Der britische Künstler James Bridle publizierte 2015 das Browser-Plugin „Citizen Ex“, das dokumentiert, unter welche Jurisdiktionen unsere Data Doubles fallen, sobald wir uns surfend im Netz bewegen. Ziel war es, Aufmerksamkeit auf eine neue Form von temporärer, flüchtiger und sich allein aus den Logiken transnationaler Konnektivität ergebender ‚Staatsbürgerschaft‘ zu lenken, auf „algorithmic citizenship“.[1] Diese gewährt zwar niemandem die Rechte einer klassischen Staatsbürgerschaft, kann aber beispielsweise in Belangen der Meinungsfreiheit, des Daten- oder Jugendschutzes gravierende Konsequenzen für Internetnutzer_innen haben.

Algorithmischen Zuordnungen widmeten sich bereits 2001 Aktivist_innen des Noborder Action Camps in Straßburg.[2] Das Verhältnis von Daten und Körpern bildet den Ansatzpunkt einer Intervention, die mit der Feststellung beginnt, dass Daten von Migrant_innen die EU Grenze überschreiten und im Schengenraum zirkulieren können, während die Menschen selbst in Lagern und jenseits der EUropäischen Grenzen verharren müssen. Auf den Spuren von Lokalisationspunkten der Trennung von verkörpertem Subjekt und ihm zugeordneten Daten machte sich eine Kommunikationsguerillagruppe des Camps auf den Weg zum Rechenzentrum des Schengeninformationssystems (SIS II), grub ein Netzwerkkabel aus, um sich mittels eines Laptops vermeintlich Daten des SIS II anzueignen und sie per Plugin umzugestalten. Die Aktivist_innen  machten es sich zur Aufgabe, Zugang zu den ansonsten außerhalb ihres Zugriffes liegenden Data Doubles über ein Kabel zu finden.

2011 nutzte der Wiener Aktivist Max Schrems europäische Datenschutzgesetzgebung, um Facebook zur Herausgabe der dort über ihn gespeicherten Daten zu zwingen.[3] Er erhielt eine CD mit über 1000 Seiten von Facebook gesammelter Information, die keineswegs nur von ihm selbst gepostete Selfies, Chats oder Daten über seine Facebook-Freunde enthielt, sondern eine Art Schattenprofil, längst Gelöschtes, Meta-Daten wie Locations, IP-Adressen und benutzte Computer etc.[4] Seitdem bietet Facebook seinen Bewohner_innen standardmäßig eine Downloadfunktion für eine Kopie (einiger weniger) dort gespeicherter Daten an.

Alle drei Beispiele adressieren das komplexe Verhältnis zwischen Menschen und ihren sogenannten Data Doubles, d.h. den Ansammlungen an – freiwillig wie unfreiwillig abgesonderten – Datenspuren, über welche die Bewohner_innen digitaler Technökologien längst die Kontrolle verloren haben und die teilweise ein intransparentes Eigenleben führen. Fingerabdruckscanner in Hotspots des Migrationsregimes und soziale Medien wie Facebook werden hier zu Interfaces oder Schnittstellen zwischen verkörperten Subjekten und Data Doubles. Die Data Doubles können Visa und Aufenthaltsrecht, Kreditwürdigkeit und die Postings, Nachrichten oder Werbung, die wir in sozialen Medien zu sehen bekommen, beeinflussen. Sie fließen in Predictive-Policing-Software und die Kill-Listen der Drohnenkriege ein. Data Double und verkörpertes Subjekt werden zwar häufig als hybrid oder cyborgisch diskutiert, der Tatsache jedoch, dass sie, wie besonders im Migrationsregime deutlich wird, in vielen Fällen als separierbar behandelt werden und sich durchaus als teilbar erwiesen haben, kommt relativ wenig Aufmerksamkeit zu. Fragen der Teilbarkeit und der freiwillig-unfreiwilligen Teilhabe sind über den Begriff dividuum und jenen der Dividuation behandelt worden.[5] Hier sind wir notwendig Geteilte, immer in Prozessen unterschiedlicher Teilhabe – imaginär, affektiv, physisch etc. – involviert und konstituiert. Ohne diese Verwobenheiten aus dem Blick zu verlieren, soll es hier um eben jene Einschnitte gehen, die das Verhältnis zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double gestalten oder verfestigen. Dabei lenken wir die Aufmerksamkeit nicht nur auf Kategorien der Hybridität und Amalgamierung über Teilungen, sondern auf die Agentia der Teilung selbst, die Schnitte oder Divisionen und ihre Implikationen in den sie umgebenden Kontexten. Schließlich wollen wir Möglichkeitshorizonte streifen, die diese vereinheitlichende Zerstückelung – verstanden als ein Anhaften von Regimen an unterschiedliche Schnitte – irritieren, ihnen zuwiderlaufen oder sie freilegen.   


Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame

Intersektionen von Körpern und Technologien werden in den feministischen Science & Technology Studies seit Längerem als cyborgisch, als Assemblagen und Resultate von jeweils spezifischen Grenzziehungspraktiken verhandelt.[6] Diese Konzepte wurden in Theoretisierungen zur „surveillant assemblage“ weitergeführt. Die Surveillant Assemblage abstrahiert menschliche Körper von ihren territorialen Umfeldern, verwandelt sie in Datenflüsse und setzt diese wiederum als „Data Doubles“ wieder zusammen.[7] Sie macht aus Körpern harawaysche Cyborgs, „Flesh-Technology-Information-Amalgam“.[8] Data Doubles fungieren hier als eine Art zusätzliches Selbst, das Einfluss auf den Zugang zu Ressourcen hat und Ziel von Marketing-Praktiken und gouvernementalen Regierungsweisen sein kann.[9] Obwohl in den Doubles eine vorgebliche Referenz auf Individuen angelegt ist, überschreiten sie jedoch die Logik der Repräsentation und sind letztlich als Mechanismen sozialer Kategorisierung zu verstehen, als „social sorting“.[10]

Mit der Abstraktion von Körpern in Datenflüsse entsteht eine neue Möglichkeit des Regierens, die die französische Rechtswissenschaftlerin Antoinette Rouvroy als algorithmische Gouvernementalität bezeichnet.[11] Diese zielt nicht mehr auf konkrete Personen ab, sondern adressiert mittels Technologien wie Risikomanagement, Data Mining oder Big Data-Anwendungen Möglichkeitsräume und mögliche Verhaltensweisen, infra-individuelle Daten und supra-individuelle Profile, also Data Doubles.[12] Sie sieht keine Konfrontation mit Subjekten mehr vor, sondern zielt auf Profile und vermeintlich daraus ableitbare potenzielle Verhaltensweisen ab (d.h. potenzielles Verbrechen, Visa-Überziehen, Konsum etc.) – kann aber konkrete Auswirkungen auf Subjekte haben.[13] Algorithmische Gouvernementalität ist ein Versuch, antizipativ die Zukunft zu zähmen, indem die virtuelle Dimension dessen, was unberechenbarerweise hier und jetzt passiert, auf berechenbare Formeln oder Profile reduziert wird, anhand derer gehandelt werden soll.[14]

Zwar konnten auch in prädigitalen Zeiten Papierstapel von einem Schreibtisch zum nächsten, Akten von Behörde zu Behörde verschoben und als Repräsentationen bestimmter Subjekte behandelt werden, die Eigendynamik der Data Doubles, die Unüberschaubarkeit der Datenmengen, die Verknüpfung von wissentlich und unwissentlich, willentlich und unwillentlich abgesonderter Information, sind Spezifika digitaler Technökologien und ohne Big Data oder die Verknüpfung verschiedener Datenbanken kaum möglich. Rohdaten werden hierbei zu deterritorialisierten Signalen, die, im Unterschied zu älteren statistischen Logiken, nicht mehr Wissen über die Welt generieren und einer Interpretation bedürfen, sondern direkt von der digitalen Welt abgeleitet werden und absolute Objektivität versprechen.[15] Das hier weniger generierte als entdeckte Wissen und die Mechanismen, die es in digitalen Umwelten erlauben, verkörpertes Subjekt und data double zu separieren oder als separierbar zu behandeln, gilt es genauer zu betrachten.


Agentische Schnitte – Digitale Schnitte

In den beschriebenen Technökologien separieren eine Vielzahl an menschlichen und nichtmenschlichen Akteur_innen verkörperte Subjekte und Data Doubles in verschiedenen materiell-diskursiven Praktiken oder Apparaten: Einzelpersonen, die beispielsweise Fingerabdruckscanner und dazugehörige Datenbanken bedienen, Software, die Profile für Werbekunden erstellt, Algorithmen, die Datenströme über bestimmte Server routen oder auch künstliche Intelligenzen produzieren Grenzziehungen innerhalb des Fleisch-Technologie-Information-Amalgams.

Die feministische Objektivitätstheoretikerin Karen Barad geht davon aus, dass Subjekte, Objekte und Instrumente der Beobachtung immer schon miteinander verwoben sind, miteinander intra-agieren.[16] Erst in diesen Intraaktionen materialisieren sich Körper- oder Subjektgrenzen, die immer als temporär und lokal begriffen werden müssen. Um Phänomene trotz dieser Verwobenheit beschreibbar zu machen führt Barad den Begriff des "agentischen Schnitts" (agential cut) ein, der die temporäre und lokale Trennung von Beobachtenden, Beobachteten und Instrumenten der Beobachtung erlauben soll.[17] Da in ihrem Objektivitätskonzept klassische ontologische Exteriorität nicht existiert, muss „agentische Trennbarkeit“ (agential separability) erst durch agentische Schnitte hergestellt und Objektivität so ermöglicht werden.[18] Barad geht es also zunächst um Verschränkungen mit all den damit einhergehenden Gestaltungen der Materialität, Handlungsfähigkeit oder auch topologischen Veränderungen. Diese sind intrinsisch mit Fragen menschlicher und nicht-menschlicher Grenzziehungspraktiken verbunden. Entitäten ergeben sich erst durch agentische Schnitte innerhalb von Phänomenen und produzieren dadurch neue Phänomene.[19] Es geht also nicht um absolute Differenzierungen und Unterscheidungen per se, sondern um bedeutungsvolle und materielle Einschnitte, die Verwobenheit eben nicht aufheben: „Phänomene beinhalten agentische Schnitte und diese Schnitte schaffen nicht einfach Trennungen. Vielmehr sind diese Schnitte dis/kontinuierlich, sie schneiden zusammen-auseinander (eine Bewegung) [...].“[20] Körper materialisieren sich demnach differenziell und da agentische Schnitte nicht nur unser Wissen über Körper beeinflussen, sondern Körper selbst gestalten, bedeutet Objektivität eine Verantwortung für die durch Schnitte hervorgerufenen Materialisierungen zu übernehmen.

Die Schnitte, die bei Barad dazu dienen, feministische Objektivitätskonzepte zu realisieren, scheinen sich in digitaler Form in den Grenzziehungen zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double zu spiegeln – wenngleich hier sicherlich in den meisten Fällen nicht mit der Zielsetzung, feministische Objektivitätskonzepte zu realisieren. Dennoch glauben wir, dass Barads Konzept der agentischen Schnitte – gerade weil sie in eigentlich ontologisch untrennbare intra-agierende Komponenten temporäre und lokale Grenzziehungen einführen – dieses bislang etwas untertheoretisierte Phänomen beschreibbarer machen können. Deswegen verstehen wir digitale Schnitte als temporär-lokale Trennungen oder Teilungen ansonsten hybrid oder interdependent funktionierender Komponenten der Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame. Die Schnitte werden von menschlichen wie nicht menschlichen Aktanten vorgenommen und sind mit einem spezifischen Wahrheitsanspruch verknüpft, da sie vermeintlich objektiv-reale Datenspuren bearbeiten. Zum einen gelten Rohdaten nicht als durch materiell-diskursive Praktiken erzeugtes Wissen, sondern als immanente digitale Wirklichkeit. Zum anderen sind digitale Schnitte temporär-lokale Separierungen, die Phänomene bilden, die dann wiederum unterschiedlichen Regimen und ihren jeweiligen Objektivitätsansprüchen unterliegen, wobei der Schnitt selbst nicht als wahrheitsproduzierend verstanden wird.

Digitale Schnitte können Data Doubles von verkörperten Subjekten abtrennen oder Schnitte oder Teilungen innerhalb von Data Doubles vollziehen. Mit dem Begriff der digitalen Schnitte lassen sich sowohl Phänomene beschreiben, in denen diese Aufspaltungen willentlich und wissentlich vonstattengehen, als auch solche wie die Einspeisung biometrischer Information in Datenbanken der Migrationskontrolle, bei denen von Freiwilligkeit keine Rede sein kann. Digitale Schnitte können von menschlichen und nichtmenschlichen Akteur_innen wie künstlichen Intelligenzen durchgeführt werden. Mit Hilfe der Schnitte können Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame verschiedenen rechtlichen, technologischen oder biopolitischen Regimen untergeordnet und in deren jeweiligen Logiken weiterverarbeitet werden. Neben landläufigen Akzentuierungen von Hybridität oder Amalgamierung gilt es ebenso zu untersuchen, wo und mit welchen Konsequenzen diese Kopplungen wieder aufgebrochen werden: In manchen Fällen, wie zum Beispiel den quer durch Europa reisenden biometrischen Daten in Hotspots festsitzender Migrant_innen, bleibt mit dem Schnitt eine Referenz auf ein konkretes Individuum erhalten, in anderen, wenn z.B. Potenzialitäten verhandelt werden, ist die Loslösung von konkreten Subjekten programmatisch. Antiterrorbekämpfung mittels „risk alerts“ kann hier als Beispiel gelten, wo spezifische Nachnamen, Religionszugehörigkeit, Sprachkenntnisse oder Reiserouten etc. zu Risikopotenzialen werden können. Es sind daher nicht konkrete Individuen, die im Namen von Sicherheit fokussiert werden, sondern fragmentierte Elemente eines angeblichen Risikos. Das potenziell gefährliche, dividuierte Subjekt wird also aus einem Amalgam von Teilelementen anderer Subjekte und Objekte zusammengesetzt.[21] In einigen Situationen erweisen sich die Schnittstellen zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double gleichzeitig auch als Schnitt-Stelle, als Instanz, die Schnitte durchführt, in anderen – z.B. in geheimdienstlicher Überwachung oder Social-Network-Analysis der Drohnenkriege, haben Interfaces wie soziale Medien selbst wenig mit den Schnitten zu tun. Teilweise liegen agentische Schnitte in der Eigenlogik der jeweiligen Technologien begründet, z.B. entstehen die von Bridle beschriebenen algorithmischen Staatsbürgerschaften aus der Logik des Routings heraus. Ihre Auswirkungen reichen von existenzbedrohlichen Einschnitten in die Gestaltbarkeit des einzelnen Lebens bis hin zur banalen Film- oder Produkt-Empfehlung auf Netflix oder Amazon.  


Maschine-Werden und digitale Sanctuary Cities

Die eingangs vorgestellten Interventionen adressieren mit Mitteln des Rechts, des zivilen Ungehorsams, der Kunst und der Technologie verschiedene Ebenen der Aufspaltung von Fleisch-Technologie-Informations-Amalgamen: Bridles Plugin dokumentierte mediale Eigenlogiken des Routings, die digital und immer wieder von neuem Staatsbürgerschaft algorithmisch in etliche Sub-Staatsbürgerschaften aufsplitten und Data Doubles immer anderen Jurisdiktionen unterordnen. Das Projekt versuchte Transparenz über bestimmte Schnitte herzustellen und Aufmerksamkeit für diese Prozesse zu erregen. Facebook-Kläger Schrems intervenierte mit den Mitteln des Rechts in eine intransparente Speicherpraxis und hat darüber zumindest eingeschränkten Zugriff auf vormals nicht zugängliche Aspekte von Data Doubles auf Facebook geschaffen. Die NoBorder-Camp-Aktivist_innen versuchten mit einem Akt des zivilen Ungehorsams und der Guerillakommunikation auf symbolischer Ebene zu intervenieren und Aufmerksamkeit für die digitalen Schnitte des EU-Migrationsregimes zu schaffen.

Andere Ansätze versuchen etwas direkter in die Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame einzugreifen und so manche digitale Schnitte überflüssig zu machen. Aus einer Datenlogik heraus spielen sie mit dem Maschine-Werden: Diverse Browser-Plugins oder Bots wie TrackMeNot, AdNauseam, MakeInternetNoise produzieren automatisiert Anfragen oder Klicks für ihre User_innen und füllen so Data Doubles mit Zufallsdaten, was zumindest manche Formen des Trackings und der Profilerstellung erschwert. Die so geschaffene Unordnung oder Multiplizierung durch Zufallsgeneratoren macht sich die Dividuation zu eigen, um die temporären-lokalen Trennungen zwar nicht aufzuheben, doch ihren Wahrheitsanspruch (im Sinne des Social Sorting) zu unterwandern – die Schnitte werden inhaltsleer.

Ein Konzept, das Rechenschaftspflicht und Verantwortung für digitale Schnitte innerhalb von Grenzregimen zumindest thematisiert, sind digitale Sanctuary Cities. In den USA haben sich einige der Städte, die zum Schutze illegalisierter Migrant_innen nur sehr eingeschränkt mit den staatlichen Einwanderungsbehörden kooperieren und bestimmte City Services für Menschen ohne Papiere geöffnet haben, auch dem Schutze von Data Doubles verschrieben und Ansätze für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Phänomen digitaler Schnitte thematisiert.[22] Ein White Paper der Sunlight Foundation schlägt als Grundprinzipien von Digital Sanctuaries u.a. verantwortungsvollen Umgang mit Dateneinspeisungen, Vermeidung bzw. starke Einschränkung der Datensammlung, regelmäßige Datenlöschung, weitestgehende Anonymisierung von Daten, Transparenz und Möglichkeiten der Zustimmung oder Verweigerung der Datenspeicherung sowie starke Einschränkungen, was die Vernetzung von Datenbanken und den Austausch von Daten angeht, vor.[23] Digitale Sanctuary Cities akzentuieren damit die Rolle lokaler Politik und Behörden innerhalb der staatlichen Regulierung der Migration und versuchen Sorgepraktiken nicht nur auf Data Doubles auszuweiten, sondern auch auf lokaler Ebene verantwortungsbewusst mit digitalen Schnitten umzugehen. Dem geht die Einsicht voraus, dass kommunal erhobene Daten über Menschen, wenn auch nicht ursprünglich zum Zwecke der Überwachung von Migrant_innen erstellt, sehr wohl für Überwachungsmaßnahmen verwendet werden können. Zugänge zu Schulen, Arbeit, Wohnraum oder Gesundheitswesen sind immer mit Formen der Datenerfassung verbunden, die für manche gefährlich sein können, bzw. über ihren Status oder ihre Deportierbarkeit entscheiden. Ein Aspekt, für den hier Aufmerksamkeit geschaffen wird, ist, dass Datensicherung allein nicht genügt und die Sammlung von Daten über Stadt-Bewohner_innen generell limitiert werden muss. Ebenso geht es darum, Mitarbeiter_innen lokaler Behörden, in Bibliotheken, Arztpraxen oder Hausverwaltungen aufzuklären, was „sensible Daten“ über Personen sind und unter welchen Umständen, mit welcher Transparenz und mit welchen möglichen Folgen diese gesammelt und gespeichert werden sollten. Es gilt also die gesammelten Daten nicht nur zu limitieren, sondern sie auch einer angemessenen Verwaltung zu unterziehen, wozu sowohl das regelmäßige Löschen gehören kann als auch die Einschränkung ihrer Weiterleitung und die Vermeidung von Vernetzbarkeit.

Digitale Sanctuary Cities thematisieren die Aufnahme, Speicherung und das Teilen von Daten mit einem machtanalytischen Blick auf Grenzregime, rechtliche und soziale Ungleichheiten oder Prekarisierung, die eng mit digitalen Schnitten in Verbindung stehen. Diese Interventionen können als Schritte verstanden werden, diese Schnitte überhaupt als konkrete Praktiken und konstituierend für Lebenswirklichkeiten zu begreifen. Sie arbeiten nicht nur daran, die oftmals opaken Schnitte aus Blackboxes hervorzuziehen, sondern auch daran, sie in Verhandlungsräume zu überführen. Und zu verhandeln gäbe es Vieles: Sollten die Rechte von Data Doubles – z.B. die Möglichkeit ihrer transnationalen Zirkulation – nicht weitaus enger mit den Rechten verkörperter Subjekte verknüpft werden – ist es doch gerade die Verschränkung aus verkörpertem Subjekt und Data Double, welche die Stasis des einen und die Bewegung des anderen ermöglicht? Sollte das Recht auf Unversehrtheit nicht auch für unsere biometrischen Daten gelten usw.? Mit der Thematisierung von digitalen Schnitten möchten wir ein in künstlerischer wie politischer Praxis bereits virulentes Thema um einen theoretischen Ansatz ergänzen, der es erlaubt, manche Blackboxes zumindest teilweise zu öffnen und ihre Inhalte ins Feld demokratischer Aushandlung zu transportieren. Das Phänomen der digitalen Schnitte ernst zu nehmen bedeutet dann, cyborgische Bündnisse und Partnerschaften zu schaffen, in denen normative Ordnungsinstanzen wie das Recht ebenso zu Wort kommen können wie Unordnung stiftende Bots oder Anonymisierungstools für lokale Behörden in Sanctuary Cities. Und manchmal heißt es auch, nach Kabeln zu graben, um mit dem eigenen Data Double in Konversation zu treten.

 



[1] Bridle, James: „Algorithmic Citizenship“ (2015), http://citizen-ex.com/citizenship [15.01.2018].

[2] Vgl. Hamm, Marion: „Ar/ctivism in physikalischen und virtuellen Räumen“ (2003), http://transversal.at/transversal/1203/hamm/de [15.01.2018]; Schmidt, Jürgen: „another war is possible // volXtheater“ (2003), http://transversal.at/transversal/1203/schmidt/de [15.01.2018].

[3] Coscarelli, Joe: „One Man's War against Facebook on the European Front“, New York Mag (Oktober 2011),  http://nymag.com/daily/intelligencer/2011/10/one_mans_war_against_facebook.html [15.01.2018].

[4] "Europe vs. Facebook", http://europe-v-facebook.org/EN/en.html [15.01.2018].

[5] Vgl. Deleuze, Gilles: „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“, in: ders.: Unterhandlungen 19721990, Frankfurt am Main, 1993, 254-262; Raunig, Gerald: Dividuum. Wien / Linz / Berlin /London / Zürich 2015; Ott, Michaela: Dividuationen. Theorien der Teilhabe. Berlin 2014.

[6] Suchman, Lucy, „Feminist STS and the Sciences of the Artificial“, in: Edward J. Hackett, Olga Amsterdamska, Michael Lynch und Judy Wajcman (Hg.), The Handbook of Science and Technology Studies, Cambridge, MASS. / London 2008, S. 139-163, S. 150. Haraway, Donna, „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“, in: Dies.: Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature. New York 1991, S. 149-181.

[7] Haggerty, Kevin D.; Ericson, Richard: „The surveillant assemblage“, British Journal of Sociology, 51, 4, (2000), S. 605-622, S. 606.

[8] Ebd. S. 611.

[9] Ebd. S. 613.

[10] Ebd. S. 614; Lyon, David (Hg.): Surveillance as Social Sorting: Privacy, Risk and Automated Discrimination, London / New York 2005.

[11] Rouvroy, Antoinette: „The end(s) of critique. Data behaviourism versus due process”, in: Mireille Hildebrandt, Katja de Vries (Hg.): Privacy, Due Process and the Computational Turn: The Philosophy of Law Meets the Philosophy of Technology, Abingdon und Oxon 2013, S.143-167.

[12] Ebd., S. 152, 161.

[13] Ebd., S. 152.

[14] Ebd., S. 152f.

[15] Vgl. ebd., S. 147.

[16] Barad, Karen: Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning, Durham / London, 2007, S. 197; Kämpf, Katrin M.; Mergl, Matthias: „Freeze! Eine queere Objektivitätsbricolage aus Karen Barads Empistem-Ontologie“, in: Nina Degele, Sigrid Schmitz, Marion Mangelsdorf, Elke Gramespacher (Hg.): Gendered Bodies in Motion. Opladen/Farmington Hills 2010, S. 103-114.

[17] Barad, Karen: Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham / London 2007, S. 148.

[18] Ebd., S. 140.

[19] Vgl. ebd. S.148.

[20] Barad, Karen: Verschränkungen, Berlin 2015, S. 182, siehe auch Barad, Karen: Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham / London 2007, S. 394.

[21] Vgl. Amoore, Louise: The Politics of Possibility. Risk and Security Beyond Probability. Durham/ London 2013, S. 131 [u.a.].

[22] Misra, Tanvi: „The new 'digital' sanctuaries“. Citizenlab. https://www.citylab.com/equity/2017/11/new-digital-sanctuary-cities/541008 [15.01.2018]. Zur Kritk an den Sanctuary Cities, die letzlich auch als eine Form des Regierens von Migration gelesen werden können vgl. Mancina, Peter: In the Spirit of Sanctuary: Sanctuary-City Policy Advocacy and the Production of Sanctuary-Power in San Francisco, California. Diss. Vanderbilt University, Nashville Tennessee 2016. http://etd.library.vanderbilt.edu/available/etd-07112016-193322/unrestricted/Mancina.pdf.pdf [15.01.2018].

[23] Sunlight Foundation: „Protecting Data, Protecting Residents. 10 Principles for Responsible Municipal Data Management“ (02/2017), https://sunlightfoundation.com/wp-content/uploads/2017/02/Protecting-data-protecting-residents-whitepaper.pdf [15.01.2018].