Wie kann ein Ort, an dem in der Vergangenheit so furchtbare Dinge geschehen sind, heute ein Ort sein, aus dem wunderschöne Projekte hervorgehen? Diese Frage, die ein Mitglied der sozialen Kooperative Agricola Monte Pantaleone aufwarf, als es die Karte der 1907 erbauten Klapse von Triest kommentierte, benennt genau das Problem der Invasion, das ich hier ansprechen möchte. Es soll mir bei der Problematisierung jenes dichotomen Verständnisses helfen, das die institutionelle Reproduktion der institutionellen Transformation entgegensetzt. Die Invasion scheint mir eine Praxis, die sich an der Kippe zwischen Reproduktion und Transformation abspielt, die aber über die Veränderung hinaus auch eine Praxis der Transition uund der Regulierung ist.

Zunächst eine kurze Skizze des Verlaufs des Basaglianischen Projekts: 1971 gibt es in Triest 1300 Psychiatrie-Insass_innen, denen Freiheit und Würde verweigert wird und die Gewalt und Folter ausgesetzt sind; in ganz Italien sind es mehr als 100.000 Insass_innen. Der Tod ist der einzige Ausweg aus der Klapse. 1981, zehn Jahre nach der radikalen Neuerfindung der Psychiatrie durch Franco Basaglia und sein Team stimmt die italienische Gesetzgebung schließlich der Schließung aller Asyle zu: die Internierung wird verboten, und die „Verrückten“ erhalten Bürgerrechte sowie soziale und politische Rechte. Das Asyl in Triest schließt tatsächlich, und an seiner Stelle wird der Park von San Giovanni eröffnet. In jedem Stadtbezirk werden rund um die Uhr geöffnete Zentren mit Betten und offenen Türen (um rein- oder rauszukommen) eingerichtet (Mezzina 2000). Mit Unterstützung der Abteilung für psychische Gesundheit wurden seit 1991 mehr als zehn Kooperativen aufgebaut und Bildungszuschüsse, Community Budgets sowie andere ökonomische Hilfsmechanismen organisiert. Es gibt Wohnungen, Nachbarschaftsdienste und Mechanismen der familiären Integration, um den Nutzer_innen ein unabhängiges Leben zu ermöglichen. Die Invasion Basaglias ins allgemeine Gesundheitswesen mündet in eine Reihe von lokalen Sorge- und öffentlichen Gesundheitsdiensten, vor allem durch gemeinschaftliche medizinische Versorgung.

Heute verliert man sich in Triest in einem physischen, sozialen und mentalen Ort, wie er sich in den letzten vierzig Jahren aus Kämpfen über Grenzen, Geschichten, Leben, Praxen, Objekte und Orte herausbildete. Es sind immer mehrfache Kämpfe: Kämpfe um die Bürgerrechte von Verrückten, für die Befreiung der Subjektivitäten, gegen Marginalisierung und Stigmas, für Autonomie und Unabhängigkeit, für das Recht zu gehen und zu bleiben, für und gegen Medizin, um Wissen und Praxen, um den Status von Leuten und Orten, um Dinge zu etablieren und abzuschaffen, um die Missachtung oder das Verfassen von Gesetzen, für das Verdienen oder Ausgeben von Geld. Und es sind immer mannigfaltige Körper: die Verrückte, die Politiker_in, die Träumer_in, die Verzweifelte, die Aktivist_in, die Ärzt_in, die Gewissenhafte.

Aus dieser mehrfachen und mannigfaltigen Invasion ins Gesundheitswesens resultiert eine für unsere Gegenwart entscheidende Frage: Welchen Beitrag können Institutionen in der gegenwärtigen Krise leisten, um neue Möglichkeiten für ein soziales Leben zu schaffen? Auf dem Spiel steht keine deskriptive oder normative Definition des Wohlfahrtstaats, sondern eine transversale Analyse und Intervention in den Einfluss des Staats auf das Leben der Stadt. Dafür ist es notwendig, sich auf die „instituierende Möglichkeit“ einzulassen, um die molare Logik des Instituierten herauszufordern und in und durch die Institution, auf verschiedenen, aber miteinander verbundenen Ebenen, ein neues Set von sozialen Interaktionen hervorzubringen.

Ich habe versucht, der Frage der Intervention über verschiedene Worte und Welten zu begegnen. Invention, Invasion und Transition waren wie Quito, Barcelona und Triest materielle und konzeptionelle Orte für die Analyse und Umsetzung einer Möglichkeit der Transition, wenn sich diese Trennlinie so ziehen lässt. Die Linse der Invasion hilft möglicherweise, um sich dem institutionellen Raum nicht nur in molaren Begriffen zu nähern und sich damit eine Praxis der Transformation der molekularen Dynamiken der Institution als eine Weise vorzustellen, die sich nachhaltig auf ihre allgemeinen Funktionsweisen auswirkt.

In dem heute durch die Möglichkeit eines radikalen Managements von Wohlfahrtssystemen und öffentlichen Politiken auf lokaler Ebene eröffneten Raum, wie etwa in den spanischen municipalismos, ist es nötig, die instituierende Dimension der Politiken und Praxen auf der Schwelle der öffentlichen Dienste anzusiedeln.1

Die Intervention in den Staat kann nicht nur vertikal erfolgen – entlang einer bürgerlichen Linie der Repräsentation, die über Normen in den Staat und von dort in die reale Gesellschaft interveniert. Die Herausforderung besteht in der Verbindung der kritischen Praxis mit einer materiellen Operativität. Der General Intellect muss in Gang gesetzt werden, wenn Prototypen produziert werden sollen, die die seriöse Geste der Institution aus der Balance bringen können.

In diesem Sinn versuche ich mich auf der Grenze der Institution zu verorten, wo kompositionelle Dispositive geschaffen werden können, auf der Schwelle, von der die Invasion ihren Ausgang nehmen kann, an dem Ort, an dem eine Transition unumkehrbar werden kann. Es geht um Verfahren und Vorgaben, die den Raum der Institution offen halten können, nicht nur als Forderung nach Transparenz, die es auch denen außerhalb des Palastes ermöglicht, zu sehen, was drinnen geschieht, sondern als Zulassen einer permanenten Invasion, die neue Formen des Tuns instituiert. Die Materialität der Schwelle ist vielleicht der Ort, an dem wir Henri Lefebvres Appell an einen ökologischen Zugang zur Produktion der Stadt Folge leisten können. Sie ist der Ort, von dem aus die Stadt und die Kräfte einer urbanen Produktion im Werden wahrgenommen und entworfen werden und sich der strategischen Produktion öffentlicher Politiken als aufgezwungener Bedeutungssysteme, die „in die Realität“ intervenieren, entgegensetzen.

Die Möglichkeit der Erfindung einer anderen institutionellen Praxis, einer Affizierung des sozialen Lebens, ist es, was ich untersuche, wenn ich mir die Dienste des sozialen Gesundheitswesens von Triest ansehe. Denn die Praxen des Gesundheitswesens in dieser Stadt stehen für ein radikales Experimentieren mit Partizipation, nicht als beratende Praxis darüber, was der Staat tun sollte, sondern als Praxis, die neue Weisen des Tuns instituiert. In den Worten einer Arbeiterin im Gesundheitswesen, mit der ich in Triest zu tun habe: Die Produktion von Diensten, bei denen die Schwelle bei Null liegt, ist tatsächlich eines der Unterscheidungsmerkmale der territorialen Praxen des Gesundheitswesens. Es geht um einen Raum des Kontakts mit dem Staat, in dem „Versorgung“ und „Dienst“ nicht kodifiziert sind, einen Ort, der allen offen steht und auf jedes Bedürfnis zu antworten versucht.

In den Microarea-Programmen – einer Reihe von Interventionen in verschiedene gefährdete urbane Räume, in denen sich Programme des Gesundheitswesens, soziale Dienste und Unterbringungsmöglichkeiten überschneiden und lokale soziale Netzwerke in den Entwurf von mikro-öffentlichen Sorgepolitiken miteinbeziehen – wird die Rolle der öffentlichen Arbeiter_in nicht durch eine Reihe von Begrenzungen und Pflichten zur Involvierung der Bürger_in bestimmt: als Teil des Staats, als objektive Empfänger_in von Ressourcen, Aufmerksamkeiten und Begünstigungen. Im Gegenteil, die singuläre Geschichte erscheint selbst als ein Narrativ und ist für sich selbst genommen ein Raum – es könnte sich etwa um eine Frau handeln, die sich von einem medizinischen Eingriff erholt und alleine lebt. Sie kann zwar nicht richtig gehen, möchte aber nicht in einem Reha-Zentrum bleiben, also überlegt sich die Arbeiter_in eine Reihe von Ressourcen, die über die öffentlichen und sozialen Netzwerke des Wohlfahrtstaats sowie über die öffentlichen Institutionen und die unternehmerischen und sozialen Netzwerke der Stadt als Reaktion auf diese Situation aktivierbar sind. Dafür muss sie sich mit einer Reihe von Ebenen und Vorgaben, Genehmigungen und Hierarchien, Logiken und Werten auseinandersetzen und sich über verschiedene Agent_innen, Verbündete und Instrumente zu helfen wissen.

Anders gesagt findet die Produktion der Versorgung auf dieser Schwelle statt, als ein Dispositiv der Destitution und Institution einer Praxis. Während einer informellen Unterhaltung erzählte mir eine Arbeiterin, dass es in der Microarea „keine Schwelle gibt: Es gibt den Dienst und den Raum, der bewohnt werden muss.“ Die staatliche Grenze wird durch die Produktion von Schwellen der Invasion konkret infrage gestellt, die, anstatt die Bürger_in im Verhältnis zum Staat zu individualisieren, ein kollektives Ethos bilden, das aus Verantwortung, Reziprozität und Inklusion besteht.

Es ist ein kollektives Ethos, das in den Staat eindringt und die Stabilität der früheren institutionellen Praxis hinterfragt. Die Microarea-Arbeiterin2 meldet sich bei den sozialen Diensten der häuslichen Unterstützung, das heißt, sie ruft eine bestimmte Person an, die daran interessiert sein könnte, eine Lösung zu finden. Durch diesen Kontakt kommt sie an die jungen Leute im Umfeld des „Solidaritätsdiensts“, an Gymnasiast_innen, die für ihre Teilhabe in den lokalen Solidaritätsnetzwerken jährlich einen kleinen Bonus erhalten. Sie besprechen die Sache und einigen sich auf ein Treffen mit der Frau, um zu sehen, wie sie ihr helfen können. Gleichzeitig kann ihr das Netzwerk lokaler Unternehmen ihre Einkäufe liefern und die Microarea-Arbeiterin informiert die Leute, die sich um den Gemüsegarten in ihrem Häuserblock kümmern, damit diese ihr Früchte und Gemüse bringen und am Morgen nach ihr sehen. Die Arbeiterin ist unterdessen mit der Vermittlung mit dem Reha-Dienst beschäftigt, sie übersetzt die professionelle Praxis einer medizinischen Sorge in die Komplexität des Alltagslebens der Bürgerin: Vielleicht bietet die Microarea die Nutzung der Arzttische in ihrem Büro zur Anwendung bestimmter (öffentlicher) medizinischer Geräte an.

Die künstliche Grenze zwischen Gesellschaft und Staat wird durch das In-Gang-Setzen dieser Praxen ebenso verwischt wie die Grenze, die das Individuum vom sozialen Umgang mit einem Problem, oder anders gesagt, von der sozialen Sorgeproduktion trennen. Die Schwelle ist ein Raum, in dem sich der Prozess der Sorge nicht mehr nur um eine Person dreht, sondern zu einem Gefüge von Dingen, Praxen und Affekten wird, zu einer Stätte medizinischer Praxen, aber auch zur Grenze der Institution. Die Schwelle ist die Materialität einer Türschwelle und die Weise, wie die institutionelle Begrenzung in eine offene Grenze verwandelt wird. Ins Außen eintreten und aus dem Innen hinausgehen, wie es während der radikalen Reform in den 1970ern auf einer Mauer in Triest geschrieben stand!

Und eigentlich ist diese Materialität der Schwelle als offene Grenze eine entscheidende Dimension der durch Basaglia inspirierten Geschichte von Triest. An der Demontage der Pavillons in den 1970ern und der Einrichtung von rund um die Uhr geöffneten Zentren des psychischen Gesundheitswesen als Teil der öffentlichen Dienste im selben Jahrzehnt, aber auch an der Gründung von Kooperativen, der Entwicklung von Zeitkonten und der Mechanismen ökonomischer Unterstützung schon zur Zeit der Destitution des Asyls auf der Ebene der Gesetzgebung zeigt sich deutlich, dass es sich um eine materielle und keine symbolische Demontage der totalen Institution handelte.

Bei der Zerstörung von Schlössern und Zäunen, beim Verzicht auf die Räume des Asyls, beim Überschreiten der Türschwelle und beim Aufbau stets offener institutioneller Orte in der Stadt ging es nicht nur darum, die besondere Repression der psychiatrischen Institution zu zerstören. Vielmehr sollte die Institutionalisierung des Lebens zerschlagen werden, die durch die Produktion des Gesundheitswesens als einem System und durch die Medizin als Wissen erfolgte. Die Zerstörung des Orts ist, wie Franco Basaglia sagt, die Grenze, die es zu bewohnen gilt, damit gemeinsam ein anderer Ort produziert werden kann: mit den Insass_innen, den Arbeiter_innen und den Krankenpfleger_innen. Der Zaun muss nicht abgeschafft, er muss im materiellsten Sinn zerstört werden. Die radikale Deinstitutionalisierung des psychiatrischen Krankenhauses von Triest in den 1970ern ist zuallererst eine Praxis der Gewalt, eine Wiederaneignung des Risikos einer Störung durch jene, denen Handlungsfähigkeit und Verantwortung für ihre Taten abgesprochen und die ins Reich der „Kraft der Dinge“ eingesperrt werden.

Im Basaglianischen Verständnis der institutionellen Veränderung ist das Problem der Verwaltung das Problem der Störung: Wie können die Beschränkungen zerschlagen werden, die die Verantwortung der Nutzer_innen begrenzen? Wie wird aus dieser Freiheit etwas Dauerhaftes und Nachhaltiges? In seinem berühmten Kommentar zu Frantz Fanons Kündigungsschreiben bei einer Abteilung für Algerisches Gesundheitswesen betont Franco Basaglia, dass wir in einer Zeit, in der die Revolution „aus offensichtlichen Gründen“ nicht möglich ist, „gezwungen sind, eine Institution zu verwalten, die wir ablehnen“.

Die Unmöglichkeit der Revolution ist eine institutionelle Unmöglichkeit: Angesichts des Leidens der im Asyl inhaftierten Menschen kann die Deinstitutionalisierung keine Praxis der Zerstörung sein, auf die erst in einem zweiten Schritt eine neue Produktion folgt. In Franco Basaglias Worten hat die US-amerikanische therapeutische Gemeinschaft, die der radikalen Kritik von Erving Goffman folgte, Markt, Klasse und Individualismus produziert: „Sich-selbst-Überlassen-Sein und Elend“. Die antipsychiatrische Bewegung in England „hat jene zurückgelassen“, die der öffentlichen Institution nicht entkommen und die sich nicht in den Kommunen von Ronald Laing und David Cooper beteiligen konnten. (Crimini di pace, vgl. dazu Guattari in Molecular Revolution)

Die Frage lautet im Gegenteil, wie destituiert und instituiert, zerstört und erfunden werden kann: Wie ist es möglich, das Asyl und den Wahnsinn als Institution zu zerstören, aber dabei gleichzeitig in der Lage zu sein, eine Reihe von Fähigkeiten der Institution zu bewahren? Der Triester Psychiater Giovanna del Giudice spricht von den Rechten auf Zuflucht und Asyl als kollektivem Versuch Raum einzunehmen, um so eine soziale Praxis der Emanzipation zu eröffnen. Die Institution als eine soziale Organisation von Wissen, Instrumenten, Ressourcen, Orten und Zeiten erfinden, die ins urbane Leben eingelassen ist und die es vermag, diesen Prozess in der konstitutiv schwierigen Freiheit urbanen Lebens zu befördern (Giannichedda in: Basaglia 2005).

Die Stadt „wahrnehmen und entwerfen" würde es bei Lefebvre heißen. Auf dieser Grenze zwischen Gewalt und Verwaltung wirft Triest tatsächlich die Frage nach Veränderung in einer Reihe von politischen und ethischen Verhältnissen auf, die alle unmittelbar urban sind. Denn es reicht nicht, die Institution zu zerstören, wenn keine andere Erfindung den neuen Ort bewohnt und entwirft, dort, wo der frühere destituiert wurde.

So geschah es im Fall des Parks von San Giovanni: Der Park öffnet seine Pforten dort, wo das Asyl schließt und besiedelt diese institutionelle Erfindung durch die komplexe Verflechtung unterschiedlicher Lebensformen und Initiativen: nicht nur die Universität, das Gesundheitswesen und andere öffentliche Institutionen, sondern auch Kooperativen, Pflanzen, Festivals, Bänke, Kampagnen und Assoziationen. Die Ökologie des Parks wächst und dringt in eine andere urbane politische Ökologie ein, weil sie in die Ambivalenz des urbanen Lebens eingelassen ist, in die schwierige Freiheit der Stadt.

Der Park wiederum ist eine Schwelle, wo sowohl Natur als auch Stadt immer gegenwärtig sind, Erde und Verträge, Gärtner_innen und Wasser, Sägen und Liebhaber_innen und fünftausend Rosen: „Aber die fünftausend Rosen fehlen noch immer, sie sind für mich das Wahrzeichen der ungewissen Stadt, sie sind die Chiffre des Möglichen, dessen, was für uns, für die Verrückten, für die leidenden Brüder und Schwestern, mit denen wir einen weiten Weg gegangen sind, in diesem wahren Leben, das wir leben wollten, nicht wahr wurde. Ein Weg, der uns weit weg gebracht hat, aber nicht so weit, wie wir zu kommen gehofft haben (aber viel weiter weg als ihre Lordschaft sich jemals hätte vorstellen können). Die Rose, die es immer noch nicht gibt, ruft nach einer anderen Zeit, einer anderen Generation, einer anderen Energie, einer anderen Liebe. Darüber kann insbesondere heute sicher niemand Prophezeiungen machen: Eine Prophezeiung, die von Männern und Frauen gemacht wird, die sehen, hören, beobachten, berühren, riechen können, die all ihre Sinne verwenden und aus ihnen herrührende konkrete Zeichen kultivieren können: Denn sie sind fähig das Gerücht des Lebens zu vernehmen, die Erde zu berühren, die Rosen zu gießen und die Dinge zu verändern.“ (Rotelli 2015)

In der Erfindungskraft dieser „kommenden“ fünftausend Rosen liegt noch eine weitere Dimension der Schwelle, die ich hier ansprechen möchte: eine zeitliche Schwelle, die zugleich die Infragestellung der unumgänglichen Zukunft und die Möglichkeit einer unumkehrbaren Transition darstellt. In anderen Worten, die Dynamik zwischen Veränderung und Beständigkeit ist ambivalent: Worum es hier geht, ist die Fähigkeit, traditionelle Praktiken zu destabilisieren und gleichzeitig die mögliche Transition zu verstetigen.

Das ist heute der Kampf, der um eine Reihe von Vorgaben und Praxen, Regeln und Gesetzen geführt wird: Es geht nicht nur um den Versuch, ein neues italienisches Gesetz für das psychische Gesundheitswesen zu schaffen und auf lokaler Ebene ein regionales Gesetz zu verabschieden, das für ein soziales Verständnis von Sorge und Gesundheit steht, Auflagen hinsichtlich der Budgetbestimmungen vorgibt und das Gesundheitssystem im Allgemeinen anders organisieren will. Es ist auch ein Kampf um Vorgaben und Mechanismen zur Integration und Verflechtung sozialer Dienste und Dienste des Gesundheitswesens mit sozialen Praxen, lokalen Netzwerken und Dynamiken in den Communities, einschließlich all der Widersprüche, die mit diesen Praxen einhergehen. Es kommt wirklich darauf an, wie sich diese Gesetze und Vorgaben auf die Schwelle auswirken, wie sie den Einfluss des Staats auf die Türschwelle der Microarea verändern können, wo die Institution molekular wird, wo Arbeiter_innen, Nutzer_innen und Bürger_innen zusammentreffen, erfinden und handeln, in Verbindung mit einer Reihe von Werkzeugen, anhand eines Katalogs von Praktiken und entsprechend einer Reihe von Vorgaben.. Wie Franco Rotelli sagt geht es niemals darum, aus der Institution einen utopischen Ort zu machen, sie in einen Raum der Emanzipation zu verwandeln, sondern vielmehr darum, darüber nachzudenken, wie die unterschiedlichen und ambivalenten Praxen derer, die in und durch die Institutionen leben, einen Beitrag zur Stärkung einer sozialen Praxis der Emanzipation leisten können: Wie kann die sozial autonome Reproduktion einer Stadt, die heilen und Sorge tragen kann, unterstützt, gestärkt und bereichert werden? 3


Verwendete Literatur

Franco Basaglia/Franca Basaglia Ongaro (Hg_innen.) (1975), Crimini die pace. Ricerche sugli intellettuali e sui tecnici come addetti all'oppressione. Torino: Eunadi.

Maria Grazia Giannichedda (2005) in: Franco Basaglia, L’utopia della realtà, hg. v. Franca Basaglia Ongara. Torino: Eunadi.

Félix Guattari (1977/1984), Molecular Revolution: Psychiatry and Politics. London: Penguin Books.

Roberto Mezzina (1997/2000), The Trieste Mental Health Department: Facilities, Services and Programs. http://www.triestesalutementale.it/english/doc/mezzina_2000_trieste-mhd.pdf.

Franco Rotelli (2015), L'istituzione inventata/Almanacco Trieste 1971-2010. Merago: Edizioni Alphabeta.

 

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1 Vgl. „Una generazione invadente“, http://www.euronomade.info/?p=5044 (Anm. d. Hg.).

2 Es sind mehrheitlich Frauen, die in den Sorge-Teams von Microarea beteiligt sind, einschließlich der Arbeiterinnen, Bürgerinnen, Nutzerinnen und anderen Involvierten.

3 Ich habe mich mit diesen Themen auch beschäftigt in: L'Internationale online blog, http://www.internationaleonline.org/people/pantxo_ramas.