Am Anfang würde ich Sie um eine Beschreibung dessen bitten, was unter dem „gefängnisindustriellen Komplex“ zu verstehen ist.

Fast zwei Millionen Menschen sind derzeit im enormen Netzwerk US-amerikanischer Gefängnisse und Strafanstalten eingesperrt. Mehr als 70% der Gefängnispopulation sind People of Colour. Ungefähr fünf Millionen Menschen – einschließlich jener, die auf Bewährung sind und bedingt entlassen wurden – stehen unter unmittelbarer Aufsicht durch das Strafrechtssystem. Vor drei Jahrzehnten belief sich die Gefängnispopulation auf etwa ein Achtel der jetzigen. […] Elliott Currie zufolge „hat sich das Gefängnis zu einer bedrohlichen Gegenwart in unserer Gesellschaft entwickelt, in einem in unserer Geschichte – oder der einer anderen Industriegesellschaft – bisher noch unbekannten Ausmaß. In Ermangelung großer Kriege wurde die Masseninhaftierung mittlerweile zu dem am gründlichsten implementierten Sozialprogramm der Regierung.“[1]

Für die Unterbringung dieser rasch wachsenden Population eingesperrter Menschen müssen Strafinfrastrukturen geschaffen werden. Es müssen Güter und Menschen beschafft werden, damit die Inhaftierten am Leben gehalten werden können. Manchmal müssen diese Menschenmengen beschäftigt werden, und dann wiederum wird ihnen – insbesondere in den repressiven Super-Max-Gefängnissen sowie in den Auffanglagern der Immigration and Naturalization Services (INS) – nahezu jede sinnvolle Tätigkeit vorenthalten. Eine erhebliche Zahl von in Handschellen gelegten und mit Fußfesseln versehenen Menschen wird über die Bundesstaatsgrenzen hinweg von einem föderalen oder Bundesstaatsgefängnis ins andere transportiert. All diese Arbeit, die einst allein der Regierung oblag, wird nun auch von privaten Konzernen übernommen, deren Beziehungen zur Regierung in dem euphemistisch als „Besserung“ bezeichneten Feld gefährlich an den Militärindustriekomplex erinnern. Die aus der Investition in den Strafkomplex erwachsenden Dividenden laufen – ebenso wie die Investitionen in die Waffenproduktion – lediglich auf soziale Destruktion hinaus. Werden die strukturellen Ähnlichkeiten und die Profitabilität der Verbindungen zwischen Unternehmen und Regierung im Bereich der Militärproduktion und der öffentlichen Bestrafung berücksichtigt, so kann das sich ausweitende Strafsystem nunmehr als „gefängnisindustrieller Komplex“ charakterisiert werden.

Dass der gefängnisindustrielle Komplex „soziale Destruktion“ produziert, ist ein wichtiger Punkt, da dies die allgegenwärtige Rhetorik in Frage stellt, die Gefängnisse als eine notwendige Lösung für das – nach dem Sieg der Vereinigten Staaten gegen die „kommunistische Bedrohung“– wesentlichste soziale Problem beschreibt, mit dem die Vereinigten Staaten zu kämpfen haben: das Verbrechen.

Inhaftierung wurde zur nächstliegenden Antwort auf viel zu viele der sozialen Probleme, die auf jenen Menschen lasten, die in Armut zu leben gelernt haben. Diese Probleme werden oft dadurch verschleiert, dass sie geschickter Weise unter der Kategorie „Verbrechen“ subsumiert und automatisch dem Verhalten von People of Colour, insbesondere Schwarzen sowie Latina-Frauen und -Männern, zugeschrieben werden. Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Drogensucht und Analphabetismus sind nur einige der Probleme, die aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, wenn man die Menschen, die damit zu kämpfen haben, in Käfige steckt. Gefängnisse vollbringen also eine Art Wundertat. Oder vielmehr wurden die Leute, die in aller Regelmäßigkeit für neue Gefängnisbonds stimmen oder die sich stillschweigend mit einem wuchernden Netzwerk von Gefängnissen und Strafanstalten einverstanden erklären, trickreich dazu gebracht, an das Wunder der Inhaftierung zu glauben. Aber, wie Sie andernorts bereits sagten, Gefängnisse bringen nicht die Probleme zum Verschwinden, sie lassen Menschen verschwinden. Und so wurde die Praxis, eine enorme Zahl von Menschen aus armen, migrantischen und aufgrund von Rassisierung marginalisierten Communities verschwinden zu lassen, buchstäblich in ein großes Geschäft verwandelt.

Da Gefängnisse zusehends mehr Raum in der sozialen Landschaft einnehmen, werden andere Regierungsprogramme abgewürgt, die einst als eine Reaktion auf soziale Bedürfnisse entwickelt wurden. Der Abbau des Wohlfahrtsstaats und der Ausbau des gefängnisindustriellen Komplexes gingen Hand in Hand. Sie sind aufs Engste miteinander verknüpft. In diesem Prozess der Implementierung der Prisonisierung der US-amerikanischen Soziallandschaft hat sich das Privatkapital auf unterschiedlichste Weise in das Netz der Strafindustrie begeben und Gefängnisse wurden, gerade wegen ihres Profitpotenzials, zusehends wichtiger für die Ökonomie der Vereinigten Staaten. Wenn der Begriff Bestrafung als Quelle gewaltiger Gewinne an sich verstörend wirkt, dann ist die strategische Abhängigkeit von rassistischen Strukturen und Ideologien, die dazu dienen, Massenbestrafung schmackhaft und profitabel zu machen, umso verstörender.

Diese politische Ökonomie der Gefängnisse stützt sich auf rassisierte Annahmen über Kriminalität – wie etwa Bilder von Schwarzen, Sozialhilfe beziehenden Müttern, die kriminelle Kinder zur Welt bringen – sowie auf gut dokumentierte rassistische Praxen eines musterhaften Ablaufs von Haft, Verurteilung und Urteilsverkündigung, um die für die gewinnträchtige Bestrafung notwendigen Körper zu liefern. Schwarze Körper sind das wichtigste Rohmaterial in diesem breit angelegten Experiment, das darin besteht, die wesentlichen sozialen Probleme verschwinden zu lassen. Wird die Lösung „Inhaftierung“ erst von ihrer magischen Aura befreit, werden Rassismus, Klassentendenzen sowie die parasitische Versuchung kapitalistischer Gewinne innerhalb eines System offenbar, das seine Bewohner_innen materiell und moralisch verarmen lässt, während es gleichzeitig den sozialen Wohlstand auffrisst, der notwendig ist, um die Probleme zu adressieren, die zu den spiralartig ansteigenden Zahlen von Gefängnisinsass_innen geführt haben.

Sie sagen also, dass der gefängnisindustrielle Komplex mit zwei Taktiken der Verschleierung operiert, die miteinander verbunden sind. Er lässt immer größere Zahlen von armen People of Colour, insbesondere Frauen und Kinder, im gesellschaftlichen Schatten der Gefängnisse verschwinden, wo man von ihnen erwartet, dass sie, wie Sie es ausdrücken, hinter „vielen Schichten von Stacheldrahtzaun“ in einem buchstäblichen Zustand sozialer Enteignung leben.[2] Es lässt auch den rassisierten Kapitalismus aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, der die Entwicklung des gefängnisindustriellen Komplexes garantiert und vorantreibt.

Ja. Lassen sie mich versuchen, diese beiden Dimensionen miteinander zu verbinden. Da das Gefängnis tendenziell als ein abstrakter Ort gesehen wird, an den man alle Arten von Unerwünschten deponiert, ist es ein hervorragender Ort für die gleichzeitige Produktion und Verschleierung des Rassismus. Die Abstraktheit der Gefängnisse in der öffentlichen Wahrnehmung spricht gegen eine Auseinandersetzung mit den wirklichen Fragen, mit denen sich jene Communities plagen, aus denen die unverhältnismäßig großen Zahlen von Häftlingen geholt werden. Das ist die ideologische Arbeit, die das Gefängnis vollbringt: Es befreit uns von der Verantwortung einer ernsthaften Beschäftigung mit den Problemen des Spätkapitalismus, des transnationalen Kapitalismus. Die Naturalisierung von Schwarzen und braunen Menschen als Kriminelle führt dazu, dass die Verständigung über die Verbindungen zwischen dem strukturellen Rassismus des späten 20. Jahrhunderts und der Globalisierung des Kapitals durch den Aufbau ideologischer Barrieren verhindert wird.

Können Sie mehr zu dieser Verbindung sagen?

Die gewaltige Ausbreitung der Macht kapitalistischer Großkonzerne über die Leben von People of Colour und armen Menschen im Allgemeinen sieht sich ganz allgemein von einem schwindenden antikapitalistischen Bewusstsein begleitet. Da sich das Kapital in aller Leichtigkeit über nationale Grenzen hinweg bewegt und darin von kürzlich abgeschlossenen Handels- und Investitionsverträgen wie  NAFTA, GATT und MAI legitimiert wird, schließen Unternehmen ihre Niederlassungen in den Vereinigten Staaten und verlegen ihre Manufaktur in Nationen, die einen ganzen Pool an billiger Arbeitskraft anbieten. Mit ihrer Flucht vor der organisierten Arbeitskraft in den Vereinigten Staaten vermeiden sie das Zahlen höherer Löhne und Leistungen,  liefern ganze Communities dem Chaos aus und überlassen eine riesige Zahl von Menschen der Arbeitslosigkeit und dem Drogenhandel. So zerstören sie die ökonomische Basis dieser Communities, das Bildungssystem und die soziale Wohlfahrt und verwandeln die in diesen Communities verorteten Menschen in die perfekten Gefängniskandidat_innen. Gleichzeitig schaffen sie eine ökonomische Nachfrage nach Gefängnissen, die die Ökonomie ankurbelt, weil in der Besserungsindustrie Jobs für Menschen geschaffen werden, die oftmals aus den durch diesen Prozess kriminalisierten Bevölkerungsgruppen kommen. Dies ist ein erschreckender und sich selbst reproduzierender Zyklus.

Was Sie hier ausführen, ist eine verstörende Wendung des Begriffs der Dependenz sowie ein Beispiel für das, was Helen Quan im Kontext ihrer Untersuchung des Neoimperialismus in Brasilien als „wilden Developmentalismus“ bezeichnete.

Es ist mehr als nur eine Wendung. Gefängnisse werden selbst zu einer Quelle billiger Arbeit, die den korporativen Kapitalismus in einer Weise anzieht, die der Anziehungskraft der unorganisierten Arbeit in den Dritte-Welt-Ländern entspricht. Lassen Sie mich eine Aussage von Michael Lamar Powell, einem Gefangenen in Capshaw, Alabama zitieren:

Ich kann nicht streiken, ich kann mich nicht gewerkschaftlich organisieren. Ich bin nicht durch die Arbeitsunfallversicherung des Fair Labour Standards Act abgesichert. Ich bin mit Nachtarbeit und Wochenendschichten einverstanden. Ich mache, was mir aufgetragen wird, ganz egal, was. Man kann mich beliebig einstellen und rausschmeißen und ich bekomme noch nicht mal den Mindestlohn: Ich verdiene einen Dollar im Monat. Ich kann mich nicht beklagen oder beschweren, es sei denn, ich nehme willkürliche Disziplinierung durch versteckte Vergeltungsmaßnahmen in Kauf. Ihr müsst euch keine Sorgen über NAFTA bzw. darüber machen, dass eure Jobs nach Mexiko oder in Dritte-Welt-Länder abwandern. Am Ende dieses Jahrzehnts werde ich zumindest 5% eurer Jobs haben. Man nennt mich Gefängnis-Arbeit. Ich bin der Neue US-amerikanische Arbeiter.[3]

Diese „neue US-amerikanische Arbeiter_in“ kommt aus den Reihen einer rassisierten Bevölkerung, deren historische Hyperausbeutung seit dem Zeitalter der Sklaverei bis in die Gegenwart durch Rassismus legitimiert wurde. […] Wie Michael Powell so treffend darlegt, hat der Rassismus zudem eine neue Dimension, die diesem Prozess der Verbindung von Hyperausbeutung der Gefängnisarbeit mit der Globalisierung des Kapitals inhärent ist. […]

Obwohl Gefängnisarbeit für die Unternehmen, die diese einsetzen, sehr gewinnträchtig ist, produziert das Strafsystem insgesamt keinerlei Reichtum. Es verschlingt den sozialen Reichtum, der verwendet werden könnte, um subventionierte Wohnungen für Wohnungslose anzubieten, die öffentliche Bildung für arme und aufgrund von Rassisierung marginalisierte Communities zu verbessern, um unentgeltliche Drogenrehabilitierungsprogramme für Leute zu eröffnen, die ihre Sucht loswerden wollen, um ein nationales Gesundheitssystem zu schaffen und Programme zur HIV-Bekämpfung auszudehnen, um häuslichen Missbrauch zu beseitigen, und dabei gut bezahlte Jobs für Arbeitslose zu schaffen. Dies läuft auf eine massive Umverteilung von sozialem Reichtum und von Ressourcen hinaus. Regierungsverträge zur Errichtung von Gefängnissen spielten zum Beispiel eine zentrale Rolle darin, die Bauindustrie zu unterstützen und die Gefängnisarchitektur zu einer wichtigen Geschäfts-„Chance“ für Architekt_innen zu machen. Unternehmen wie Westinghouse vermarkten die Technologie, die für militärische Zwecke entwickelt wurde, für den Einsatz bei Strafverfolgung und Bestrafung. Großunternehmen, die scheinbar nur wenig mit dem Geschäft der Bestrafung zu tun haben, sind darüber hinaus unmittelbar in die Ausweitung des gefängnisindustriellen Komplexes involviert. So sind beispielsweise Gefängnisbauanleihen eine der vielen profitablen Investitionsquellen für führende Finanzunternehmen wie Merill Lynch. […]

Ich würde gerne auf eine weiter oben gemachte Äußerung von Ihnen zurückkommen, dass nämlich Schwarze Menschen und People of Colour im Allgemeinen das hauptsächliche menschliche Rohmaterial sind, mit dem sich die Ausweitung des Ggefängnisindustriellen Komplexes vollzieht. Sie haben in verschiedenen Artikeln und in Ihrem […] Buch die vergeschlechtlichte und rassisierte Geschichte von Bestrafung und Strafe in den Vereinigten Staaten offen gelegt und dabei zumindest vier Systeme der Inhaftierung ausgemacht, die „Einsperrung, Bestrafung und Rasse“ miteinander verbinden: das Reservatsystem, die Sklaverei, das Missionssystem und die Internierungslager im 2. Weltkrieg.[4] Ihr Fokus liegt dabei vor allem auf der Geschichte der Sklaverei sowie auf Menschen afrikanischer Herkunft.[5] Was sind die Hauptmerkmale dieser Geschichte, die Sie für eine Verständigung über die Krise des Gefängnisses heute als besonders wichtig erachten?

Die unverhältnismäßige Präsenz von People of Colour unter den inhaftierten Menschenmengen wurde in den Vereinigten Staaten – und zunehmend auch im postkolonialen Europa – zu einer Selbstverständlichkeit.[6] Doch dieser Gemeinplatz ist ein Ergebnis einer langen Geschichte von Ausbeutung und staatlicher Repression. Menschen afrikanischer Herkunft, die in den Vereinigten Staaten der Sklaverei anheim fielen, wurden historisch sicherlich nicht als Rechtsindividuen betrachtet. Daher ließ man ihnen auch die moralische Umerziehung nicht zuteil werden, die das erklärte philosophische Ziel der Strafanstalt war. Das System der Sklaverei hatte seine eigenen Formen der Bestrafung, die hauptsächlich körperlich blieben und die der Bestrafung durch Inhaftierung vorausgingen.

Innerhalb der Institution der Sklaverei, die selbst eine Form der Inhaftierung war, entwickelten sich mit dem Auftauchen des Gefängnissystems in seinem Inneren andere rassisierte Formen der Bestrafung. Diese waren eine negative Affirmation der „freien Welt“, von der sich die Sklaverei auf zweierlei Weise abhob. Selbst wenn die Formen der Bestrafung, die der Sklaverei inhärent waren und damit assoziiert wurden, mit dem Abolitionismus der Sklaverei insgesamt für nichtig erklärt wurden, hatte der Status von Bürger_innen zweiter Klasse, der den ehemaligen Sklav_innen zugewiesen wurde, einen impliziten Einfluss auf die Praxen der Bestrafung. Explizit wurde die Verbindung zwischen Sklaverei und Bestrafung indes genau im Moment des Abolititonismus der Sklaverei in der US-amerikanischen Verfassung niedergeschrieben. Bis der 13. Zusatzartikel die Sklaverei für verfassungswidrig erklärte, fand sich in der Tat keinerlei Bezugnahme auf Inhaftierung. Der 13. Zusatzartikel lautete folgendermaßen: „Weder Sklaverei noch Zwangsdienstbarkeit darf, außer als Strafe für ein Verbrechen, dessen die betreffende Person in einem ordentlichen Verfahren für schuldig befunden worden ist, in den Vereinigten Staaten oder in irgendeinem Gebiet unter ihrer Gesetzeshoheit bestehen.“ Der Abolitionismus der Sklaverei ging also mit der Autorisierung der Sklaverei als Strafe einher. In der eigentlichen Praxis verbanden sich Emanzipation und Autorisierung der Zuchthausstrafe, um in den Südstaatengefängnissen eine enorme Schwarze Präsenz zu schaffen und die Strafe in ein Mittel zur Verwaltung der ehemaligen Sklav_innen zu transformieren.

Durch die Konstruktion der Gefangenen als Menschen, die es verdienten, durch Sklaverei unterworfen zu werden, machte die Verfassung eine weitere undefinierbare Verbindung von Gefängnis und Sklaverei möglich, nämlich die Kriminalisierung ehemaliger Sklav_innen. Dieser Prozess der Kriminalisierung wurde mit der raschen Transformation der inhaftierten Menschenmengen in den Südstaaten sichtbar, wo die Mehrheit der Schwarzen Amerikaner_innen wohnte. Vor der Emanzipation waren Gefangene in erster Linie weiß, doch wie Milifred Fierce betonte, war der Prozentsatz von Schwarzen Häftlingen während der Zeit nach dem Bürgerkrieg im Verhältnis zu weißen Inhaftierten oftmals höher als 90 Prozent.

Die schnelle rassisierte Transformation der inhaftierten südlichen Bevölkerungen war hauptsächlich den Black Codes geschuldet, die Verhaltensweisen wie Vagabundieren, Bruch von Arbeitsverträgen, Nichterscheinen bei der Arbeit und beleidigende Gesten oder Handlungen kriminalisierten. So wurden etwa Diebstahl und Flucht, die über lange Zeit als effektive Formen des Widerstands gegenüber der Sklaverei galten, als Verbrechen definiert. Was während der Sklaverei die äußerst repressive Macht des Herrn war, wurde zur weit verheerenderen universellen Macht des Staates. Schwarze Menschen wurden von ihrem Status als Sklav_innen befreit, um mit dem neuen Status als Kriminelle versehen zu werden. Das System der Kriminaljustiz spielte also eine wichtige Rolle bei der Konstruktion des neuen sozialen Status von ehemaligen Sklav_innen als Menschen, deren Status als Bürger_innen genau darum anerkannt wurde, um ihnen diesen zu verweigern,.

Die Gefängnisbevölkerungen im Süden der Vereinigten Staaten wurden in den Nachwehen der Sklaverei nicht nur vorwiegend Schwarz, vielmehr traten an die Stelle der Haftanstalten entweder die Verpachtung von Strafgefangenen oder die Beschränkung auf weiße Häftlinge. Diese Rassisierung der Bestrafungspraxen hatte zur Folge, dass Schwarze Menschen größtenteils durch die neu geschaffenen Bedingungen der Sklaverei sozial definiert werden sollten. Wie der Historiker David Oshinsky aufzeigte, hatte die Verpachtung von Strafgefangenen in Institutionen wie Mississippis Parchman Farm Bedingungen zur Folge, die „schlimmer waren als die Sklaverei“.[7]

Während der letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wurden die südlichen Kriminaljustizsysteme durch ihre Rolle als ein totalitäres Mittel zur Kontrolle der Schwarzen Arbeitskraft in der Zeit nach der Emanzipation grundlegend transformiert. Weil so viele der spezifischen Verbrechen, die Schwarzen zur Last gelegt wurden, eher als Vorwand für die Verhaftung dienten, und nicht ursächlich dazu beitrugen, richteten sich diese Bestrafungsstrategien explizit auf Schwarze Communities und hatten letztlich auch Einfluss auf die Geschichte der Inhaftierung außerhalb des Südens.

Und heute?

Der entstehende gefängnisindustrielle Komplex erinnert heute an die früheren Bemühungen, eine profitable Bestrafung zu schaffen, die auf dem neuen Angebot von „freien“ Schwarzen Arbeitern in den Nachwehen des Bürgerkriegs basierte. So argumentiert etwa Steven Donziger: „Das Kriminaljustizsystem braucht ausreichend Rohmaterial, um Langzeitwachstum garantieren zu können […]. Was die Kriminaljustiz angeht, sind die Gefangenen das Rohmaterial […]. Damit das Angebot an Gefangenen größer wird, muss die Kriminalpolizei sicherstellen, dass ausreichend US-Amerikaner_innen inhaftiert werden, unabhängig davon ob das Verbrechen insgesamt steigt oder ob die Inhaftierung notwendig ist.“[8] Ebenso wie die eben befreiten Schwarzen Männer, neben einer ziemlichen Zahl von Schwarzen Frauen, ein praktisch unendliches Angebot an Rohmaterial für das noch im Embryostadium befindliche Bestrafungsindustriesystem der Südstaaten bildeten (und zudem die dringend notwendige Arbeitskraft für die Ökonomien der Südstaaten lieferten, in ihrem Versuch, sich von den verheerenden Auswirkungen des Bürgerkriegs zu erholen), liefern die arbeitslosen Schwarzen Männer gemeinsam mit einer wachsenden Zahl von Frauen in der Gegenwart ein schier endloses Angebot an Rohmaterial für den heutigen gefängnisindustriellen Komplex. […]

Diskutieren wir nun, als eine Art Schlussfolgerung, den Widerstand gegen den gefängnisindustriellen Komplex sowie den Ruf nach einem neuerlichen Abolitionismus.

In den Vereinigten Staaten verläuft das Wachstum der Bestrafungsindustrie vor dem Hintergrund einer überall spürbaren Unlust der meisten draußen, sich in kritische Diskussionen über Haftanstalten und Gefängnisse jenseits einer allzu vereinfachten und ungenauen Gleichsetzung einzulassen, die darin besteht, dass die Ausbreitung von Gefängnissen Verbrechen überhaupt zum Verschwinden bringen werde. Medienagenturen wie Strafverfolgungsbehörden arbeiten gemeinsam daran, eine mehr und mehr von Verbrechen durchtränkte Atmosphäre zu schaffen, in der sich gerade diejenigen, bei denen es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie jemals Opfer eines Verbrechens sein werden, am vernehmbarsten für scharfe Verurteilungspraxen und für die Ausweitung der Gefängnisse als Mittel zur Verbrechensminimierung einsetzen. In der öffentlichen Imagination – weil sich fantastische Vorstellungen „des Kriminellen“ in eine Furcht vor einem Schwarzen Fremden übersetzen, der an dunklen Ecken herumlungert und nur auf die Gelegenheit wartet, ein ahnungsloses Opfer zu schlagen, zu berauben, zu vergewaltigen oder zu ermorden – macht die sich daraus ergebende Haltung à la „Schließt sie ein und werft den Schlüssel weg“ […] jene immer unsichtbarer, die im Gefängnis sitzen. Die fortwährende Dämonisierung von Sozialhilfe beziehenden Müttern, vor allem von Schwarzen Alleinerzieherinnen, sowie der Abbau aller Programme zur Unterstützung von armen Müttern und ihren Kindern bahnt neue vergeschlechtlichte Wege ins Gefängnis.

Es ist entscheidend, der Unsichtbarkeit der inhaftierten Bevölkerungen  […] zu trotzen, um Widerstand gegenüber der sozialen Enteignung hervorzurufen, die der gefängnisindustrielle Komplex bewirkt. Dies ist auch notwendig, wenn man den magischen Trick offenlegen will, von dem ich vorher gesprochen habe.

Die meisten Leute wurden dazu verleitet, an die Wirksamkeit der Gefangenschaft zu glauben, obwohl historische Aufzeichnungen ein eindeutiger Beleg dafür sind, dass Gefängnisse nicht funktionieren. Die ökonomischen und sozialen Faktoren, die manche Leute dazu bringen, in einer Weise zu agieren, die sie ziemlich sicher ins Gefängnis bringen wird (ebenso wie die Kriminalisierung jenes Prozesses selbst, der diktiert, welche Segmente der Bevölkerungssegmente zu Objekten einer weitverbreiteten Angst vor Verbrechen werden), bleiben von der Zahl der in den Vereinigten Staaten jährlich gebauten Gefängnisse unberührt. Systemische soziale Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, Analphabetentum und Kindesmisshandlung – die es immer wahrscheinlicher machen, dass die Betroffenen ins Strafsystem verwickelt werden – verlangen nach aggressiven und innovativen Lösungen, die nichts mit Einsperrung zu tun haben. Doch diese einfachen und eher offensichtlichen Realitäten sind den meisten Leuten, die wenig mit den Strafinstitutionen zu tun haben, eher fremd. […]

Zielt diese Kritik letztlich auf die Abschaffung des Gefängnissystems, so wie wir es kennen?

Ja. Die Möglichkeit einer Abschaffung der Gefängnisse und Strafanstalten als institutionalisierte und normalisierte Mittel einer Adressierung sozialer Probleme im Zeitalter von migrierenden Unternehmen, Arbeitslosigkeit und zusammenbrechenden öffentlichen Dienstleistungen – von der Gesundheitsfürsorge bis zur Bildung – zu beleben, kann dabei helfen, den gegenwärtigen Diskurs von Recht und Ordnung zu stören, der die kollektive Einbildungskraft fest im Griff  hat und von tiefgründigen und verborgenen rassistischen Einflüssen gefördert wird. […]

Eine radikale Strategie der Abschaffung der Gefängnisse und Strafanstalten als normale Art und Weise des Umgangs mit sozialen Problemen im Spätkapitalismus ist keine Strategie eines abstrakten Abolitionismus. Sie muss so entworfen werden, dass sie ein Überdenken der zunehmend repressiven Rolle des Staates in dieser Zeit des Spätkapitalismus zur Folge hat und Raum für Widerstand schafft. 

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Interview, das in der Zeitschrift Race & Class, Jg. 40, Nr. 2/3 im Oktober 1998/März 1999 abgedruckt wurde und dann im Buch von Avery Gordon, Keeping Good Time: Reflections on Knowledge, Power, People (Paradigm Publisher, 2004) ein weiteres Mal veröffentlicht wurde.


[1] Elliot Currie, Crime and Punishment in America, New York: Henry Holt and Company 1998, S. 21.

[2] Vgl. Angela Davis, „A World unto Itself: Multiple Invisibilities of Imprisonment, in: Jacobson-Hardy and John Edgar Wideman, Behind the Razor Wire: Portrait of an American Prison System, New York: New York University Press 1998.

[3] „Modern Slavery American Style“, unveröffentlichter Essay 1995.

[4] Vgl. Angela Davis, „Racialized Punishment and Prison Abolition“, in: Tommy Lott (Hg.), Blackwell Companion to African-American Philosophy, London: Basil Blackwell 2006.

[5] Vgl. Angela Davis, „From the Prison of Slavery to the Slavery of Prison: Frederick Douglass and the Convict Lease System“, in: Bill Lawson u. Frank Kirkland (Hg.), Frederick Douglass, a Critical Reader, London: Basil Blackwell 1998; Angela Davis, „Race, Gender and Prison History: From the Convict Lease System to the Supermax Prison“, in: Terry Krupers, Willie London u. Don Sabo (Hg.), Confronting Prison Masculinities in the Gendered Politics of Punishment, Philadelphia: Temple University Press 2010.

[6] Vgl. Kum-Kum Bhavnani u. Angela Davis, „Fighting for her Future Reflections on Human Rights and Women’s Prisons in the Netherlands“, Social Identities, Jg. 3, Nr. 1, 1997. Zu Rassismus und dem gefängnisindustriellen Komplex in den Vereinigten Staaten, vgl. Angela Davis, „Masked Racism. Reflections on the Prison Industrial Complex“, ColorLines Magazine, Herbst 1998; sowie Diess., “Race and Criminalization – Black Americans and the Punishment Industry”, in: Wahneema Lubiano (Hg.), The House that Race Built Black Americans, US Terrain, New York: Pantheon 1997.

[7] David Oshinsky, „Worse than Slavery“: Parchman Farm and the Ordeal of Jim Crow Justice, New York: The Free Press 1996.

[8] Steven Donziger (Hg.), The Real War on Crime: The Report of the National Criminal Justice Commission, New York: Harper Perennial 1996, S. 87.