Abdel Hafed Benotman, Ihre Romane enthalten eine radikale Sozialkritik. Sie betrachten sich selbst als Rebell. Ferner haben Sie, obwohl auf französischem Territorium geboren, die algerische Staatsbürgerschaft und sind gleichzeitig Sans Papiers sowie von Doppelbestrafung betroffen. Können Sie uns erzählen, wie es dazu gekommen ist?

Ich wurde am 3. September 1960 als muslimischer Franko-Algerier geboren. Algerien gehörte damals zu Frankreich. Nur dass die Autochthonen und die AraberInnen als französische UntertanInnen galten und nicht als französische BürgerInnen. 1962, als die Verträge von Évian unterzeichnet wurden, entschieden sich die AlgerierInnen klarerweise für die algerische Staatsangehörigkeit. Die anderen wollten eine Integration in die französische Staatsangehörigkeit, um so französische BürgerInnen zu werden. Als sich meine Eltern 1962 für die algerische Staatsangehörigkeit entschieden, glaubten wir an den Mythos einer Rückkehr in die Heimat. So wurden ihre Kinder automatisch zu AlgerierInnen.

Mein Vorstrafenregister reicht bis ins Alter von 15 Jahren zurück. Ich war noch sehr jung, als ich das erste Mal inhaftiert wurde, ich war 16 Jahre alt. Ich konnte mich also nicht mehr für die französische Staatsangehörigkeit entscheiden, weil das mit einem Vorstrafenregister unmöglich ist.

In dieser Zeit zerbrachen viele Familien. Hätte ich meinen Eltern 1976 gesagt, ich wolle Franzose werden, dann wäre das so gewesen, wie wenn jemand im Jahr 1946 einer französischen Familie gesagt hätte, er wolle Deutscher werden. Dennoch war ich war damals nicht abschiebbar, weil das Geburtsortprinzip existierte. Als Charles Pasqua dieses im Jahr 1994 abänderte, war ich von dem betroffen, was man Doppelbestrafung nennt. Ich war also seit 1994 dem Risiko der Abschiebung ausgesetzt. Nur gab es da die europäische Konvention der Menschenrechte, insbesondere mit den Artikeln 6 und 8, die es allen auf dem französischen Territorium geborenen Abgeschobenen ermöglichte, eine Beschwerde einzulegen, was eine Verurteilung Frankreichs zur Folge hatte. Viele Staatsangehörige, die in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt worden waren, begannen ein solches Verfahren, auch wenn dieses drei, vier oder fünf Jahre dauerte. Frankreich war dann gezwungen, die Personen nicht nur zurückzuholen, sondern sie auch finanziell zu entschädigen.

Bei der Zahl der Verurteilungen hatte Frankreich dasselbe Niveau erreicht wie die Türkei. Sarkozy strebte eine Reform der Doppelbestrafung an, sie sollte jedoch jedenfalls beibehalten und keinesfalls abgeschafft werden. Das heißt im Klartext, nicht abschiebbare Personen werden nicht mehr abgeschoben und die moralischen Verurteilungen Frankreichs werden weniger. Gleichzeitig erhielten die Präfekturen die Weisung, keine Papiere auszuhändigen. Ohnehin war es so, dass selbst wenn zuvor noch Dokumente ausgestellt wurden, diese nicht länger als drei Monate gültig waren und mit der Anmerkung versehen wurden: „Dieses Dokument ist kein Reisedokument.“ In der Konsequenz hieß das, dass Delinquente und Kriminelle, ob nun AmateurInnen, Sozialfälle oder Professionelle, nach dem Ende ihrer Haft keine Wohnung mieten und kein Bankkonto eröffnen konnten und dass sie nicht zu einer regulären Arbeit berechtigt waren. Und das bedeutete zwangsläufig, dass sie einer irregulären Arbeit nachgehen und sich im Dienste von nicht immer ganz korrekten ArbeitgeberInnen versklaven mussten. Selbst heute, im Jahr 2010, habe ich immer noch kein Identitätsdokument. Ich übe mich daher in sozialen Guerillataktiken. Mit einem Netzwerk von FreundInnen, die mich unterstützen, auch wenn sie nicht vermögend sind, habe ich ein kleines Geschäft aufgemacht. Mich retten also Geschwisterlichkeit und Freundschaft. Jemand, der nicht so ein Glück hat wie ich, ist unweigerlich zum Rückfall verurteilt. Ich bleibe unabschiebbar, obwohl ich immer noch Sans Papiers bin. Ich werde also sozial stranguliert, indem man mich an meiner Reintegration hindert. Alles, was das System zu  bieten hat, ist ein fortwährendes Recycling als Gefangener.

Sprechen wir vom Verhältnis zwischen Schreiben und Gefängnis. […] Robin Cook schreibt in seinem Vorwort zur ersten Auflage von Forcenés von einem essentiellen Eintauchen in die Erfahrung und den Albtraum des Gefängnisses. Er fügt hinzu, dass man von Ihnen jetzt ein Buch erwartet, in dem sie von den Umständen erzählen, die zu Ihrer Inhaftierung geführt haben. Wie hat das alles begonnen, mit dem Gefängnis, dem Aktivismus und dem Schreiben?

Das mit dem Gefängnis hat mit einem jeweils gleich großen Teil Glück und Unglück begonnen: Das Glück, in einem kulturell und ökonomisch reichen Quartier aufgewachsen zu sein, im VI. Pariser Arrondissement, in einer Zeit, in der weder der intellektuelle Boom von Saint-Germain de Prés ausgebrochen war, noch der ökonomische Boom durch den Bau der Tour Montparnasse. Es war das Quartier Latin, in dem viele KunsthandwerkerInnen, kleine BeamtInnen und KleinhändlerInnen wohnten. Mit dem Beginn des kulturellen und ökonomischen Aufstiegs des VI. und XIV. Arrondissments hatten wir nicht mehr die Mittel, um dort zu leben. Mein Vater war Arbeiter und wir alle, meine Eltern, meine Brüder und meine Schwestern, wurden von dieser Entwicklung überrollt. Mein Vater hielt durch und schnallte uns – bei sich beginnend – den Gürtel enger. Mein Verhältnis zu meinen KlassenkameradInnen, die fast alle aus einem bürgerlichen Milieu kamen, war letztlich ein distanziertes. Zudem muss ich betonen, dass wir in unserem Wohnblock die einzige maghrebinische ArbeiterInnenfamilie waren, alle anderen waren FranzösInnen oder EuropäerInnen, vor allem aus Spanien oder Portugal.

Wir hatten also in diesem sozialen Lotto gewonnen, das darin bestand, in einem HLM in Paris untergebracht zu werden. Unsere Familie war ausgelost worden: Beide Elternteile waren emigrierte AlgerierInnen mit vier Kindern. Wir dienten als Rückhalt und Vorwand für diesen Wohnblock inmitten des VI. Arrondissements. Der soziale Unterschied zu meinen KameradInnen und der Vergleich mit ihnen führten dazu, dass ich schon sehr früh in der Kindheit zum Dieb wurde. Es geht nicht um eine Geschichte der Delinquenz. Eine meiner Schwestern wurde Anwältin, mein Bruder macht Theaterinszenierungen, meine andere Schwester hat einen Banker geheiratet. Ich hatte also alle Karten in der Hand, um etwas zu erreichen, unter der Bedingung, dass ich die Armut akzeptierte. Doch ich habe sie schon sehr früh nicht akzeptiert. Ich wurde Dieb und Händler. Alles, was ich stahl, verkaufte ich an meine wohlhabenderen KlassenkameradInnen, weil sie über Taschengeld verfügten. Ich kann mich also nicht als ein soziales Opfer betrachten. Das Wort „Delinquenter“ birgt die Idee einer Viktimisierung, das Wort Dieb hat etwas mehr von Revolte und Entscheidung.

Sie haben außerhalb des Gefängnisses die Zeitschrift L’Envolée gegründet. Können sie uns davon erzählen?

L’Envolée wurde 2001 gegründet. Die Zeitschrift Le Canard enchainée hat einen Schwerpunkt zu Fragen der Zensur gemacht und festgestellt, dass unsere Zeitschrift die meist zensurierte Frankreichs, ja sogar Europas war. Während des letzten Gerichtsverfahrens wegen Rufschädigung wagte es der Vorsitzende des Landesgerichts für Strafsagen zu sagen: „Die Geschehnisse, die im Envolée angeprangert werden, sind gravierend, aber schlecht formuliert.“ Wir erhielten eine Strafe.

Das Abenteuer von L’Envolée begann mit dem Rundfunk. Ich war im Gefängnis jahrelang Korrespondent für das anarchistische Radio Libertaire. Ich schickte Texte, keine Zeugenberichte, sondern Meinungen. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen einem Zeugenbericht und einer Meinung. Opfer bezeugen und PolitikerInnen geben ihre Meinung ab. Ich gehe davon aus, dass auch ich das Recht auf eine Meinung habe, ohne Zeugnis ablegen zu müssen. Wir haben dann zunächst ein Jahr lang bei Radio Libertaire mitgemacht. Ein Freund, der in den französischen Gefängnissen von mir gehört hatte, tat sich mit mir zusammen und wir trafen die Entscheidung, L’Envolée zu gründen. Das war eine Hommage an Serge Coutel, der als Erster in Frankreich seine Freunde mit dem Helikopter rausgeholt hat. Der Vorspann unserer Sendung war der Sound eines startenden Helikopters. L’Envolée war jeden Freitag auf der Frequenz Paris pluriel, auf 106.3, zu hören. Wir bemerkten, dass wir Paris, die grande couronne [große Krone] der Region um Paris, nicht jedoch die Provinz erreichten. Francine, meine jetzige Frau und Gefährtin meinte also, dass es gut wäre, eine Zeitschrift zu gründen, um die Provinz zu erreichen. Und das taten wir dann auch, um in Marseille und in allen anderen Städten Frankreichs Verbreitung zu finden, dort, wo wir nicht gehört werden konnten. Die Gefangenen, unsere ZuhörerInnen in Paris oder in der grande couronne, konnten die Sendung nach einem Transfer in ein anderes Gefängnis nicht mehr empfangen. Ein bisschen haben wir also die Zeitschrift auch auf ihr Verlangen hin gegründet. Nach und nach hatten wir einige AbonnentInnen im Inneren des Gefängnisses. Unser Problem bestand darin, dass die Administration des Strafvollzugs die Zeitschrift nicht gratis verteilen wollte, obwohl sie für Gefangene normalerweise gratis ist.

Ich mache einen Unterschied zwischen Gefangenem und jemandem, der in Gewahrsam genommen wird. Ein Objekt wird in Gewahrsam genommen, eine Person wird gefangen genommen. Die PolitikerInnen verabscheuen es, wenn man das Wort Gefangener verwendet, das erinnert zu direkt an einen Kriegsgefangenen oder an einen politischen Gefangenen.

Wurde die Zensur bei der Verteilung von L’Envolée im Gefängnis mittlerweile aufgehoben?

Unsere Zeitschrift hat auf dem Backcover jenen Artikel der Strafprozessordnung, der der Strafvollzugsadministration die Zensur verbietet. Sofern die Zeitschrift draußen nicht zensuriert wird, kann sie auch im Gefängnis nicht zensuriert werden. Aber die Gefängnisbehörde ist auf ein fieses System gekommen. Sie sagt nicht, dass die Zeitschrift zensuriert wird. Sie sagt, sie halte sie zurück und händige sie den inhaftierten AbonnentInnen später aus. Sie wird an jenem Ort deponiert, den man „Aufbewahrung“ nennt. Bei der Inhaftierung und Ankunft im Gefängnis werden uns unsere Mobiltelefone, unsere Schlüssel und unsere Identitätsdokumente abgenommen und in großen Umschlägen sowie kleinen schwarzen Kartonkoffern an einem Ort zwischengelagert, der „Aufbewahrung“ heißt. Wenn man aus dem Gefängnis rauskommt, findet man seine Sachen dort wieder. Während der Haft hat man jedoch keinen Zugriff darauf. Wenn die Gefangenen rauskommen, haben sie also 20 bis 30 Nummern von L’Envolée in ihrem Gepäck. […] Alle anderen Zeitschriften können indes mit Kantinenbons gekauft oder abonniert werden. Man kann also alle Zeitschriften bekommen. Im Gefängnis von Santé gab es einen sehr großen Protest, weil es die Haftdirektion gewagt hatte, Minute über Kantinenbons erhältlich zu machen. Die Gefangenen sagten: Wenn ihr Minute über Kantinenbons zur Verfügung stellt, dann hätten wir auch gerne L’Envolée. Das Ergebnis: Minute konnte nie mit Bons bezogen werden – genauso wenig wie L’Envolée.

Mir hingegen gab man L’Envolée, als ich inhaftiert war. Für mich wurde die Zeitschrift niemals in der Aufbewahrung verwahrt. Es gibt Gefangene, die ein rotes Tuch für die Administration sind, nicht weil sie gefährlich sind, sondern weil man sie für fordernd und querulantisch hält. Sie wussten, dass ich bis vors Verwaltungsgericht gehen und sie bis zum Maximum nerven würde. Das war es auch, was mich vor Strafverlegungen bewahrt hat.

Was jenseits von der aktivistischen Presse hat sie dazu gebracht, Zeugnis durch Romane ablegen zu wollen? Das Spektrum ihrer Romane geht weit über die Ideologie hinaus, sie sind Zeugnis einer gelebten Erfahrung. Es wird eine Selbstverpflichtung vernehmbar, die den Rahmen des Aktivismus sprengt.

Sagen wir, dass ich durch das Schreiben meine Meinung auf andere Weise sage. Das Schreiben hat mich immer begleitet, es ist etwas, das ich selbst kaum verstehen kann. Es hat nichts mit dem Gefängnis zu tun. […] Ich hatte ausgezeichnete LehrerInnen, ich war in Montparnasse und dann in Saint-Germain de Prés an der Schule. Der Französisch-Unterricht hat mir die Lust am Schreiben und Lesen gegeben. […] Im Alter von 18 Jahren, mitten im Jahr 1979, fand ich mich im Gefängnis wieder. Es war meine erste große Strafe. Wir hatten damals keine Fernseher in den Zellen und die Besuchszimmer waren mit Sprechmembranen ausgestattet. Es gab nur sehr wenig physischen Kontakt, nur mit unseren Müttern, die durften wir umarmen. Ich sagte mir: „Du bist zwischen vier Wänden eingesperrt. Die Tür ist verschlossen und an den Fenstern sind Gitter. Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du brichst aus und zwar richtig, das heißt, die Gitterstäbe durchsägen und einen Tunnel graben, oder du findest einen Hinterausgang.“ Und da kam die Lust am Schreiben und an Büchern wieder auf.

Ich begann, Bücher aus der Bibliothek zu holen, bis ich einen richtigen Heißhunger aufs Lesen entwickelte. In der Vollzugsanstalt müssen 20 von 24 Stunden ausgefüllt werden. Ich habe mich einfach daran erinnert, dass ich das hatte, das Schreiben und die Lektüre. Zwischen 15 und 18 Jahren hatte ich mich überhaupt nicht damit beschäftigt. Es war eine Art Rückkehr. Ich habe mir das Schreiben beigebracht. […]

Briefe sind wichtig in ihren Romanen, sie spielen eine große Rolle.

Im Gefängnis spielt sich alles schriftlich ab. Wenn Sie eine ÄrztIn sehen wollen, müssen Sie ihr schreiben. Wenn Sie den Aufseher sehen wollen, müssen Sie ihm schreiben. Wenn Sie die RichterIn sehen wollen, müssen Sie ihr schreiben. Sie müssen allen schreiben.

Wer im Gefängnis sitzt und nicht schreiben und lesen kann, hat ein wirklich schwerwiegendes soziales Handicap. Man muss sich auf einer Warteliste eintragen und warten, bis sich der Schreiber meldet. Wenn es einen Notfall gibt, muss man Freunde fragen. Aber es ist immer schwierig, andere Gefangene zu bitten, einen Brief zu schreiben, weil sie so in Ihre Intimsphäre eintreten. Sie können sich niemals sicher sein, dass sie es nicht anderswo verbreiten werden. Es gibt auch wirklich schlimme Fallen. So kann etwa ein Gefangener die Adressen eines anderen Gefangenen nehmen und, wenn er rauskommt, seine Familie aufsuchen, mit dem Vorwand, dass ihr Sohn Geld braucht, weil er im Gefängnis ist. Oder er kann seine Frau trösten gehen. Es gibt allerhand Abscheulichkeiten dieser Art, wenn die Freundschaft vollkommen kompromittiert ist. Für einen Gefangenen ist es äußerst schwierig, einem anderen Gefangenen zu vertrauen.

In Marche de nuit sans lune geht es um Gerechtigkeit als Satire, als schlechte Farce. Trotzdem schreiben Sie in eben diesem Roman: „Ich glaube an die Gerechtigkeit in meinem Land“, und fügen in Bezug auf das Gefängnis hinzu, dass den in Gewahrsam genommenen ihr Leben auf eine Art geraubt wird, die in keinem Verhältnis zu den begangenen Delikten steht. „Alle mieten ihre Zellen, und die Miete ist jede Sekunde mit einem Stück ihres Lebens zu bezahlen.“ Ist das nicht paradox?

Der vollständige Satz lautet: „Ich glaube an die Gerechtigkeit in meinem Land, spaßt der Staatenlose.“ Es ist ein Staatenloser, der das sagt, jemand der kein Land hat und für den es also auch keine Gerechtigkeit gibt. Es ist doch offensichtlich, dass ich überhaupt nicht an die Gerechtigkeit glaube, weder an die meines Landes noch an die irgendeines anderen Landes.

Und was die Unverhältnismäßigkeit der Strafe betrifft, so ist auch das offensichtlich. Als Dieb – und ich präzisiere, es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Dieb und einem Schurken – hatte ich das Glück, niemals Blut an den Händen zu haben. Das gestohlene Geld kann ich zurückerstatten. Angenommen, ich gewinne im Lotto, dann kann ich einer Bank eine Million Euro zurückgeben. Keine Bank kann mir im Gegenzug auch nur die kürzeste Sekunde meines Lebens wiedergeben.

Das ist der Grund, warum ich sage, die Zelle ist gemietet. Es handelt sich dabei ganz offensichtlich um einen Scherz. Viele Leute sagen, dass man im Gefängnis reingewaschen, ernährt und untergebracht wird. Das stimmt, aber um welchen Preis? Diese Miete ist enorm hoch! Uns wird nicht die Zeit genommen, sondern das Leben! Meine Zeit fülle ich mit irgendetwas aus. Das Leben habe ich verloren.

Hinsichtlich des Entzugs nicht nur der Freiheit, sondern auch aller sozialer und bürgerlicher Rechte, schreiben Sie: „Ich habe nur Rechte! Ich habe keine Pflichten! Meine Pflichten habe ich an die von mir gewählten PolitikerInnen übertragen. Und die erste dieser Pflichten ist der unwiderrufliche, vollständige und absolute Respekt vor meinen Rechten!“ Sie fügen erklärend hinzu, dass man keine Pflichten haben kann, wenn man seiner Rechte, insbesondere der bürgerlichen Rechte beraubt wird, da Rechte und Pflichten unauflöslich miteinander verwoben sind. Geht es hier um eine andere Darstellung des Missverhältnisses zwischen Strafen und Delikten?

Es sind die PolitikerInnen, die sagen, dass man Rechte und Pflichten hat. Und sie stellen sie stets als unauflöslich dar. Ich gebe ihnen den Ball zurück und antworte: „Wenn ihr mir meine Rechte nehmt, dann nehmt ihr mir auch meine Pflichten. Oder ihr müsst euch klarer ausdrücken.“

Trotzdem erkennen sie an, dass das Delikt existiert und dass es auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gibt. Welche Position haben Sie zu Gesetzesbrüchen und Strafen?

Hinter das Wort Justiz stelle ich das Wort der Straffreiheit. Ich bin mit der Idee von Justiz und Urteil einverstanden, nicht unbedingt mit der Idee der Bestrafung. Die Gerechtigkeit beschränkt sich heute auf die Bestrafung und kümmert sich nicht auf die Einsicht einer Person in ihre Handlung. In einem meiner Aphorismen habe ich geschrieben: „Ein Dieb ist niemals unehrlich.“ Er ist niemals unehrlich, weil er sein Leben und seine Freiheit auf die Waagschale legt. Er nimmt ein Risiko auf sich und gibt etwas. Die Justiz wäre für mich an jenem Tag vertrauenswürdig, korrekt und integer, an dem es keine Straffreiheit mehr gäbe. Aber es gibt unglaublich viel Straffreiheit – je nach sozialem Status. Dass 50 Jahre mit der Verurteilung von Maurice Papon[1] zugewartet wurde, dass er zehn Jahre bekommt und davon nur zwei absitzt, ist meiner Meinung nach vollständige Straffreiheit. Ein Polizist überfährt eine Person bei roter Ampel auf dem Zebrastreifen und kommt straffrei davon! Diese Justiz kann ich nicht gutheißen.

Wenn einerseits für einen Angriff auf Güter jahrelange Gefängnisstrafen drohen und andererseits der Staat für die Gefährdung des Lebens einer Person Straffreiheit gewährt, dann ist die RichterIn, die mich verurteilt, für mich eine BetrügerIn, ein Dummkopf, inkompetent oder einfach nur fies. Denn nach mir wird jemand das Recht auf Straffreiheit haben. FreundInnen von mir wurden zu Strafen von 25 Jahren verurteilt und an ihren Händen klebt nicht der kleinste Tropfen Blut. Sicher, es gibt psychische Folgeschäden bei den Opfern, aber sie wurden niemals angegriffen, nur ihre Güter. Die RichterInnenschaft steht im Dienst der Politik und diese Justiz kann ich nicht gutheißen. Während einer meiner Haftstrafen hatte ich schwerwiegende gesundheitliche Probleme. Ich habe mich mit den ÄrztInnen angelegt, aber keine Anzeige erstattet. Ich werde nicht ein Verfahren gegen irgendwelche vier Personen lostreten, die man davon überzeugt hat, dass ich simuliere, um ins Krankenhaus zu kommen und abzuhauen. Ich klage die Justiz nur an, wenn das die Institution in Frage stellt. So war das auch in meinem Beruf als Dieb. Soweit ich konnte, habe ich Institutionen angegriffen, selten Personen.

Glauben sie an die Macht des Schreibens, sei es nun in Form einer aktivistischen Zeitschrift wie L’Envolée, oder in der Form eines ergreifenden und zugleich radikalen Plädoyers wie das in Ihren Romanen, um so die Justizmaschinerie und das Gefängnissystem in Bewegung zu versetzen?

Ich hoffe ernsthaft, nein. Meine Bücher wie auch die Zeitschrift sollen nicht das Gefängnissystem oder die Justiz in Bewegung versetzen. Ich bin kein Reformist. Ich bin nicht an einer Verbesserung von Gefängnis oder Justiz interessiert. Das Schreiben ist ein Kampf, der nichts mit einem Ausbruch aus den Mauern zu tun hat. Ausbrechen bedeutet, Gitterstäbe durchsägen und eine Kugel im Kopf zu riskieren, nicht ein Buch öffnen! Ich habe so großen Respekt vor dem Wort „Ausbrechen“, dass ich es nicht verschleudern will. Ob nun innerhalb oder außerhalb des Gefängnisses, das Schreiben spielt für mich die Rolle einer Konfrontation mit dem Realen. Ich bin jemand, der nicht dem Imaginären verhaftet ist. Wenn Martin Luther King sagt: „Ich habe einen Traum“, gibt es ganz sicher jemanden in den US-amerikanischen Gefängnissen, der ihm antwortet: „Martin, wenn du einen Traum hast, dann heißt das, dass du geschlafen hast.“ Ich versuche mit dem Schreiben vor allem, Schwachstellen aufzuzeigen. Wenn ich etwa sage, dass kein Blut an meinen Händen klebt, dann lüge ich, weil ich Teil einer Menschheit bin, die kollektive Verbrechen begangen hat, an denen ich beteiligt bin: Ruanda, Afghanistan, Irak. Ich versuche, in meinen Romanen eine Perspektive auf den Parallelismus zwischen einem individuellen Vergehen und einem kollektiven Verbrechen zu entwickeln. Klar, es ist viel einfacher, sich lauthals über einen Esel oder einen Verrückten zu entrüsten, der ein Kind vergewaltigt und tötet, da es dies ermöglicht, sich vom kollektiven Verbrechen reinzuwaschen. Also werden Monster geschaffen. Und die BürgerInnen, die gegenüber kollektiven Verbrechen ohnmächtig sind, reagieren, indem sie sich allen anderen Verbrechen gegenüber feig verhalten. Auf diese Weise wird der Esel überwältigt. Ich möchte insbesondere die Justiz nicht verändern. Ich habe keine Lust, etwas zur Verbesserung meines Feindes beizutragen. […]

Über die Arbeit im Gefängnis schreiben Sie abschreckende Worte: „Die großen Marken lassen die Gefangenen arbeiten, um so die Transportkosten einzusparen, die anfallen, wenn die Arbeit den Armen in der Dritten Welt gegeben wird. Die Gefangenen arbeiten für 20 Euro brutto, sieben Stunden Arbeit, ohne aufzublicken.“ Glauben Sie nicht, dass die Arbeit für jemanden, der in Gewahrsam ist, eine Hilfe sein kann?

Ich habe der Arbeit gegenüber eine feindliche Einstellung. Ich bin der Arbeit gegenüber feindlich und unempfänglich, ob nun im Gefängnis oder draußen. Was das Schreiben meiner Bücher angeht, so habe ich dafür eine Formel gefunden: Ich bin ein „Angestellter meiner Muße“. Im Gefängnis habe ich niemals gearbeitet. War die Arbeit verpflichtend, ging ich in Einzelhaft. Der Direktor von Clairvaux bat mich, zumindest meine Studien zu verfolgen, da es ihm zufolge unmöglich war, die anderen Gefangenen sehen zu lassen, dass ich nicht unglücklich war, wenn ich nicht arbeitete. Darauf sagte ich: „Weder Arbeit noch Studien!“ Im Gefängnis ist ein Subproletariat geschaffen worden. Jedes Mal, wenn der Staat vorschlägt, ein weiteres Gefängnis zu errichten, sind die BürgermeisterInnen und die RegionalrätInnen begeistert. Nach den ersten Vorbehalten in Hinblick auf die Kriminellen arbeiten die MetzgerIn und die TabakhändlerIn – die Arbeitslosigkeit in der Region sinkt und das schafft Reichtum. Die Gefangenen, die dazu beitragen, ziehen niemals einen Vorteil daraus.

Ich sage nicht, dass diejenigen, die im Gefängnis arbeiten, Dummköpfe sind. Sie haben keine Wahl. Wenn sie essen wollen, dann haben sie Interesse daran, zu arbeiten, insbesondere in den gegenwärtigen Gefängnissen, die alle halb privatisiert sind. Die Mahlzeiten, die Zuliefererunternehmen wie Sodexo bringen, sind auf ein Minimum beschränkt. Ein Gefangener, der sich satt essen will, muss für 200 Euro im Monat richtig viel arbeiten, damit er dann beim selben Unternehmen die Nahrung kaufen kann, die ihm angeboten wird. Ich bin einem System gegenüber feindlich eingestellt, in dem das Justizministerium eine Broschüre mit Angeboten für Unternehmen herausgeben kann. Damit wird klar gestellt, dass es sich bei den GefängnisinsassInnen um eine permanent vor Ort verfügbare und der Fronpflicht ausgelieferte Population handelt, die kein Recht auf Streik hat und die man loswerden kann, ohne ihr Arbeitslosengeld zu bezahlen. Eine Population, die im Falle eines Arbeitsunfalls ohne Entschädigung entlassen wird. Das ist die einzige ArbeiterInnenpopulation, die man nackt durchsuchen kann, wenn sie aus den Werkstätten kommt. Stellen Sie sich das bei den Toren von Renault vor! Das Gefängnis ist der einzige Ort, an dem Arbeiter entkleidet werden können. […]

Es wird oft vom Enthusiasmus der gegenwärtigen Kriminalromane für die wissenschaftliche Expertise gesprochen. Im Gegensatz dazu setzen Ihre Bücher die Subjektivität des Individuums in Szene. Der subjektive Kriminalroman hat eine lange Tradition und reicht bis in die 1950er Jahre zurück, als die Frage der Einsperrung, die heute zunehmend weniger verhandelt wird, übrigens auch noch in Romanen zu finden war. Dies ist jedenfalls eine große Tendenz, die Bewusstsein zugunsten einer Dualität von Gut und Böse erlöschen lässt, eine Dualität, die durch die wissenschaftliche Expertise Nachdruck bekommt. Als wäre die Wahrheit eine einfache materielle Frage. Wie positionieren Sie sich?

Ich mag Krimis, doch ich habe nie einen geschrieben. Ich habe niemals ermittelt und sollte ich eines Tages von Ermittlungen erzählen, dann ist es nutzlos, das Buch zu kaufen. Es gäbe keine Schuldigen. Wollte ich einen Roman schreiben, in dem Wissenschaft eine Rolle spielt, […] würde ich ins Genre der Science Fiction wechseln. Denn das würde bedeuten, die Realität vorwegzunehmen.

Lyrisch gesehen betrachte ich mich beim Schreiben als Faulpelz. Ich habe die Schule mit 15 Jahren abgebrochen, ich habe keinen Abschluss, ich bin noch nicht mal ein Autodidakt. All mein Wissen rührt aus Begegnungen. Ich habe mit richtigen Mördern gesprochen, mit Personen, die getötet haben. Das einzige, was mich interessiert, ist das Menschliche. Dostojewski schreibt für mich Krimis. Das ist meine Filiation. Ich versuche, eine Antwort auf die Frage zu finden, die der Faulpelz in mir nicht verstanden hat. Ich sage oft, selbst wenn das absurd scheinen mag, dass ich kein Schriftsteller bin. Ich bin die Materie des Schreibens;  und mein Verleger macht Literatur, so wie man aus Rohöl Benzin gewinnt. Ich könnte auch jede Woche einen Text schreiben, meine Tür für die mächtigen Medien offen halten und Profit daraus ziehen. Aber ich verweigere mich. Nur weil ich mich auszudrücken weiß, muss ich das nicht tun, wenn ich nichts zu sagen habe. Das gilt auch für Bücher. Bücher sind Baustellen. Im Moment schreibe ich an einem großen Roman, weil ich etwas zu erzählen habe. […].

Dieses Gespräch ist ein Auszug aus einem längeren Interview mit Abdel Hafed Benotman, das von Patricia Osganian, Redaktionsmitglied der Zeitschrift Mouvement (http://www.mouvements.info) gemeinsam mit Julienne Flory, Herausgeberin von Mouvement sowie mit Jean-Hugues Oppel, Krimiautor, geführt wurde. Der Text erschien erstmals und ungekürzt in der Ausgabe 62 der Zeitschrift Mouvements im Jahr 2010 (S. 148–162), vgl: http://www.editionsladecouverte.fr.


[1] [Anm. d. Übers.] Französischer Nazi-Kollaborateur und Politiker während des Vichy-Regimes, der später als Polizeipräfekt von Paris maßgeblich am Massaker von Paris beteiligt war, einer Demonstration am 17. Oktober 1961 während des algerischen Unabhängigkeitskriegs, bei der hunderte Demonstrant_innen von der Polizei hingerichtet und hunderte andere inhaftiert und abgeschoben worden waren. Papon wurde erst 1998 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt.