Cookies disclaimer

Our site saves small pieces of text information (cookies) on your device in order to keep sessions open and for statistical purposes. These statistics aren't shared with any third-party company. You can disable the usage of cookies by changing the settings of your browser. By browsing our website without changing the browser settings you grant us permission to store that information on your device.

I agree

04 2026

Antifaschismus im 21. Jahrhundert

Niki Kubaczek, Dirk Lange, Ruth Sonderegger, Malte Kleinschmidt, Ulrich Brand, Nanna Heidenreich

Eine Vortragsreihe veranstaltet von Niki Kubaczek, Dirk Lange, Ruth Sonderegger, Malte Kleinschmidt, Ulrich Brand, Nanna Heidenreich


Erster Termin:
Vanessa Thompson: Schwarze radikale Kritik des Faschismus. Eine antifaschistische Revision

Mittwoch, 15.4., 16:30
Universität Wien, NIG-Erdgeschoß, Hörsaal I, Universitätsstraße 7.


 

Weitere Termine werden laufend bekanntgegeben unter: transversal.at/blog/antifaschismusheute und demokratiezentrum.org



Spätestens mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump seit Jänner 2025 befinden wir uns in einer Situation, in der internationales Recht und demokratische Mindeststandards wie schon lange nicht mehr vom brutalen Recht des Stärkeren verdrängt werden. Diese globalen kriegerischen Zuspitzungen folgen auf einen seit Jahren anhaltenden Zuwachs an rechtsextremen, ultranationalistischen und ultrakonservativen Kräften: Kickl, Weidel, Meloni, Le Pen, Trump, Musk, Thiel, Putin, Orban, Milei, Kast, Netanjahu, Erdogan, Khamenei, bin Salman, Modi, uvm.

Es sind Kräfte, Figuren und Bewegungen, die dem Reichtum und der Macht huldigen und von der Beschneidung der Rechte von Frauen*, von Queers, Migrant:innen, Arbeiter:innen wie Arbeitslosen geprägt sind. Sie plädieren für eine Rückkehr zu traditionellen Werten, beschwören die nationale Gemeinschaft und die Bedrohung der Migration, während sie die Bedrohung des Klimakollaps, des frauen- wie transfeindlichen Patriarchats, des Rassismus und des Faschismus leugnen.

Hinzu kommen Bemühungen in den USA, in Ungarn oder in den Niederlanden, Antifaschismus – kurz ‚Antifa‘ – als Terrorismus einzustufen und damit all jene Akteur:innen, die sich den Antifaschismus zu ihrer Aufgabe gemacht haben, zur Zielscheibe staatlicher Kriminalisierung zu machen. Aber es geht hier nicht nur um eine Faschisierung von oben. Den fortwährenden Vibeshift nach rechts als lediglich aufoktroyierten Wandel zu fassen würde Entscheidendes übersehen: Die rechtsextremen und faschistischen Regierungschefs wurden gewählt und haben die Zustimmung großer Teile der Bevölkerung. Rechte Influencer:innen beschwören die ‚Rückkehr‘ zu patriarchaler Männlichkeit und trad-wife-Weiblichkeit, schüren anti-migrantische Paniken im Netz und erfreuen sich großer Zahlen an Follower:innen. So wesentlich heute die Netzwerke zwischen Milliardär:innen und rechtsextremen Poltiker:innen sind, so wichtig ist es, die von rechts geführten culture wars in den Blick zu nehmen: den Kampf um Narrative, Bilder und Affekte auf social media wie die Gründung rechter alternativer Medien, die dazu dienen, all das, was den faschisierenden Kräften als woke gilt, zurückzudrängen bzw. zu zerschlagen. Faschisierung von unten.

Während seit Jahren rechte (bei weitem nicht nur die rechtsextremen) Parteien mit Panik vor Migration, Feminismus, Queerness oder Marxismus erfolgreich Politik machen, versuchen linksliberale Parteien, darauf zu antworten, indem sie die geschürten Ängste vor den gesellschaftlich Marginalisierten „ernstnehmen“ und gleichzeitig immer halbherziger für die Interessen der Marginalisierten einstehen. Dieser linksliberale Antifaschismus, der immer wieder betont, die Ängste der Menschen müssten doch wahrgenommen werden, setzt sich kaum mit der Frage auseinander, welche Ängste durch politische Narrative aktiv hergestellte Phobien sind und welche Ängste Reaktionen auf reale Bedrohung darstellen. Indem er den konstruierten Phobien – etwa vor Migration, Feminismus oder Transpersonen – nicht aktiv widerspricht, trägt der linksliberale Antifaschismus selbst zu einer schrittweisen Faschisierung der Politik bei: Im Eingehen auf die konstruierten Phobien bestätigt er fortwährend die rechte Avantgarde und bringt so das parlamentarische Parteispektrum immer weiter Richtung rechts. Anders ausgedrückt: Die nicht-rechtsextremen Parteien lassen sich immer mehr auf die Spielregeln der Rechtsextremen ein und normalisieren so den rechtsextremen Diskurs, was als fascist mainstreaming bezeichnet werden kann: ein mainstreaming faschistischer Affekte, Politiken, wie Narrative. Die Faschisierung ist 2026 alles andere als ein Randphänomen.

Hinzu kommt die Ausweitung der Logiken des Krieges und des Kollateralschadens. Um es mit den Worten von Nira Yuval-Davis zu sagen: Die einst als unantastbar deklarierte Würde des menschlichen Lebens wird sukzessive vom über Allem stehenden Kampf gegen den Feind abgelöst. Mit der Forderung der Kriegstüchtigkeit wird die Produktion von militärischem Gerät ebenso vorangetrieben, wie die mindestens so wesentliche Erziehung von Menschen, die bereit sind, für ihr Land und für den Kampf gegen die Feinde dieses Landes zu sterben. Über Faschisierung und einen zeitgenössischen Antifaschismus nachzudenken, bedeutet vor diesem Hintergrund, die Erziehung zur nationalen Selbstaufopferung und die Subjektivierung der Opferbereitschaft für den Kampf gegen den nationalen Feind in den Blick zu nehmen.

Den Antifaschismus im 21. Jahrhundert zu diskutieren, bedeutet nicht zuletzt, die Frage danach zu stellen, wie das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Antifaschismus im 21. Jahrhundert zu verstehen ist: Wie lässt sich Antifaschismus als Verantwortung für die Gräueltaten des NS und damit als Kampf gegen jeden Antisemitismus heute wie morgen verstehen? Wo haben wir es mit Antisemitismus zu tun und wo wird der Antisemitismusvorwurf instrumentalisiert, um von Kriegsverbrechen der israelischen Regierung abzulenken? In welchen Zusammenhängen wird die Devise des Antifaschismus heute missbraucht, um Verbrechen, Völkerrechtssbrüche oder Genozid zu relativieren oder gar zu rechtfertigen? Was wäre ein antifaschistischer Antiimperialismus in der multipolaren Welt, der darum weiß, dass der Feind meines Feindes immer seltener mein Freund ist, und etwa islamistische Positionen, auch wenn sie sich gegen den kapitalistischen Westen richten, genauso wenig zum Antifaschismus taugen wie der kapitalistische Westen? Was bedeutet Antifaschismus etwa im Kontext des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine, wenn von der angegriffenen, ukrainischen Seite seit Jahren Waffenlieferungen und militärische Unterstützung gefordert wird, eine unbedingte Erfüllung der Forderung jedoch Gefahr laufen würde, zu einer Eskalation des Krieges zu führen? Wie schaut eine antifaschistische Solidarität aus, die nicht länger ganze Kontinente (des globalen Südens) ausschließt, sondern sich auf die Seite der Unterlegenen, Angegriffenen und Besetzen stellt, ohne dabei darauf zu vergessen, dass Unterlegenheit nicht automatisch bedeutet, emanzipatorisch-antifaschistische Ziele zu verfolgen?

Angesichts der skizzierten Herausforderungen geht es der Vortragsreihe Antifaschismus im 21. Jahrhundert um die Frage: Welche Alternativen, welche Strategien und welche Fluchtwege wir finden, ausgraben oder neu erfinden müssen, wenn wir mehr als nur die Kritik an all diesen und noch anderen unerwähnten faschisierenden Kräften im Sinn haben; wenn wir nämlich die Konstruktion antifaschistischer Welten inmitten einer von der Faschisierung in mannigfaltiger Weise durchzogenen Welt zum Ziel haben?

Das monströse Amalgam an destruktiven Kräften legt nahe, das Faschistisch-Werden von Gesellschaften weltweit als scheinbar unaufhaltsamen, ja als alternativlosen Prozess zu verstehen; oder genauer: zu empfinden. In Anlehnung an Mark Fishers capitalist realism lässt sich die Alternativlosigkeit der globalen Faschisierung als Faschistischer Realismus bezeichnen, d.h. als das Gefühl, dass es aussichtslos und vollkommen unrealistisch ist, von irgend etwas anderem als einer faschistischen Zukunft auszugehen. Genau dieser Form des Realismus möchte die Veranstaltungsreihe Antifaschismus im 21. Jahrhundert durch die Analyse der Alternativlosigkeit und der darauf aufbauenden Erinnerung an bestehende und noch zu konstruierende Alternativen entkommen. Antifaschismus wird in der Reihe als Überbegriff für die Suchbewegung danach gefasst, welche Strategien gegen, Alternativen zu oder Fluchtwege aus der Faschisierung der Gegenwart – aus den Ökologien des Faschismus, in denen er gedeiht – zu finden oder andernfalls zu erfinden sind.

Im Laufe des Jahres 2026 werden unterschiedliche Gäste im Rahmen der Reihe über ihre Arbeit zu rechtsextremen, faschistischen und faschisierenden Kräften sprechen, um mit uns die Frage zu beantworten, was Antifaschismus im 21. Jahrhundert bedeutet.


Erster Termin:

Vanessa Thompson: Schwarze radikale Kritik des Faschismus.
Eine antifaschistische Revision

Mittwoch, 15.4., 16:30
Universität Wien, NIG-Erdgeschoß, Hörsaal I, Universitätsstraße 7.

Weitere Termine werden laufend bekanntgegeben unter: transversal.at/blog/antifaschismusheute und demokratiezentrum.org


Eine Kooperation von Demokratiezentrum Wien, transversal texts und Universität Wien