12 2017

Ökologien der Sorge. Vorwort

Daniel Drognitz, Sarah Eschenmoser, Michael Grieder, Adrian Hanselmann, Alexander Kamber, Anna-Pia Rauch, Pascale Schreibmüller, Nadine Schrick, Marilyn Umurungi

„Wir müssen das Haus verlassen; wir müssen den Haushalt verweigern, weil wir uns mit den anderen Frauen vereinigen wollen, um gegen alles anzukämpfen, was die Anwesenheit der Frauen im Hause zur Voraussetzung hat, um uns selbst mit den Kämpfen all derer, die in Ghettos sind, zusammenzuschließen, sei es nun das Ghetto eines Kindergartens, einer­ Schule, eines Krankenhauses, eines Altersheims oder eines Slums.“ – Mariarosa Dalla Costa, 1972

„Ohne Veränderung der Mentalitäten, ohne Eintritt in eine post-mediale Ära wird es keinen nachhaltigen Einfluss auf die Umwelt geben. Und ebenso wird es ohne Modifikation der materiellen und sozialen Umwelt keine Veränderung der Mentalitäten geben. Diese Kreisbewegung führt mich dazu, mit Nachdruck die Erfindung einer ‚Ökosophie‘ zu fordern, die die Umweltökologie mit der sozialen Ökologie und der mentalen Ökologie verbindet.“ – Félix Guattari, 1992

„Der Streik ist immer eine Unterbrechung und eine Sichtbarmachung; und die Sorge ist jene durchgehende und unsichtbare Linie, deren Unterbrechung verheerend wäre. […] um zu sehen, dass dieses Paradox keines ist, fehlt nur noch ein Wechsel der Perspektive: Nicht der Sorge-Streik wäre dann paradox, sondern jene Unterbrechung der Ordnung, die er unweigerlich in dem Moment produziert, in dem wir tatsächlich die Sorge ins Zentrum stellen und sie politisieren.“ – Unas precarias a la deriva, 2005

In der Mitte des Sozialen rumort es stetig, eine Unruhe, die uns tagtäglich trägt. Fortwährend wird da gekocht, was die Umgebung ernährt; unbeirrt und nachhaltig erarbeitet, was hindurchtanzt; im Dunkeln erschaffen, was hier und da leuchtet und sorglos sich regt. Eine Facette dieser Mitte ist die Sorge, die, unsichtbar oder verworren, wie sie auch scheinen mag, niemals unwirksam ist. Fällt sie weg, spüren wir das unmittelbar. Steht sie unter Druck, sind wir auch unter Druck. Spricht sie von Streik, tun wir gut daran aufzuhorchen: denn die Sorge ist nicht leicht zu finden, aber sie ist auch eine ununterbrochene Linie, deren Unterbrechung unvorstellbar ist.

Globale Affektketten, translokale Asymmetrien und Ökologien der Sorge – im Zentrum gegenwärtiger Diskurse um erweiterte Vorstellungen von Ökologie und Sorge stehen Konzepte und Praxen, die instituierend, poetisch, anarchisch, streikend, invasiv, queer, transversal nach anderen Formen eines nachhaltigen Zusammenlebens suchen. Statt dies aber in jenseitigen Gefilden oder Utopien zu tun, verweisen Ökologien der Sorge ins Hier und Jetzt. Sie betreffen eine ausgedehnte Gegenwart, ein Werden, das fraglos weder der Träume noch der Wünsche ermangeln soll. Diese werden tagtäglich (re)produziert – nicht zuletzt durch Sorgearbeit.


Genealogien der Sorge

Die ausgedehnte Gegenwart der Sorge ist jedoch keinesfalls geschichtslos. Viele Genealogien durchziehen sie. Eine Geschichte der Sorge könnte etwa bei der klagenden und sich ausfällig gebärdenden Xanthippe beginnen, die sich gegen Sokrates wehrt und nicht nachvollziehen will, dass dieser sich mit seinem Todesurteil abfindet. Will der Philosoph im Umkreis seiner Schüler in Schönheit sterben, passt ihm die sorgende Frau nicht mehr in die Szene. Was in der misogynen europäischen Kulturgeschichte als maskulinistische Transzendierung des profanen Alltagslebens im Geist, in der Politik und in der Ewigkeit wiederkehrt, ist allerdings auch in mannigfaltiger Weise anders lesbar. Die unsichtbar gemachte, in die Abgeschlossenheit des Oikos verbannte Sorge lässt die grundlegende Trennung zwischen privat und öffentlich, Haushalt und Politik, Dunkelheit und Aufklärung nicht zu. Xanthippe, „wenn sie donnert, bringt auch Regen“.[1] Die Sorge selbst ist an der Schwelle der Dichotomie, sie durchquerend und überschreitend, monströs, ungefügig und ausfällig, durchwegs verbunden, sozial und relational.

Eine andere Geschichte könnte bei den Etymologien der Sorge ansetzen, die zu zeigen vermögen, wie die Sorge selbst eine Doppelbedeutung aufweist, die sich nicht immer nur stereotypisch zwischen klagenden Frauen und strahlenden Kaisern verteilt. Die Doppelbedeutung des deutschen Worts Sorge (im Sinne von „Sorgen haben“ und „um jemanden sorgen“), dessen Etymologie zwar auf das angelsächsische sorh („sorrow“) zurückgeht, aber auch eine Verwandtschaft zu altirischen oder litauischen Begriffen für „hüten“ oder „Liebe“ aufweist[2], findet sich leicht verschoben bereits im lateinischen Begriff der cura.

So begegnen wir in Vergils römischem Gründungsepos, der Aeneis, zunächst den curae ultrices, rächenden Sorgen, die sich am Eingang des Orkus, der Unterwelt, in ihrem „Lager der Gram“ betten.[3] Dieses Lager umgibt nichts als Schatten, Farblosigkeit, schwarze Nacht, ein unzuverlässiger Mond und sein knausriges Licht. Neben den Sorgen nur Schreckensgestalten, Krankheit, bekümmertes Alter, Hunger, Furcht und Mangel. Die Sorgen werden in dieser Hinsicht also zu Figuren des Grams und der Qual, zu Gewissensbissen oder Ängsten.

Die trübe Seite der Sorge bezeichnet im Lateinischen wie im Deutschen auch spezifische Gemütszustände von Furcht, Schmerz, Kummer, Traurigkeit oder heftige Leidenschaften. Die nubes curarum können als Nachtgespenste in der Einsamkeit und der Finsternis über die Menschen kommen. Zukunftsängste, Ungewissheit, Unsicherheit, Zweifel, üble Vorahnungen, Spannungszustände sind leise und zugleich beredte Zeuginnen für jene grundlegende gegenseitige Abhängigkeit, die alle Geschichten der Sorge begleitet. Quälende Leidenschaften wie Begierde und Mordlust, Habgier, Neid und Eifersucht, Gewissensängste und Liebesschmerz zeigen die curae schließlich in der unmittelbaren Nähe von heftigen Affizierungen.

Es gibt aber auch jene andere Seite der Sorge, die die cura als Tugend, als – manchmal harte – Arbeit bestätigt, etwa wenn neben Cäsars Verstand, Vernunft, Gedächtnis, Gelehrsamkeit, Denkkraft und Aufmerksamkeit auch dessen cura als Tugend gelobt wird.[4] Im Laufe der römischen Geschichte ist die Sorge als Tugend in allen möglichen Tätigkeiten hoch angesehen. Sie dient auf dem Weg zur Macht als Leistungsausweis und ist unerlässliche Begleiterin für jedwede Form von Karriere­ in den römischen Ämtern. Und sie fungiert sogar als Teil der militärischen Disziplin, darin insbesondere bezüglich der Wachsamkeit.[5] In ihrer frühesten Ausprägung betrifft sie, so dieser sich pflichtbewusst zeigt, die Arbeit des Bauern. Hier fungiert cura als Gegenstück zum otium und bezeichnet bei Vergil[6] etwa die angestrengte bäuerliche Arbeit im Unterschied zur „frohen convivia“.

Wie wenig dagegen die Konvivialität, das gute Leben als Zusammenleben inmitten der Asymmetrien, im Widerspruch zur Sorge stehen muss, zeigt sich in einigen Texten, die für dieses Buch übersetzt worden sind. Jenseits der Pole der grämenden, verhärmenden und schmerzenden Sorge und der Sorge als Tugend und disziplinierter Arbeit am Selbst spannt sich ein weites Feld auf, das alle möglichen Facetten von Beziehungen, Arbeitsformen und Kämpfen durchscheinen lässt.


Feministische Sorge-Theorien

Heutigen feministischen Diskursen um Sorgearbeit, Care-Ökonomie und soziale Reproduktion ist gemeinsam, dass sie ausdrücklich einblenden, was in patriarchalen Kontexten geflissentlich ignoriert wird. Auch in linken Zusammenhängen war und ist keineswegs als allgemeingültige Voraussetzung anerkannt, was Mariarosa Dalla Costa 1974 auf den Punkt brachte: „Kein Streik war jemals ein Generalstreik. Wenn die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung zu Hause in der Küche ist, während die anderen streiken, ist das kein Generalstreik“.[7]

Ein zentraler Punkt marxistisch-feministischer Ökonomie ist das Anliegen, „unbezahlte Tätigkeiten der sozia­len Reproduktion, die im Familien-Haushalts-System erbracht werden, als relevanten und genuinen Bestandteil der Kritik der Politischen Ökonomie einzufordern und ihre Funktion und spezifischen Funktionsweisen für die kapitalistische Geld-Waren-Ökonomie zu erklären“[8]. In ihrem aktuellen Buch zur feministischen Ökonomie nehmen Bettina Haidinger und Käthe Knittler eher kritisch zu jüngeren Diskursen um Care-Ökonomie Stellung.[9] Die Dichotomie, die Haidinger und Knittler symptomatisch an der Begriffswahl zwischen Care und Reproduktion abhandeln, kann dazu dienen, die kapitalistische Vereinnahmung von Diskursen der Sorge schärfer herauszuarbeiten. Und dennoch wird sie in einer Entwicklung, in der neue kapitalistische Produktionsweisen zusehends die Grenzen zwischen der sozia­len Reproduktion und der Produktion von Sozialität verschwimmen lassen, problematisch. Dies wird im ersten Text dieses Bands thematisiert. Seine Autor_innen, das spanische Kollektiv Precarias a la Deriva, haben gezeigt, dass dichotome Aufteilungen nicht einfach angenommen werden müssen, da in ihrem Wirken gerade „der geschlechtsspezifischen und heteronormativen Unterscheidung zwischen Produktion­ und Reproduk­tion […] ebenso die Grundlage entzogen [werden] wie der Trennung zwischen einem privaten und einem öffentlichen Bereich“[10]. Dazu muss auch, wie die Precarias a la Deriva­ in ihrem bei transversal texts erschienenen Buch Was ist dein Streik? betonen, „der eigene dichotome Blick dekonstruiert werden“.[11]

Unas precarias a la deriva. Einige prekäre Frauen auf der Deriva: Der Name ist Programm. So begaben sich die aktivistischen Forscherinnen in Madrid Anfang der 2000er Jahre auf die Straßen, um in zapatistischer Art vor allem eines zu tun: fragend umherzuschweifen. Ihre Vorgehensweise – sie sprechen von „situierten dérives“ – ist trotz begrifflicher Nähe zur situationistischen Psychogeographie eine ausdrücklich feministische. So grenzen sich die Precarias auch von der Figur des Flaneurs ab: Ihre Derivas „haben nichts mit einem Flanieren zu tun; sie entsprechen nicht dieser bürgerlichen Figur, die von nichts wirklich gestresst ist, sondern Zeit hat, sich im städtischen Raum treiben zu lassen“. Für die Derivas der Precarias spielen andere „Zeit- und Raumverhältnisse“ eine Rolle.[12] Sie produzieren mit ihrer Raum-durchquerenden Recherchepraxis ein feministisches Wir der Differenzen,[13] exemplarisch aufgezeigt entlang der intersektionalen Achsen im weiten Feld der Sorgearbeit. Diese Mehrstimmigkeit ist elementarer Bestandteil ihrer Kritik, sie macht Mannigfaltigkeit konkret und ­produktiv.

Die militanten Streik-Befragungen der Precarias nehmen auch etwas Abstand von traditionellen gewerkschaftlichen Traditionen, Aktions- und Protestformen. Schließlich wäre es anmaßend, „einer Frau, die stundenweise im Supermarkt arbeitet, mit Belehrungen zu kommen, oder den winzigen Gemischtwarenladen einer Migrantin zu blockieren“. In der Deriva geht es um Rundgänge, die „die verschiedenen Wege weiblicher Prekarität in der Metropole kreuzen sollen“. Die „deriva ist situiert, sie führt durch alltägliche Räume einer jeden und berücksichtigt dabei den offenen, mit verschiedenen Sinnen wahrnehmbaren Charakter der Vorkommnisse. So verwandelt sich die deriva in ein Interview in Bewegung, das durch die kollektive Wahrnehmung der Umgebung geprägt ist“.[14]

Neben der konkreten Durchquerungspraxis der Deriva ist auch das begriffliche Erfindungsvermögen der Precarias a la Deriva bemerkenswert, etwa in ihrer diskursiven Umgehung der Mechanismen von Inklusion und Exklusion im Bereich der nationalstaatlichen Rechte. Als exklusiver Status mit besonderen Rechten, der schon lange auch die soziale Sphäre durchdringt, ist die Bürger_innenschaft ein Teil des Kontroll- und Regulierungsdispositivs, in dem das Leben sich um das ideale bürgerliche Subjekt strukturiert, als Konstante männlich, weiß, autonom, rational und beschäftigt. Diesem klassischen Status der Bürger_innenschaft (ciudadanía, von ciudad für Stadt) halten die Precarias a la deriva jenen der cuidadanía (von cuidado für Sorge) entgegen, die die kapitalistische Akkumulationslogik in ihrem Kern herausfordert. Im Wissen, dass unsere Existenz auf Relationen gründet, dekonstruiert die cuidadanía die gefestigte Dichotomie Autonomie vs. Abhängigkeit. Vor dem Hintergrund, dass das Persönliche politisch ist und beide Sphären gleichermaßen von Machtverhältnissen durchzogen sind, betont sie das Gemeinsame, die intersubjektive Dimension im dichten Netz sorgeerfordernder Beziehungen. Die Erfahrung gegenseitiger Abhängigkeit, das Bewusstsein von Verletzlichkeit sowie dasjenige einer kollektiven Potenz und Kreativität bilden die Grundlage der mannigfaltigen Beziehungen der cuidadanía. Sie fungiert somit als Werkzeug, erprobt Praktiken einer Sprache für diese gemeinsamen Erfahrungen, um strukturelle Repressionen und Prekaritäten benennen zu können und sichtbar zu machen. Die cuidadanía geht über die an das Individuum gebundene Forderung des bürgerlichen Rechtssubjektstatus hinaus und fokussiert ein nachhaltiges Leben, inner- und außer­halb des Staates.

„Wenn nämlich das Leben produktiv wird, wie streikt dann – das Leben?“[15] Dies ist schließlich die reichlich paradoxe Frage, die die Precarias am Ende ihres Buchs zu dessen Titel zurückführt: Was ist dein Streik? Auf den ersten Blick scheint der Begriff des „Sorgestreiks“ ein Widerspruch zu sein. Streik bedeutet hier definitiv nicht Untätigkeit, deren Folge im Fall der Aussetzung der Sorge fatal wäre, sie muss auch während eines Streiks in ihrer Kontinuität erhalten bleiben. Der Sorgestreik bedeutet nicht Leere, er ist Unterbrechung und Sichtbarmachung zugleich und gebunden an gemeinsame und gelebte Erfahrungen, an konstituierende Praxen und Subjektivierungsprozesse, neue Formen des Widerstands. Er hebt die Sorge nicht auf, sondern ist selbst Sorgepraxis, und rückt die Sorge von den unsichtbaren Rändern der Sozialarbeit, des Gesundheitssektors, der Familie, der Bordelle, der Hausarbeit und der unbezahlten Sorge innerhalb der Haushalte in die ihr zukommende Mitte.


Positionen einer vielheitlichen Sorge

Mit den vorliegenden Texten zoomen wir in die Mitten transnationaler Kollektive, Aktivist_innen, Wissensproduzent_innen und Sorgearbeiter_innen, die bereits „ökosophischen“ Möglichkeitslinien folgen und unter der Vielheit sozialer Widersprüche einen selbst vielschichtigen, weitreichenden Gegensatz hervorkehren. Nicht nur verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zwischen Soziologie, politischer Theorie, kritischer Geografie, Philosophie und Wissenschaftstheorie schärfen die Vielfalt der Perspektiven auf die Ökologien der Sorge, sondern auch die heterogenen Textformate, Stile und Schreibweisen.

Der diesen Band eröffnende und hier erstmals auf Deutsch erscheinende Text der Precarias a la Deriva aus dem Jahr 2003 fokussiert die Globalisierung der Sorge und ihre Asymmetrien. Die Erhaltung des Lebens und die Erfindung konvivialer Räume des Gemeinsamen erfordern eine andere Logik als die des Profits, der Lohnarbeit, der Ausbeutung. Die Precarias a la Deriva zeigen auf, wie zwei fundamental unterschiedliche Logiken, die Logik der Sorge und die Logik des kapitalistischen Profits, kollidieren. Wir befinden uns, so die unvermindert aktuelle Analyse der Aktivistinnen, in ­einer die Welt umfassenden Krise der Sorge. Da wir alle Sorgende sind und der Sorge bedürfen, gilt es, den Mythos der Unabhängigkeit zu dekonstruieren und einen positiven Begriff der Abhängigkeit als Interdependenz einzuführen.

Ausgehend von der Anti-Psychiatrie-Bewegung im Triest der 1970er Jahre rund um Franco Basaglia befragt Francesco Salvini die Umgebungen mentaler Gesundheit und die damit verbundenen Subjektivierungen. In seinem Text „Instituierung und Invasion“ wird die Produktivität von Félix Guattaris Konzepten in ihrer Aktualisierung in den ausufernden Territorien mentaler und sozialer Praxis des heutigen Post-Basaglia-Triests deutlich. Als Stichwortgeber des Buchtitels „Ökologien der Sorge“ versucht Salvini die Perspektive auf die mikro­politischen Schwellen einer „invasiven“ Praxis zu verschieben. Es geht hier um weit mehr als um die disziplinierende Disziplin des Gesundheitswesens, es geht um dessen Ausweitung über Schwellen, in der die Sorge sich mit dem Leben zu verbinden vermag. Durch den Begriff der Schwelle als Raum, in dem die Produktion der Sorge stattfindet, erklärt Salvini das Entstehen eines kollektiven Ethos, das sich aus Verantwortung, Reziprozität und Inklusion zusammensetzt. Nicht einzelnen Individuen gegenüber der Institution, sondern eben jenem kollektiven Ethos eines Gefüges von Dingen, Praxen und Affekten wird die institutionelle Grenze in der Invasion geöffnet.

Die Notwendigkeit einer Praxis der Verbundenheit anstelle des abtrennenden Individualismus kommt auch im Text „Sorge im Präsens“ von Isabell Lorey zur Sprache. In ihrem Bogen vom Zwischen der politisch Handelnden in der politischen Theorie Hannah Arendts zu einem _Mit_ der wechselseitigen Affizierung „nicht nur von Lebewesen, sondern von und mit Umwelten und Dingen“ lässt sich ein wiederkehrendes Ritornell dieses­ Buchs klarer fassen: Abhängigkeit nicht als Mangel, Ärgernis, Defizienz, sondern als Anzeichen von Verbindung, Verbundenheit, _Mit_sein.

Vor dem Hintergrund einer Repräsentationskrise nicht nur der westlich-liberalen Demokratien beschreibt Lorey die „Notwendigkeit, Formen der Demokratie zu denken, die in ihrer Verknüpfung mit der Produktion von Sozialität über den Rahmen der Repräsentation hinausgehen.“ Dabei schließt sie an die weltweiten Platzbesetzungen von 2011 an und deutet ihren Begriff der präsentischen Demokratie auch als eine ausgedehnte und intensive Gegenwart der Sorge.

Ausgehend von Silvia Federicis Manifest zur Entlohnung der Hausarbeit von 1975 befasst sich Emma Dowling in ihrem Text „Preis der Liebesmüh’: Die politische Ökonomie der Intimität“ mit den neuesten Transformationen und Inwertsetzungen affektiver Arbeit. In ihrer Kritik am heteronormativen Sorge-Begriff und seiner kapitalistischen Instrumentalisierung lehnt sie sich an das Deleuze’sche Theorem der Kontrollgesellschaft an und zeigt auf, wie Intimität und emotionale Arbeit verwertet werden. Dowlings Text ist sowohl ein Plädoyer für die Veränderung der Art, wie die Arbeit organisiert, wahrgenommen und valorisiert wird, wie auch für die Veränderung der heteronormativen Beziehungen, auf denen die Arbeit gründet. Nicht zuletzt bedeutet das, in unsere Liebesbeziehungen und andere Affizierungen politisch zu intervenieren und affektive Formen des Widerstands zu erproben.

In die Sphären der (Techno-)Wissenschaften und die Prozesse der Wissensproduktion hält die Sorge nicht nur als zu beforschendes Objekt ihren Einzug. In Anknüpfung an Bruno Latours „Dinge von Belang“ geht Maria Puig de la Bellacasa in ihrem Text „Ein Gefüge vernachlässigter Dinge“ einen Schritt über Latour hinaus, indem sie aus wissenschaftlichen Objekten „Sachen der Sorge“ macht: Sie erweitert Latours Konzept vor allem um einen feministischen Sorge-Begriff, der für Macht, Herrschaft und Marginalisierung innerhalb der Felder von Wissenschaften und Technik sensibilisiert, insbesondere im Rahmen der Science and Technology Studies. „Sachen der Sorge“ betonen die ethisch-politischen Aspekte von wissenschaftlichen „Tatsachen“ und fordern den Einbezug der Sorge für den Umgang mit scheinbar neutralen Technologien. Sie unterlaufen den in den Laborräumen vorherrschenden Anthropozentrismus und stellen die Frage, wie uns Sorge dabei helfen kann, lebenswerte menschliche wie auch nicht-menschliche Welten zu gestalten, zu denen Tiere, Pflanzen und wissenschaftliche „Objekte“ gleichermaßen dazugehören. Aufbauend auf Genealogien nicht-essenzialistischer Standpunkttheorie und feministischer Wissenspolitik zeichnet Puig de la Bellacasa das Netz verstrickter Sorge-Verhältnisse. Neben der Sichtbarmachung der bisher vernachlässigten Aspekte der Sorge plädiert sie auch für die Intervention in ethisch-politische Fragen und zeichnet das Bild einer neuen sorgetragenden Beziehung innerhalb der Vorgänge der Wissensproduktion und über sie hinaus.

Die Produktion konstruktiver Praktiken der Sorge trieb eine heterogene Gruppe von Künstler_innen, Akademiker_innen und Aktivist_innen an, den zunehmend dominanten Aktivitäten der Think-Tanks ein affektives Gegenstück hinzuzugesellen: Der Feel-Tank war ein Netzwerk von lokalen Szenen in den USA, die sich in den 2000er Jahren ohne homogenes Konzept gemeinsam­ über soziale, politische und kulturelle Thematiken austauschten. Ihr Ziel war es, Affekte als kritische Perspektive und als Form der Bindung zu reflektieren und zu politisieren. Als „rastlose, wütende, traurige und seltsam optimistische Aktivist_innen der US-Politik“ arbeiteten sie an disparaten Ansätzen von der Politizität der Depression bis zur Entwicklung von Schlagworten für ein „Feeltank-Toolkit“. Seinen hier abgedruckten Blogbeitrag sieht der Feeltank als Ressource für politische Imagination und die Erfindung affektiver politischer Praxen.

Eineinhalb Jahrzehnte später gründeten Aktivist_innen in Kalifornien das Fierce Care Ateneo, in dem Aktionen und Praxen der „wilden Sorge“ erprobt werden sollen. Annie Paradise und Manuel Callahan beginnen ihren Text über ebendiese Form der Sorge bei den Müttern und Familien von Opfern der ausufernden rassistischen Polizeigewalt der letzten Jahre. Sorgearbeit wird dabei zur Möglichkeit, politisches Engagement in der eigenen Community zu zeigen und gegen individualisierende Technologien, Konkurrenzbedingungen, neoliberale Austerität und Militarisierung der städtischen Quartiere zu wirken. Dabei verweist der Beitrag von Callahan und Paradise auf das rassistische Gewaltdispositiv, das durch die Privatisierung und Militarisierung von US-amerikanischen Städten entsteht. Der zentrale Begriff dieses Beitrags, die „wilde Sorge“, schließt dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, an die monströse und soziale Qualität der Sorge an, an den Schlachtruf Black Lives Matter! im asymmetrischen Kampf gegen die low-intensity-Kriegsführung ebenso wie im rassistischen Alltag.

Wenn wir diesem Buch den Titel „Ökologien der Sorge“ geben, beziehen wir uns nicht nur auf einen in alle möglichen Richtungen erweiterten Begriff der Sorge, sondern auch auf einen erweiterten Ökologie-Begriff in der Ausprägung Félix Guattaris, wie er ihn schon in seinem Essay über Die drei Ökologien entwickelt hat.[16] In den 1980er Jahren hatte sich Guattari in den Umwelt-Bewegungen in Frankreich engagiert. Bei seinem Eintritt in die zwar noch junge grüne Partei 1985 ist diese bereits in zwei Flügel geteilt, die grob gefasst als konservierende und progressive politische Kräfte bezeichnet werden können. In dieses Klima interveniert Guattari vermehrt mit Engagement und Textbeiträgen, u.a. auch gemeinsam mit Daniel Cohn-Bendit. Als Teil seines bisher nicht ins Deutsche übersetzten Buches Cartographies Schizoanalytiques geplant, veröffentlicht Guattari 1989 auf Initiative des Herausgebers Paul Virilio Die drei Ökologien. In diesem Essay entwickelt Guattari seine Theorie der Ökosophie, auch als Ausrichtung für sein letztes Buch Chaosmose, das den mannigfaltigen Universen der Subjektivierung und produktiven Maschinen gewidmet ist und im Jahr seines Todes 1992 erscheint.

In gleichen Jahr, ein paar Wochen nach seinem Tod, veröffentlicht Le Monde Diplomatique den letzten Text Guattaris, den wir hier 25 Jahre später zum ersten Mal auf Deutsch publizieren. In ihm lässt der philosophische Aktivist noch einmal die wichtigsten konzeptuellen Neuerungen seines Spätwerks Revue passieren. Ökologien erfassen hier wesentlich mehr als nur die Umwelt im engeren Sinn; die Sphären der mentalen, der sozialen und der environmentalen Ökologie fließen ohne hierarchische Ordnung ineinander. In den heutigen Szenarios des Klimawandels und der im weitesten Sinn ökologischen Katastrophen wird es noch klarer, dass wir es hier mit drei Ökologien zu tun haben: Die Mutationen der Subjektivierungsweisen in technopolitischen Gefügen gehen zusammen mit den Veränderungen von Umwelten und den Transformationen der sozialen Umgebungen. Damit kommt die Frage aufs Neue auf, die Guattari in Chaosmose stellt: „wie die Mentalitäten verändern, wie soziale Praktiken neu erfinden, die der Menschheit den Sinn für Verantwortung nicht nur gegenüber ihrem ­eigenen Überleben, sondern gleichermaßen gegenüber der Zukunft jedes Lebens auf diesem Planeten zurückgeben würde (wenn sie einen solchen Sinn je gehabt hat), das Leben der Tier- und Pflanzenarten sowie das der unkörperlichen Arten wie der Musik, der Künste, des Kinos, des Verhältnisses zur Zeit, der Liebe und des Mitgefühls für die anderen, des Gefühls für die Verschmelzung innerhalb des Kosmos?“[17]

Die Antwort auf diese Frage ist sicher noch dringlicher als vor 25 Jahren, und sie muss eine mannigfaltige, eine transversale, eine nie abzuschließende sein. Über den Begriff der Sorge erfahren die in den Ökologien implizierten Oikoi eine Erweiterung, die sie aufsprengt und Praktiken aufzeigt, in denen die Sorge ökologische Färbung annimmt, neue Subjektivierungsweisen, soziale Fügungen und einen nachhaltigen Umgang mit den Dingen der Umwelt. Dann wird auch die Ökologie zu einer Praxis der Sorge.

 

http://transversal.at/books/oekologiendersorge



[1] Diogenes Laertios: Über Leben und Lehren berühmter Philosophen, II, 36

[2] Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Straßburg: Karl Trübner 1910

[3] Vergil: Aeneis VI, 273f.

[4] Cicero: In Marcum Antonium oratio Philippica II, 116

[5] Vegetius: Epitoma rei militaris III, 22

[6] Vergil: Georgicon I, 301f.

[7] Dalla Costa, Mariarosa: „A General Strike“, in: Freedman, Estelle B. (Hg.): The Essential Feminist Reader, New York: Modern Library 2007; vgl. Federici, Silvia: Aufstand aus der Küche, Münster: Assemblage 2015, S. 40f.

[8] Haidinger, Bettina & Knittler, Käthe: Feministische Ökonomie, Wien: Mandelbaum 2016, S. 125

[9] Ebd. S. 86-98; 123-142

[10] Lorey, Isabell: Die Regierung der Prekären, Wien: Turia & Kant 2012, S. 121

[11] Precarias a la Deriva: Was ist dein Streik?, Wien et al.: transversal texts 2014, S. 103

[12] Vgl. das Interview mit drei Vertreterinnen der Precarias in: Lorenz, Renate & Kuster, Brigitta: sexuell arbeiten – eine queere perspektive auf arbeit und prekäres leben, Berlin: b_books 2007, S. 259-272

[13] Vgl. Lorey, op.cit. S. 119

[14] Precarias a la Deriva: „Projekt und Methode einer ‚militanten Untersuchung‘“, in: Pieper, Marianne et al.: Empire und die biopolitische Wende, Frankfurt/New York: Campus 2007, S. 85-108

[15] Precarias a la Deriva: Was ist dein Streik?, S. 119

[16] Guattari, Félix: Die drei Ökologien, Wien: Passagen 2012

[17] Guattari, Félix: Chaosmose, Wien: Turia & Kant 2014, S. 151 ff.