10 2000

Anthropophagischer Protagonismus

Luzenir Caixeta & Rubia Salgado, MAIZ

Die Äffin

Ein Bordell, nichts Besonderes, ein Bordell eben. Im Bordell einige Frauen. Einige Männer, Gäste. Und Gäste sind Gäste, weil sie besonders empfangen werden. Nicht wie die Menschen, die mit uns mehr oder weniger intim sind und die uns gut oder mindestens so gut kennen, dass wir in ihnen keine Gäste sehen. Gäste werden meistens bedient. In Bordellen werden Gäste bedient. Aber nicht wie bei uns zu Hause, wo sie höflich das annehmen, was wir ihnen anbieten und sich dafür bedanken, wobei ihr Dank allein die Bezahlung dafür ist, dass sie bedient werden. In Bordellen bezahlen die Gäste Geld für das Erfüllen ihrer Wünsche, manchmal viel davon, manchmal etwas weniger, aber doch meistens bereits soviel, dass wir es als viel bezeichnen können. Und wenn ein Gast sich wünscht, mit einer Äffin Sex zu haben und bereit ist, dafür zu bezahlen, dann kann er, vorausgesetzt, dass eine Äffin "verfügbar" ist, Sex mit einer haben. Wir müssen, wie die LeserInnen bereits erwarten werden, zugeben, dass solche Wünsche oft als antithetische Formulierungen zum Ausdruck gebracht werden. Und so passierte der Fall, den ich hier mit fester Absicht und ohne weitere Ausschmückungen zu schildern versuche, denn der Fall ist an und für sich so interessant und der Fiktion so nahe, dass jegliche Art von Zusatz unnötig wäre.

Ein Bordell, nichts Besonderes, ein Bordell eben. Im Bordell einige Frauen. Ein Mann, auch nichts Besonderes, ein Mann eben, dessen Eigenschaften nicht beschrieben werden müssen, weil sie uns hier nicht aufschlussreich erscheinen würden. Ein Mann ohne besondere oder extravagante oder erwähnenswerte Eigenschaften. Dieser Mann sucht sich unter fünf Frauen eine, mit der er Sex machen will. Alle versuchen, den Kunden zu beeindrucken. Nichts Besonderes: Wettbewerb ist überall. Eine unter ihnen wird von ihm zurückgewiesen: er schlafe nicht mit Äffinnen. Doch nach dem (wahrscheinlich) anstrengenden Umherrennen, geht er mit der von ihm als Äffin bezeichneten Frau ins Separee. Eine Schwarze Frau. Die Verkörperung der nur scheinbar widersprüchlichen Verbindung zwischen Degradation und Faszination wird fortgesetzt.


ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch

"Hohe Herren von der Akademie!

Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen. In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen.
Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender ermessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren (...) Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch."
[2]

Rassismus und Exotismus

Die Parallele zwischen der sarkastischen Parabel und der Situation von MigrantInnen, die sich der Aufgabe hingeben, sich auf dem europäischen österreichischen Territorium Anerkennung zu verschaffen, erscheint uns unerlässlich. Hier herrschen zwei Maximen: Anpassung und Prädestinierung, Stereotypen zu entsprechen. Zwei Maximen, die auf den ersten Blick als widersprüchlich gesehen werden könnten, die jedoch in der Logik der Dominanzkultur eine ergänzende Funktion besitzen und den Zusammenhang zwischen Rassismus und Exotismus beispielhaft darstellen. Die nur scheinbar widersprüchliche Verbindung zwischen Degradation und Faszination wird fortgesetzt.

Möglichkeiten

"Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich bald die zwei Möglichkeiten, die mir offen standen: Zoologischer Garten oder Varieté." [3]

Zwei Möglichkeiten: exotisches Tier oder bewundernswert assimiliertes und angepasstes Tier. Das Prädikat ändert sich je nach Situation. Das Subjekt bleibt jedoch gleich: ein Wesen nicht menschlicher Natur.


Überraschung!

Du wirst mich jetzt schlucken!

Denn

"Nur die Anthropophagie verbindet uns.
Soziologisch.
Wirtschaftlich.
Philosophisch".
[4]


Feststellung

Wir fressen euch schon seit sehr langer Zeit. Jetzt bist du dran. Schon meine indianischen Vorfahren haben euch verspeist, nicht viele von euch, aber doch einige: die braven kämpferischen bewundernswerten unter euch. Anthropophagie. Ja, das Fressen von Menschen. Der bewundernswerten Eigenschaften wegen. Um sich das Bewunderte anzueignen. Nun fehlen die Beine, aber vorher schlucke noch die Sonne in meiner Vagina, die brennt. Schlucke das Sperma deiner Gleichen. Die Schmerzen, die Vergewaltigungen, die vorgespielten Orgasmen, die Narben. Und dann meine unermüdlichen Beine, meine Füße, die Füße meiner Leute schmutzig gerissen hart. Und der Boden unter meinen Füßen, alle Böden, die sie schon berührt haben, alle Wege und Stürze, Kurven und Berge. Komm, trinke aus den Flüssen, die sie schon überquert haben, und vom salzigen Wasser, das brennt und heilt. Und steh auf. Ich bin schon fertig. Was du machen sollst? Nimm dir, was du willst, magst, brauchst, bewunderst. Oder rufe die Fremdenpolizei...

Strategien

Selbstverständlich werden wir euch weiterhin fressen.
Um unter der Herrschaft einer Dominanzkultur etwas zu produzieren, das keine gemäß den von den Machthabern vorgeschriebenen Regeln "erlaubte" Wiedergabe ist, muss zuerst der Andere wie eine Beute assimiliert werden.

Ich benutze absichtlich das Verb assimilieren, um es im Einklang mit der dargestellten Strategie gleichzeitig als Beispiel einzusetzen. Die Assimilation ist eine sehr bekannte Aufforderung der breiten Öffentlichkeit an die MigrantInnen. Eine Aufforderung, die sich die meisten inzwischen politisch korrekt gewordenen Menschen, aus welchem Grund auch immer, nicht mehr auszusprechen erlauben. Ich nehme dieses Wort und benutze es in meinem Sinn, aus meiner Perspektive, und erinnere euch gleichzeitig an die Perspektive der Angehörigen der Dominanzkultur. Diesmal haben wir jedoch die Rolle der Protagonistinnen übernommen: wir assimilieren euch, wir drohen euch, wir fressen euch. Die Machtgefälle werden wieder an die Oberfläche gerückt, aber die frühere Ordnung und die Zuteilungen sind gestört. Das Verhältnis ist verkehrt.

... um einmal ein anderes Tier zu erwähnen ...

Von den Schlangen, die ihr jetzt im Hinterhof versteckt, haben wir längst welche verschluckt, und sie springen aus unserem Mund hinaus, wann immer wir sie benötigen. Ja, wir mussten sie schlucken. Um überleben zu können. Um euch ein Zeichen der Unterwürfigkeit zu geben. Um euch besser zu kennen. Um eure Waffen besser bedienen zu können. Um uns zu entfalten.

Nochmals Anthropophagie

Die Anthropophagie ist unsere Antwort. Eine wirklich nicht vorsichtige Antwort. Im Gegenteil: der Weg, den wir ausprobieren, führt uns in Richtung Störung, Provokation. Eine andere Ästhetik, die mit einer antirassistischen und feministischen Ethik im Zusammenhang steht. In Stolz und Wut stellen wir hier keine Urheberrechte. Es ist nicht neu, dass Unterdrückte sich dieser Strategien bedienen. Das Neue daran ist die antirassistische und feministische Ethik.

Topos

Unsere Herkunft und die Erfahrung der Kolonisierung bestimmen unausweichlich unsere Praxis als Migrantinnen in der alten Welt. Wir sprechen als Frauen aus Ländern, die unter der Herrschaft europäischer Dominanzkulturen gelebt haben. Wir sprechen als Frauen, die das anthropophagische Lachen entdeckt haben. Frauen, die sich zwischen der christlich-jüdischen Tradition und dem Ethos der Karnevalisierung einen Platz geschaffen haben. Zwischen der Vernunft und einem dionysischen und kämpferischen Stil, dessen wichtiges Merkmal die Kritik durch das offene Lachen über die Machthaber ist. Ein anthropophagisches Lachen, das den Machthaber vom Thron verjagt.


Entwicklungen, Entfaltungen und dergleichen

Als Migrantinnen haben wir uns zuerst auf der Ebene des Sozialen organisiert, weil es um den Kampf um unsere primären Rechte geht. Folge der Organisation und des Zusammenseins war und ist die Auseinandersetzung mit unserer Rolle in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, darunter besonders im Kulturbereich. Es ist uns bewusst, dass auch dieser ein bereits eingeteiltes Territorium ist. Unser Bewegungsraum wird im Einklang mit Regeln und Bestimmungen, die innerhalb der Dominanzkultur entstehen, markiert: Grenzen. Orte. Formen.

Grenzen und Überschreitungen

Nur: Regeln und Vorschriften sind dazu da, umgangen zu werden, haben wir als kleine Mädchen gelernt. Und wieder macht sich unsere Herkunft bemerkbar. Ungehorsam. Wir wissen, dass wir als Migrantinnen auch im Kulturbereich Grenzen verschieben können.

Wir haben in den letzten Jahren einige Projekte durchgeführt, die sich im Grenzraum zwischen dem sozialen Feld und dem Kulturbereich bewegen und entfalten. Wir führen gerade Projekte dieser Art durch, und wir werden nächstes Jahr ein Projekt im Rahmen des Festivals der Regionen realisieren können. Es ist ein wichtiger Schritt. Ein Schritt, der uns "den Nachweis" über den Boden, über das Territorium unserer Bewegungen gibt. Auch die Kooperation mit der Stadtwerkstatt an einem Projekt für das Ars Electronica Festival in Linz.[5] Auch die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen, wie z.B. die kontinuierliche Arbeit, die wir mit den Künstlerinnen von Klub Zwei entwickeln.[6] Auch die verschiedenen Einladungen für das Projekt Kartografische Eingriffe[7] und die Verleihung des Großen Landespreises des Landes Oberösterreich für Initiative Kulturarbeit an MAIZ.


Wie

Ja, wir bewegen uns bereits im Kulturbereich und machen hier eine Arbeit, die vielfältig an ihren Entstehungs- und Durchführungsprozessen ist. Die Arbeit im Kulturbereich beginnt bei MAIZ im Bildungsbereich. Hier werden Konzepte entworfen, diskutiert, entwickelt. Hier werden sie vorbereitet, durchgeführt, evaluiert. Hier befinden sich die Protagonistinnen der Projekte: wir, Migrantinnen, Sexarbeiterinnen, schwarze Frauen, Putzfrauen, Babysitterinnen, Ehefrauen, Asylwerberinnen, Mütter, Akademikerinnen, Töchter. Wir: Vielfalt. Wir. Auch Mehrheitsösterreicherinnen, im Dialog mit uns. Die Ergebnisse, die nicht als Endprodukte, sondern als Teil eines Prozesses gesehen werden, können dann in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Hier können auch wir auftreten. Nicht als einzelne Personen, sondern als Figuren, als "Personae" einer fiktionalen Darstellung. Hier können wir unsere Anliegen thematisieren, und - nicht als Phantasien, sondern als Entfaltung der Wirklichkeit - Alternativen und Perspektiven unseres Da-Seins in diesem Land, auf diesem Kontinent, entwerfen und entdecken.

Eine Öffentlichkeitsarbeit, die als kulturelle Betätigung realisiert wird. Eine Arbeit, die uns sichtbar macht, ohne uns persönlich zu exponieren. Wir machen ungerechte und menschenverachtende Strukturen sichtbar und fordern die Anerkennung unserer Rechte. Und nicht erst seit der Bildung der inzwischen nicht mehr neuen Regierung! Der Hintergrund unserer Handlung als organisierte Migrantinnen ist politischer Natur. Und im Hintergrund steht die Überzeugung, dass es ethisch notwendig ist, sich gegenüber ungerechten, ausbeuterischen und diskriminierenden Strukturen zu positionieren und Strategien zu entwickeln und zu verfolgen, die diesen entgegenwirken können.

Wenn wir uns ausbreiten, bringt uns niemand mehr zusammen! [8]

Und wir breiten uns aus. Wir gehen in die Offensive. Wir setzen Zeichen. Wir lassen uns nicht verunsichern. Nein. Auch nicht von einer Regierung, die unter der Beteiligung einer rechtsextremen Partei über das Land herrscht. Wir gehen noch intensiver in die Offensive und besetzen immer mehr Platz und machen aus unserer Anwesenheit eine unbestrittene Tatsache. Wir bleiben. Und wir werden immer mehr. Wir bleiben, im Bewusstsein unserer Rechte. Im Bewusstsein unseres Widerstandspotentials.

Ja. Und wir nehmen immer mehr Platz in Anspruch. Wir bewegen uns und versuchen, Veränderungen in Bewegung zu setzen. Zwischen Vernunft und einer anthropophagischen, lachenden Haltung schaffen wir uns Räume der Bewegung und des Widerstandes. Räume, die aus Verschiebungen von Grenzen entstehen. Unsere neue Vereinsräumlichkeit ist mit 8 Schaufenstern (jeweils ca. 2 x 2 m) ausgerüstet. Im Herzen der Linzer Altstadt. Damit setzen wir ein Zeichen: Wir lassen uns nicht einschüchtern und gehen noch intensiver in die Öffentlichkeit. Die Schaufenster bieten uns eine enorme Möglichkeit von Intervention in das Leben dieser Stadt. Eine Schaufenstergalerie als Möglichkeit der kulturellen Betätigung von Migrantinnen abseits der gewöhnlichen Aufforderung, als Botschafterinnen exotischer kultureller Formen zu fungieren. Eine Schaufenstergalerie als Ort der Kultur und der Politisierung der Kultur, als Ort des Widerstands.
Eine interessante Möglichkeit wird dabei auch die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen sein. Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Kultur- und Medienarbeiterinnen, die Lust und Interesse an einer antirassistischen und antisexistischen Öffentlichkeits- und Kulturarbeit haben, werden von uns eingeladen, den Schaufensterraum zu besetzen und zu gestalten. Bevorzugt werden Konzepte, die die Dimensionen einer Zusammenarbeit zwischen Mehrheitsösterreicherinnen und Migrantinnen bei der Entwicklung und Durchführung des Projektes vorsehen.

Kämpferischer Schluss

Wir machen weiter. Und weiter. In der Überzeugung, dass es möglich und notwendig ist, als Protagonistinnen unserer eigenen Geschichte zu handeln, kämpfen wir weiter für die Besserstellung der Migrantinnen in dieser Gesellschaft, für den Abbau von Vorurteilen, Rassismus und Ausbeutungsstrukturen; und vor allem lassen wir in der Öffentlichkeit einen Schrei erklingen: einen Schrei nach der ethischen Notwendigkeit, sich gegenüber ungerechten Strukturen zu empören.



[1] Dieser Text wurde von Luzenir Caixeta und Rubia Salgado erstellt. Passagen aus folgenden Texten von Rubia Salgado wurden hier teilweise zitiert und/oder bearbeitet: Über das Menschenwerden... Notizen über Affen, Migrantinnen und Kulturarbeit. In: Kupf Zeitung 86/2/00 Anthopofagie und Akkulturation: eine Begegnung beim Ficken. In: Kupf Zeitung 80/1/99 MAIZ: eine Praxis zwischen Vernunft und Lachen. In: Kulturrisse 6/00 Aus dem Punkt wollen wir einen Beistrich machen. In: Der Apfel Zeitschrift 55/00
[2] Franz Kafka. Bericht für eine Akademie. In: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Fischer Verlag (1998).
[3] Franz Kafka. Bericht für eine Akademie. In: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Fischer Verlag (1998).
[4] Es handelt sich hier um ein Manifest, das der brasilianische Schriftsteller Oswald de Andrade 1928 im Zuge der kulturellen Bewegungen um den Modernismus geschrieben hat. S. dazu: Schwartz. Vanguardas Latino-Americanas. Sao Paulo, 1995.
[5] siehe: www.servus.at/stwst
[6] Ein interessantes Beispiel bildet hier die gemeinsame Produktion von großen Plakaten, die bereits in verschieden Städten im öffentlichen Raum präsentiert werden.
[7] Im Rahmen eines Workshops machen Migrantinnen Interventionen in die Stadtpläne der Städte, in denen sie wohnen. Hier geht es um eine Auseinandersetzung mit der Thematik Anwesenheit und Bewegungsmöglichkeiten von Migrantinnen im öffentlichen Raum. Das Projekt Kartografische Eingriffe wurde bereits in Linz und in Innsbruck durchgeführt. Die bearbeiteten Stadtpläne wurden in Galerien präsentiert.
[8] Geläufige Redewendung in Brasilien, die ich im Sinn einer interkulturellen Intervention in die deutsche Sprache benutze.