Dieser Text ist ein Beitrag zur Kartierung von Migrationsprozessen und Erfahrungen queerer Menschen, basierend auf Beispielen aus Kroatien und der Region Post-Jugoslawiens in den vergangenen Jahrzehnten. Er zielt darauf ab, weniger sichtbare Narrative zu diskutieren, als Teil eines größeren Komplexes von Arbeiten zu migrantischen Bewegungen und den zugrundeliegenden Regimen und Politiken, die diese regulieren. Dafür werde ich Ergebnisse aus einer Recherche für das Projekt „Good Luck! Migration Today. Vienna, Belgrade, Zagreb, Istanbul“ (2007–2010, Initiative Minderheiten)[1] nutzen, das ebenfalls queere und aktivistische Perspektiven in den analysierten Migrationsdiskurs einschloss. Auch werde ich ausgewählte Punkte aus Artikeln und Interviews von Gabrijela Ivanov (2014–2015, voxfeminae.net) verwenden, die den Blick auf (E)migrationserfahrungen queerer AktivistInnen aus der post-jugoslawischen Region richten.

Die soziale und politische Realität dieser Gegend ist – je nach Land oder Zeitperiode variierend – von patriarchalen Ordnungen, Nationalismen und Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Heterosexismus, dem mächtigen Einfluss der Kirchen, politischer Repression und einer mangelnden Anwendung von Gesetzen geprägt. Trotzdem ist es eine Gegend, in der innerhalb der letzten 25 Jahre allmähliche und doch bedeutende Schritte unternommen wurden, um die Rechte der LGBTIQ-Bevölkerung zu sichern und deren Lebensumstände zu verbessern – auch hier mit unterschiedlichen Erfolgen in den jeweiligen Ländern der Region. Die erreichten Veränderungen waren Ergebnis intensiver Lobby-Arbeit und Fürsprache von zivilgesellschaftlichen Akteuren, und ebenso auch Reaktionen auf die Beitrittsbedingungen der Europäischen Union. Während diese Prozesse die Rechte von LGBTIQ-Personen – zumindest auf der nominellen Ebene von Gesetzgebung und Verordnungen – gestärkt haben, wurde die tatsächliche Alltags-Homophobie oft als Anlass genommen um ein Narrativ der rückwärtsgewandten, barbarischen Länder der Region im Gegensatz zu den „entwickelten“ und „progressiven“ westlichen Gesellschaften der EU-Länder zu konstruieren. Natürlich wird dabei verschwiegen, dass Homophobie auch in der sogenannten „zivilisierten Welt“ präsent ist.

Zwar variieren die Erfolge der LGBTIQ-Bewegung in den unterschiedlichen Ländern der Region im Hinblick auf den tatsächlichen Grad von Rechtssicherheit und Rechten, doch haben sie ihre gemeinsamen Wurzeln in der feministischen, lesbischen und schwulen Organisierung der 1980er Jahre in Jugoslawien, ebenso wie im überregionalen Friedens- und Anti-Kriegs-Aktivismus und in der Solidarität der 1990er Jahre. Nach der historischen internationalen Konferenz “Genossin Frau. Frauenfrage: Ein Neuer Ansatz?”, die 1978 in Belgrad stattfand, begannen Frauen- und feministische Gruppen sich in den frühen 1980er Jahren in Ljubljana, Zagreb und Belgrad zu organisieren.

Die ersten schwulen und lesbischen Gruppen in Jugoslawien wurden in Ljubljana als Sektionen des StudentInnen-Kulturzentrums gegründet: die Schwulen- Sektion Magnus 1984[2] und ŠKUC-LL im Jahr 1987. Die lesbische Sektion LL war Teil der feministischen Gruppe Lilith, die das erste feministische Treffen Jugoslawiens 1987 in Ljubljana organisierte. Dieses Ereignis war entscheidend für die weitere feministisch-lesbische Organisierung in den nächsten drei Jahren in Ljubljana (ŠKUC-LL), Zagreb (Lila Initiative) und Belgrad (eine lesbische Abteilung der feministischen Gruppe Frauen und Gesellschaft und eine schwule und lesbische Gruppe Arkadija). Doch gleichzeitig mit den Anfängen der lesbischen und schwulen Organisierung begann der Zerfallsprozess des Jugoslawischen Staates.

In den 90er Jahren waren die Feministinnen in Zagreb und Belgrad stark in den Antikriegsaktivismus eingebunden – durch öffentliche Proteste und Kampagnen, direkte Arbeit, sowie Unterstützung und Hilfe für Frauen, die Krieg und Gewalt überlebt hatten. Nach dem Ende der Kriege zwischen den jugoslawischen Nachfolge-Staaten bildeten sich neue lesbische Organisationen in Belgrad (Labris, 1995) und Zagreb (Kontra, 1997). Doch bereits 1992, in dem Jahr in dem auch die Republik Kroatien international anerkannt wurde, wurde LIGMA - Lesbian und Gay Men Action als erste kroatische schwule und lesbische Organisation in Zagreb mit der Unterstützung der Transnational Radikal Party gegründet.  LIGMA wurde von Amir Hanušić und Andreja Špehar geleitet, den ersten beiden kroatischen AktivistInnen, die sich öffentlich geoutet hatten. Beide beschlossen oder waren gezwungen, nach Vorfällen gesellschaftlicher Homophobie und staatlicher Repression ihre Heimatländer zu verlassen. Špehar emigrierte nach Schweden und Hanušić ging nach zahlreichen verbalen Angriffen, Übergriffen durch die Polizei und einem tätlichen Angriff auf ihn und sein Zuhause nach Kanada, wo er 1998 Asyl erhielt.

In den 2000er Jahren begann die transregionale Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den LGBTIQ-AktivistInnen sich um Pride-Märsche und Queer-Festivals herum zu entwickeln. Die besonders gewalttätigen Angriffe auf TeilnehmerInnen des ersten Belgrader Pride-Marsches im Jahr 2001 war direkter Antrieb für die Organisation des ersten Pride-Marsches in Zagreb im darauffolgenden Jahr, wobei einige der OrganisatorInnen die Erfahrungen des Belgrader Versuches mit sich trugen. Im Jahr 2003 wurde das Südosteuropäische Queer (SEEQ) Netzwerk geschaffen, das LGBTIQ-AktivistInnen und Organisationen aus den ehemaligen jugoslawischen Republiken verbindet.

Die Absicht, den Raum queerer Solidarität und des Austausches jenseits der staatlich auferlegten nationalen Grenzen zu formen, wurde deutlich sichtbar auf den Flyern, die verkündeten, dass das erste Queer Belgrade Festival von 2004[3] an dem imaginären Ort „Belgrad, Queeroslawien“[4] stattfinden würde. Die Bemühungen, die aktivistischen Zusammenhänge im postjugoslawischen Raum zu stärken, zeigten sich auch bei der Südosteuropäischen Pride 2006 in Zagreb. Für diejenigen, die aus feindseligeren und homophoben Gegenden kommen, bedeutet die Teilnahme an einem öffentlichen LGBTIQ-Event in einem anderen Land die Möglichkeit, ihre Identitäten ohne zu viel Unbehagen auszudrücken und ohne dass sie Angst haben mussten, geoutet zu werden. Von den Mitgliedern des SEEQ Netzwerks mit dem Titel „The International Pride“ organisiert, zielte die Veranstaltung darauf ab, die Organisation von Prides in anderen Staaten zu fördern. Seither gibt es neben Kroatien und Slowenien auch in Serbien (2010 und wieder ab 2014) und in Montenegro (ab 2013) Pride-Märsche. Das jüngste Beispiel für regionale Zusammenarbeit und Austausch ist Trans Network Balkan, das im Jahr 2014 als Plattform für die Förderung von Trans-Rechten und als Unterstützung für lokale Trans-Gruppen und Einzelpersonen „in der Balkanregion“ gegründet wurde.

Neben den Verweisen auf diese Beispiele regionaler Mobilität und Vernetzung von queeren Einzelpersonen und Gruppen in der post-jugoslawischen Region dokumentierten die Untersuchungen, die ich vor zehn Jahren durchgeführt habe, auch vier Erzählungen, die von queeren internen Migrationserfahrungen in Kroatien handeln. Dies sind Geschichten vom Umzug aus Kleinstädten und vom Land in die Hauptstadt Zagreb, an „einen Ort, der einem ein Gefühl von Freiheit, Sicherheit und Anonymität gibt.“ Obwohl die gesammelten Zeugnisse sich in Bezug auf persönliche Motive und Gründe für die Migration (Gewalt, Bildungs- und Arbeitsaussichten, Partnerschaften) unterscheiden, wird doch in allen Erzählungen die Unmöglichkeit unterstrichen, die eigene Identität in der Heimat voll und ganz zu leben und auszudrücken. Ein weiterer Aspekt, der diese queeren Migrationserfahrungen markiert und der auch alle anderen migrantischen Realitäten betrifft, ist das Problem der Sicherung des eigenen Lebensunterhalts und dessen komplexe Verbindungen zu Migrationsprozessen. In diesem Fall wurde für alle Befragten die Beteiligung an sozialen Netzwerken innerhalb der LGBTIQ-Community der Hauptstadt als hilfreiches Mittel zur Sicherung von Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten in ihrem neuen Umfeld wahrgenommen. Andererseits sahen diejenigen, die Plänen und Visionen für eine transnationale Migration hatten, Zagreb auch als einen „temporären sicheren Hafen“ auf ihrem Weg nach London, Berlin oder San Francisco. Zusammenfassend illustrieren diese Erfahrungen die normative „homosexuelle Migrationserzählung“ / „urbane Coming-out-Geschichte“ – eine Geschichte, die Reisen, sowohl in geografischer als auch in identitärer Hinsicht, einschließt: das Verlassen einer „erstickenden, geschlossenen Atmosphäre“ und das Ankommen (Coming-out) in einer Stadt, in einem „neuen Zuhause, mit einer neuen Familie,“ um „das zu sein, was man wirklich ist.“

Einer dieser Forschungs-Stränge verfolgte die Entwicklung im Leben von Daniel, einem jungen queeren Akademiker und Aktivisten aus Zadar zwischen 2007 und 2010. Genauer gesagt konzentrierte er sich auf dessen Beziehung zu Paul aus Klagenfurt und auf die Grenzregime und die Residenzregelungen, die ihre Beziehung beeinflussten. Es ging um eine Beziehung zwischen zwei schwulen Männern, die verschiedenen Nationen angehörten – zu dieser Zeit war dies eine Beziehung zwischen einem EU-Bürger und einem „Angehörigen eines Drittstaats.“ Beide trafen sich 2007 in Kroatien, wohin Paul als Austausch-Student im Rahmen des Erasmus-Programms kam. Für Daniel war es das erste Mal, dass er offen schwul lebte und dies motivierte ihn, die Beziehung fortzusetzen. Nachdem Paul sein Semester beendet hatte und nach Hause zurückgekehrt war, fing Daniel an, häufig zu reisen, um seinen Partner in Österreich zu besuchen.

In dem Versuch, die Beziehung aufrechtzuerhalten, waren Daniel und Paul mit mehreren exklusiven gesetzlichen Barrieren konfrontiert, die Bewegungsfreiheit, Freizügigkeit und Zugang zum Arbeitsmarkt innerhalb des Schengen-Raums regeln. Auf einer seiner Reisen nach Österreich über Slowenien wurde Daniel im Sommer 2008 von der slowenischen Grenzpolizei darüber informiert, dass er der erlaubten Obergrenze von neunzig Tagen pro Halbjahr nahe war, in denen Nicht-EU-Bürger sich innerhalb der Schengen-Grenzen aufhalten dürfen. Daniel umging diese Regelung mit einer Ausweichstrategie, die auf einer vor dem Schengener Abkommen getroffenen bilateralen Vereinbarung zwischen Kroatien und den angrenzenden EU-Ländern Slowenien, Italien und Ungarn beruhte[5]. Diese ermöglichte es kroatischen Staatsbürgern, in die o.g. Staaten mit ihrem Personalausweis einzureisen. Die Weiterreise in einen anderen EU-Staat über Slowenien, Italien oder Ungarn erforderte jedoch noch einen Reisepass. Würde die betreffende Person in einem anderen EU-Land ohne gültigen Pass entdeckt, würde dies als „illegale Einreise“ angesehen. Auf seinen Reisen von Zadar nach Klagenfurt über Zagreb, Ljubljana und Villach war Daniels Methode folgende:

Ich kombiniere es so: Wenn ich merke, dass sich die Dreimonats-Grenze nähert – in der Regel warnt mich die Grenzpolizei – dann lasse ich meinen Reisepass für die nächsten drei Monate liegen, reise mit meinem Personalausweis nach Slowenien ein und lüge, dass ich aus irgendeinem Grund nach Ljubljana fahre, was immer mir grade einfällt. Und nach drei Monaten benutze ich dann meinen Pass wieder und wechsle sie so ab. Ich habe das bis jetzt mindestens fünfmal so gemacht. Dabei muss ich darauf hinweisen, dass ich als kroatischer Staatsbürger das Privileg habe, auf diese Weise zu schummeln.

Neben der kroatischen Staatsbürgerschaft ist sich Daniel auch sehr seines Privilegs bewusst, eine helle Hautfarbe zu haben:

Klagenfurt ist eine faschistische Stadt und ich bin sicher dass ich mich, wenn ich schwarz wäre, schon ein paar Mal hätte ausweisen müssen und entdeckt worden wäre, aber ich bin weiß und das hat mich gerettet. So wurde ich nie von der Polizei kontrolliert. Und wie viele hatten nicht so viel Glück? Mir ist klar, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Staatsgrenzen und Grenzen zwischen sexuellen Identitäten gibt, denn letztendlich herrscht die gleiche operative Logik der Ausgrenzung und die Angst vor dem Anderen, das als Kennzeichen der Überlegenheit dient – weiß, heterosexuell, Klasse.

Angesichts der Hindernisse bei der Sicherung der materiellen Voraussetzungen für ihre Beziehung in Österreich (Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen für Daniel) haben sie sich beide 2009 erfolgreich in Slowenien für Studienplätze beworben. Auf diese Weise konnten sie zusammen leben und Daniel konnte aufgrund seines Studierendenstatus die slowenische Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr hatte – ebenso wichtig – die Möglichkeit, über den Studierenden-Service zu arbeiten.

Als das Eingetragene-Partnerschaft-Gesetz in Österreich im Januar 2010 in Kraft trat, begannen sie, diese Option zu erwägen, obwohl es ihren persönlichen und politischen Überzeugungen widerspricht, dass „Ehe (oder eine eingetragene Lebenspartnerschaft) der natürliche und einzige ‚Akt und Symbol der Liebe’ unter all den heutigen multiplen Formen intimer Beziehungen ist, der einige wichtige Rechte sicherstellt.“ Sie wurde zur Option wegen Daniels „Immigrantenstatus“ und ihrer geteilten prekären Klassenbedingungen als Studenten / Arbeiter – geformt und gerahmt von den „Bedingungen der Grenzen und der Migration innerhalb der globalen kapitalistischen Wirtschaft und deren Regulierung von Arbeit, Kapital und Menschen.“ Doch bei der Registrierung ihrer Partnerschaft haben Daniel und Paul dieselben Schwierigkeiten wie binationale heterosexuelle Paare erlebt. Das Verfahren verlangt unter anderem, dass eine „Angehörige eines Drittstaats“ einen Antrag aus ihrem Herkunftsland einreicht und dass die österreichische PartnerIn ein monatliches Einkommen von mindestens 1.100 Euro, sowie einen Mietvertrag oder Wohneigentum nachweisen muss. Darüber hinaus garantiert eine Aufenthaltserlaubnis keine Arbeitserlaubnis, für die eine gesonderte Beantragung erforderlich ist. Dies weist auch darauf hin, wie schwer es sein kann, Migrationsziele zu erreichen und gleichzeitig den eigenen Lebensunterhalt zu sichern.

Ende 2010 war es noch ungewiss, ob und wie die beiden diese Anforderungen erfüllen können. Als ich jedoch meine Kommunikation mit Daniel nach Ende des Projekts fortsetzte, stellte sich heraus, dass sie im November 2011 in Österreich geheiratet haben, dass sie aber ihre Rechte durch die EU-Familienzusammen-führungsrichtlinie gesichert hatten. Dies war möglich da sie während ihres Studiums dieselbe Adresse in Ljubljana hatten und weil Paul als EU-Bürger seine Mobilitätsrechte während des Studiums und des Zusammenlebens mit seinem Partner in einem anderen EU-Land wahrnahm. So konnten sie die Anforderungen des österreichischen Rechtsverfahrens umgehen, und nach der Registrierung ihrer Partnerschaft wurde Daniel ein 5-Jahres-Visum mit Wohn- und Arbeitserlaubnis erteilt. Der ganze Prozess wurde durch Beratung und Informationen von Ehe ohne Grenzen[6] ermöglicht.

Abgesehen von den Pull-Faktoren toleranterer Länder, die gesetzlichen Schutz und Anerkennung für LGBTI-Personen bieten, sind die Ursachen hinter den Migrationsprozessen vieler queerer Personen aus der post-jugoslawischen Region stark von Push-Faktoren beeinflusst: dem hohen Grad der Homophobie, der Diskriminierung und der Gewalt, die sie in ihren Herkunftsländern erleben. Das ist besonders relevant bei AktivistInnen, die oft die ersten in den Medien exponierten LGBTIQ-Personen waren, und diejenigen, die die ersten öffentlichen LGBTIQ-Veranstaltungen organisierten. In fast allen Fällen, mit Ausnahme der ersten Ljubljana Pride im Jahr 2001, waren diese Pionierprojekte Ziel brutaler und gewalttätiger Angriffe, eine physische Manifestationen der weit verbreiteten sozialen Homophobie und Transphobie in der Region: die Belgrade Pride im Jahr 2001 und dann wieder im Jahr 2010; die Zagreb Pride im Jahr 2002; das Queer Sarajevo Festival im Jahr 2008; Split Pride im Jahr 2011; Budva Pride und Podgorica Pride im Jahr 2013.

Das jüngste Beispiel einer Abwanderung von AktivistInnen, die durch Gewalt und Drohungen, durch kontinuierliche Negativ-Darstellung in den Medien und einen Mangel an staatlichem Schutz verursacht wird, ist der Fall von Boban Stojanović, langjähriger Aktivist und Mitorganisator der Belgrade Pride. Im Januar 2017 berichtete Stojanović auf Facebook, dass er und sein Partner Asyl in Kanada erhalten hatten – vor dem Hintergrund von 23 nicht geahndeten Gewalttaten in Serbien. Sechs Jahre zuvor, im Jahr 2011, wurde Majda Puača, einer weiteren prominenten queeren Aktivistin aus Serbien, in den USA aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und ihrer politischen Meinung Asyl gewährt. Ihre Gesundheit und ihr Leben waren in Serbien gefährdet. Durch die Öffentlichkeitsarbeit für die Belgrade Pride von 2009 (durch den Staat aus „Sicherheitsgründen“ verboten) und 2010 (begleitet von heftigen Unruhen in der ganzen Stadt) war Puača in den Medien sehr exponiert. Dies hatte zu zahlreichen Vorfällen und öffentlichen Beleidigungen geführt, bis hin zu Vergewaltigung und Todesdrohungen: „Es gibt FaschistInnen, die dich bei jedem Schritt bedrohen und dich verfolgen... sie nannten mich auf der Straße ‚Ober-Dyke’ ... meine Adresse und Telefonnummer wurden in ihren Foren veröffentlicht ... auf dem Markt, im Laden, im Fitnessstudio war ich immer ihre Zielscheibe.“
Dieselben Gefühle von Angst und alltäglicher Bedrohung wiederholen sich in den Darstellungen zweier weiterer queerer AktivistInnen, die aus der post-jugoslawischen Region in die USA auswanderten. Svetlana Đurković war eine der OrganisatorInnen des Queer Sarajevo-Festivals 2008, [7] das bei der Eröffnung gewaltsam unterbrochen wurde, mit Todesdrohungen, die an die Organisatoren geschickt wurden. Sie erinnert sich an „ein Leben ohne öffentliche Verkehrsmittel, ein Leben mit minimaler Mobilität ... wir hatten eine Decke über dem Fenster des neuen Büros.“ Jay Poštić, eine langjährige Zagreb Pride-Aktivistin, erinnert sich: „Jahre nach dieser Pride erschreckte ich mich jedes Mal, wenn jemand auf der Straße schrie. Ich bin nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Das war präventiv, aber auch eine echte Angst. Die Leute wurden zu jener Zeit zusammengeschlagen, es gab telefonische Todesdrohungen gegen Menschen in meinem Umfeld.“ Die Polizei zu informieren, half in vielen Fällen nicht. Puača beschreibt, wie sie auf Drohungen über Facebook durch klar identifizierbare Personen hinwies, woraufhin die Polizei einfach das Ausschalten bestimmter Facebook-Account-Optionen vorschlug. Đurković kommentiert: „Wenn du in einem Staat lebst, in dem alles eine einzige Verschwörung ist, dann kannst du nicht mal der Polizei vollkommen vertrauen.“

Abgesehen von Angriffen und Belästigung und einem Mangel an staatlichem Schutz war Burnout auch ein wichtiger Faktor für die Emigration der queeren AktivistInnen. In ihren Erzählungen beschreiben sie Gefühle von Sinnlosigkeit, Depressionen, Übelkeit, Erschöpfung, Verlust, Schuldgefühlen und Verrat, die zu einem Mangel an Produktivität und Kreativität, Schlaflosigkeit, gesundheitlichen Problemen, nervösen Ausfällen und sogar posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Bei der Bewältigung von Burnouts haben sie gelernt, dass es ein großes Bedürfnis nach „Perioden der Ruhe und Regeneration“ gibt, die Notwendigkeit, „das aktivistische Engagement und das private / persönliche Leben in der Waage zu halten“– die Notwendigkeit, „zu lernen, mein eigenes Leben zu leben und Dinge zu tun die ich mag, wie Wandern oder Marmelade kochen.“ Um sich zu erholen und zu beginnen, das eigene Leben über den Aktivismus zu stellen, war es notwendig, an einen anderen Ort zu gehen, „wo niemand dich kennt,“ an einen Ort „wo es niemanden stört, wenn du deine Freundin küsst und Händchen hältst, wo dich niemand in öffentlichen Verkehrsmitteln anstarrt und sich fragt, ob du Mann oder Frau bist,“ berichtet Mima Simić, eine langjährige queere Aktivistin. So kommentiert sie ihre Entscheidung zu gehen, nachdem sie erkannt hatte, dass es „für sie selbst vorteilhafter ist, in Berlin zu leben als es für den kroatischen Aktivismus wäre, wenn sie in Zagreb lebte.“

Für Puača, Đurković und Poštić schlossen die Integrationsprozesse in den USA auch Solidarität und Hilfe von lokalen queeren Communities bei der Wohnungs- und Arbeissuche ein – die gleichen UnterstützerInnen-Netzwerke, die in den Erzählungen der internen queeren MigrantInnen in Kroatien beschrieben wurden. Die Sicherung des Lebensunterhalts, ein untrennbarer, aber oft schwieriger Teil der Reise jeder MigrantIn, wird durch die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gemeinschaft erleichtert. Häufig ist dies auch Hintergrund für die Entscheidungen zur Migration, sei es wegen der Nicht-Existenz einer solchen Gemeinschaft am Heimatort (kleine Städte und ländliche Umgebungen) oder wegen des Kampfes für die eigenen Rechte (im Falle von LGBTIQ-AktivistInnen).

Bei der Beantragung von Asyl wurde Puača durch Immigration Equality[8] vertreten, eine Organisation, die im Auftrag von LGBTIQ-ImmigrantInnen kostenlosen Rechtsbeistand und politische Interessenvertretung anbietet. Auch fand sie schließlich in dieser Organisation eine feste Arbeitsstelle, nach dreieinhalb Jahren in New York mit temporären, schlecht bezahlten Jobs und ohne Krankenversicherung. Puačas Erlebnisse an den Rändern des karriereorientierten, Credit-rating-basierten kapitalistischen Systems, führten mich dazu, einige Aspekte des sozialen und politischen Erbes des jugoslawischen Systems in Betracht zu ziehen:

Es muss so laufen, wenn du hier überleben willst. Es gibt keine Rente, keine kostenlose Krankenversicherung, keine kostenlose Bildung – Dinge, die wir gewohnt sind. So anders, und so unpraktisch wie unser System war, hatte es doch etwas für sich [...] Die Art, wie wir in diesem Sozialismus aufgewachsen sind, hatte zur Folge, dass wir aufeinander angewiesen waren. Du hilfst, und es wird jemand da sein wenn du Hilfe brauchst. Hier wird Individualität durch den Kapitalismus von Anfang an auferlegt.

Die Geschichten von Auswanderungen queerer Menschen aus der post-jugoslawischen Region, die in diesem Text vorgestellt wurden, skizzieren Aspekte von Migrationsbewegungen und Erfahrungen, die im Mainstream-Diskurs über Migration oft übersehen werden und undokumentiert bleiben. Darüber hinaus bergen diese Erfahrungen queerer Mobilität das Potenzial, die Heteronormativität der alten Gastarbeiter-Migrationserzählung retrospektiv zu unterlaufen, nicht zuletzt mit Blick auf die Tatsache, dass Homosexualität in Jugoslawien von 1959 bis 1977 kriminalisiert war. Die ökonomischen Realitäten des „Erwerbslebens“ spielen in den hier skizzierten Berichten queerer MigrantInnen eine wichtige Rolle: das Thema der Beschäftigungschancen innerhalb der Zagreber LGBTIQ-Szene und im gewerblichen Sektor für junge, queere interne MigrantInnen in Kroatien; Daniels wechselhafter Status als postgraduierter Student, „Drittland-Schwuchtel“ und arbeitsloser eingewanderter Arbeiter; und schließlich die Begegnung der radikalen serbischen Queer-Aktivistin mit den Notwendigkeiten des fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaftssystems, das mit der Aufenthaltserlaubnis in den USA einhergeht. All dies deutet auf eine Gemeinsamkeit hin, und zwar die einer materiellen Basis für jede Art von Umsiedlung, und auf die Probleme und Herausforderungen von Migrations- und Integrationsprozessen im Zusammenhang mit den bestehenden Formen der Arbeitsorganisation und der ökonomischen Ungleichheiten.

 



[1] Dieser Text enthält einige modifizierte Auszüge aus zwei publizierten Artikeln: Hodžić, A. (2010). „Waitressing Is an Awful Job When You’re Gay in a Straight Bar: Queer Migration in Croatia.“ In Bakondy, V. et al. (Hg.) Good Luck! Migration Today: Vienna, Belgrade, Zagreb, Istanbul: S. 422–429.

[2] Bereits 1984 organisierte Magnus die erste Ausgabe des Gay and Lesbian Film Festival in Ljubljana, das als ältestes lesbisch-schwules Filmfestival in Europa gilt.

[3] Die Queer Belgrade Festivals wurden zwischen 2004 und 2008 vom Queer Beograd Collective organisiert, einer radikalen queeren Gruppe, die eine Reihe von aktivistischen Formaten und Ansätzen verwendeten, um sich politisch mit den sich überschneidenden Formen von Unterdrückung wie Patriarchat, Sexismus, Homophobie, Nationalismus, Rassismus, Kapitalismus und Militarismus auseinanderzusetzen.

[4] Queeroslavia (Queer + Yugoslavia) ist ein kreativer Verweis auf eine „post-Jugoslawischen“ Sehnsucht nach queer-transnationaler Staatsbürgerschaft.“

[5] 2007 wurde eine Vereinbarung getroffen um diese provisorische Regelung weiterhin anzuwenden, als Ausnahme von der Schengen-Regelung. Eine Übergangslösung wurde gefunden, sodass bei der Einreise in diese drei Länder mit einem gültigen Kroatischen Pass nun eine zusätzliche einmalige Ein- und Ausreisekarte an der Grenze abgestempelt werden musste.

[6] Ehe ohne Grenzen ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die sich für die Rechte binationaler Paare in Österreich einsetzt. Sie wurde 2006 als Reaktion auf die Ausländer-Gesetze gegründet, die eine sehr restriktives System der Einwanderungs- und Arbeitsrechts-Regelung darstellen – mit weitreichenden Folgen für binationale Paare in Österreich.

[7] Das Queer Sarajevo Festival wurde durch die Association Q organisiert (von 2004 bis 2010 in Sarajevo aktiv), die erste zivilgesellschaftliche Organisation in Bosnien-Herzegowina, die die Förderung und den Schutz der Rechte von LGBTIQ-Personen zum Ziel hatte.

[8] Seit 1994 bietet Immigration Equality Beratung und rechtliche Betreuung für LGBTIQ und HIV-positive ImmigrantInnen an, die in den USA Asyl suchen.