03 2018

Digitale Schnitte

Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame zerschneiden

Katrin M. Kämpf / Christina Rogers

Der britische Künstler James Bridle publizierte 2015 das Browser-Plug-in „Citizen Ex“, das dokumentiert, unter welche Jurisdiktionen unsere Data Doubles fallen, sobald wir uns surfend im Netz bewegen. Ziel war es, Aufmerksamkeit auf eine neue Form von temporärer, flüchtiger und sich allein aus den Logiken transnationaler Konnektivität ergebender „Staatsbürger_innenschaft“ zu lenken, auf „algorithmic citizenship“[1]. Diese gewährt zwar niemandem die Rechte einer klassischen Staatsbürger_innenschaft, kann aber beispielsweise in Belangen der Meinungsfreiheit, des Daten- oder Jugendschutzes gravierende Konsequenzen für Internetnutzer_innen haben.

Algorithmischen Zuordnungen widmeten sich bereits 2001 Aktivist_innen des NoBorder-Action-Camps in Straßburg.[2] Das Verhältnis von Daten und Körpern bildete den Ansatzpunkt einer Intervention, die mit der Feststellung begann, dass Daten von Migrant_innen die EU-Grenze überschreiten und im Schengenraum zirkulieren können, während die Menschen selbst in Lagern und jenseits der EUropäischen Grenzen verharren müssen. Auf den Spuren von Lokalisationspunkten der Trennung von verkörpertem Subjekt und ihm zugeordneten Daten machte sich eine Kommunikationsguerillagruppe des Camps auf den Weg zum Rechenzentrum des Schengeninformationssystems (SIS II) und grub ein Netzwerkkabel aus, um sich mittels eines Laptops vermeintlich Daten des SIS II anzueignen und sie per Plug-in umzugestalten. Die Aktivist_innen machten es sich zur Aufgabe, über ein Kabel Zugang zu den ansonsten außerhalb ihres Zugriffs liegenden Data Doubles zu finden.

2011 nutzte der Wiener Aktivist Max Schrems die europäische Datenschutzgesetzgebung, um Facebook zur Herausgabe der über ihn gespeicherten Daten zu zwingen.[3] Er erhielt eine CD mit über 1000 Seiten von Facebook gesammelter Information, die keineswegs nur von ihm selbst gepostete Selfies, Chats oder Daten über seine Facebook-Freund_innen enthielt, sondern eine Art Schattenprofil, längst Gelöschtes, Meta-Daten wie Locations, IP-Adressen und benutzte Computer etc.[4] Seitdem bietet Facebook seinen Bewohner_innen standardmäßig eine Downloadfunktion für eine Kopie (einiger weniger) dort gespeicherter Daten an.

Alle drei Beispiele adressieren das komplexe Verhältnis zwischen Menschen und ihren sog. „Data Doubles“, d. h. den Ansammlungen von – freiwillig wie unfreiwillig abgesonderten – Datenspuren, über welche die Bewohner_innen digitaler Technökologien längst die Kontrolle verloren haben und die teilweise ein intransparentes Eigenleben führen. Fingerabdruckscanner in Hotspots des Migrationsregimes und soziale Medien wie Facebook werden hier zu Interfaces oder Schnittstellen zwischen verkörperten Subjekten und Data Doubles. Data Doubles können Visa und Aufenthaltsrecht, Kreditwürdigkeit und die Postings, Nachrichten oder Werbung, die wir in sozialen Medien zu sehen bekommen, beeinflussen. Sie fließen in Predictive-Policing-Software und die Kill-Listen der Drohnenkriege ein. Data Double und verkörpertes Subjekt werden zwar häufig als hybrid oder „cyborgisch“ diskutiert, der Tatsache jedoch, dass sie, wie besonders im Migrationsregime deutlich wird, in vielen Fällen als separierbar behandelt werden und sich durchaus als teilbar erwiesen haben, kommt relativ wenig Aufmerksamkeit zu. Fragen der Teilbarkeit und der freiwillig-unfreiwilligen Teilhabe sind über den Begriff „Dividuum“ und jenen der Dividuation diskutiert worden.[5] Hier sind wir notwendig Geteilte, immer in Prozesse/n unterschiedlicher Teilhabe – imaginär, affektiv, physisch etc. – involviert und konstituiert. Ohne diese Verwobenheiten aus dem Blick zu verlieren, soll es hier um eben jene Einschnitte gehen, die das Verhältnis zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double gestalten oder verfestigen. Dabei lenken wir die Aufmerksamkeit nicht nur auf Kategorien der Hybridität und Amalgamierung über Teilungen, sondern auf die Agentia der Teilung selbst, die Schnitte oder Divisionen und ihre Implikationen in den sie umgebenden Kontexten. Schließlich wollen wir Möglichkeitshorizonte streifen, die diese vereinheitlichende Zerstückelung – verstanden als ein Anhaften von Regimen an unterschiedliche Schnitte – irritieren, ihnen zuwiderlaufen oder sie freilegen.   


Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame

Intersektionen von Körpern und Technologien werden in den feministischen Science & Technology Studies seit Längerem als cyborgisch, als Assemblagen und Resultate jeweils spezifischer Grenzziehungspraktiken verhandelt.[6] Diese Konzepte wurden in Theoretisierungen der „surveillant assemblage“ weitergeführt. Die Surveillant Assemblage abstrahiert menschliche Körper von ihren territorialen Umfeldern, verwandelt sie in Datenflüsse und setzt diese wiederum als „Data Doubles“ (wieder) zusammen.[7] Sie macht aus Körpern Haraway’sche Cyborgs, „Flesh-Technology-Information-Amalgam[s]“[8]. Data Doubles fungieren hier als eine Art zusätzliches Selbst, das Einfluss auf den Zugang zu Ressourcen hat und Ziel von Marketing-Praktiken und gouvernementalen Regierungsweisen sein kann.[9] Obwohl in den Doubles eine (vorgebliche) Referenz auf Individuen angelegt ist, überschreiten sie jedoch die Logik der Repräsentation und sind letztlich sowohl als Mechanismen sozialer Kategorisierung zu verstehen, als „social sorting“, als auch als Aspekt kapitalistischer Wertschöpfung.[10]

Der Begriff „Data Double“ hat seine Berechtigung und seine Tücken. Als Hilfskonstruktion verweist er auf Dividuationen, die mit der Abstraktion von Körpern in Datenflüsse einhergehen, und weist das Individuum als unteilbares Einzelding zurück: Wir sind immer mindestens zwei, physisch und digital, und damit dividuell. Während das Konzept des Data Doubles damit einen ersten Eintritt ins Denken des Dividuellen ermöglicht, fällt der Begriff des „Doubles“ allerdings mit all seinen Bezügen auf literarische Traditionen auf die begrenzte Assoziation mit einer Doppelgängerin zurück, die ein ebenso klar umrissenes Einzelding impliziert wie das ihr als Referenzpunkt zugeordnete Individuum. In der Suche nach einem einzigen, eindeutigen, in sich abgeschlossenen Referenten, die der Begriff der Doppelgängerin hervorrufen kann, liegt also die Gefahr einer Irreführung. Gleichzeitig ist das Motiv der Doppelgängerin ein Ausdruck von Spaltungsfantasien, von Selbstspaltung oder Selbstzerteilung, die die Verwendung des Begriffs „Double“ wiederum rechtfertigen. Dividualität ist mit Raunig so eher als „Verteilung, spread, Streuung“ zu verstehen, die durch mannigfaltige Verkettungen und Durchquerungen konkreter Einzeldinge entsteht.[11] Um Dividuationen im Zuge der Digitalisierung zu verstehen, gilt es, eine Referenz auf die algorithmischen Prozesse aufzubauen, die digitale Daten fortwährend rekonfigurieren. Ein Data Double entsteht somit nicht allein als Abstraktion eines verkörperten Subjekts, sondern in algorithmischen Prozessen, die das Digitale fortwährend zerschneiden, neu verbinden und rekombinieren. Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt daher auch ganz unterschiedliche Versuche, diese digitalen Artefakte begrifflich zu fassen. Sie reichen von „Data Doubles“ und „identificatory body-bits“[12] über „Datenschatten“[13] bis hin zu „Datenspuren“[14] und „Datenflüssen“ und beschreiben Spaltungsartefakte in spezifischen digitalen Milieus. Während der Begriff „Data Double“ geeignet ist, Phänomene auf Facebook zu beschreiben, die „body-bits“ als Vorgänge der Biometrie konzeptualisieren, während es eher „Datenspuren“ sind, die etwa für Marketingzwecke ausgewertet werden, veranschaulicht der Begriff „Datenfluss“ die stetige Neukonfiguration von Daten, die etwa eine Adresse in einer Datenbank nicht zu beschreiben vermag. Es lohnt sich daher auch, je nach Milieu spezifische Begriffsarbeit zu leisten.

In digitalen Technökologien werden menschliche und nicht-menschliche Aktant_innen in Datenflüsse konvertiert und so – auf mannigfaltige Art und Weise – dem Prozessieren zugänglich gemacht.[15] Das Data Double existiert daher als notwendig dividuell in Referenz auf die digitalen Operationen, die es mit weiteren Dividuen prozessieren. Nun ist es eine Eigenschaft heutiger Machtkonfigurationen, das Subjekt als Einheit anzurufen und auch als solches zu prozessieren und dabei die rekombinierten Daten als gebrauchsfähigen Zuschnitt, als Double, erscheinen zu lassen. Der folgenreiche Schritt, der hier hervorgehoben werden soll, ist, dass auch Data Doubles als dividuelle Bedeutungseinheiten konfiguriert werden. Genau durch diese Bewegung, in der unendlich viele Datensätze durchkämmt und zerschnitten und dann wieder zusammengesetzt werden können, entsteht eine neue Möglichkeit des Regierens, die die französische Rechtswissenschaftlerin Antoinette Rouvroy als „algorithmische Gouvernementalität“ (algorithmic governmentality/gouvernementalité algorithmique) bezeichnet.[16] Diese zielt nicht mehr auf konkrete Personen ab, sondern adressiert mittels Technologien wie Risikomanagement, Data Mining oder Big-Data-Anwendungen Möglichkeitsräume und mögliche Verhaltensweisen, infra-individuelle Daten und supra-individuelle Profile, also Data Doubles, Schatten, Flows etc.[17] Sie sieht keine Konfrontation mit Subjekten mehr vor, sondern zielt auf Profile und vermeintlich daraus ableitbare potenzielle Verhaltensweisen ab (d. h. potenzielles Verbrechen, Visa-Überziehen, Konsum etc.), kann aber konkrete Auswirkungen auf Subjekte bzw. Subjektivierungen haben.[18] Algorithmische Gouvernementalität ist ein Versuch, antizipativ die Zukunft zu zähmen, indem die virtuelle Dimension dessen, was – unberechenbarerweise – hier und jetzt passiert, auf berechenbare Formeln oder Profile reduziert wird, anhand derer gehandelt werden soll.[19]

Zwar konnten auch in prädigitalen Zeiten Papierstapel von einem Schreibtisch zum nächsten, Akten von Behörde zu Behörde verschoben und als Repräsentationen bestimmter Subjekte behandelt werden; die Eigendynamik der Data Doubles und Datenflüsse, die Unüberschaubarkeit der Datenmengen, die Verknüpfung von wissentlich und unwissentlich, willentlich und unwillentlich abgesonderter oder zugeschriebener Information sind aber Spezifika digitaler Technökologien und wären ohne Big Data oder die Verknüpfung verschiedener Datenbanken kaum möglich. Rohdaten werden hierbei zu deterritorialisierten Signalen, die, im Unterschied zu älteren statistischen Logiken, nicht mehr Wissen über die Welt generieren und einer Interpretation bedürfen, sondern direkt von der digitalen Welt abgeleitet werden und absolute Objektivität versprechen.[20] Das hier weniger generierte als entdeckte Wissen und die Mechanismen, die es in digitalen Umwelten erlauben, verkörpertes Subjekt und Data Double zu separieren oder als separierbar zu behandeln, gilt es genauer zu betrachten.


Agentische Schnitte – digitale Schnitte

In den beschriebenen Technökologien trennt eine Vielzahl menschlicher und nicht-menschlicher Akteur_innen verkörperte Subjekte und Data Doubles in verschiedenen materiell-diskursiven Praktiken oder Apparaten: Einzelpersonen, die beispielsweise Fingerabdruckscanner und dazugehörige Datenbanken bedienen, Software, die Profile für Werbekunden erstellt, Algorithmen, die Datenströme über bestimmte Server routen, oder auch künstliche Intelligenzen produzieren Grenzziehungen innerhalb des Fleisch-Technologie-Informations-Amalgams. Sprechen wir hier von einem Subjekt, meinen wir also nicht eine autonome, emanzipierte oder handlungsfähige Einheit, sondern etwas, das sich kontingent im Gefüge gesellschaftlicher, sozialer und technischer Kräfteverhältnisse, also in „Subjektivierungsmilieus“, konstituiert.[21]

Deshalb verstehen wir das Subjekt zunächst als das Ergebnis eines agentischen Schnitts: Die feministische Objektivitätstheoretikerin Karen Barad geht davon aus, dass Subjekte, Objekte und Instrumente der Beobachtung immer schon miteinander verwoben sind, miteinander intra-agieren.[22] Erst in diesen Intraaktionen materialisierten sich Körper- oder Subjektgrenzen, die immer als temporär und lokal begriffen werden müssten. Um Phänomene trotz dieser Verwobenheit beschreibbar zu machen, führt Barad den Begriff des „agentischen Schnitts“ (agential cut) ein, der die temporäre und lokale Trennung von Beobachtenden, Beobachteten und Instrumenten der Beobachtung erlauben soll.[23] Da in ihrem Objektivitätskonzept klassische ontologische Exteriorität nicht existiert, muss „agentische Trennbarkeit“ erst durch agentische Schnitte hergestellt und Objektivität so ermöglicht werden.[24] Barad geht es also zunächst um Verschränkungen, mit all den damit einhergehenden Gestaltungsmöglichkeiten der Materialität, Handlungsfähigkeiten oder auch topologischen Veränderungen. Diese Verschränkungen sind intrinsisch mit Fragen menschlicher und nicht-menschlicher Grenzziehungspraktiken verbunden. Entitäten ergeben sich erst durch agentische Schnitte innerhalb von Phänomenen und produzieren dadurch neue Phänomene.[25] Es geht also nicht um absolute Differenzierungen und Unterscheidungen per se, sondern um bedeutungsvolle und materielle Einschnitte, die Verwobenheit eben nicht aufheben: „Phänomene beinhalten agentische Schnitte und diese Schnitte schaffen nicht einfach Trennungen. Vielmehr sind diese Schnitte dis/kontinuierlich, sie schneiden zusammen-auseinander (eine Bewegung) [...].“[26] Körper materialisieren sich demnach differenziell, und da agentische Schnitte nicht nur unser Wissen über Körper beeinflussen, sondern Körper selbst gestalten, bedeutet Objektivität, Verantwortung für die durch Schnitte hervorgebrachten Materialisierungen zu übernehmen.  

Die Schnitte, die bei Barad dazu dienen, feministische Objektivitätskonzepte zu realisieren, scheinen sich in digitaler Form in den Grenzziehungen zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double zu spiegeln – wenngleich hier sicherlich in den meisten Fällen nicht mit der Zielsetzung, feministische Objektivitätskonzepte zu realisieren. Dennoch glauben wir, dass Barads Konzept der agentischen Schnitte – gerade weil diese in eigentlich ontologisch untrennbare intra-agierende Komponenten temporäre und lokale Grenzziehungen einführen – dieses bislang etwas untertheoretisierte Phänomen beschreibbarer machen kann. Deswegen verstehen wir digitale Schnitte als temporär-lokale Trennungen oder Teilungen ansonsten hybrid oder interdependent funktionierender Komponenten der Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame. Diese Schnitte werden von menschlichen wie nicht-menschlichen Aktant_innen vorgenommen und sind mit einem spezifischen Wahrheitsanspruch verknüpft, da sie vermeintlich objektiv-reale Datenspuren bearbeiten. Zum einen gelten Rohdaten nicht als durch materiell-diskursive Praktiken erzeugtes Wissen, sondern als immanente digitale Wirklichkeit. Zum anderen sind digitale Schnitte temporär-lokale Separierungen, die Phänomene bilden, die dann wiederum unterschiedlichen Regimen und ihren jeweiligen Objektivitätsansprüchen unterliegen, wobei der Schnitt selbst nicht als wahrheitsproduzierend verstanden wird.

Digitale Schnitte können Data Doubles und Datenschatten von verkörperten Subjekten abtrennen oder Schnitte oder Teilungen innerhalb von Data Doubles vollziehen und sie in Datenflüsse verwandeln. Mit dem Konzept der digitalen Schnitte lassen sich sowohl Phänomene beschreiben, in denen diese Aufspaltungen willentlich und wissentlich vonstatten gehen, als auch solche wie die Einspeisung biometrischer Information in Datenbanken der Migrationskontrolle, bei denen von Freiwilligkeit keine Rede sein kann. Digitale Schnitte können von menschlichen und nicht-menschlichen Akteur_innen (wie künstlichen Intelligenzen) durchgeführt werden. Mithilfe der Schnitte können Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame verschiedenen rechtlichen, technologischen oder biopolitischen Regimen untergeordnet und in deren jeweiligen Logiken weiterverarbeitet werden. Neben landläufigen Akzentuierungen von Hybridität oder Amalgamierung gilt es ebenso zu untersuchen, wo und mit welchen Konsequenzen diese Kopplungen wieder aufgebrochen werden: In manchen Fällen, wie z. B. den quer durch Europa reisenden biometrischen Daten in Hotspots festsitzender Migrant_innen, bleibt mit dem Schnitt eine Referenz auf ein konkretes Individuum erhalten, in anderen, wenn z. B. Potenzialitäten verhandelt werden, ist die Loslösung von konkreten Subjekten programmatisch. Antiterrorbekämpfung mittels „risk alerts“ kann hierfür als Beispiel gelten: In deren Rahmen können spezifische Nachnamen, die Religionszugehörigkeit, Sprachkenntnisse oder Reiserouten etc. zu Risikopotenzialen werden. Es sind daher nicht konkrete Individuen, die im Namen von Sicherheit fokussiert werden, sondern fragmentierte Elemente eines angeblichen Risikos. Das potenziell gefährliche, dividuierte Subjekt wird also aus einem Amalgam von Teilelementen anderer Subjekte und Objekte zusammengesetzt.[27] In einigen Situationen erweisen sich die Schnittstellen zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double gleichzeitig auch als Schnitt-Stelle, als Instanz, die Schnitte durchführt, in anderen – z. B. bei der geheimdienstlichen Überwachung oder der Social-Network-Analyse der Drohnenkriege – haben Interfaces wie soziale Medien selbst wenig mit den Schnitten zu tun. Teilweise liegen agentische Schnitte in der Eigenlogik der jeweiligen Technologien begründet, z. B. entstehen die von Bridle beschriebenen algorithmischen Staatsbürger_innenschaften aus der Logik des Routings heraus. Ihre Auswirkungen reichen von existenzbedrohenden Einschnitten in die Gestaltbarkeit des einzelnen Lebens bis hin zur banalen Film- oder Produktempfehlung auf Netflix oder Amazon.  


Maschine-Werden und digitale Sanctuary Cities

Die eingangs vorgestellten Interventionen adressieren mit Mitteln des Rechts, des zivilen Ungehorsams, der Kunst und der Technologie verschiedene Ebenen der Aufspaltung von Fleisch-Technologie-Informations-Amalgamen: Bridles Plug-in dokumentiert mediale Eigenlogiken des Routings, die digital und immer wieder von Neuem Staatsbürger_innenschaft algorithmisch in etliche Sub-Staatsbürger_innenschaften aufsplitten und Data Doubles immer anderen Jurisdiktionen unterordnen. Das Projekt ist bemüht, Transparenz über bestimmte Schnitte herzustellen und Aufmerksamkeit für diese Prozesse zu erregen. Facebook-Kläger Schrems intervenierte mit den Mitteln des Rechts in eine intransparente Speicherpraxis und hat darüber zumindest eingeschränkten Zugriff auf vormals nicht zugängliche Aspekte von Data Doubles auf Facebook geschaffen. Die NoBorder-Camp-Aktivist_innen versuchten, mit einem Akt des zivilen Ungehorsams und der Guerillakommunikation auf symbolischer Ebene zu intervenieren und Aufmerksamkeit für die digitalen Schnitte des EU-Migrationsregimes zu schaffen.

Andere Ansätze versuchen etwas direkter, in die Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame einzugreifen und so manche digitale Schnitte überflüssig zu machen. Aus einer Datenlogik heraus spielen sie mit dem Maschine-Werden: Diverse Browser-Plug-ins oder Bots wie TrackMeNot, AdNauseam oder MakeInternetNoise produzieren automatisiert Anfragen oder Klicks für ihre User_innen und erstellen so Datenspuren aus Zufallsdaten, was zumindest manche Formen des Trackings und der Profilerstellung erschwert. Die so geschaffene Unordnung oder Multiplizierung durch Zufallsgeneratoren macht sich die Dividuation zu eigen, um die temporär-lokalen Trennungen zwar nicht aufzuheben, doch ihren Wahrheitsanspruch (im Sinne des Social Sortings) zu unterwandern – die Schnitte werden inhaltsleer. Diese Selbstzerteilung spielt mit der Tatsache, dass zeitgenössische Regime genau genommen nicht nur mit klassischen Subjekt-Objekt-Trennungen operieren, sondern wir uns immer in dividuellen Milieus oder Ökologien befinden, auch wenn Anrufungen als Subjekte oder Individuen erfolgen können. Die Dividuation soll hier, mit Ott gesprochen, „ungedachte Verhältnisse des Ineinanders zwischen taxonomisch und diskursiv geschiedenen Größen [...] und ihren konstitutiven Praktiken“[28] herstellen. Widerstandsmöglichkeiten, nicht so sehr, nicht dermaßen und nicht um diesen Preis regiert zu werden, unwahrnehmbar oder unlesbar zu werden etc., also politische Praxen und Kritik, beginnen nicht zwingend mit der Bildung einer Einheit (eines politischen kollektiven wie einzelnen Subjekts). Maschine-Werden bedeutet hier, sich die Logik der digitalen Schnitte zu eigen zu machen, die Vektorbewegung nachzuvollziehen, die Dinge durchquert, verbindet und rekonfiguriert, um sie etwa gegen kapitalistische Wertschöpfung zu richten. Dies bedeutet auch, sich herrschaftsförmigen Einhegungen in zu kategorisierende Subjekte zu entziehen und ein dividuelles Selbstverständnis zu betonen, das gebrauchsfähigen digitalen Schnitten widersteht.

Ein Konzept, das Rechenschaftspflicht und Verantwortung für digitale Schnitte innerhalb von Grenzregimen zumindest thematisiert, sind digitale Sanctuary Cities und Solidarity Cities. In den USA haben sich einige der Städte, die zum Schutz illegalisierter Migrant_innen nur sehr eingeschränkt mit den staatlichen Einwanderungsbehörden kooperieren und bestimmte City Services für Menschen ohne Papiere geöffnet haben, auch dem Schutze von Data Doubles verschrieben und Ansätze für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Phänomen digitaler Schnitte entwickelt.[29] Ein White Paper der Sunlight Foundation schlägt als Grundprinzipien von Digital Sanctuaries u. a. den verantwortungsvollen Umgang mit Dateneinspeisungen, die Vermeidung bzw. starke Einschränkung der Datensammlung, regelmäßige Datenlöschung, weitestgehende Anonymisierung von Daten, Transparenz und Möglichkeiten der Zustimmung oder Verweigerung der Datenspeicherung sowie starke Einschränkungen, was die Vernetzung von Datenbanken und den Austausch von Daten angeht, vor.[30] Auch in vielen europäischen Städten hat sich als Antwort auf den „langen Sommer der Migration“[31] eine transnationale Bewegung von Solidarity Cities formiert.[32] Zentrales Thema dieser Bewegung ist der Zugang für Migrant_innen zu Wohnraum, Gesundheitsfürsorge und dem Arbeitsmarkt, insb. für Personen mit eingeschränktem oder undokumentiertem Rechtsstatus. Sie heben hervor, dass bei jeder Begegnung mit Institutionen offizielle Dokumente und persönliche Daten verarbeitet und reguliert werden, was ultimativ Zugänge verwehrt. Digitale Sanctuary Cities akzentuieren damit die Rolle der lokalen Politik und Behörden innerhalb der staatlichen Regulierung der Migration und versuchen, Sorgepraktiken nicht nur auf Data Doubles auszuweiten, sondern auch auf lokaler Ebene verantwortungsbewusst mit digitalen Schnitten umzugehen. Dem geht die Einsicht voraus, dass kommunal erhobene Daten über Menschen, wenn auch nicht ursprünglich zum Zweck der Überwachung von Migrant_innen erstellt, sehr wohl für Überwachungsmaßnahmen verwendet werden können. Der Zugang zu Schulen, Arbeit, Wohnraum oder Gesundheitswesen ist immer mit Formen der Datenerfassung verbunden, die für manche gefährlich sein können bzw. über ihren Status oder ihre Deportierbarkeit entscheiden. Brigitta Kuster und Vassilis Tsianos sprechen daher von einer „digitalen Deportabilität“, d. h., dass die „Möglichkeit, abgeschoben zu werden, im glatten Raum des Datenflusses allgegenwärtig wird.“[33] Ein Aspekt, für den mit digitalen Sanctuary Cities Aufmerksamkeit geschaffen wird, ist, dass Datensicherung allein nicht genügt und dass die Sammlung von Daten über Stadtbewohner_innen generell limitiert werden muss. Ebenso geht es darum, Mitarbeiter_innen lokaler Behörden, in Bibliotheken, Arztpraxen und/oder Hausverwaltungen darüber aufzuklären, was „sensible Daten“ über Personen sind und unter welchen Umständen, mit welcher Transparenz und mit welchen möglichen Folgen diese gesammelt und gespeichert werden sollten. Es gilt also, die gesammelten Daten nicht nur zu limitieren, sondern sie auch einer angemessenen Verwaltung zu unterziehen, wozu sowohl das regelmäßige Löschen gehören kann als auch die Einschränkung ihrer Weiterleitung und die Vermeidung von Vernetzbarkeit.

Digitale Sanctuary Cities thematisieren die Aufnahme, Speicherung und das Teilen von Daten mit einem machtanalytischen Blick auf Grenzregime, rechtliche und soziale Ungleichheiten oder Prekarisierung, die allesamt eng mit digitalen Schnitten in Verbindung stehen. Diese Interventionen können als Schritte verstanden werden, diese Schnitte überhaupt als konkrete Praktiken und konstituierend für Lebenswirklichkeiten zu begreifen. Sie arbeiten nicht nur daran, die oftmals opaken Schnitte aus Blackboxes hervorzuziehen, sondern auch daran, sie in Verhandlungsräume zu überführen. Und zu verhandeln gäbe es vieles: Sollten die Rechte von Data Doubles oder etwa auch der Body-Bits – z. B. die Möglichkeit ihrer transnationalen Zirkulation – nicht weitaus enger mit den Rechten verkörperter Subjekte verknüpft werden – ist es doch gerade die Verschränkung aus verkörpertem Subjekt und Data Double, welche die Stasis des einen und die Bewegung des anderen ermöglicht? Sollte das Recht auf Unversehrtheit nicht auch für unsere biometrischen Daten gelten bzw. Unversehrtheit unter technologischen Bedingungen nicht gänzlich anders konzeptualisiert werden? Mit der Thematisierung digitaler Schnitte möchten wir ein in künstlerischer wie politischer Praxis bereits virulentes Thema um einen theoretischen Ansatz ergänzen, der es erlaubt, manche Blackboxes zumindest teilweise zu öffnen und ihre Inhalte ins Feld demokratischer Aushandlung zu transportieren. Das Phänomen der digitalen Schnitte ernst zu nehmen, bedeutet dann, cyborgische Bündnisse und Partner_innenschaften zu schaffen, in denen normative Ordnungsinstanzen wie das Recht ebenso zu Wort kommen können wie Unordnung stiftende Bots oder Anonymisierungstools für lokale Behörden in Sanctuary- oder Solidarity Cities. Und manchmal heißt es auch, nach Kabeln zu graben, um mit dem eigenen Data Double in Konversation zu treten.

 

[1] Bridle, James: „Algorithmic Citizenship“ (2015), http://citizen-ex.com/citizenship.

[2] Vgl. Hamm, Marion: „Ar/ctivism in physikalischen und virtuellen Räumen“ (2003), http://transversal.at/transversal/1203/hamm/de; Schmidt, Jürgen: „another war is possible // volXtheater“ (2003), http://transversal.at/transversal/1203/schmidt/de.

[3] Vgl. Coscarelli, Joe: „One Man’s War against Facebook on the European Front“ (2011), in: New York Mag (Oktober 2011), http://nymag.com/daily/intelligencer/2011/10/one_mans_war_against_facebook.html.  

[4] Vgl. „Europe vs. Facebook“, http://europe-v-facebook.org/EN/en.html.

[5] Vgl. Deleuze, Gilles: „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ (1993), in: ders.: Unterhandlungen 19721990, Frankfurt am Main, S. 254–262; Raunig, Gerald: Dividuum. MaschinischerKapitalismus und molekulare Revolution, Band 1 (2015), Wien/Linz/Berlin/London/Zürich; Ott, Michaela: Dividuationen. Theorien der Teilhabe (2015), Berlin.

[6] Vgl. Suchman, Lucy: „Feminist STS and the Sciences of the Artificial“ (2008), in: Hackett, Edward J.; Amsterdamska, Olga; Lynch, Michael; Wajcman, Judy (Hg.): The Handbook of Science and Technology Studies, Cambridge, MASS./London, S. 139–163, S. 150; Haraway, Donna: „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ (1991), in: dies.: Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature, New York, S. 149–181.

[7] Vgl. Haggerty, Kevin D.; Ericson, Richard: „The surveillant assemblage“ (2000), in: British Journal of Sociology, Jg. 51, Nr. 4, S. 605–622, S. 606.

[8] Ebd., S. 611.

[9] Vgl. ebd., S. 613.

[10] Vgl. ebd., S. 614; Lyon, David (Hg.): Surveillance as Social Sorting: Privacy, Risk and Automated Discrimination (2005), London/New York.

[11] Vgl. Raunig: Dividuum, a.a.O., S. 246.

[12] Pugliese, Joseph: Biometrics: Bodies, Technologies, Biopolitics (2010), New York/London, S. 23.

[13] Vgl. Stalder, Felix: „Privacy is not the antidote to surveillance“ (2000), in: Surveillance & Society, Jg. 1, Nr. 1, S. 120–124.

[14] Vgl. Reigeluth, Tyler: „Warum ‚Daten‘ nicht genügen. Digitale Spuren als Kontrolle des Selbst“ (2015), in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. 13, Nr. 2, S. 21–34.

[15] Vgl. Winkler, Hartmut: Prozessieren: die dritte, vernachlässigte Medienfunktion (2015), Paderborn.

[16] Vgl. Rouvroy, Antoinette: „The end(s) of critique. Data behaviourism versus due process“ (2013), in: Hildebrandt, Mireille; Vries, Katja de (Hg.): Privacy, Due Process and the Computational Turn: The Philosophy of Law Meets the Philosophy of Technology, Abingdon/Oxon, S. 143–167.

[17] Vgl. ebd., S. 152 und 161.

[18] Vgl. ebd., S. 152.

[19] Vgl. ebd., S. 152f.

[20] Vgl. ebd., S. 147.

[21] Vgl. Hörl, Erich: „Die technologische Bedingung. Zur Einführung“ (2011), in: ders. (Hg.): Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin, S. 7–53, S. 33.

[22] Vgl. Barad, Karen: Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning (2007), Durham/London, S. 197; Kämpf, Katrin M.; Mergl, Matthias: „Freeze! Eine queere Objektivitätsbricolage aus Karen Barads Empistem-Ontologie“ (2010), in: Degele, Nina; Schmitz, Sigrid; Mangelsdorf, Marion; Gramespacher, Elke (Hg.): Gendered Bodies in Motion. Opladen/Farmington Hills, S. 103–114.

[23] Vgl. Barad: Meeting the Universe Halfway, a.a.O., S. 148.

[24] Vgl. ebd., S. 140.

[25] Vgl. ebd., S. 148.

[26] Barad, Karen: Verschränkungen (2015), Berlin, S. 182. Vgl. auch Barad: Meeting the Universe Halfway, a.a.O., S. 394.

[27] Vgl. Amoore, Louise: The Politics of Possibility: Risk and Security Beyond Probability (2013), Durham/London, S. 131 [u. a.].

[28] Ott: Dividuationen, a.a.O., S. 63.

[29] Vgl. Misra, Tanvi: „The new ‚digital‘ sanctuaries“ (2017), https://www.citylab.com/equity/2017/11/new-digital-sanctuary-cities/541008. Zur Kritik an den Sanctuary Cities, die letztlich auch als eine Form des Regierens von Migration gelesen werden können, vgl. Mancina, Peter: In the Spirit of Sanctuary: Sanctuary-City Policy Advocacy and the Production of Sanctuary-Power in San Francisco, California (2016), Diss. Vanderbilt University, Nashville, TN., http://etd.library.vanderbilt.edu/available/etd-07112016-193322/unrestricted/Mancina.pdf.pdf.

[30] Vgl. Sunlight Foundation: „Protecting Data, Protecting Residents: 10 Principles for Responsible Municipal Data Management“ (2017), https://sunlightfoundation.com/wp-content/uploads/2017/02/Protecting-data-protecting-residents-whitepaper.pdf.

[31] Kasparek, Bernd; Speer, Marc: „Of Hope. Ungarn und der lange Sommer der Migration“ (2015), http://bordermonitoring.eu/ungarn/2015/09/of-hope/; Hess, Sabine; Kasparek, Bernd; Kron, Stephanie, Rodatz, Mathias; Schwertl, Maria; Sontowski, Simon (Hg.): Der lange Sommer der Migration. Grenzregime III (2017), Berlin/Hamburg.

[32] Vgl. etwa Ajuntament de Barcelona: „Solidarity Cities: A network of European cities uniting to manage the refugee crisis“, https://ajuntament.barcelona.cat/digital/en/noticia/neix-solidarity-cities-una-xarxa-de-ciutats-europees-unides-en-la-gestio-de-la-crisi-de-refugiats_417232; Solidarity City Berlin: „Über uns“, http://solidarity-city-berlin.org/about-us.

[33] Kuster, Brigitta; Tsianos, Vassilis S.: „Erase them! Eurodac und die digitale Deportabilität“ (2013), https://transversal.at/transversal/0313/kuster/de.