10 2018

Willst du Samba

Rubia Salgado

Anschließend an die Proteste gegen die ÖVP-FPÖ Regierung von 2000 wird seit Donnerstag dem 4. Oktober wieder demonstriert. Jeden Donnerstag und immer an einem anderen Ort von Wien treffen wir uns, um gegen diese neoliberale rechtsextreme ÖVP-FPÖ Regierung zu protestieren, aber vor allem, um uns zu versammeln, auszutauschen und zu zeigen: Ja, es geht anders, und ja, es geht für alle.

Rubia Salgado war eine von vielen Redner_innen, die am Wiener Ballhausplatz am 4. Oktober vor vielen tausenden Menschen gesprochen hat. Im Folgenden ihre Rede.

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Willst du mich, bin ich wir!

Es ist erschreckend hier wieder sein zu müssen, hier am Ballhausplatz, hier in Österreich, hier in der Welt.

Und es ist wunderschön und ermutigend hier zu sein, mit euch, hier in Österreich, hier in der Welt unter euch in Kabul.

Hier in Kobani.
Hier in Buenos Aires.
Hier in Manila.
Hier in Luanda.
Hier in Chemnitz.
Hier in Wien.

Hier in Brasilien der täglichen Gewalt des täglichen Mordes an Homo Trans Schwarzen Indigenen Frauen Armen. 

Ele não, ele não!

Da sind wir, wieder einmal und immer wieder sind wir da und dort und überall und laut und lustvoll und in Solidarität und in Wut, laut singend weinend lachend immer wieder und immer wieder machen wir klar, dass wir gar nichts von dieser Regierung halten!

Und ich und wir dort, wo wir uns täglich bewegen, wir Queer Feminist_innen Migrant_innen und Geflüchtete, denen es gelungen ist, hier lebendig anzukommen, wir sind trotz der täglichen Schmerzen, die unseren Alltag markieren, trotz Anspuckungen im Bus, trotz Beschimpfungen, trotz Schikanen, trotz Abschiebungen, trotz reduzierter Mindestsicherung, trotz Angst, trotz verschimmelter Wohnungen, trotz Rassismus auf der Straße, auf Ämter, in Krankenhäusern und Schulen, trotz rassistischer, mörderischer Migrationspolitik, trotz Pessimismus des Verstandes bewegen wir uns im Optimismus des Willens, bewegen wir uns in der Konfrontation, im Kampf um ein besseres Leben für alle, hier, überall und jetzt.

Ja, Optimismus!

Sie werden uns nicht zum Schweigen bringen, sie werden uns nicht zerstören. Sie sind verzweifelt, weil wir machtvoll sind, weil die Nicht-Konformität viel verbreitet ist als sie sich es wünschen oder vorstellen hätten können, weil unsere Welten lustvoller und machtvoller als ihre enge Welt der konservativen und reaktionären Werte sind, weil Politiken der Ausgrenzung, der Demütigung, der Ausbeutung über uns stolpern müssen. Wir lassen sie unsere Errungenschaften nicht zerstören.

Als Judith Butler letztes Jahr in Brasilien war, organisierten zahlreiche reaktionäre Gruppen eine Reihe von Protestaktionen gegen sie und gegen das, was sie Genderideologie nennen. Sie haben eine Butler-Puppe gebastelt und auf offener Straße verbrannt...

Und Butler in einem Interview zu diesen Erfahrungen in Brasilien betont ähnliches wie wir hier im Zusammenhang zum Optimismus sagen: Die Welten, die die Konservativen zerstören wollen, die Gay- und Lesben- Welten, die Transwelten, die queer feministische Welten sind bereits  machtvoll. Sie wissen, dass diese Welten nicht nur machtvoll sind, sondern dass sie immer machtvoller und selbstverständlicher werden, und je machtvoller und selbstverständlicher sie werden – die „Anderen“, die Nicht-Konformen, die LSBTIQ, die Migrant_innen und Geflüchteten, die Devianten, die mit Disabilities, die Schwarzen, die Indigenen und viele viele andere, je machtvoller und selbstverständlicher alle diese Gruppen  werden,  je mehr Identitäten nicht essentialistisch, sondern als Positionierungen verstanden werden, je mehr wir uns im Kampf um Gerechtigkeit verbünden, desto wütender und gefährlicher werden die reaktionären Rechten.

Aber wir auch!

Und doch müssen wir vorsichtig sein, auf uns achten, uns gegenseitig im Kampf  schützen und unterstützen, ihnen keine Chance geben und uns gemeinsam tagtäglich in Ungehorsam üben.

Wie eine Schwarze queer Person, die ich vor kurzen in einem Video gesehen habe, die bei einer Parade zur Feier der sogenannten Unabhängigkeit Brasiliens zur Militärmusik Samba tanzte, Samba!

Und so gehen wir auch durch diese Welt, Samba tanzend, anders tanzend, folgen wir nicht der Musik der Gewalt. Üben wir uns in Widerstand, in Widerspruch, in Ungehorsam.

Und so in der Welt sein...

Willst du Samba, bin ich Haikai
willst du Vernunft, bin ich Wein
willst du Fleisch, bin ich Gift
willst du Lust, bin ich Schmerzen
willst du Lachen, bin ich Beißen
willst du Leistung, bin ich Hängematte
willst du Ordnung, bin ich Chaos
willst du Familie, bin ich Begehren
willst du Eigentum, bin ich Tauschmarkt
willst du Namen, bin ich Frau
Willst du Frau, bin ich Eunuch
willst du Eunuch, bin ich Lesbe
willst du Grenzen, bin ich Bolzenschneider
willst du Mord, bin ich Seerettung
willst du Polizei, bin ich Clown
willst du Pferde, bin ich Drachen
willst du Wüste, bin ich Berg
willst du Berg, bin ich Welt
willst du Welt, bin ich Linz
willst du Linz, bin ich Rio
willst du Rio, bin ich Mittelmeer
willst du Tod, schreie ich Leben
willst du Stille, bin ich Stimme
willst du mich, bin ich wir
willst du Donnerstag, sind wir Demo!

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Auch bei transversal texts erschienen: Aus der Praxis im Dissens

mehr infos zum Donnerstag: https://wiederdonnerstag.at/