Vancouver: Chronicle Books.
Dean, Jodi (2012) The Communist Horizon. London: Verso.
Duncombe, Stephen (2008) Notes from the Underground. Bloomington: Microcosm.
Hall, Gary (2008) Digitize This Book! The Politics of New Media, or Why We Need Open Access Now. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Helprin, Mark (2009) Digital Barbarism: A Writer’s Manifesto. New York: Harper.
Henwood, Doug (2003) After the New Economy. New York: New Press.
Lanier, Jaron  (2013) Who Owns the Future? London: Penguin.
Ludovico, Alessandro (2012) Post-Digital Print – The Mutation of Publishing since 1894. Eindhoven: Creating 010.
Stewart, Sean (2011) On the Ground. Oakland: PM Press.
Negt, Oskar und Alexander Kluge (1972) Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

 



[1] Es gibt zahlreiche Forschungszugänge über mehrere Felder hinweg, die sich dieser Frage ausführlich gewidmet haben, von der Arbeit von Habermas zum Aufstieg der Öffentlichkeit über Negt und Kluges Begriff einer proletarischen Öffentlichkeit (1972) bis hin zu Michael Warners und Nancy Fracers Aktualisierungen und Ausweitungen der Theorie der Öffentlichkeit.