03 2025
Nichts, Stille, Mannigfaltigkeit. Eine molekulare Revolution in Serbien
Nutopian International Anthem. Am Ende der ersten Seite von Mind Games, John Lennons LP von 1973, findet sich ein Track, der nur vier Sekunden lang ist. Ob Nutopian International Anthem eher aus Nichts besteht oder aus unendlich vielen nicht wirklich hörbaren Teilchen, eine kurze Vielheit der Stille, lässt sich nicht genau ausmachen. N-utopian impliziert jedenfalls einerseits die Negation der Utopie, insofern diese nichts weiter ausdrückt als das Warten auf eine bessere Zukunft, immerwährender Aufschub, ohne dass jemals wirklich etwas losgeht. Anstatt die Revolution auf den St. Nimmerleinstag und in einen Nicht-Ort zu verschieben, geht es im Nutopischen gerade um die Einlösung der Versprechen vergangener Widerstände, um unsere geheime Verabredung mit Kämpfen aus einer unterdrückten Vergangenheit und vor allem um deren Aktualisierung im Hier und Jetzt. Hier, in der Versammlung warten wir auf das, was war, in ausgedehnter Jetzt-Zeit. Zugleich bedeutet Nu-topia auch den Topos, den Ort, den Raum des Nu. Nu ist die kleine Pforte, in der alle Zukunft sich entzaubert und in die Vergangenheit stürzt, die Gegenwart viel mehr als nur ein Punkt, eine Weitung der Fuge, ein Raumwerden des Augenblicks. Und in dieser Perspektive erweiterter Gegenwart ist John Lennons Anthem eine Hymne auf die ausgedehnte Jetzt-Zeit und auf den Ereignis-Raum des Nu.
In diesen Tagen schien eine pop-musikalische Referenz auf die Nutopian International Anthem zu erklingen, wenn Ende Februar 2025 ein ganzes Album mit dem Titel „Is This What We Want?“ herauskam, dessen 12 Tracks aus Aufnahmen von leeren Studios und Konzerträumen bestehen. Das Album will eine Kampfansage von 1000 britischen Musiker_innen sein, unter ihnen Kate Bush, Annie Lennox und Cat Stevens, gegen Veränderungen der gesetzlichen Bestimmungen zum Gebrauch ihrer Musik zum Training künstlicher Intelligenz Modelle. Doch anstatt diese diversen Stillen und die auf Band gebannte Mannigfaltigkeit des Nichts zu würdigen und genauer auf und in die stillen Räume hinein zu hören, projiziert das Projekt lediglich die kreative Leere, die entstünde, werde AI nicht in gebührende gesetzliche Schranken gewiesen.
Eine weit radikalere Neubelebung der Nutopian International Anthem ereignet und wiederholt sich seit November schon in Novi Sad, als sozio-poetische Komponente einer molekularen Revolution in Serbien, deren Proteste sich im Lauf der letzten drei Monate auf 200 serbische Städte und Gemeinden ausweiteten und Millionen von Menschen aktiv werden hat lassen. Auslösendes Ereignis war der tragische Tod von fünfzehn Menschen durch den Einsturz des 300 Tonnen schweren Vordachs des gerade eben erst pompös neu eröffneten Bahnhofs von Novi Sad am 1. November vergangenen Jahres. Drei Wochen später, beginnend mit 22. November, häufen sich die Anlässe, an denen Menschen massenhaft zusammenkommen und fünfzehn Minuten in Stille verharren. Anfangs waren es die Studierenden in Novi Sad und Belgrad, die diese Versammlung der Stille erprobten, dann zunehmend auch andere Bevölkerungsgruppen wie Bäuer_innen, Taxifahrer_innen, Pensionist_innen, Biker, Rechtsanwält_innen, Pfleger_innen, Künstler_innen und viele andere, die sich solidarisch mit den Studierenden erklärten, und langsam wurden die 15 Minuten zum Alltagsritual in ganz Serbien. Die Protestierenden blockieren dabei die Eingänge von Universitäten, Schulen und anderen Institutionen, Straßen, Kreuzungen, Brücken über die Donau.
Still stehend, still schweigend, still haltend, legen sie den Verkehr still, erst jeden Freitag von 11:52 bis 12:07, fünfzehn Minuten für fünfzehn Tote, und später immer wieder als Beginn von teils tagelangen Blockaden. Stille als Ehrenbezeugung für die Opfer, aber auch als adäquateste Äußerung der Mannigfaltigkeit des Protests. Weder Einheit eines einstimmigen Chors, noch Einsheit einer individuellen Führer-Stimme, erhält dieser Chor der Stille die Potenz der Mannigfaltigkeit, der vielen stillen Stimmen, der Condividualität.
Fünfzehn Minuten Blockade, Stille, Aussetzung, dies sind Mittel, um die fünfzehn Toten als exemplarische Opfer der ausufernden staatlichen Korruption anzuprangern, es sind aber auch Mittel einer molekularen Revolution, die sich nicht an oder gegen bestimmte Machthaber_innen wendet, sondern die Welt in einer grundsätzlicheren Weise verändern will, nämlich – und in den Worten des zentralen Slogans der Protestierenden – derart, dass die „Institutionen ihre Arbeit tun“. Um ein Wort von Walter Benjamin etwas umzuwandeln: Die Protestierenden haben kein Interesse daran, den Staatsapparat zu übernehmen oder seine Akteur_innen einfach durch andere ersetzen, sie wollen den Staatsapparat grundsätzlich umfunktionieren, ihn in seinen Grundfesten verändern, ihn radikal anders funktionieren lassen.
Entpolitisierung
Ich möchte zunächst zwei Texte referieren, die diese neue Bewegung in Serbien kürzlich genauer beschrieben und interpretiert haben, um ihnen dann einige Überlegungen zur nutopischen Stille als Mannigfaltigkeit der molekularen Revolution zur Seite zu stellen.
Die erste Stimme kommt direkt aus Novi Sad, und sie ist nicht aus Authentizitätsgründen so interessant, sondern weil sie eine situierte und dennoch etwas distanzierte Stimme ist. Branka Ćurčić, Aktivistin und Mitglied der Grupa za konceptualnu politiku (Gruppe für konzeptuelle Politik), schreibt in ihrem Aufsatz „Studierendenproteste und Wandel ohne Politik“ vor allem darüber, dass die Protestierenden, die Studierenden „Politik weitgehend ablehnen oder sich zumindest weigern, ihre Aktionen als Politik zu bezeichnen“. Das ist der rote Faden von Branka Ćurčić’ Fragestellung, das wiederkehrende Leitmotiv der Bewegung, politiklos vorzugehen, Politik abzulehnen, Politik zu verweigern, ja zu entpolitisieren.
Die augenscheinlichste Ebene dieser Politikablehnung zeigt sich in der brüsken Ablehnung der Studierenden, die amtierenden Politiker_innen als Zielgruppe ihrer Forderungen zu verstehen: „Die Studierenden weigern sich, Kompromisse mit den Behörden einzugehen und lehnen jede Einladung zum Dialog ab.“ Die Protestierenden zeigen kein Interesse an den Wendungen und Reaktionen von Seiten politischer Akteur_innen, allen voran von Präsident Aleksandar Vučić, seien sie bedrohlich oder entgegenkommend oder gar umarmend. Mehr noch, sie wollen ihn überhaupt nicht als Ansprechperson wahrnehmen, denn sie sprechen ihm jede Kompetenz der Jurisdiktion und der institutionellen Veränderung ab.
Kein Interesse zeigen die Protestierenden zugleich auch an den Parteien der Opposition, die sich im vergangenen Jahrzehnt immer unfähiger gezeigt hatte, dem umarmend-repressiven Autoritarismus der Regierung etwas entgegenzusetzen. Die Idee, dass die Opposition soziale Proteste repräsentieren könnte, stellt sich also nicht nur konzeptuell, sondern auch praktisch als unmöglich dar.
Und auch nach innen hin wird diese repräsentationskritische Position gepflegt: „Die Studierenden lehnen die Idee von Vertreter_innen oder Sprecher_innen ab, und sie verstehen diese Strategie sowohl als Demonstration ihrer Einheit und Gleichheit als auch als Mittel zum Schutz Einzelner davor, ausgesondert und öffentlich ins Visier genommen zu werden. Die Folge davon ist, dass die Studierenden wenig an die Öffentlichkeit gehen und sich auch nicht besonders darum bemühen, ihre Anliegen zu artikulieren.“.
Branka Ćurčić interpretiert diese nicht-repräsentationistische Haltung der Studierenden als Distanz von allen Formen der Organisierung. Sie schreibt: „Diese Ablehnung der Politik spiegelt das weitgehende Bemühen wider, sich von politischen Parteien und zunehmend auch von NGOs und Aktivist_innen – also von jeglicher Organisierung – zu distanzieren. Neu ist jedoch, dass sich die Studierenden nun aus Sorge vor dem ‚Einfluss der Politik‘ sogar voneinander distanzieren und eine Entpolitisierung des Protests fordern.“ Die Formulierung einer Entpolitisierung des Protests ist nicht nur für die Autorin grenzwertig, wenn eine andere „Entpolitisierung“ Mainstream der kapitalistischen Gesellschaften geworden zu sein scheint, wenn die Forderung nach Rechtsstaatlichkeit reduktiv-legistische Form annimmt, wenn die Übernahme von nationalen Symbolen nationalistisch zu werden droht, und dennoch lohnt es sich, die Ambiguitäten auszuhalten: Anstatt den Protestierenden politische Naivität zu unterstellen, geht es darum, ihre konzeptuelle Radikalität anzuerkennen, die manchmal mit taktischer Klugheit einhergeht, sich aber nie auf diese beschränkt.
Deswegen sind alle möglichen solidarischen Situierungen gegenüber den Protesten wichtig, wie sie auch Branka Ćurčić vertritt, in ihrem Fall „unsere Sicht als ehemalige Aktivist_innen, deren Arbeit mit den Menschen mit dem Verschwinden unserer massenpolitischen Situationen endete“, und damit stellt sich die Frage auch für „uns“: Was ist „unser“ Verhältnis, was ist das Verhältnis anderer Kämpfe, anderer Generationen, früherer Bewegungen und anderer geopolitischer Situationen zu und in den aktuellen Protesten und Blockaden? Im schlechtesten Fall ein paternalistisches Verhältnis, das Apolitizität und Problematisierung des Politischen in allen möglichen Formen als bloße Vorform der Politik versteht, die notwendigerweise ein Erwachsenwerden und Ankommen in der molaren Politik und Ökonomie des maschinischen Kapitalismus impliziert. Im besten Fall sind wir in der Formulierung Branka Ćurčić’ „Freund_innen der Proteste der Studierenden“ und können dann die Kämpfe affirmieren, als Praxen einer permanenten Unmündigkeit, im Sinne des Nicht-Einverständnisses mit der patriarchalen Normalität, als niemals in der molaren Politik ankommen, als permanente Versammlung der Mannigfaltigkeit und der Mikrosozialitäten, in allen Massstäben.
Eine neue Politik
Die zweite Stimme, die ich zitieren möchte, kommt aus dem nicht allzu fernen Ljubljana, wiewohl mit dem Autoritätssound des universellen Intellektuellen, aber mit einer politisch-theoretischen Intuition, die in die richtige Richtung weist. Während Branka Ćurčić implizit mit dem Begriff der „Entpolitisierung“ auch ein Problem aufzuzeigen scheint oder auf eine schwierige Ambiguität hinweist, schreibt der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, „die ‘unpolitische’ Haltung der Demonstranten [schaffe] die Voraussetzungen für eine neue Politik und nicht für eine neue Version des alten Spiels. Um Recht und Ordnung zu schaffen, muss man reinen Tisch machen.“ Radikale Ablehnung von Politik als Basis einer neuen Politik, und all das, um zu Transparenz und funktionierenden Institutionen zu kommen? Žižek zählt in seinem Text die harmlosen Forderungen der Studierenden auf: „Zu diesem Zweck fordern sie Transparenz bei der Renovierung des Bahnhofs von Novi Sad, Zugang zu allen Dokumenten über das Unglück, die Aufhebung der Anklagen gegen Personen, die bei den ersten Protesten gegen die Regierung im November verhaftet wurden, und die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die protestierende Studierende in Belgrad angegriffen haben.“ Diese Forderungen klingen nicht nur harmlos, sie sind auch nicht wirklich radikal, in gewisser Weise lenken sie davon ab, was auf der molekularen Ebene geschieht. Sie unterwandern damit auch das oft wiederkehrende mediale Klischeebild von den jugendlichen Protesten, die nicht wissen, was sie wollen, und wenn sie schließlich konkrete Forderungen stellen, in die Falle der Repräsentation gehen, mit allen Aspekten von Personalisierung, Narzissmus und medialem Spektakel.
In Wirklichkeit spielt sich die Verschiebung aber nicht auf der Ebene der Forderungen und Vorschläge ab, sondern vielmehr auf der Ebene der Aktionen, vor allem der Versammlungsformen, die auf eine weit radikalere Umfunktionierung der Institutionen aus sind. Žižek schreibt: „Sie weigern sich, Politik nach den bestehenden (meist ungeschriebenen) Regeln zu machen. Sie streben grundlegende Veränderungen in der Funktionsweise der wichtigsten Institutionen an.“ Die „Apolitizität“ der Studierenden will also nicht auf eine Art von Reformismus hinaus, der sich an den Regierenden vorbei an eine autonome Sphäre von reinen Institutionen wendet. Sie will die Umfunktionierung der Institutionen von ihren Grundfesten aus, und zwar auf der Basis der eigenen Erfahrungen mit Plena und Versammlungen.
Žižek bringt auch die Ähnlichkeit mit zwei aktuellen Subjektivierungsweisen in China ins Spiel, die beide eine Subjektivierung der passiven Resignation ausdrücken, unter dem Schlagwort tang ping das „Flachliegen“ angesichts der psychischen und physischen Überforderungen der Arbeitswelt, und unter dem Schlagwort bai lan das „Verrottenlassen“ dieser Welt. Beides sind Bewegungen weg von einem blinden Immerweitermachen hin zu einer bewussten Tendenz zum Nichts. Nichts-Werden und Nihilismus machen als Widerstandsformen in extrem extraktivistischen Formen von Kapitalismus und Autoritarismus Sinn, doch derartige Bartlebyschen Resignations- und Rückzugs-Formeln tendieren zugleich dazu, die Subjektivierungen ins Radikal-Individualistische abgleiten zu lassen. Der Unterschied ist hier einerseits, dass es bei den serbischen Protesten um durchwegs kollektive Widerstandsformen geht, aber auch, dass ihr spezifischer Nihilismus das Nichts nicht als Leere, sondern gerade als Fülle der Mannigfaltigkeit verstehen lässt. Die Blockaden, das Insleerelaufenlassen der Politik, die Verweigerung von Repräsentation sind alles Ausdruck dieses condividuellen Nihilismus.
Der condividuelle Chor der Stille
Vor allem aber entspricht ihm die Wiederkehr des Chors der Stille, in der Nachfolge von John Cages ‘4:33’ aus dem Jahre 1952, John Lennons ‘Nutopian International Anthem’ von 1973 und auch jener zehn Minuten Stille, die Yoko Ono als Mahnwache nach John Lennons Tod am 13. Dezember 1980 an vielen Orten zugleich abhalten ließ. Zu Silvester 2024 hielten die Studierenden zu Mitternacht in Belgrad eine Mahnwache ab und streckten in Erinnerung an die Opfer ihre Mobiltelefone gen Himmel. Dieser Neujahrsprotest, den selbst das Feuerwerk an der Belgrade Waterfront nicht wirklich stören konnte, lief unter dem Slogan „Es gibt kein Neues Jahr, ihr schuldet uns noch das alte.“
Eine solche Versammlungsform von Stille und vielheitlicher Fülle ist weder als entpolitisierende Gefahr für die Demokratie noch als Basis für eine zukünftige „neue Politik“ zu verstehen. Sie ist Verdichtung der Mannigfaltigkeit, zugleich ihre Ausbreitung als molekulare Revolution, in Versammlungen, Plena, Blockaden, gemeinsamen Aktionen, Staffelläufen und Demonstrationen. Wie Branka Ćurčić schreibt, scheint es, „dass Wandel auf einer anderen Ebene stattfindet – außerhalb des Bereichs von Regierung und Macht – und dass das Thema Wahlen, das den politischen Diskurs jahrelang dominiert hat, damit praktisch in den Hintergrund gedrängt wird. Anders gesagt scheint eine allmähliche und unausgesprochene Machtübernahme (des Staats?) durch die Erosion seiner Legitimität stattzufinden.“ Der „Wandel außerhalb des Bereichs von Regierung und Macht“ ist das Molekulare an dieser Revolution – eine soziale Bewegung, die nicht an den molaren Aspekten der Macht interessiert ist, nicht in die Falle der Repräsentation geht, nicht an die Notwendigkeit der Homogenisierung zu einer Einheit glaubt.
So sehr sich die Bewegung in ihren raren Communiqués und Erklärungen um eine inklusive Begrifflichkeit bemüht und sich damit auch bewusst von allzu inventiver sprachlicher Erfindung fernhält, gibt es dennoch auch in ihren schriftlichen Äußerungen einen Begriff, der auf das Molekulare verweist. In ihrem Communiqué von 10. März rufen die Studierenden die gesamte Bevölkerung Serbiens auf, von ihrer massiven Solidarität überzugehen hin zu einer nachahmenden Bewegung der Selbstorganisation an allen Orten. Sie greifen in diesem Appell einen Begriff auf, der schon in der jugoslawischen Selbstverwaltung eine gewisse Rolle spielte. Neposredna demokratija, oft irreführend als direkte Demokratie übersetzt, bedeutet in Wirklichkeit das Insistieren auf die Demokratisierung ohne Aufschub. Democracy now, democracia real ya, demokratische Praxis in diesem Nu, eine Demokratisierung, die keinen Verzug duldet, unaufgeschoben und unaufschiebbar. „Alles, was wir Studierenden bisher erreicht haben, ist der Selbstorganisation nach den Prinzipien der unaufgeschobenen Demokratie und des Plenums zu verdanken.“ Das ist die aktuelle Praxis der Studierenden in ihren Versammlungen und anderen Aktionsformen, das war aber auch ein zentraler Begriff für die jugoslawische Selbstverwaltung in Form von Versammlungen von Arbeiter_innen und Mieter_innen, Haus- und Betriebsräten, Ortsgemeinschaften und Delegiertensystemen, und er ist sogar bis in die heutige serbische Gesetzgebung gesickert: In ihrem Communiqué betonen die Studierenden, dass „Artikel 67 des Gesetzes über die kommunale Selbstverwaltung fest[legt, was genau] die Formen der unaufgeschobenen Beteiligung der Bürger_innen an der Umsetzung der kommunalen Selbstverwaltung sind.“ Und in diesem Sinn endet das Communiqué mit einer Einladung an die gesamte Bevölkerung, „sich an die kommunalen Selbstverwaltungen zu wenden und sich nach dem Modell der unaufgeschobenen Demokratie eigenständig zu organisieren – über das gesetzlich vorgesehene Gremium der Versammlung der Bürger_innen.“
Was hier in all der feinen Affirmation, Referenz und Berücksichtigung der konkreten Gesetzeslage negiert wird, ist sredina, die Mitte, der Mittelwert, die Vermittlung, und das bedeutet auch die politische Partei als Vermittlerin, und ihre Führer_innen und Bürokrat_innen als Vermittler_innen, Fürsprecher_innen, Repräsentant_innen. Neposredan, ne-po-sredan ist gerade das, was ohne Vermittlung verwirklicht wird, unverzüglich, sofort, ohne Aufschub. Das Territorium, das hier entsteht, ist der Raum des Unaufschiebbaren. Es nimmt sich Zeit, dehnt sich aus im Nu und in der langen Zeit der Versammlung.
Angesichts der Forcierung illiberaler Demokratie, angesichts autoritär-autokratischer Fluten, angesichts der Faschisierung auf globalem Niveau, ist diese molekulare Revolution mehr als nur vage Hoffnung. Sie ist eine Bündelung von Fluchtlinien, die an anderen Orten aufgegriffen werden kann, in all ihrer Massivität und Mannigfaltigkeit. Auf dass die 15 Minuten Stille sich weiterausbreiten, auf dass die Mannigfaltigkeit sich vielenorts verdichtet, auf dass das Nutopische tatsächlich eine Internationale wird. Wie im Deutschen der „Nu“ dem Augenblick, dem Moment und dem Ereignis entspricht, geht es für uns, die wir heute aufs Neue eine Nutopian International Anthem summen und damit die Komposition einer Nutopian International betreiben, auch nicht darum, auf eine bessere Zukunft zu warten. Worauf wir in einem Nu warten, ist die Artikulation von heutigem Widerstand mit dem, was war, was in jenen minoritären Kämpfen war, die von der Geschichtsschreibung der Sieger immer wieder umstandslos weggeräumt wurden. Wir stehen still für einen Nu, in Erinnerung und in Widerstand. Wir stellen still für einen Nu, in Erinnerung und in Widerstand. Wir dehnen den Nu zur Blockade, und sei es für lange 15 Minuten oder für noch viel mehr. In der ausgedehnten Jetzt-Zeit des Nu und im Ereignisraum des Nu-Topos ist die revolutionäre Geduld revolutionäre Ungeduld, ist Nichts Mannigfaltigkeit, ist jeder Chor der Stille Ausdruck der Condividualität des Protests.
Branka Ćurčić, „Studierendenproteste und Wandel ohne Politik“, https://transversal.at/transversal/0325/curcic/de
Slavoj Žižek, „Das neue Gesicht des Protests“, https://www.project-syndicate.org/commentary/serbia-protests-new-strategy-of-challenging-a-corrupt-authoritarian-state-by-slavoj-zizek-2025-02/german
Studenti u blokadi, „Pismo narodu srbije“, https://blokade.org/sr/vesti/pismo-narodu-srbije/