03 2018

Die Politik der Condividualität

Marco Deseriis

Übersetzt von Christoph Brunner

Wenn Medien schon immer „sozial“ waren, dann ist es kein Zufall, dass sie dieses Merkmal gerade im Moment der ökonomischen Verwertbarkeit ihrer Sozialität erlangen. Es scheint, als ob das Kapital das Sozialleben der Medien erst anerkennt, wenn es dieses endgültig quantifizieren kann – es zum Sprechen bringt, in der Metrik, in der ihm eigenen Sprache. Interessanterweise wird die soziale Mediennutzer*in weiterhin als Individuum subjektiviert, während die algorithmische Steuerung sozialer Medien jedes Nutzer*innenprofil auf die Basis seiner diskreten Aktionen gegenüber anderen Nutzer*innen herunterbricht. Diese dividuellen elektronischen Transaktionen, wie Gilles Deleuze sie bekanntlich nannte, bilden die Grundlage des informatorischen Kapitals, das die von uns hinterlassenen Daten in schier unendlicher Variation von Datensätzen neu kombiniert.

Der digitale Kapitalismus hortet und verbindet unsere Daten, und daher stellt sich die Frage, ob es einen Raum für eine Politik gibt, von dem aus die Komposition von Dividuen beginnen kann, um so den Kapitalismus zu überschreiten. Anders gefragt: Lassen sich vernetzte Politiken vorstellen, in denen Daten Ausgangspunkt für einen die algorithmische Kontrolle sprengenden kompositorischen Prozess werden? Was wäre die kompositorische Logik einer solchen Condividualität?


Vom Dividuum zum Condividuum

Um den Status des Dividuums im Zeitalter der Vernetzung zu erfassen, lohnt es sich, mit der grundlegenden Beobachtung zu beginnen, dass digitale Daten nicht abgelöst von den sie (re-)produzierenden algorithmischen Operationen qua Daten existieren. Schlussendlich drücken diese Operationen die logischen Zustände eines Systems aus, die sich auch als (binäre) Daten beschreiben lassen. Die Unmöglichkeit, weder dem Algorithmus noch den Daten einen ontologischen Primat zuzuschreiben – sie existieren nur füreinander –, bedeutet auch, dass die digitale Welt immer schon geteilt ist oder, in den Worten Alexander Galloways, „das Digitale das Vermögen ist, Dinge zu teilen und sie zu unterscheiden“ (Galloway 2014: xxix).

In Computernetzwerken ist diese Segmentierung – oder Dividualisierung – die Vorbedingung der Rekombination einer Vielzahl von Datenpunkten in variablen Datensätzen. Dies bedeutet, dass das Dividuum immer für die Interaktion zugänglich ist, immer bereit, zu anderen Dividuen hinzugefügt oder von ihnen getrennt zu werden. Somit hat das Dividuum im Vergleich zum Individuum – das sich mit Alleinstellungsmerkmalen brüstet – den Vorteil, mit anderen teilbaren Wesen kombinierbar zu sein, die einige Merkmale mit ihm gemein haben.

In Rückbezug auf die scholastische Philosophie Gilbert de Poitiers – der als Erster den Kontrast zwischen dividuum und individuum herausstellte, indem er das Attribut der similitudo ersterem und das der dissimilitudo letzterem zuschrieb – schreibt Gerald Raunig in seinem Buch zur Genealogie und Philosophie der Con/dividualität: „dividuum hat eine Komponente oder mehrere Komponenten, die es als Teilbares konstituieren und zugleich mit anderen, in ihren Komponenten ähnlichen Teilen verketten. Es geht hier um Ähnlichkeiten, nicht Gleichheiten, Identitäten, und zwar Ähnlichkeiten in Bezug auf nur einige Komponenten“ (Raunig 2015: 82f.).

Ebenso merkt Gilbert an, dass die Ähnlichkeit es Dividuen, die einige Komponenten teilen, erlaubt, ein unum dividuum mitzuformen. In der begrifflichen Sprache Deleuzes stellt unum dividuum ein Gefüge dar, das singulär in seiner Vielheit ist, insoweit seine Komponenten zwar miteinander verbunden, aber nicht einer höheren Einheit unterworfen sind. Unter diesem Gesichtspunkt ließe sich sagen, dass alle Gefüge condividuelle Gefüge sind,  Verkettungen von Teilen, die sich immer wieder von Gefügen ablösen und an andere anschließen lassen.

Jedoch scheint eine solche Aussage viel zu allgemein, um etwas Besonderes über den condividuellen Modus der Verkettung preiszugeben. Im Folgenden werde ich zwei unterschiedliche Logiken kontrastieren, die eine (De-)Komposition von Condividuen untermauern: eine informatorische Logik, die die Auswertung von Finanztransaktionen vorantreibt; und eine transduktive Logik, die eine Reihe unvorhersehbarer, nicht-integrierter Praktiken bestimmt.


Das condividuelle Derivat

Anders als bei Aktien liegt das Hauptmerkmal von Finanzderivaten wie Termingeschäften, Futures, Optionen und Swapgeschäften darin, dass diese Vertragsformen keinen Transfer der Besitzverhältnisse mit sich bringen. In der Tat „repräsentieren [Derivate] eine Evolution in der Natur des Eigentums“, weg vom physischen Besitz eines Vermögenswerts hin zu einem Erwerb des Rechts in der kollektiven Bestimmung seines zukünftigen Wertes (Bryan und Rafferty 2006: 18). „Dies liegt daran, dass das Derivat nur Attribute des Vermögenswertes indiziert und handelt, nicht aber den Vermögenswert selbst“ (ibd.: 52). Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass das Dividuum sich dadurch definiert, dass es kombinierbar mit anderen Dividuen ist, die einige Attribute mit ihm teilen, können wir die condividuelle Logik des Derivats auf drei Funktionsweisen herunterbrechen:

1) die Entkoppelung des Attributs von dem Vermögenswert/Referenten, an den es ursprünglich gebunden war;
2) die Verknüpfung von gegenwärtigen und zukünftigen Preisen der Vermögenswerte und Waren durch ihre gegenseitige Konstituiertheit;
3) die Vermengung von Attributen, die zu unterschiedlichen Typen von Vermögenswerten und Kapitalformen gehören (ibd.: 12).

Somit liegt das erste Unterscheidungsmerkmal des Derivats in seiner Art, zuvor getrennte Elemente zu verbinden, ohne ihren ursprünglichen Zustand zu verändern –Kredite bleiben z. B. Kredite, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sie entweder zurückgezahlt werden können oder auch nicht, auf einem weiteren Markt gehandelt wird. Indem, zweitens, das Derivat unbekannte Werte in bekannte Werte konvertiert, lässt es die Zukunft auf die Gegenwart zurückwirken. In der Informationstheorie wird diese Konvertierung als gegenseitige Information ausgedrückt, die misst, wie viel Information zwei Variablen teilen, inwiefern also die Bestimmtheit einer der Variablen die Ungewissheit der anderen Variable reduziert.

Drittens ist die Informationstheorie auch grundlegend für ein Verständnis davon, wie das Derivat eine Äquivalenzfunktion vollzieht, die ähnlich, aber nicht identisch mit der Geldform ist. Während Marx die sozial notwendige Arbeitszeit als ultimative Wertquelle identifizierte, die sich durch die Geldform ausdrückt, baut das Vermögen des Derivats, als Messlatte der Äquivalenz zu funktionieren, auf der Geldform auf. Da der Wert eines Derivats auch als Geld ausgedrückt wird, kann die Quelle der Sozialform des Derivats – also die Quelle ihrer Tauschbarkeit – nicht Geld an sich sein. Dann würde das Derivat bloß als ein Währungswandler funktionieren, ein Tauschmittel also zwischen bekannten Quantitäten. Jedoch ist es, wie wir bereits gesehen haben, die Hauptfunktion des Derivats, unbekannte Werte in bekannte Werte zu konvertieren, das Unmessbare in das Messbare.

Aus dieser Perspektive ist die einzige mögliche Quelle der Äquivalenzfunktion des Derivats Information – hier als Maß von Ungewissheit oder Entropie verstanden (Shannon 2000a). Daraus folgt, dass das Derivat sowohl Informationsware als auch Informationseinheit des Maßes und Tausches ist.

Die Erkenntnis, dass der Wert des Kapitals (anstatt eine Reflexion ökonomischer Grundsätze darzustellen) sozial konstruiert ist, erlaubt es Randy Martin (2015), die soziale Logik des Derivats außerhalb des Bezugsrahmens der politischen Ökonomie zu denken. Was Martin und andere jedoch nicht ausreichend hervorheben, ist die Tatsache, dass diese Logik auf Grundlage der Wahrscheinlichkeitsverteilungen algorithmisch produziert wird, die die Grenzen des sozial zu Wissenden setzen. Claude Shannon, der Vater der Informationstheorie, beobachtete als Erster, dass alle natürlichen Sprachen eine bestimmte Buchstabensequenz einbinden, deren Redundanz genutzt werden kann, um die folgenden Buchstaben vorherzusagen (Shannon 2000b). In ähnlicher Weise sind es die Risikomanagement-Algorithmen, die die Welt der Derivate und des Finanzwesens untermauern und vorhergehende Sequenzen von Ereignissen als Attribute (oder Risikoeinschätzungen) codieren, um die Wahrscheinlichkeit ihrer Wiederkehr zu messen.

Somit ist das cum- des condividuellen Derivats – das Attribute bindet und vermengt – Information.


Informationstheorie und ihre Grenzen

Die mathematischen und kybernetischen Definitionen von Information liefern uns jedoch nur ein mögliches Verständnis davon, wie sich Dividuen verketten. Es wurde in der Tat angemerkt, dass Shannons Modell Information auf eine „Wahrscheinlichkeitsfunktion ohne Dimensionen, ohne Materialität und ohne notwendigen Sinnzusammenhang“ reduziere (Hayles 1999: 18). Es ist insbesondere der Mangel einer Beziehung zwischen Information und Kontext – einer Beziehung, ohne die keine Bedeutung existieren kann –, der eine flache und eindimensionale Art der Verkettung herstellt.

In dem, was Franco Berardi den „konnektiven Modus der Verkettung“ nennt, werden die dividuellen Elemente eines Gefüges „als getrennt und nur funktional interagierend“ behandelt, sie durchlaufen also im Prozess einer algorithmischen Verbindung keine Transformation. Demgegenüber folgen die Elemente (z. B. die Körper zweier Liebender) in dem, was Berardi den „konjunktiven Modus der Verkettung“ nennt, nicht einem vorgefertigten Muster oder einem eingebetteten Programm, sondern bringen unwiederholbare und einzigartige konjunktive Synthesen im raum-zeitlichen Kontinuum hervor.

Berardi merkt allerdings an, dass das Konnektive und das Konjunktive sich nicht gegenseitig ausschließen würden, sondern oft im gleichen Körper koexistierten:

„In einem konjunktiven Körper existiert immer eine konnektive Sensibilität, wie in einem durch konnektive Bedingungen formatierten menschlichen Körper immer auch eine konjunktive Sensibilität existiert. Es handelt sich um ein Neigungs-, Schattierungs-, von Untertönen durchzogenes Problem und nicht um ein auf antithetischen Gegensätzen zwischen zwei Polen beruhendes.“ (Berardi 2015: 16)

Die Informationstheorie hebt die konnektive Dimension hervor, indem sie die Regeln vom Kontext trennt und letzteren als Hintergrundrauschen behandelt. Hierin wird das Konjunktive so verortet, dass es Information nur insofern generiert, als es von Wahrscheinlichkeitsmustern auf der Basis des schon Bekannten abweicht. Um eine den Kontext und die Bedeutung nicht ausklammernde Verkettung von dividuellen Teilen zu konzipieren, werden wir uns einem anderen Informationsverständnis zuwenden müssen. Gilbert Simondons Philosophie der Individuation erschließt eine qualitative Konzeption von Information, die uns durch die Wertschätzung von Differenz und „Disparation“ zu verstehen erlaubt, wie Dividuen selbst in der Lage sind, Information gerade durch den Prozess des Mitformens eines unum dividuums zu generieren.


Die innere Dimension der Information

Simondons philosophisches Projekt basiert auf der Erkenntnis, dass das lebendige Individuum keine abgeschlossene Entität ist, sondern ein sich ständig im Verlauf des Lebens individuierendes System:

„Im Lebendigen gibt es eine Individuation durch das Individuum und nicht einfach eine Funktion, die das Ergebnis einer ein für alle Mal abgeschlossenen Individuation wäre. [...] Das Lebendige löst Probleme, indem es sich nicht nur anpasst, d. h. seine Beziehungen zur Umwelt modifiziert (was auch eine Maschine tut), sondern indem es sich selbst modifiziert, indem es neue interne Strukturen erfindet und sich vollkommen in eine Axiomatik vitaler Probleme einführt. Das lebendige Individuum ist ein Individuationssystem, ein individuierendes System und ein sich individuierendes System. (Simondon 2009: 7)

Lebewesen reagieren somit nicht einfach mechanisch auf Umwelteinflüsse. Während die Informationstheorie und die Kybernetik ausschließlich an den messbaren und wiederkehrenden Aspekten der Information interessiert sind, fügt Simondon die entscheidende Erkenntnis hinzu, dass das Individuum als individuierendes System ständig zwischen seinem assoziierten Milieu und seiner „präindividuellen Natur“ vermittelt, die sich als eine mit Potenzialen gefüllte Unbestimmtheitszone verstehen lässt, die die Realität seines Werdens ausdrückt. 

Diese Vermittlung vollzieht sich durch Sprünge und Begrenzungen. Wenn Simondons Ontogenese postuliert, dass das Sein ganz allgemein ein permanentes Werden ist, dann individuiert sich ein konkretes Wesen mittels einer Transduktion – dabei handelt es sich um „eine physische, biologische, mentale, soziale“ Operation, die sukzessiv einen Bereich hin zu einem metastabilen Equilibrium strukturiert (ibd.: 11). Da ein metastabiles System eine gewisse Menge an potenzieller Energie beinhaltet, ist sein Equilibrium nur Schein. Eine Veränderung eines Systemparameters kann in der Tat eine Transduktion in Gang setzen, die das System bestimmten Strukturen entsprechend aktualisiert oder temporalisiert. So merkt Deleuze in einer Rezension zu Simondon an, dass ein metastabiles System durch „die Existenz einer ‚Disparation‘ zumindest zweier Größenordnungen, zweier disparater Realitätsmaßstäbe, zwischen denen keine interaktive Kommunikation besteht“, definiert werde (Deleuze 2003: 128).

Die Transduktionsoperation ist nichts anderes als die Herstellung dieser Verbindung, dieser interaktiven Kommunikation zwischen den Dimensionen eines Bereichs, die nun als korreliert und in Spannung zueinander stehend entstehen. Simondons vorrangigstes Beispiel einer Transduktionsoperation ist der Kristallisationsprozess. Dieser Prozess beginnt, wenn eine übersättigte Lösung, die reich an Potenzialen ist, auf einen Agenten der Katalyse trifft. Dieser fungiert als Kristallisationskeim, der es dem System erlaubt, seine Phasen zu verschieben, um so die Dimensionen für seine fortschreitende Strukturierung zu schaffen. Wichtig hierbei ist, so Simondon, dass der Keim mit der Metastabilität der Kristalllösung resonieren, mitschwingen, muss, um einen Kristallisationsprozess zu initiieren. D. h., der kristalline Keim und die kristalline Lösung müssen kompatibel sein. Und diese Kompatibilität, die nicht auf Identität, sondern auf Differenz und Disparation beruht, ist genau das, was Simondon „Information“ nennt (Simondon 1964).

Wie bereits erwähnt, erachtet Simondon die Transduktionsoperation nicht als etwas, das nur im Bereich der Physik und der nichtorganischen Materie bestehen würde, sondern als eine alle Individuationsweisen durchziehende Operation, einschließlich der Individuation von Lebewesen und der Konkretisierung technischer Objekte. Des Weiteren kann eine Transduktion soziale und technische Systeme miteinander verknüpfen und strukturieren und somit für die Aktualisierung sozio-technischer Bereiche sorgen, die sonst nur in potentia existieren würde. Eine sozio-technische Transduktion kann jedoch nicht von einer einfachen Anwendung des technischen Systems ausgehen, sondern nur von technischer Erfindung und technischer Aktivität:

„Die technische Aktivität unterscheidet sich von der bloßen Arbeit und der entfremdeten Arbeit darin, dass die technische Aktivität nicht alleine die Benutzung der Maschine umfasst, sondern auch einen gewissen Koeffizienten der Aufmerksamkeit für die technische Funktionsweise, Wartung, Justierung, Verbesserung der Maschine, in der die Aktivität der Erfindung und der Konstruktion weitergeführt wird.“ (Simondon 2012: 231)

Menschen entwickeln somit ein erfinderisches und nicht-entfremdetes Verhältnis zu und mit Technologie, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf die „fortwährende Genese des technischen Objekts“ legen (ibd.). Simondon konstatiert, dass diese erfinderische Beziehung eine transindividuelle ist, da sie es Individuen erlaubt, durch technische Mittler, die das Präindividuelle enthalten, in Beziehung zu treten. Während Interindividualität eine äußere Beziehung zwischen Individuen benennt (wie es bei der Arbeit der Fall ist), erkennt das transindividuelle Verhältnis an, dass das technische Objekt sowohl „etwas von dem Wesen mit sich [trägt], das es hergestellt hat“ (ibd.: 229), als auch von seiner eigenen Ontogenese (ibd.: 231).

Erst wenn die Menschen das technische Objekt selbst als einenTräger von Informationen und nicht bloß als ein Utensil anerkennen, beginnen sie sich gegenseitig als Subjekte in Beziehung zu setzen, als Wesen, die das Präindividuelle in sich tragen. In diesem Sinne liefert Simondon uns eine über probabilistische Messungen hinausgehende und die innere Dimension von Relationalität erklärende Definition von Information.


Transindividualität und Condividualität

Es lohnt sich anzumerken, dass transindividuelle Beziehungen nicht nur technische Erfindung und technische Aktivität betreffen, sondern dass sie alle Wissensformen, Affektivitäten und  geistigen Lebensweisen durchdringen, die „die systemische Einheit der inneren (psychischen) Individuation und der äußeren (kollektiven) Individuation“ zum Ausdruck bringen (Simondon 2009: 8).

Aus dieser Perspektive fällt der Prozess der Subjektivierung für Simondon mit dem Vermögen des Individuums zusammen, seine Ladungen präindividueller Realität zu aktivieren, da es seine Problematik mit anderen Wesen teilt. Eben weil alle Individuen das Präindividuelle in sich tragen, sind sie beim Eintreten in ein Kollektiv immer schon Gruppenindividuen (Simondon 1989: 184ff.). Transindividuation ist nichts anderes als eine transversale oder transduktive Verkettung, mittels deren Gruppenindividuen ihre möglichen anderen Individuationen im Prozess der Verbindung mit Anderen aktivieren.

Um eine psycho-soziale Transduktion sich ereignen zu lassen, kann ein Individuum sich nicht als schon konstituiertes Individuum mit anderen Individuen verbinden, d. h. durch präkonstituierte Rollen und funktionale Interaktionen, wie sie für ein interindividuelles Verhältnis typisch sind. Es gilt in der Tat, wie Muriel Combes anmerkt, dass für die transindividuelle Beziehung „die interindividuelle Beziehung ein Hindernis darstellt“:

„Sich als Subjekt in die Konstitution des Kollektivs einzubringen, heißt zuvorderst, die Gemeinschaft abzustreifen oder zumindest jene Aspekte der Gemeinschaft beiseite zu lassen, die einen davon abhalten, die Existenz des Präindividuellen und somit die Begegnung mit dem Transindividuellen wahrzunehmen: Identitäten, Funktionen, das ganze Geflecht des menschlichen Handels – dessen eigentliche Währung [...] die Sprache ist [...], die jeder Person ihren Platz im sozialen Raum zuweist.“ (Combes 1999: 66f.)

Auf diesem Weg können wir zu unserer Ausgangsbeobachtung zurückkehren, dass nämlich der Informationskapitalismus das Subjekt als Bedeutungseinheit (als Nutzer*in sozialer Medien, Investor*in oder Zeitungsleser*in) anruft, um dann aus der Rekombination seiner dividuellen Transaktionen in einer schier unendlichen Vielfalt von Datensätzen Wert zu extrahieren. Diese condividuellen Gefüge überschreiten das Subjekt und die Gemeinschaft, indem ihre Produktion algorithmisch gesteuert wird, ohne die aktive Involviertheit oder das Wissen der Menschen, die die Daten generieren. In diesem Sinne ließe sich die Condividualität der Metadaten und Finanzderivate als über die für Interindividualität typischen konstituierten Identitäten und sozialen Rollen hinausgehend bezeichnen.

Simondons Begriff des Individuums impliziert jedoch eine desindividuierende Anstrengung aufseiten des Subjekts. Eine solche Anstrengung „nimmt zwingend die Form einer momentanen Lockerung  an und löst sich vom Halt der konstituierten Individualität, die vom Präindividuellen umspült ist“ – eine temporäre Desindividuation als „Bedingung für eine neue Individuation“ (ibd.). Mit der Hinwendung zum Fall des hacktivistischen Netzwerks Anonymous möchte ich illustrieren, wie die temporäre Desindividuation einen möglichen transduktiven Prozess der Condividuation in Gang setzt.


Anonymous als transduktive Condividualität

Bekanntlich bezog sich der Name „Anonymous“ ursprünglich auf das Tag, mit dem unsignierte Kommentare auf dem Imageboard 4chan gekennzeichnet werden – einem Diskussionsforum, dessen Nutzer*innen die Konversation mithilfe eines hochgeladenen Bildes beginnen müssen. Ein Diskussionsstrang auf 4chan erscheint dann als eine Konversation zwischen mehreren als „Anonymous“ gekennzeichneten dividuellen Beiträgen.

Im Jahr 2005 erfasste ein hitziger Schlagabtausch zwischen Forumsnutzer*innen das Board, und zwar zwischen denen, die auf persönliche Identifizierungsmerkmale ihrer Posts bestanden, und denen, die für komplette Anonymität als egalitärere Kommunikationsweise plädierten – egalitär, da von der Reputationsökonomie der Pseudonyme auf anderen Online-Diskussionsforen entbunden. Nachdem Anonymous als kollektives Äußerungsgefüge („We Are Anonymous“) in Erscheinung getreten war, individuierte es sich weiter in der Auseinandersetzung zwischen denen, die seine Aktionen innerhalb eines ethischen und politischen Horizonts verorteten, und denen, die jegliche moralische Rechtfertigung dieser Aktionen ablehnten.

Auf rhetorischer und diskursiver Ebene funktioniert der Name „Anonymous“ als symbolischer Rahmen, durch den eine Reihe agonistischer Herausforderungen bezüglich der Disposition und Verwendung von Pseudonymen ins Spiel gebracht wird. Weit davon entfernt, Anonymous zu schwächen, waren diese internen Herausforderungen und Konfrontationen eine positive Bedingung seiner Evolution. Der Grund hierfür liegt in dem Umstand, dass Anonymous als Schwelle dient, die die Passage von Anonymität als einer undifferenzierten Bedingung hinz zu Anonymität als ethischen Zugang zu einer Erfahrung, die als solche benannt werden kann, beschreibt.

Nur zur Sicherheit: dieses Vermögen, Anonymität als amoralische Verhaltensweisen und Anonymität als ethisch-politischen Einsatz, also idiosynkratrische und kollektive Verwendung von Pseudonymen zu transduzieren, ist keinesfalls ausschließlich Anonymous eigen. Anonymous ist Teil einer langen Reihe von geteilten Pseudonymen – einschließlich Ned Ludd, Monty Cantsin, Karen Eliot und Luther Blisset, um nur einige zu nennen –, die vorher nicht-verbundene Praktiken im selben Diskursraum funktional zusammengeführt haben (Deseriis 2015).

Zugleich insistieren die transduktiven Vermögen von Anonymous nicht nur auf rhetorischer Ebene, sondern binden umfassend die technologische Dimension mit ein. Von Anbeginn experimentierte Anonymous mit Informationssystemen (Imageboards, IRC-Netzwerken, Piratepads, Botnets), deren hauptsächliche Qualität in ihrer Offenheit und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Anwendungsmöglichkeiten besteht. In den Worten Simondons verfügen diese Technologien über einen hohen Grad an Technizität, sie binden einen „gewissen Spielraum der Unbestimmtheit“ mit ein, der sie „für externe Information empfänglich“ macht (Simondon 2012: 11). Mehr noch als jegliche Spezialisierung oder Automatisierung ist es dieser Spielraum der Unbestimmtheit, der es solchen Technologien erlaubt, sich sukzessiv zu entwickeln und sich zugleich ihre präindividuelle Realität zu erhalten, d. h. eine sozio-technische Erinnerung an ihre vorherigen Individuationen.

Wenn dies auf alle freien und Open-Source-Software-Projekte zutrifft – deren Entwicklungskultur ein transindividuelles Verhältnis perfekt verkörpert –, dann transduziert Anonymous diese technische Kultur mittels einer Reihe von Kampagnen oder „Operationen“ gegen Regierungen und Unternehmen, die den Zugang zu Informationen und Informationstechnologien beschränken. In der Terminologie Simondons sind Kampagnen und Operationen keine Erweiterung eines schon individuierten kollektiven Äußerungsgefüges, sondern sie konstituieren das Gefüge Anonymous durch sein antagonistisches Verhältnis gegenüber der auf Eigentum beruhenden Informationskontrolle – sei es in der Form von Geheimdiensten oder des intellektuellen Eigentums.

Aus dieser Perspektive identifiziert Anonymous nicht ein politisches Problem, eine Machtstruktur, eine Ungerechtigkeit, um in der Folge die angemessene technische Lösung zur Organisation von Widerstand zu finden. Vielmehr hat Anonymous den Unbestimmtheitsspielraum von technischen Objekten und Lebewesen als seinen ontologischen Grund und Kampfplatz identifiziert. Die radikale Alterität von Anonymous liegt im Vergleich zur Voraussage-Analytik des Finanzkapitalismus und von Big Data in der rhetorischen und technologischen Transduktion, die ihrerseits Information produziert. 


Zwei Arten von Condividualität

Die zwei hier beschriebenen Beispiele der Condividualität – das condividuelle Derivat und das als „Anonymous“ bezeichnete condividuelle Äußerungsgefüge – teilen eine Zukunft. Sie sind beide Verkettungen von Dividuen, deren Zusammensetzung ein „Gemeinsam-Sein, das kein ‚gemeines Sein‘ ist“ (Nancy 1991: 133), beschreibt. Die Attribute mögen kompatibel sein, doch ihre Komptabilität reicht nicht aus, um eine gemeinsame Identität herzustellen, um eine Gemeinschaft zu schaffen.

Es liegt jedoch eine gewaltige Differenz im cum dieser Condividuen, die sich mit den zwei oben beschriebenen unterschiedlichen Definitionen von Information erklären lässt. Das cum des Derivats ist konnektiv, flach, asignifikant, probabilistisch und orientiert sich an Prognosen. Das cum des geteilten Pseudonyms ist konjunktiv, tief, transduktiv und von innen her offen für die Unbestimmtheit des Gefüges, durch das es als Mehr-als-Eins konstituiert wird.

Anders gesagt entsteht, während das informatorische Condividuum auf dem Vermögen des Digitalen, „Dinge zu teilen und zwischen ihnen Unterscheidungen zu treffen“ (Galloway 2014), basiert, das transindividuelle Condividuum durch die Konjunktion sozio-technischer Teile, die Information im Real-Werden ihrer Realität generieren.

Wenn dem so ist, dann besteht unsere Aufgabe darin zu verstehen, wie transduktive Condividualität einen Informationstypus generieren kann, der das Gewusste in Ungewusstes, das dividuelle Datum in eine Komponente einer Menge von inkommensurablen Praktiken transformiert. Während also die Ökonomie der Condividualität die Unbestimmtheit auf das Mögliche und Wahrscheinliche reduziert, setzt die Politik der Condividualität die Unbestimmtheit durch die gegenseitige Konstitution von miteinander resonierenden Teilen in Bewegung. Dies gilt z. B. für die sozialen Bewegungen (nach) 2011, die Klasse, Geschlecht und ethnische und sexuelle Differenzen in ein höchst inklusives Set sozio-symbolischer Praktiken (die Empörten, die 99%, die Protestcamps) transduziert und Resonanzen in einer Vielzahl soziopolitischer Milieus vorangetrieben haben.

Vielleicht sind die Simondon’schen Begriffe der Resonanz, der Transduktion und der Kompatibilität angemessener, um die kompositorische Logik dieser condividuellen Gefüge zu erfassen, als Gilberts Ähnlichkeitsprinzip. Statt mit der Kompatibilität individuierter Teile verwechselt zu werden, drückt Kompatibilität hier das Vermögen der Dividuen aus, ihre Differenz im eigentlichen Prozess des miteinander Interagierens auszudrücken. Klarerweise ist ein solcher Prozess nur möglich, solange die Partialität des Dividuums eine unbekannte Quantität bleibt – nicht wie im Fall des informationsgebundenen und finanzialisierten Dividuums. Das Dividuum, das von einer Wahrscheinlichkeitsfunktion hergestellt wird, wurde den mit ihm korrelierenden Dividuen angeglichen, ihnen ähnlich gemacht. Das innerhalb eines metastabilen Systems entstehende Dividuum ist hingegen kompatibel mit den Dividuen, mit denen es resoniert. Ersteres mag die Zukunft formen und antizipieren, es hat aber wie jedes Attribut kein Wissen über sich. Zweiteres weiß nichts über die Zukunft, es trägt aber, wie jeder Teil, ein Wissen in sich, das es anders werden lässt, als es ist.


Literaturangaben

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Deseriis, Marco (2015): Improper Names: Collective Pseudonyms from the Luddites to Anonymous. Minneapolis: University of Minnesota Press.

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Hayles, Katherine (1999): How We Became Posthuman: Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics. Chicago: Chicago University Press.

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Simondon, Gilbert (1964): L’individu et sa genèse physico-biologique (L'individuation à la lumière des notions de forme et d'information). Paris: Presses Universitaires de France (PUF).

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Simondon, Gilbert (2009): „The Position of the Problem of Ontogenesis“, in: Parrhesia 7, S. 4–16.

Simondon, Gilbert (2012): Die Existenzweise technischer Objekte. Zürich: diaphanes.