Migration ist „ein komplexes Gewebe […], das laufend als Teil der Vergesellschaftung produziert und reproduziert wird, die wir schließlich transformieren wollen.“
(Labour Migration 2014:21)


Der Gastarbeiter*/gastarbajter – eine Figur, die scheinbar zur europäischen Vergangenheit gehört – steht im Vordergrund aller (un)möglichen Hintergründe: Arbeit sowie gesellschaftliche, ökonomische, persönliche, historische und geopolitische Gesetzgebung. Die unterbrochene Zeitlichkeit der Arbeits- und Lebensbedingungen von Gastarbeiter*innen, die in der begrifflichen Konstruktion des „Gasts“ und ihrer/seiner „Arbeit“ unmittelbar mitschwingt, diente oft als Kulisse, um diese Figur zu skizzieren und Subjektivitäten zu entwerfen, die scheinbar eher durch Äußerlichkeit als durch Handlungsmacht bestimmt sind.

„Migration ist wie kein anderes soziales Phänomen durch öffentlich produzierte und zirkulierende Bilder, Deutungsmuster und politische Kategorisierung geprägt worden“, betonten die Herausgeber*innen des Katalogs Crossing Munich, der zwischen 2007 und 2009 entstandene Beiträge zu Migration aus Kunst, Wissenschaft und Aktivismus versammelt (Bayer et al. 2009:89). Nicht ganz ein Jahrzehnt später haben eine immer intensivere globale Ungleichheit und keinesfalls nur mit militärischen Mitteln geführte Kriege, Millionen in „Flüchtlinge“ verwandelt. Und wir werden wieder Zeug*innen dessen, wie sich die Denotationen und Konnotationen der Migration, die unaufhörlich von den Massenmedien wiederholt werden, mit sozialen, rechtlichen und politischen Konzeptionen vermengen, die Subjektivitäten beeinflussen und einengen.

Migration ist in der Tat eine conditio humana und gesellschaftsverändernde Kraft (Hess 2015:51). Weil sie sich jedoch im nationalstaatlichen Rahmen abspielt und in diesen übersetzt wird, war Migration eines der wichtigsten Vehikel der Macht (Trennung): Sie trennt jene, die Teil eines „nationalen Körpers“ sind und über repräsentative Macht verfügen (etwa durch die Institutionen der repräsentativen Demokratie), von denen, die nicht zur Nation gehören und die ihre eigenen Stimmen nicht öffentlich laut werden lassen können: Besteuerung ja, (politische) Repräsentation nein. Der Wohlfahrtsstaat war dabei der entscheidende Rahmen der Repräsentation, um sich die historische Figur der Gastarbeiter*in vorzustellen – in erster Linie durch die sogenannten Anwerbeabkommen, die Mitte der 1950er Jahre aufkamen.

Diese Abkommen sollten zum einen die Arbeitsmigration im „Marshall-Europa“ orchestrieren helfen, zum anderen waren sie aber eher eine Reaktion auf die Realität der Arbeitsmigration, die trotz der tatsächlichen Anwerbemechanismen bereits in großem Stil stattfand. Durch die Unterzeichnung des  Anwerbeabkommens mit der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1968 glaubte das sozialistische Jugoslawien offenbar, die Arbeitsmigration und ihre Rekruten besser steuern zu können. Jugoslawien versuchte zudem, seinen Bürger*innen, die im Ausland arbeiteten, zu mehr sozialen Rechten zu verhelfen, sowie die Probleme mit Arbeitslosigkeit im Modernisierungsprozess – insbesondere von Menschen aus nicht industrialisierten Regionen – vorübergehend zu lösen. Gleichzeitig hoffte es, von den Finanztransaktionen profitieren zu können, indem es die Beziehungen mit den westlichen Märkten und Ökonomien auszubauen versuchte (Ivanović 2016).

Die Figur des Gastarbajters wird allzu oft als durchsichtig, selbstverständlich oder sogar gegeben vorausgesetzt. Sie ist sicher ein Subjekt verschiedener Wahrheitsregime (Foucault 1981) und nahm den migrierten Menschen häufig (und immer wieder) ihre Handlungsmacht. Der Katalog der Ausstellung Jugo moja jugo (Jugo mein Jugo), die 2016 im Museum der Geschichte Jugoslawiens in Belgrad Artefakte, Archiv- und Pressematerialien sowie Zeugnisse der Arbeitsmigration aus dem sozialistischen Jugoslawien zeigte, hob hervor: „Ein Gastarbeiter ist zuerst jemand, der in den 1960ern und Anfang der 1970er im Ausland Arbeit suchte, und innerhalb kürzester Zeit so viel zu verdienen, um einige der existenziellen Probleme im Heimatland lösen zu können. Gastarbeiter wollten keine Sprache lernen, keine Familien gründen und kein neues Leben beginnen. Sie wollten zurückkehren. Daher hielten sie sehr engen Kontakt mit dem Heimatland. Sie fühlten sich in erster Linie als Bürger*innen Jugoslawiens und nicht jenes Landes, in das sie migrierten. Spätere Migrationen, etwa Leute, die Jugoslawien in den 1990ern verließen, können nicht als Gastarbeiter bezeichnet werden“ (Ivanović 2016:1).

Gastarbeiter*innen haben nicht nur aktiv zur Entwicklung der Ökonomien ihrer Gastländer beigetragen, sie waren auch soziodemografisch sehr wichtig – vor allem in Deutschland und Österreich, (selbst) zerstört durch das genozidale Naziregime und den Krieg.[1] Gastarbeiter*innen, ihre Kinder und ihre gegenwärtigen Pendants bilden den Kern der heutigen postmigrantischen Gesellschaften.[2] Klasse, „Ethnizität“, „Rasse“, Nationalität, Geschlecht[3] und weitere positive Eigenschaften, überkreuzen sich im lebendigen Körper der Gastarbeiter*innen,  die nunmehr im Ruhestand sind, aber den Weg ebneten für Millionen, die eine neue Arbeitsmobilität verkörpern.[4] Fachkräfte und Hilfskräfte mit vorübergehender (oder manchmal sogar dauerhafter) Beschäftigung, viele (Klein-)Unternehmer*innen und eine ganze eine Reihe anderer Begriffe bezeichnen heute Menschen, die (für die Arbeit) migriert sind. Die meisten Begriffe stehen für die „arbeitende“ Basis der Menschen, die sich wegen oder für die Arbeit bewegen (sollten): ausländische oder migrantische Arbeitskräfte oder Expats, zum Beispiel. Wenn es indes um die Mobilität dieser „Arbeitskräfte“ geht, stehen uns eine Reihe von Adjektiven zur Verfügung, die vor allem die Fremdheit betonen: Ausländer*in, ausländische Mitbürger*innen oder Menschen mit Migrationshintergrund, wobei letzteres ebenso wie der Begriff „NdH“ (nicht deutsche Herkunftssprache), auf die migrantische Geschichte der Menschen, ihrer Familien oder auf ihren multilingualen Hintergrund verweist. Der Begriff „NdH-Schüler*innen “ ist offizieller Bestandteil deutscher Bildungspolitik und -Bürokratie, offenbar damit die von NdH-Schüler*innen besuchten Schulen mit Bezug auf die Deutschkenntnisse dieser Schüler*innen finanzielle und personelle Unterstützung beantragen können. Selbst der Begriff Mehrheimische, der „mehrere Zuhause oder Heimatländer haben“ bedeutet und von einigen kritische Migrationsforscher*innen forciert wurde, um die migrantische „Hybridität“ zu betonen, verweist letztlich immer noch auf die „Andersheit“ der Leute – obwohl sie in manchen Ballungsräumen oder Städten Deutschlands bei Kindern unter fünf Jahren ein Fünftel oder sogar zwei Drittel der entsprechenden Bevölkerung ausmachen.[5]

Wer aber waren die Gastarbeiter*innen, wie wurden sie „gemacht“ und wie verhält sich ihre Arbeitsmigration zur gegenwärtigen (Arbeits-)Migration? Was und wie können wir von Gastarbajtern*innen über gegenwärtige (von der Autorin dieses Text selbst beschrittene) Migrationswege und über post-neoliberale postmigrantische (europäische) Gesellschaften lernen? Welche Antworten finden wir, wenn wir uns der Kunst zuwenden und mit ihr arbeiten? Wohin sollte sich die Suche nach möglichen Antworten in der Kunstproduktion in erster Linie orientieren? Fragen dieser Art bildeten eine der Achsen der kuratorischen und künstlerischen Bildungsplattform no stop non stop (2016–2018), die anlässlich des 50. Jahrestags der Anwerbeabkommen zwischen dem sozialistischen Jugoslawien und Westdeutschland Gestalt annahm.[6] 

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No stop non stop entstand aus einer feministischen Freundschaft, die auch GUESTures in Gang setzte, eine Publikation des Kunst-Forschungs-Archiv-Projekts mit jugoslawischen Gastarbeiter*innen von Margareta Kern, und dessen Präsentation in München, einer Ausgabe von Living Archive.[7] Margareta Kerns Projekt und die von mir erforschten feministischen kuratorischen Methoden, mit denen ich – zusammen mit dem Festival City of Women in Ljubljana, dem kuratorischen Kollektiv Red Min(e)d und anderen – sowohl praktisch wie theoretisch arbeite, haben mich auch dazu gebracht, vor dem Hintergrund einer öffentlichen Gedenkfeier des sogenannten deutschen Gastarbajter*innen-Abkommens kritisch und produktiv zu und mit Kunstproduktion zu arbeiten.

GUESTures eröffnet eine einzigartige Bühne für die mündlich erzählten Geschichten von Gastarbeiter*innen aus dem sozialistischen Jugoslawien, die im Zuge des Anwerbeabkommens  – das als öffentlich/staatliche-privat/industrielle Weise in den Telekommunikationsfabriken zu arbeiten organisiert wurde – nach Deutschland kamen, und hat Methoden und Strukturen mit Living Archive gemeinsan. GUESTures setzt der Videokunst archivarisches, dokumentarisches Material über verschiedene „(Nicht)Arbeitsstationen“ gegenüber, wo das Publikum dazu aufgefordert wird, aktiv ins Archiv einzugreifen: Es soll Material auszuwählen und (über Overhead- oder Diaprojektoren) zeigen und damit das Archiv „zum Leben erwecken“. GUESTures hat aber noch eine andere „lebendige“ Dimension, die einerseits als Schnittstelle mit dem Publikum funktioniert und andererseits die Kunstinstallation, das „tote“ Archiv, in ein Ereignis gelebten Wissens verwandelt. Im und aus dem Projekt heraus organisiert Margareta Kern kollektive Lesungen, während derer das Publikum Material aus dem Archiv wählt und laut vorlesen kann. Für die Münchner Ausgabe von GUESTures entwickelten wir das Format weiter, indem wir die partizipatorischen Aspekte des Lesens betonten und diese mit einem situierten gemeinschaftlichen Kuratieren verbanden, wo Neues ins Archiv einging und Potenzialitäten des Wissens in der Archiv/Kunst-Arbeit generiert wurden. Das Treffen mit in München lebenden migrantischen Frauen verschiedener Generationen und Hintergründe war ein Ereignis bestehend aus Begegnungen, gemeinsamem Lesen aus dem Archiv und einer Diskussion über die Geschichte und Zeitgenoss*innenschaft gelebter Migration. Das Treffen wurde bewusst nur mit geschriebenen Zeugnissen dokumentiert, die ins Archivs eingingen – eine Auswahl findet sich in der Publikation GUESTures. Die in die Lesung involvierten Frauen wurden bezahlt, da das – aus ihren Migrationsgeschichten und alltäglichen postmigrantischen Erfahrungen –  bestehende Archiv immer noch in verschiedenen Formen und Kontexten als Kunstwerk der Künstlerin Margareta Kern zirkuliert.[8] 

Im Vergleich zu den Zeugnissen der älteren Generation von Gastarbeiterinnen im Archiv von GUESTures wird in den Zeugnissen der erst jüngst nach Deutschland migrierten Frauen, die an den öffentlichen Veranstaltungen teilgenommen haben, eine paradigmatische Verschiebung in der Produktion und Gouvernementalität sichtbar, wie zum Beispiel im Verschwinden des Fließbands, das dazu diente, das Arbeitslebens der Arbeiterinnen sogar abseits der eigentlichen Fertigung kollektiv zu organisieren und zu orchestrieren (etwa in kollektiv organisierten Reisen, Unterbringung, Kantinen etc.), was in Zeiten des Individualismus als gewaltvoll erscheinen mag, weil allen dasselbe angeboten wurde. Sichtbar wird sie auch im Niedergang der national kollektiv organisierten Arbeiter*innenkörper (Gewerkschaften), in und von denen die Gastarbajter*innen oft nicht repräsentiert wurden, obwohl einige Früchte des Gewerkschaftskampfs um Arbeitsrechte, auch diesen zu Gute kamen. Zudem wird diese Verschiebung in der Betonung einer flexiblen und selbstständigen Arbeiter*in/Unternehmer*in sichtbar. Sie manifestiert sich zunehmend in Technologien der internalisierten Gouvernementalität der „aktuellen post-neoliberalen Entfaltung eines autoritären Kapitalismus“ (TJ Demos 2017), in der die Externalisierung (der Kosten) der Reproduktion und Sorgearbeit (Care-Arbeit) von Arbeiter*innen getragen wird – oft von migrantischen Sorgearbeiter*innen (Care-Arbeiter*innen). Die letzte Form der Migration ist gebündelt und durchzogen von Klasse, Geschlecht, Sexualität, „Ethnizität“, geopolitischer Herkunft und „Rasse“. Sie geschieht quasi jenseits eines regulierten öffentlichen Rahmens. Aber keine Regulierung ist auch eine Art von Regulierung. Das „alte“ Europa braucht „neue“ Europäer*innen und „Andere“. Insbesondere die Migration letzterer, der sogenannten „Fremden“ (um die Brutalität des Schengenabkommens durch sein Vokabular sichtbar zu machen) wird in die Illegalität gedrängt und dadurch in einer Weise reguliert, die Achille Mbembe (2003) und Marina Gržinic (2008) treffend als Nekropolitik beschreiben.

GUESTures erzählt mittels seines Originalmaterials die Geschichte einer scheinbar perfekt orchestrierten Migration, organisiert von zwei souveränen Staaten, die ökonomische Bande entwickelten, wozu auch das Gastarbajter-Abkommen gehörte – wobei dies einigen Quellen zufolge ein Ersatz für die Kriegsreparationen war, die Deutschland Jugoslawien nicht zahlen wollte. Damit waren die Staaten „Agenten“ oder Vermittler zwischen den Arbeiter*innen und der Industrie, die sich um die rasche Ausfertigung der Dokumente, die Organisation der medizinischen Untersuchungen (nur die Jüngsten und Gesündesten konnten gehen) etc. „kümmerten“. Die Industrie übernahm das Management der Arbeiter*innen: Reise, Unterbringung in Schlafsälen, oft in früheren Zwangsarbeiterunterkunften, und Verpflegung (wofür den Arbeiter*innen ein Betrag vom Lohn abgezogen wurde). Gordana, eine der Gastarbeiterinnen-Stimmen im Video GUESTures erzählt, wie jugoslawische Offizielle nach dem Tod des jugoslawischen Präsidenten Tito, Arbeiter*innen in Deutschland aufforderten, der Beerdigung des Präsidenten via Fernsehübertragung „beizuwohnen“. Die Fabrik untersagte jedoch den Arbeiter*innen, ihre Arbeit niederzulegen. Einige der Arbeiter*innen, gefangen im Konflikt zwischen ihrer bürgerlichen Pflicht gegenüber ihrem Heimatland und der Logik des Kapitals, entschieden sich, die Arbeit niederzulegen und der Fernsehübertragung des Begräbnisses beizuwohnen. Sie wurden dann gefeuert.

Halt! War es nicht eines der Ziele des Gastarbajter-Abkommens, den im Ausland arbeitenden Bürger*innen mehr soziale Rechte zu garantieren? Diese Frage sowie die Frage danach, wie sich Arbeitsmigration und das soziale Geschlecht überlappen, werden noch komplizierter, wenn wir uns statt GUESTures der Analyse einer anderen Arbeit zu den Gastarbajtern zuwenden: dem Vampirroman Ljudi sa četiri prsta (Die Daumenlosen 1975), für den Miodrag Bulatović 1974 in Deutschland recherchierte, den er ein Jahr später veröffentlichte und damit den Literaturpreis NIN gewann. Bulatovićs intensive magisch realistische Erzählung nimmt uns mit auf die Reise von einer Bahnstation in einer jugoslawischen Metropole nach Deutschland und zurück, und das alles ohne Ticket. Der männliche Hauptcharakter heißt Marković (von seinem ebenfalls jugoslawischen Sklavenhalter in Deutschland wird er „Mark“ genannt), der als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in Nachkriegsarmut aufgewachsen ist. Markovićs Vater war ein Militärtrompeter, der in der mit den Nazi kollabierenden Armee des Königreichs Jugoslawien spielte. Sein Vater floh ins Westdeutschland der Nachkriegszeit, was die Familie noch weiter prekarisierte.

„Vaterland, ich brauche deinen Namen nicht länger! Vaterland, lass uns unsere Rechnungen begleichen, du und ich: Nimm alles zurück, was du mir verliehen hast, und dann befreie mich von deinem Schicksal und deiner Finsternis! Denn, Vaterland, ich bin gegen dich, weil du gewaltig bist und herzlos, ich aber bin unbedeutend und von Lastern gezeichnet. Ich bin der Wurm in dir, du großer rotwangiger Apfel! Vaterland – du mein Fluch, mein Apfel, lass den Wurm aus dir herauskriechen! Du aber wachse und nimm zu, werde der größte und schönste unter den Äpfeln …“ (Die Daumenlosen 1975:7)

Der junge Marković, Sohn eines Kriegskollaborateurs, entscheidet sich spontan, wie so viele andere auch, mit einem Freund in einem überfüllten Zug nach Deutschland zu fahren. Der Freund verschwindet rasch während der Reise und Marković wird von einem Wirbelsturm aus Ausbeutung, Sklaverei, Gewalt, Verbrechen, Sadismus erfasst. Dabei wird unter anderem die Genealogie der „Jugo-Mafia“ wiederspiegelt, die in den frankophonen Benelux- und in den deutschsprachigen Ländern operierte und auf den Netzwerken des ehemaligen Bodyguards von Alain Delon, Stevan „Stevica“ Markovic basierte. Im Roman hallen Obsessionen der Vergangenheit, Vergeltung, Versuche terroristischer Anschläge auf jugoslawische Institutionen in Deutschland sowie Mordversuche und Morde durch den jugoslawischen Geheimdienst in der national organisierten Diaspora, die in  Jugoslawien als Terrorist*innen galten, als Echo wieder. Aufgrund seiner prekären Erfahrungen im Westen (die von Markovićs Landsleuten reproduziert werden) wird er zudem von zunächst dystopischen Visionen seines (sozialistischen) Heimatlands verschluckt, die nach und nach eine positive und dann sogar utopische Wendung nehmen.

In Bezug auf die Migration der Gastarbajter*innen lernen wir in diesem Roman, dass es eine massive Migration war, die hauptsächlich aus Osteuropa stammte. Sie war spontan und selbstorganisiert. Es war eine prekäre Migration, die vom Erbe der Zwangsarbeit geformt wurde. Diese Prekarität wurde durch staatlich organisierte Institutionen weiter vertieft, wie im Fall der Heime für Asylwerber*innen, die als selbstorganisierte soziale Anwerbestellen für Zwangsarbeit fungierten – und die sowohl kriminell waren und sich der Sklaverei bedienten. Einer Person das Recht auf Lohnarbeit zu- oder abzusprechen ist offensichtlich ein Sprechakt. Sklaverei ist daher auch ein performativer Akt, der sich der Performanz eines rechtlichen Sprechakts parasitär bedient. Da die Agent*innen der Ausbeutung im Roman im Wesentlichen Markovićs Landsleute selbst sind, wird die Bühne der Subjektivierung darüberhinaus scheinbar nicht essenzialisiert, zumindest nicht als „Ethnizität“ oder Nationalität. Vielmehr wird sie auf strukturelle Weise dargestellt: Niemand wird als Ausbeuter*in, Sklav*in oder Kriminelle geboren, vielmehr ist dies ein Werdensprozess.

In GUESTures rekrutierte, organisierte und entsandte das Heimatland – das sozialistische Jugoslawien – Gastarbajterinnen, um für deutsche Unternehmen zu arbeiten, denen gegenüber der Staat seine Handlungsmacht weitestgehend verliert. Doch in Die Daumenlosen treffen wir fast ausschließlich auf Gastarbajter, die uns schonungslos an gegenwärtige Migrant*innen erinnern. Nationale Wohlfahrtsstaaten scheinen in ihrer Migration kaum eine Rolle zu spielen, bis auf die Tatsache, dass sie mit ihrer restriktiven Verwaltungspraxis zu deren Prekarität beitragen, wenn sie ihnen in aller Regel Dokumente und Papiere verweigern. Selbst im zweiten Teil des Romans von 1977, Peti prst. O Onima koji ušli u roman Ljudi sa četri prsta. Putopis, der eine Art Recherchespur zum Nachgehen in Richtung des Vorgängerromans legt, finden wir kaum weibliche Figuren oder Informantinnen. In beiden Werken, GUESTures und Die Daumenlosen, wird deutlich, dass die Steuerung der Gastarbajter*innen-Migration auch auf vergeschlechtlichte Weise erfolgte: Frauen und Männer migrierten oft anders, was mit den Geschlechterkonstruktionen in den beiden Ländern zu tun hat. Im sozialistischen Jugoslawien gaben junge Frauen und deren Familien offenbar organisierten Methoden der Arbeitsmigration den Vorzug gegenüber spontaneren Weisen der Migration. Andererseits waren insbesondere deutsche Telekommunikations- und Elektronikindustrien auf der Suche nach Arbeiterinnen.[9] Auf ihre Migration folgte ein(e) vergleichbare(s) (Maß an)– neoliberale(r) – Ausbeutung. Es scheint tatsächlich, dass Gastarbajter*innen das verkörperten, was bei Louis Althusser Überdeterminierung ist. Diese beschreibt Althusser in einem Fernsehinterview folgendermaßen:  „Wenn du glaubst, die Pfeiler der ‚Determinierung‘ verstanden zu haben, weißt du nicht, wo du wirklich stehst, vor der Wirklichkeit, über oder unter der Wirklichkeit. Es ginge darum, sich über, jenseits oder unter der Wirklichkeit zu bewegen “ (Althusser 1980 [Übersetzung von BM]). Um von den Gastarbajter*innen lernen zu können, müssen wir demnach zunächst ihrer Überdeterminierung Anerkennung zollen, der Tatsache, dass sie der Wirklichkeit, der Zeit voraus sind. Aber wir müssen auch anerkennen, dass ihre Geschichten nicht selbstverständlich oder gegeben sind. Unsere Forschung muss hauptsächlich mit und ausgehend von ihnen erfolgen, auch jenseits der Rechtsarchive und offiziellen Historie, die ihre Vergangenheit, ihre Zeitgenoss*innenschaft und ihre Zukunft stur ignoriert haben. Und wir sollten den Rahmen der Repräsentation berücksichtigen, da Wissensformen selbst zu Wissen werden (können).

Daher verfolgt non stop non stop das Ziel, gemeinsam mit Künstler*innen und Öffentlichkeiten einen Raum zu schaffen, in dem sich Geschichten begegnen können, die unsichtbar gemacht, überschrieben und ausgelagert werden. Das Projekt ist eine Arbeit daran, Gegenöffentlichkeit(en) mit dem Potenzial zum Bruch zu schaffen.[10] Diskurs hat immer eine Materialität. Die Materialität kann die somatische, physische, psychische oder ökonomische Erfahrung einer Migrant*in in einer (kollektiven) Situation sein, die immer noch durch die (mono-)nationale Vormachtstellung definiert ist und von einem Nicht-Verstehen(-Wollen) von Witzen oder Redewendungen aus anderen „kulturellen“ Kontexten (ohne dabei zu lachen) bis zur offensichtlichen Intersektionalität von „Ethnizität“, „Rasse“ und der Reproduktion sozialer Klassen reicht – was sich, um nur zwei Beispiele zu nennen, in Einkommensgefällen und auseinandertretenden Lebenssituationen niederschlägt.[11] Aber wenn wir eine Materialität suchen, die sich von den gegebenen Rahmenbedingungen der historischen Erfahrung oder den „Unter- bzw. Überdeterminierungen“ befreit, sollten wir den interrelationalen Raum nicht verdrängen, den eine Kunstpraxis eröffnen kann, wenn sie nicht in „Determinierungen“ durch Repräsentation (wie z.B. Ausstellungen) gepresst wird, wo die Kunst zu einem „akkumulierten Wissen über Kunst“ und „Konsumptionskapital“ hypostasiert wird (Sholette, 2016:58). Indem wir uns „vom Reich des ausschließlich Visuellen ab- und kreativen Praxen zuwenden, die ihren Fokus auf Organisationsstrukturen, Kommunikationsnetzwerke und Ökonomien des Gebens und der Streuung“ legen, arbeiten wir hin auf eine gegenöffentliche Sphäre (Sholette, 2016:60). Kunstpraxis und Kuratieren sind, wenn sie als Räume der Produktion und nicht als bloße Repräsentationen von Wissen anerkannt werden, nicht nur Kämpfe um Sichtbarkeit, sondern ein Ereignis in einem interrelationalen Raum, der (hoffentlich) unheimlich und rutschig genug ist, um nicht vollständig vom Prozess der In-Wert-Setzung und Kommodifizierung verschluckt zu werden.

„Ich erzähle nicht alles, Fragen entstehen und werden nicht beantwortet. Nicht alles ist sichtbar in einem Film. Unvollständigkeit bleibt. Das gefällt mir gut … Es geht um Verantwortung für das, was ich zeige“, schreibt die Künstlerin Cana Bilir-Meier, die mit und durch ihre Arbeit auch an der Migration, ihrer Geschichte und der Geschichte ihrer Familie arbeitet.

 

Referenzen:

Althusser, Louis 2011: Widerspruch und Überdeterminierung. Anmerkungen für eine Untersuchung. In: ders.: Für Marx, Berlin.

Althusser, Louis 1980: „The Crisis of Marxism. An Interview with Louis Althusser.“ https://www.versobooks.com/blogs/3312-the-crisis-of-marxism-an-interview-with-louis-althusser.

Bayer, Natalie, Hess, Sabine et al. (Hg_innen) 2009: Crossing Munich. Beiträge zur Migration aus Kunst, Wissenschaft und Aktivismus, München.

Bilir-Meier, Cana 2015: „Nachdenken über das Archiv – Notizen zu Semra Ertan.“
In: Ins Bild gerückt: Interventionen gegen die dominante Bildpolitik / Stimme. Initiative für Minderheiten, Wien.

Bojadžijev, Manuela 2008: Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration, Münster.

Bojadžijev, Manuela 2015: „Zur Entwicklung kritischer Rassismustheorie in Deutschland seit den 1980er Jahren.“ In: Martin, Dirk, Martin, Susanne et al. (Hg_innen): Perspektiven und Konstellationen kritischer Theorie, Münster.

Bulatović, Miodrag 1984: Die Daumenlosen, München.

Demos, TJ. 2017: „Learning from documenta 14. Athens, Post-Democracy, and Decolonisation.“ In: Third Text. http://thirdtext.org/demos-documenta, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.  

Foroutan, Naika 2015: „Die postmigrantische Gesellschaft.“ http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/205190/die-postmigrantische-gesellschaft,  zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

Foucault, Michel 1981: Die Archäologie des Wissens, Frankfurt.

Gržinić, Marina 2008: „Euro-slowenischer Nekro-Kapitalismus.“ In: transversal 02/2008: The Post-Yugoslavian Condition of Institutional Critique, Wien. http://eipcp.net/transversal/0208/grzinic/de, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

Hess, Sabine 2013: „Hegemoniale Diskurs-Bilder brechen – eine kulturwissenschaftliche Kritik der dominanten Wissensproduktion zu Migration.“ In: Dogramaci, Burcu (Hg_in). Migration und künstlerische Produktion. Aktuelle Perspektiven. Bielefeld,  S. 107–122.

Hess, Sabine 2015: „Jenseits des Kulturalismus. Ein Plädoyer für postkulturalistische Ansätze in der kulturanthropologischen Migrationsforschung.“ In: Klückmann, Matthias, Sparacio, Felicia (Hg_innen), Tübingen, S. 37–64.

Ivanović, Vladimir 2016: „Departure of Yugoslav Gastarbeiter to ‚temporary-work‘ abroad.“ In: Momčilović Jovanović, Aleksandra, Toroman, Tatomir et.al. (Hg_innen), Yuga my Yuga. Gastarbeiter Stories, Belgrade, S. 2–19.

Labor Migration (Hg_innen) 2014: Vom Rand ins Zentrum. Perspektiven einer kritischen Migrationsforschung, Berlin.

Mbembe, Achille 2011: „Nekropolitik.“ In: Pieper, Marianne, Atzert, Thomas, Karakayali, Serhat, Tsianos, Vassilis (Hg_innen), Biopolitik in der Debatte, Wiesbaden.

Rancière, Jacques 2007. Das Unbehagen der Ästhetik, Wien.

Toplak, Kristina 2017: „Artists as Mobile Professionals: Challenges To Mobility in the Transantional Art Worlds.“ In: Revija Dve domovini / Two homelands, Ljubljana.

Vidović, Tea 2016: „Postkolonijalni individualizam kao temelj intergracijske politike Europske unije.“ In: Gastarbejteri & Migranti  / Novine galerije Nova, S. 21–23.

Yildiz, Erol. 2009: „Migration bewegt die Stadt.“ In: Crossing Munich. Beiträge zur Migration aus Kunst, Wissenschaft und Aktivismus. Bayer, Natalie et. al. (Hg_innen), München, S. 20–23.

Statistisches Bundesamt 2017: „Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Bundesländern (im Jahresdurchschnitt 2016)“, http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/bevoelkerungsstruktur/bevoelkerung_nach_migrationshintergrund/033241.html, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

Bundeszentrale für Politische Bildung 2016: „Bevölkerung mit Migrationshintergrund I“,  https://www.bpb.de/wissen/NY3SWU,0,0,Bev%F6lkerung_mit_Migrationshintrgrund_I.html, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

„Tito bei den Deutschen.” In: Der Spiegel, 24.06.1974, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41708344.html, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

 



[1] Während des Naziregimes wurden große Teile der in Österreich und Deutschland lebenden Bevölkerung umgebracht oder emigrierten aufgrund ethnischer und politischer Verfolgung bzw. aufgrund sexueller Diskriminierung. Andererseits verloren diese beiden Länder an den Fronten des 2. Weltkriegs und durch seine Nachwirkungen (Kriegsgefangenenlager etc.) einen bedeutenden Teil ihrer männlichen Bevölkerung.

[2] Während im Falle der Gastarbeiter*innen die angebliche Zeitlichkeit der Migration in der Benennung berücksichtigt wird, verweist „postmigrantisch“ darauf, dass Migration ein unumkehrbares Phänomen sein könnte und zumeist auch ist – für die migrantischen Subjekte ebenso wie für ihre Herkunftsgesellschaften und die „Aufnahme“-Länder, in die die Menschen migrieren. Der Begriff „postmigrantische Gesellschaft“ wird von den deutschensprachigen kritischen Migrationsstudien forciert und auch vom Staat weitestgehend übernommen, insbesondere in solchen Agenturen wie der Bundeszentrale für politische Bildung, die vorwiegend mit Bildung und Kultur befasst sind. Mit „postmigrantisch“ soll betont werden, dass Gesellschaft ein dynamisches und veränderbares Phänomen ist und Migration eine Agentin der Veränderung (sein sollte) (Foroutan 2015).  

[3] „Woman is the nigger of the world“ [Frau ist die N... der Welt] ist Satz von Yoko Ono und John Lennon aus dem Jahr 1972, den Jelena Vesić in ihrem Beitrag zu epistemologischer und repräsentativer Gewalt interpretierte, Cordially meeting the other, Haus der Kunst, München, Juni 2017.

[4] Einerseits wurde die Mobilität und vor allem die Arbeitsmobilität innerhalb der EU durch EU-Verträge als „Freizügigkeit der Arbeitnehmer“ im Gründungsvertrag von Rom (1957), durch Politiken (Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union; Richtlinie 2004/38/EG Über das Recht der Unionsbürger und ihrer Familienangehörigen,
sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten), Verordnungen (492/2011 Über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union) und Programme, wie den Europäischen Sozialfond, EU-Programme für Beschäftigung und Gesellschaft etc. gefördert (Toplak 2017). Andererseits hat die EU große Anstrengungen (rechtlicher, politischer, struktureller, finanzieller, architektonischer, repressiver und vor allem militärischer Natur) unternommen, um den Zustrom und die Mobilität der Bürger*innen aus „Drittstaaten“ oder Nicht-EU-Ländern einzuschränken (Toplak 2017, Bifo Berardi 2017, Vidović 2017 unter anderen).

[5] Zahlen des deutschen Statistischen Bundesamts: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/150599/migrationshintergrund-iii, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.  

[6] Anfangs war non stop non stop eine Zusammenarbeit von Katja Kobolt (Balkanet e.V.), Lothringer 13 Halle (München), Suza Husse (District Berlin) und Teja Reba (City of Women,  Ljubljana).

[7] Mit Living Archive Editionen (2011–2015) initiierte Red Min(e)d eine Plattform zur Neudefintion von kuratorischen und künstlerischen Ausstellungspraxen durch feministische Arbeitsmethoden. Die Ausgabe von Living Archive in Zagreb (REDacting TransYugoslav Feminisms Conference 2011) drehte sich um das politische Verhältnis von Feminismus, zeitgenössischer Kunst und (post-)jugoslawischem Raum. Die Edition von Living Archive in Ljubljana (Alkatraz und Kapelica Galerie, Rote Zora Festival, 2012) ließ sich von feministischen Strategien des Schaffens und Fortschreibens eines Archivs zeitgenössischer Kunst als lebendigem Wissen inspirieren, das sich auf die Politik des (all)täglichen Lebens auswirkt. Die Ausgabe von Living Archive in Sarajevo (Öffentlicher Raum, 2012) erhielt ihren Kontext durch eine Politik der Commons als Grundlage neuer Formen der sozialen Re/Produktion. Die Ausgabe von Living Archive in Wien (Open Systems und VBKÖ, 2012) war eine kritische Annäherung an die Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie, indem der kolonialisierende Raum der binären Gegensätze „universell/partikular“, die das Konzept des othering fortschreiben, kritisch hinterfragt wurde. Die Ausgabe von Living Archive in Belgrad fand unter dem Titel No One Belongs Here More Than You als 54. Oktober Salon (2013) statt und beschäftigte sich mit visuellen und diskursiven Methoden des Forschens, Über-Denkens und der Darstellung von (nicht)menschlicher Natur sowie mit Formen der (sozialen/politischen) Vorstellungskraft. Die Münchner Ausgabe von GUESTures war eine Fortsetzung des Projekts Living Archive (Balkanet e.V., Galerie Kullukcu & Gregorian, 2013). GUESTures griff den Impuls von Living Archive auf, seine eigene community als eine Art polis mithervorzubringen, als wirklichen Raum zwischen Leuten, die sich selbst organisieren, um sich über künstlerische commons und politische Freiheit auszutauschen und diese zu inszenieren. 2017 bewegte sich Red Min(e)d in Richtung einer neuen Praxis: das Symposium. Das Symposium zeigt sich hier in seiner primären Bedeutung eines halböffentlichen oder Off-Raums, in dem Leute zusammenkommen, um zu essen, zu trinken, zu tanzen und zu reden oder einfach um entlang spezifischer oder alltäglicher Themen miteinander Zeit zu verbringen; vgl.  http://redmined.org, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

[8] Vgl. die Projekt- und Publikationswebpage: http://guestworkerberlin.blogspot.de, zuletzt aufgerufen am 30.09.2017.

[9] Vgl. diesbzgl. den Text von Margareta Kern in dieser Ausgabe.

[10] Im letzten Jahrzehnt arbeiteten einige interdisziplinäre Forschungs- und Kunstprojekte daran, dem hartnäckigen Fehlen einer dringend nötigen „neuen Erzählung“ (Bojadžijev 2008) entgegenzuwirken, in der die „mehrheimischen“ Erzählungen (Yildiz 2009) nicht ständig objektiviert und marginalisiert werden, sondern vielmehr von den „Sprachlosen“ (Rancière 2007) erzählt und mitgeschrieben werden: Kanak Attack (seit 1998), Projekt Migration (2002–2006), Xenopolis (2005), Crossing Munich (2007–2009), Wienwoche (seit 2012), Decolonize München (2013), das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt Universität Berlin, das Forschungszentrum Migration & Globalisierung der Universität Innsbruck, das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) mit seiner Tagung zur Kunstvermittlung in der Migrationsgesellschaft. Eine Auseinandersetzung vor allem mit der Geschichte (und Gegenwart) der jugoslawischen Gastarbajter*innen und/oder der Erinnerung an das „jugoslawisch-österreichische“ Anwerbeabkommen (1966) gab es bereits in mehreren Projekten in Österreich, aber auch im ehemaligen Jugoslawien, etwa in der Ausstellung Jugo moyo Jugo (Museum der Geschichte Jugoslawiens, 2016),  They Were, Those People, a Kind of Solution, einem Projekt von WHW in der Galerija Nova Zagreb (2017-2018) und in der Publikation Gastarbjetri & migranti (2016, hg. von WHW), Ajnhajtclub (Freiraum Q21, 2016), Langer Weg der Gastarbajt (Wienwoche 2016).

[11] Zur Intersektionalität von Migration und Klasse finden sich beim deutschen Statistischen Bundesamt einige grundlegende Informationen und Zahlen zum sogenannten Migrationshintergrund, vor allem im Hinblick auf Einkommen und Besitz von Grund und Boden. Daraus wird ersichtlich, dass der sogenannte Migrationshintergrund, statistisch gesehen, weniger Einkommen und kleinere Wohnungen zu höheren Preisen bedeutet; vgl. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Tabellen/MigrationshintergrundNettoeinkommen.html, http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/205190/die-postmigrantische-gesellschaft (zuletzt aufgerufen am 30.09.2017).

 



* Deutsch im Original