Dieser Mann, der uns keinen Namen nennen wollte und auch kein Alter, lebt seit knapp 20 Jahren in Europa, wo er sich in verschiedenen Nationalstaaten, etwa in Italien und in Österreich bislang vergeblich um seine Legalisierung bemüht hat. Er spricht Darija und Arabisch sowie Italienisch. Das Gespräch wurde auf Darija aufgezeichnet, für die Zwecke dieser Publikation stark bearbeitet und ist Teil des Films „Und schließlich bin ich abgehaut!“

Salam aleikum Bruder, willst Du mir erzählen, wie es gekommen ist, dass ich dich hier in Traiskirchen treffe?

Ich bin diesen Sommer im Lager in Traiskirchen angekommen. Ich bin über Albanien, Montenegro, Serbien und den Kosovo nach Ungarn gekommen. In Ungarn wollte ich keinen Asylantrag stellen, aber als ich dort angekommen bin, haben sie mich gezwungen, meine Fingerabdrücke abzugeben. Sie setzen dich unter Druck, damit du einen Asylantrag stellst. Und wenn du dann nach Österreich weiterziehst, hast du deswegen viele Probleme: Sie halten dich einige Zeit fest, z. B. drei Monate lang, du machst ein Interview, bekommst einen negativen Bescheid und wirst wieder nach Ungarn zurückgeschickt. Ungarn schickt dich dann nach Serbien und von Serbien geht es weiter nach Griechenland. Du beginnst also wieder von Null. Ich frag mich, was das soll!

Wie lange bist Du denn schon in Europa?

Bruder, ich bin schon seit 1999 in Europa. Ich bin als Minderjähriger gekommen und war bis 2009 in Italien. Ich hatte dort einen Aufenthalt, mit dem man auch nach Hause fahren kann. Dort darf man nicht länger als 3 Monate bleiben. Ich bin also nach Marokko zurück und zwei Monate geblieben. Mein Aufenthalt in Italien war noch gültig. Aber als ich wieder nach Rom kam, haben sie mich festgenommen und mich nach Marokko abgeschoben. Warum, weiß ich nicht.

Jetzt ist mein größtes Problem Ungarn. Ich war schon 1999 in Ungarn und mir war klar, dass ich lieber in Afrika bleibe als in Ungarn. Die Bevölkerung in Ungarn ist arm, das heißt, sie können gar keine Asylwerber_innen aufnehmen. Ungarn ist für uns nur ein Transitland. Hätte ich gewusst, dass man jetzt in Ungarn einen Asylantrag stellen muss und dann nicht mehr dorthin gehen kann, wohin man gehen will, wäre ich lieber in Griechenland geblieben. Aber ich dachte über Ungarn kommt man nach Österreich und da sind gute Leute, das habe ich im Kopf gehabt.

Und wie geht es dir hier in Traiskirchen? Kannst du mir etwas über das Leben der muhajerin, der Migrant_innen aus verschiedenen Ländern erzählen? Die Leute hier sagen: „In Österreich gibt es Menschenrechte“. Das sagen sie alle. Aber sag du mir: Hast du das hier so erlebt oder ist das nur ein Satz?

Ja, wir hören immer, dass Österreich ein Land der Gerechtigkeit ist. Nun, mit der Polizei hatten wir kaum Probleme, aber mit den Asylbeamt_innen, das ist so eine Sache … Im Lager sperren sie die Türen um 22.00 Uhr zu. Du wirst mit vielen verschiedenen Leuten in ein Zimmer gesteckt: Es sind bis zu 7 Personen in einem einzigen Zimmer. Da bist du dann mit Leuten, die keinen Respekt haben. Du kannst nichts machen, wenn zum Beispiel jemand raucht. Und dann kommen die Beamten, sehen die Zigarette und bestrafen irgendjemanden, ganz willkürlich. Und das obwohl sie gar nicht wissen, wer geraucht hat.

Warum, weil es verboten ist, im Zimmer zu rauchen?

Ja, es ist verboten zu rauchen, aber für sie gibt es keinen Unterschied. Wenn jemand im Zimmer raucht, kannst du ihn nicht davon abhalten. Du müsstest mit ihm kämpfen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Aber mich stört wirklich, dass die Beamt_innen keinen Unterschied machen: Wenn einer stiehlt, dann glauben sie, alle stehlen. Aber es sind nicht alle gleich, das muss man sehen. Es gibt auf der ganzen Welt Menschen, die stehlen, nicht nur Marokkaner_innen, Algerier_innen oder Tunesier_innen. Es gibt auch Österreicher_innen, die kriminell sind.

Ja, das stimmt!

Man muss die Unterschiede sehen. Sie interessieren sich auch überhaupt nicht dafür, was die Menschen wollen, die hierher kommen. Es gibt welche, die kommen, weil sie arbeiten, heiraten usw. wollen. Sie nehmen uns einfach alle fest, sperren uns im Lager ein und das einzige, was man darf, ist essen und schlafen. Ansonsten gibt es gar nichts. Das macht dich verrückt und produziert Stress. Zum Leben geben sie dir lediglich 40 Euro im Monat. Nehmen wir irgendjemanden, auch ein Kind, und sagen wir ihm: „Du bekommst 40 Euro pro Monat, du schläfst und isst im Lager“ – und dann schauen wir mal, was passiert. Was kannst du mit 40 Euro schon machen? Du hast Stress und rauchst zwei Packungen Zigaretten am Tag und sie geben dir 40 Euro: Das ist fast so, als würden sie dich zum Stehlen auffordern!

Man könnte auch sagen, sie machen das, um die Gefängnisse zu füllen …

Ja sicher, es geht darum, die Gefängnisse zu füllen. Es gibt hier sehr viele Probleme, über die ich sprechen könnte, aber mein größtes Problem derzeit ist Ungarn. Darum spreche ich auch nur von Ungarn.

Hast du hier Rassismus erlebt? Woran denkst du, wenn du dieses Wort hörst?

Ich habe in Griechenland viel Rassismus erlebt. Man sagt, Rassismus steigert den Hass in den Menschen, er lässt ihn zu Verbrecher_innen werden. Rassismus ist die gefährlichste Sache in der Welt. Aber von den Österreicher_innen kann ich nichts Schlechtes sagen, die österreichischen Leute sind lieb. Wenn du dich korrekt verhältst, dann gehen sie auch korrekt mit dir um. Nur die Securities im Lager sind Rassisten. Das spürt man sofort: Sie behandeln die Leute nicht danach, wie sie sich verhalten.

Du hast mir erzählt, dass du heute aus Österreich abhauen willst. Sag mir bitte, Bruder, warum willst du Österreich verlassen?

Österreich gefällt mir und die Leute sind sehr lieb und gebildet, verstehst du? Sie zeigen Respekt, aber die Beamt_innen im Lager, Bruder, ich sag’s Dir! Du machst das Interview und was passiert? Im Grunde bekommen alle auf die eine oder andere Weise alle einen negativen Bescheid: manche nach 15 Tagen, manche nach einem oder zwei Monaten. Und wenn du dann nicht freiwillig ausreist, schieben sie dich ab … . Sie machen dich kaputt! Wenn sie sich dafür interessieren würden, wie wir gekommen sind und was wir erlebt haben, könnten sie einen Film über uns machen, oder ich weiß nicht was … Wir haben wirklich sehr, sehr viel gelitten! Ich jedenfalls hau ab, bevor sie mir einen negativen Bescheid geben.

Aber hast Du Dir gewünscht, hier zu leben?

Ich habe mir gewünscht, dass ich hier meine Zukunft gestalten kann, dass ich heiraten und alles Mögliche tun kann. Aber das lassen sie nicht zu, diese Leute aus dem Lager. Sie geben dir zwei Wochen Zeit, um das Land freiwillig zu verlassen, oder sie schicken dich nach Ungarn. Einen Aufenthalt bekommen wir nur in den Ländern, die in der Krise sind. Wenn du jetzt z. B. nach Italien gehst, dann wird Italien nichts für dich machen können. Die Wirtschaft in Italien ist schlecht, und das wissen sie. Wenn du in Italien mit Freund_innen zusammensitzt, triffst du ständig auf Italiener_innen, die dich, zum Beispiel, um eine Zigarette bitten. Das heißt, selbst die italienische Bevölkerung hat nicht genug zum Leben. Oder sie schicken dich nach Griechenland, aber auch in Griechenland gibt es gar nichts. Sie schicken uns also in die Krise. In Ländern wie Deutschland, zum Beispiel, hättest du Rechte, aber sie haben dir deine Finderabdrücke in Ungarn abgenommen. Und darum schickt dich Deutschland nach Ungarn. Wenn du nach Schweden, schicken sie dich nach Ungarn, du gehst nach Dänemark, dasselbe. Das heißt, die Fingerabdrücke stehen dir immer im Weg. Ich bin gegen diese Fingerabdrücke!

Sag mir, insch’allah, wo willst jetzt hingehen?

Was soll ich machen, ich schließe meine Augen und gehe nach Italien, verstehst du? Ich kann auf der Straße oder sonst irgendwo schlafen. Aber es gibt Leute, die noch nicht viel von Europa gesehen haben. Sie kommen mit bestimmten Vorstellungen hierher und finden dann etwas ganz anderes, als sie dachten.

Bruder, ich sag dir, es ist mir eine große Freude, dich getroffen zu haben. Und es gefällt mir überhaupt nicht, dass die Leute hierher kommen, um ruhig zu leben und nur einen Bescheid bekommen. Und dann gehst du woanders hin, in ein anderes Land und beginnst von Null. Hast du zum Abschluss noch eine Botschaft für unsere Brüder und Schwestern, die muhajerin?

Ich sage allen Afrikaner_innen, die hierher kommen, um einen Asylantrag zu stellen: „Sie werden euch über’s Ohr hauen, kommt nicht hierher!“ Eigentlich dürfen sie Asylwerber_innen nicht ins Gefängnis stecken, ich weiß, eigentlich nicht. Sie bitten ja um Asyl, mein Freund. Wenn du ihnen von den Problemen in deinem Heimatland erzählst, dürfen sie normalerweise nicht so mit dir umgehen. Und warum tun sie das? Wegen der Fingerabdrücke, die wir abgeben mussten. Sie zwingen uns dazu!

Okay, ich danke dir, Bruder, ich danke dir sehr! Gute Reise und viel Glück! Ehrlich es ist mir eine große Freude, dass ich dieses Interview mit dir in Derija geführt habe, weil das die Botschaft ist, die ich den Menschen mitgeben will. Lasst uns unsere Stimme stärker machen!

An all die muhajerin und harraga, nicht nur aus Marokko, Algerien und Tunesien, sondern an all jene, die hier in Österreich leben: Wir haben hier kein gutes Leben, wir suchen eine Lösung für unser Leben und wir haben eine Verantwortung für unsere Eltern, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben und die auf uns warten. Wir sind alle psychisch belastet und tragen einen Rucksack mit uns, immer und überall. Aber wir werden nicht aufgeben – ich gebe nicht auf! Ich bleibe bis zum Ende, damit ich all das, was ich im Kopf habe, weitergeben kann. 

Ich danke allen, die sich bemühen. Ich hoffe, sie werden etwas für diese Menschen tun können, weil sie viel gelitten haben.

Danke, schöne Reise und viel Glück!