08 2018

Idee eines transdividuellen Netzwerksystems

Anmerkungen zur Annäherung

Raúl Sánchez Cedillo

Aus dem Spanischen von Gerald Raunig

In diesem Text möchte ich die wirkende Kraft und das theoretische und politische Vermögen untersuchen, die dem Modell eines emergenten, autopoietischen, offenen und damit transdividuellen Netzwerksystems innewohnen.[1] Dieses transdividuelle Netzwerksystem ist sowohl ein Ding als auch ein Subjekt, und insofern können wir es nicht aus einer Opposition oder Dialektik zwischen Subjekt und Objekt erklären. Als Gefüge von Körpern und Maschinen, von Algorithmen und Ideen ist das transdividuelle Netzwerksystem ein untrennbares Subjekt/Objekt, eine Produktion von Subjektivität, die eng mit den Formen des politischen Ausdrucks der zeitgenössischen Multitude verbunden ist.

Das transdividuelle Netzwerksystem ist keine reine Idee, keine bloße theoretische Erfindung: Wir können es aus seinem Erscheinen in der Geschichte, aus seinem Eintritt in die Existenz ableiten: Es wurde in den Revolten von 2011 geboren, und seine charakteristischen Merkmale formten sich besonders in und um den spanischen 15M aus.[2] Dies ist nicht weiter überraschend, vielmehr ist – in Fortsetzung und Übereinstimmung mit dem, was ich andernorts (in größerer Nähe zur Zeit und zu den Orten dieses Zyklus) geschrieben habe – meine Hypothese hier, dass das transdividuelle Netzwerksystem untrennbar mit dem Vermögen zu Revolte und Ungehorsam verbunden ist: Es handelt sich um eine revolutionäre ontologische Einheit, die im Herzen der spezifischen Gegensätze des maschinischen Finanzkapitalismus entsteht.

Wenn die Frage nach dem transdividuellen Netzwerksystem heute gestellt wird, können wir, fast ein Jahrzehnt nach seinem mächtigen und heftigen Auftreten, die zeitliche Distanz dazu nutzen, seine Größe und Neuheit besser zu verstehen. Die Szenarien von Diktatur, Apartheid und allgemeinem Krieg, die jetzt (in politischer wie wirtschaftlicher, produktiver wie rechtlicher Hinsicht) zur Schließung des historischen Kapitalismus führen, erlauben es uns auch, auf andere Weise die Besonderheit dieser Ereignisse zu schätzen, die in der Lage dazu waren, einen radikalen Einschnitt in der programmierten Bestimmung des kapitalistischen Weltsystems zu manifestieren und zu organisieren. „Ephemer“ wird dieser Einschnitt genannt werden, „ambivalent“, und daher in den Augen des neuen globalen Stalinismus „verdächtig“.

Es sei daran erinnert, dass die Widersprüche der politischen Verfassung des Weltmarktes explodierten, nachdem die Anschläge von 9/11 Anlass für ein Regime des „globalen Kriegs gegen den Terror“ gewesen waren. Hier wurden die oligarchischen Interessen des US-amerikanischen Hegemons mittels eines internen Putsches durchgesetzt, um die Beherrschung der Weltmärkte zu sichern – dies auf Basis der imperialistischen Militärmacht und der Einführung eines Systems der verallgemeinerten Überwachung und des modularen Ausnahmezustands in der atlantischen Welt. Die neoliberale Konterrevolution wurde davon nicht in Mitleidenschaft gezogen: Vielmehr war sie in der Lage sich anzupassen – vom Silicon Valley bis zu den großen Finanzmärkten zehrte sie von den unterschiedlichen Spekulationsblasen und gründete darauf ihre Strategie der Rendite und der sozialen Hierarchie, in den atlantischen konstitutionellen Demokratien genauso wie in den in unterschiedlichem Grad autoritär regierten Schwellenländern. Mit der Entfesselung der andauernden und gegenwärtigen globalen Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 deuteten einige Monate der Verwirrung der atlantischen Eliten jedoch darauf hin, dass eine neue Schraube in der immer schon prekären Beziehung zwischen Demokratie und Kapitalismus bevorstehen würde.

In dieser Phase des Übergangs, die heute in der atlantischen Welt vorherrscht, geht es um die höllische Wahl zwischen Schuldenpolitik und Hyperfinanzierung samt ihren sozialen Schichtungssystemen (mit Dispositiven der Verschuldung und dem differenziellen Zugang zur parasitären Rendite) auf der einen Seite und den Populismen der extremen Rechten, die sich auf dem Vormarsch befinden, auf der anderen Seite. Diese haben ihre Beziehung zu den Mega-Maschinen des globalen Finanzsystems noch nicht „entschieden“, doch sie zielen eindeutig darauf ab, ein koloniales Dispositiv in die Systeme der Verschuldung und der parasitären Rendite innerhalb der Gesellschaften und Metropolen der atlantischen Zentren einzuführen, d. h. die Gewalt des Finanzsystems und der Staatsapparate mit Versuchen einer „konservativen Revolution“ zu verbinden. Eher als auf einen alten oder neuen Faschismus scheint der Konsens der Klassen des Kapitals auf die Etablierung von Regimen der Apartheid innerhalb der postkolonialen Gesellschaften des Zentrums des Weltsystems hinzuweisen. Dieser „Apartheids-Attraktor“ wird zum Mittelpunkt der Erzählungen und der „vernünftigen“ Ziele der sich bewegenden Konstellation.

Dem gegenwärtigen Übergang ging jedoch das Auftauchen verschiedener Herde der Revolte seit dem Jahr 2011 voraus, in Tunesien, in Ägypten, in Spanien, in den USA, in Russland, in der Türkei und in Brasilien. Eine neue Art von anti-oligarchischer demokratischer Revolte erschien auf der globalen Szene, sowohl lokal als auch global. Wie wir wissen, haben diese Revolten zu aufeinanderfolgenden Niederlagen und Schlappen geführt. Aber das interessiert hier nicht (und zudem kann man im Falle Spaniens nicht kategorisch von einer „Niederlage“ und noch weniger von einer „Schlappe“ sprechen, sondern vielmehr von einer Strategie der Erschöpfung und Demoralisierung). Was uns sehr wohl interessiert, ist darauf hinzuweisen, dass die aktuelle „konservative Revolution“ in Reaktion auf die Revolten von 2011 entstand. In der Tat bedienen sich die Äußerungsgefüge der neuen rassistischen Nationalismen der gleichen Erzählschemata wie jene der 1920er- und 1930er-Jahre.[3] Sie variieren den Sündenbock der jüdisch-freimaurerisch-bolschewistischen Verschwörung durch die Drohgestalt der globalistischen und kosmopolitischen Eliten und ihrer angeblichen Machenschaften: finanzielle, militärische und islamische für Putin; westliche und antiislamische für Erdoğan; jüdische und euroatlantische für Orbán. Aber die Bezugspunkte dieser neuen Dolchstoßlegenden sind in jedem dieser Fälle die jeweiligen Revolten des Zyklus von 2011, die als globalistische Verschwörung gegen die Unabhängigkeit und Identität des Vaterlandes gelten.

Im spanischen Fall war es nicht so. Wir sollten weiterhin darauf bestehen: Die 15M-Bewegung machte präventiv und temporär die Wettbewerbsvorteile der rassistischen und faschistischen Kräften zunichte und schuf ein günstiges Szenario für Prozesse der Emanzipation und des Bruchs mit dem Regime der Austerität und der Schulden. Daher fragen wir aus der Distanz zum Ereignis nach den nicht geknackten Schlössern zum Herzen der 15M-Bewegung, nach der Intensität, der Dichte, der Komplexität, der Dauer und den unauslöschlichen Wirkungen des transdividuellen Netzwerksystems, die zu dieser Zeit auftraten. Die Voraussetzung für diese Frage muss klar sein: Trotz seiner Seltenheit und seines Charakters als eines eventum tantum[4] setzt das Erscheinen des Phylums der Netzwerksysteme ein Vorher und ein Nachher voraus; es setzt darüber hinaus eine rückwirkende Glättung der Geschichte der modernen und zeitgenössischen Aufstände voraus. Dies führt dazu, dass wir es nicht in der Modalität der Nostalgie denken, andererseits aber auch nicht in der Modalität des reinen Nutzens seiner Wirkungen, sondern vielmehr in der Modalität seiner Suche und seiner unzeitigen Wiederholung. Félix Guattari schrieb in den späten 1980er-Jahren über den Eintritt in das Zeitalter der globalen Informatisierung – nach den historischen Brüchen des „Zeitalters des europäischen Christentums, das von einer neuen Konzeption der Beziehungen zwischen der Erde und der Macht geprägt war“, und jenen des „Zeitalters der kapitalistischen Deterritorialisierung der Wissens- und Technikformen, das auf Prinzipien der verallgemeinerten Äquivalenz basierte“[5]: Weit davon entfernt, damit auf eine Art technologischer Überwindung der Widersprüche dessen abzuzielen, was Guattari den „integrierten Weltkapitalismus“[6] nannte, eröffnete die globale Informatisierung völlig neue Alternativen, dabei aber solche, die den vorhergehenden Auseinandersetzungen nicht fremd waren, in denen die schlimmsten Kriege, die verderblichsten Faschismen, die schlimmsten ökologischen Katastrophen mit neuen Modalitäten der Emanzipation, der Demokratie und des Kommunismus um die Möglichkeit ihrer Wahrscheinlich-Werdung gestritten hatten.

Heute muten die emanzipatorischen Szenarien des Jahres 2011 vergangen an. Das Internet scheint endgültig von Plattformen kolonisiert, die die lebendige Arbeit der vernetzten Gehirne extrahieren; die Algorithmen zur Messung der Aufmerksamkeit, zur Vorhersage und Vorherbestimmung von Optionen, zur Überwachung und Nachforschung regieren es im Dienst von Mega-Plattformen und Polizeistaaten; was die subjektive Atmosphäre betrifft, werden die sozialen Netzwerke von Erzählungen voll von Hass, Ausgrenzung und Krieg überschwemmt, von denen sich die sog. Alt-Right nährt und, ganz allgemein, die neuen Kräfte, die aggressiven Nationalismus und Formen der Apartheid fördern. Ihrerseits sind die angeblich alternativen Libertären auf der Basis von Blockchain-Architekturen nichts als Korrelate von archaischen Wertuniversen (Besitzindividualismus, Goldstandard-Fanatismus etc.), von Delirien der kulturellen und zivilisatorischen Überlegenheit und von Fantasien der Unendlichkeit und Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen und Energiequellen. Und Silicon Valley, die „Parallelaktion“ von Ingenieur_innen, Star-Manager_innen und neuen Kapitän_innen der digitalen Industrie, erwartet die Ankunft der „Singularität“, als ob es sich um die Apokatastasis handele, die Rettung der Auserwählten, eine Gesellschaft wie die, die in Altered Carbon beschrieben wird.[7]

Zur gleichen Zeit, und das ist besonders wichtig für den Fall der Post-15M-Szenarien in Spanien, haben wir den Versuch erlebt, den Kräften des austeritären Neoliberalismus und den Kräften der konservativen Revolution mit einem populistischen Dispositiv zu begegnen.[8] Hier müssen wir uns unter Populismus ein bestimmtes Gefüge der Parolen und Slogans, eine Arbeit der Programmierung von Signifikanten und Emotionen oder sogar eine Arbeit entlang und an Begehrensstrukturen vorstellen, wobei die populistischen Theoretiker_innen mit „Begehren“ das Objekt klein a des Mangels und der Unvollständigkeit meinen, den abwesenden Namen des Unglücks und der Subalternität.[9] In dieser Hinsicht ist es wichtig, darauf zu bestehen, dass diese Politik der Leidenschaften auf den Wirkungen des transdividuellen Netzwerksystems beruht und keine davon unabhängige, emanzipatorische Alternative darstellt. Ihr Charakter als eine Technologie der Macht und der Regierung, als eine Ingenieurswissenschaft der Leidenschaften, verdankt viel den sorelianischen Überlegungen Gramscis über die Leidenschaften und den Mythos.[10] Sie weist in Richtung der Affekte als ontologischer Kraft, reduziert sie aber auf irrationale Ausdrucksweisen, die dazu benutzt werden sollen, das Verstreute und Fragmentierte zu vereinen und eine organische Kraft aufzubauen, die es ermöglicht, die Macht im Staat zu erlangen. Insofern stellt sich der angebliche politische Realismus der populistischen Option als voluntaristischer Idealismus heraus, vor allem im Lichte der todbringenden Leidenschaften, die jetzt von den Äußerungsgefügen der neuen rassistischen und nationalistischen Rechten genährt werden.

Es ist wesentlich, die Art und Weise zu erkennen, wie der 15M – wie das Werden – außerhalb der Geschichte steht, sich aber zugleich in seinen Resultaten oder, um genauer zu sein, in seinen Transformaten[11] in sie einschreibt. Manche werfen ihn als Leichtgewicht aus der Geschichte, weil er keine Todesfälle und nicht viele Verhaftungen mit sich brachte, als ob diese ein Zertifikat der ontologischen Dichte eines politischen Ereignisses wären. Es ist lächerlich, dass diese Leidenschaftslosigkeit der Geschichte ein Ereignis betrifft, das nicht einfach die Geschichte wiederholen, sondern ein Werden gegen die Bestimmung der ununterbrochenen oligarchischen Herrschaft im Königreich Spanien aktivieren wollte.


Die Konturen des transdividuellen Netzwerksystems

Ein transdividuelles Netzwerksystem hat nichts mit Programmierung oder algorithmischer Aufbereitung von Verhaltensweisen oder mit neuronaler Stimulierung zu tun. In einem solchen Fall müssten wir von „Neuropolitik“ oder, sinnvoller, von „neuronalem Marketing“ sprechen, ganz gleich, ob es sich als unternehmerische Tätigkeit darstellt oder als politische Tätigkeit im Zusammenhang mit Wahlen.

Mit seltenen Ausnahmen operiert die Semantik der politischen Aktion weiter mit Kategorien der Festkörperphysik aus dem 17. Jahrhundert wie Kraft, Masse, Widerstand, Revolution, Bewegung, Aktion, Reaktion. In geringerem Ausmaß hat das 20. Jahrhundert Begriffe aus der Thermodynamik des 19. Jahrhunderts wie Ebbe und Flut oder die kritische Masse in diese Semantik eingebracht. Die politische Ökologie hat ihrerseits andere Begriffe wie Synergie, Resilienz usw. eingeführt, die aus der Systemtheorie, der Thermodynamik und der statistischen Physik stammen. Natürlich hat alle Welt schon mal den Begriff „System“ gebraucht, aber er wird nur selten nicht als Metapher für einen feindlichen Moloch verwendet. Allerdings nutzen immer mehr Parteien, Gewerkschaften, NGOs und Bewegungen die Statistik und zunehmend auch die Netzwerk-Theorie.

Freilich ist hier eine coupure, ein Schnitt, notwendig. Aber im Gegensatz zum „szientistischen“ Althusser und eher dem Althusser der „Selbstkritik“ folgend muss die neue politische Semantik physikalischen und mathematischen Ursprungs sich mit den politischen und existenziellen Brüchen verbinden, die ihren Gebrauch produktiv und maßgebend machen. Der Zyklus von 2011 ist ein Paradebeispiel dafür. Doch was von den munizipalistischen Stadtregierungen in Spanien nun „Technopolitik“ genannt wird, besteht im Wesentlichen in der Einführung einer Software für Vorschläge, Diskussionen und Beratungen als partizipativen Ergänzungen des Handelns der Regierung, deren Vorrechte auf das Monopol der Legalität und der politischen Autorität dadurch in keine Weise angetastet werden.

Ein transdividuelles Netzwerksystem ist weder ein Modell künstlicher Intelligenz, noch ist es eine digitale Plattform, die ihre Programme auf die Handlungen menschlicher Wesen ausrichtet. Es ist wichtig, das zu betonen, um jeder rein informatischen Auslegung seiner Existenz und Aktivität entgegenzutreten, mit der Befürworter_innen des algorithmischen Social Engineerings sich genauso zufrieden geben können wie die technophoben Strömungen, die Ethik und Politik im Zeitalter der globalen Informatisierung ihres Inhalts entleeren.

Es lässt sich sagen, dass das transdividuelle Netzwerksystem emergent ist, da es in der Mitte von etwas auftaucht, als ein nicht a priori bestimmtes oder bestimmbares Ergebnis einer Zusammensetzung heterogener Komponenten. Es ist autopoietisch, da es in der Lage dazu ist, ausgehend von einer punktuellen Schließung Transformationen seiner inneren Eigenschaften zu tätigen. Es kann nur offen sein, da es als Gefüge der Gefüge von Maschinen und Körpern, von kollektiven Agent_innen der Äußerung und von Netzwerken der Netzwerke ein System darstellt, das weit entfernt davon ist, im Gleichgewicht zu sein, ein System, das nicht aufhören kann, sich (neu) zusammenzusetzen, sich (neu) zu fügen, sich an seinen Schwellen der Konsistenz und der Persistenz und gemäß seinem Prozess der Selbstkonstituierung in Verbindung mit den Umgebungen, mit denen es in Kontakt tritt und kommuniziert, zu modifizieren.

Das transdividuelle Netzwerksystem operiert mit heterogenen Verteilungen von Singularitäten, und in diesem Sinn ist es untrennbar von einer dividuellen Politik, d.h. von ethischen Vektoren, in denen sich die Beziehungen zwischen Mannigfaltigkeiten entsprechend differenziellen Matrizen der Dividuierung entscheiden. Ich nenne es „transdividuell“, weil die Entfaltung seiner ethischen und politischen Vektoren zu Resultaten (oder Transformaten) führt, die die Verteilungen von Singularitäten dazu bringen, ineinander zu mutieren.

An diesem Punkt wollen wir auf die Theorie der vier ontologischen Funktoren von Gefügen bei Félix Guattari zurückkommen, die es erlauben, überaus heterogene und deterritorialisierte Systeme und Prozesse zu „metamodellieren“.[12] Bekanntlich teilt Guattari die deterritorialisierten Entitäten in vier Typen von Funktoren ein, nämlich: die endlichen existenziellen Territorien, die ausgehend von syntagmatischen Ausdrucksketten fraktale Schnitte eines prekären Für-Sichs und einer prekären Alterität setzen, ob sie nun semiotisch sind oder nicht; die unkörperlichen Universen des Werts und der virtuellen Alterität, die sich in Konstellationen gruppieren; die Phyla der abstrakten und konkreten Maschinen, die alle Arten von propositionaler Syntax ermöglichen, seien sie semiotisch oder nicht, und die unterschiedliche Grade der (Hyper-)Komplexität und der Hybridisierungen und Interaktionen zwischen Filiationen und maschinischen Modulen aufweisen; und schließlich die materiellen und energetischen Ausdrucksflüsse.[13]

 

Die Gradienten der Deterritorialisierung ordnen sich, den Achsen des Parallelogramms entsprechend, in folgender Weise an:

 

Die Gradienten größerer Deterritorialisierung sind vorherrschend gegenüber denen mit geringerer Deterritorialisierung, und zwar gemäß der Matrix der Beziehungen zwischen den vier Funktoren und entsprechend den Bereichen des Möglichen, des Realen, des Virtuellen und des Aktualen. Die unkörperlichen Wertuniversen ermöglichen sich, die virtuellen existenziellen Territorien realisieren (existenzialisieren) sich, während die möglichen maschinischen Phyla sich, ebenso wie die materiellen Flüsse des Realen, aktualisieren.[14]

Die Referenzfelder der Definition des transdividuellen Netzwerksystems verweisen besonders auf die Graphentheorie, die Systemtheorie und auf Komplexitätstheorien, u. a. auf die Teilchenphysik. Und dennoch ist es in erster Linie dadurch definiert, dass es subjektiv existiert, dass es heterogene Verkettungen von Familien informatischer Maschinen mit den sozialen Feldern und damit mit menschlichem Denken und menschlichen Körpern und ihren Beziehungen eröffnet und zum Existieren bringt und so ein subjektives, mutierendes und intensives existenzielles Territorium konstituiert.

Das transdividuelle Netzwerksystem hat viele Ebenen, weil seine Topologie organisatorisch aus heterogenen Ausdrucksschichten besteht, den biologischen Schichten ebenso wie den verschiedenen Schichten der algorithmischen Informatik sozialer Netzwerke oder der Kommunikation analoger sozialer Netzwerke, soweit diese noch existieren. Es handelt sich also nicht um informatische oder thermodynamische Metaphern, sondern um Werkzeuge für eine subjektive und politische Pragmatik, in der die unkörperlichen Wertuniversen (seien sie ethisch, ästhetisch, philosophisch oder mathematisch) und ihre Verbindungen mit den Filiationen der abstrakten Maschinen sich auf die Produktion von Subjektivität beziehen: Sie bringen ein endliches existenzielles Territorium hervor, das prekär ist und dennoch dazu in der Lage, Prozesse der Selbstreferenz und einen strategischen conatus für die dividuelle Verteilung der Singularitäten herzustellen.

Ein grundlegendes Beispiel für die Beziehung zwischen unkörperlichen Wertuniversen und physiko-energetischen Maschinensystemen sind die Bitcoin und ganz allgemein die Blockchain-Technologie. Sie unterstreichen die Inkonsistenz des Gefüges, wenn das Wertuniversum aus Vertrauen und Kredit infolge des fanatischen Besitzindividualismus im Gefüge abgetrennt, neutralisiert oder auf sein Minimum reduziert wird. Der Energieaufwand für die rein algorithmische Substitution des kognitiv-affektiven Dispositivs des Vertrauens macht das Gefüge unzugänglich und führt es früher oder später in schwarze Löcher oder zu einer parasitären Existenz in einer privilegierten Nische.

Das transdividuelle Netzwerksystem funktioniert durch Aneignung in Bezug auf andere Teilsysteme, mit denen es wiederum agonistisch-antagonistische Beziehungen etabliert: Die Agonismen können sich durch seine Mutationen und Komplizierungen auflösen, womit sein ontologisches Vermögen erhöht wird, während die Antagonismen einen Verlust seiner Konsistenz und seines Beharrungsvermögens hervorrufen können, was zu seinem Verschwinden führt. Das transdividuelle Netzwerksystem kann die Antagonismen aber auch neutralisieren, sie zusammenbrechen lassen oder sogar in einem kybernetischen Sinn „versklaven“.

Ebenso ist ein transdividuelles Netzwerksystem nicht in einem deterministischen Sinn vorhersagbar, aber es eignet sich, ausgehend von jedem seiner Metastadien, für Wahrscheinlichkeitsrechnungen. In diesem Sinne kann das Ziel dieses Netzwerksystems weder Sicherheit noch Vorhersage oder Messung sein. Hier muss daran erinnert werden, dass das Netzwerksystem im Gegensatz zu Strategiespielen wie Schach oder Go mit strategischen Operationen spielt, bei denen die versteckte Information dominiert. Daher, einerseits, auch das Interesse an der Konzeption des Glaubens bei William James (1897):

„IV. […] Die Gefühlsseite unseres Wesens darf nicht nur, sondern muss eine Option zwischen verschiedenen Behauptungen entscheiden, wo es sich um eine echte Option handelt, welche ihrer Natur gemäß nicht aus intellektuellen Gründen entschieden werden kann; denn wenn man unter solchen Umständen sagt: ‚Triff gar keine Entscheidung, sondern lass die Frage offen!‘, so ist dies selbst eine gefühlsmäßige Entscheidung, ebenso wie wenn man sich für Ja oder Nein entschiede und mit derselben Gefahr verknüpft, die Wahrheit zu verlieren. […]

X. Bei Wahrheiten also, welche von unserem persönlichen Handeln abhängig sind, ist ein Glaube, welcher auf dem Wunsch beruht, sicherlich etwas Berechtigtes und vielleicht etwas Unentbehrliches.[15]

Auf diese Weise operiert das transdividuelle Netzwerksystem in der Entscheidung – gemäß seiner den Bayes’schen Netzen der Äußerung analogen Struktur – nach nicht-deterministischen Algorithmen. Oder besser gesagt, ist die Entscheidung in ihm weder einzigartig noch endgültig, sondern das Resultierende (das Transformierende) seiner nicht-deterministischen rekursiven Prozesse. Denn diese enthalten in jedem Moment Zufallsvariablen als Produkte der sich ständig verändernden Verteilungen im Herzen des transdividuellen Netzwerksystems. In diesem Sinne können wir es vom funktionalen Standpunkt aus als eine nicht-deterministische Turing-Maschine verstehen. Was wir hier haben, ist also eine Pragmatik von Wahrscheinlichkeitsverteilungen, die als Bayes’sche Netze, Glaubensnetzwerke, konstituierende Netzwerke operieren. Hier findet sich ein Schlüssel zum Verständnis der „verteilten Führung“ der Kämpfe in der Technopolitik.


Möglichkeitsbedingungen und Kontingenz: Wie funktionierts?

Die grundlegenden Fragen lauten: Wie entsteht ein transdividuelles Netzwerksystem? Was sind seine Möglichkeitsbedingungen und seine Wahrscheinlichkeitsregime? Wie lebt und „stirbt“ es, wie und unter welchen Bedingungen besteht es in der Zeit, in der Dauer fort, kann es überhaupt andauern?

Betrachtet man den Fall der spanischen 15M-Bewegung, hat das transdividuelle Netzwerksystem wie etwas operiert, was Gilles Deleuze als einen „dunklen Vorboten“[16] bezeichnet hat, einen verborgenen Operator, der dazu in der Lage ist, eine politische Heterogenese zu bestimmen, und zwar ausgehend von den Unterschieden im Empörungspotenzial, in den Interessenslagen, im generationalen Unbehagen, in den Asymmetrien zwischen Städten und Dörfern, im Wahlverhalten usw.

Die Affekt- und Äußerungsflüsse, die in den digitalen und analogen sozialen Netzwerken zirkulieren, bilden einen immensen General Intellect, der empfindet und leidet. Die generische Lebenstätigkeit in den Netzwerken ist von sich aus lebendige Arbeit, eine Wirkung physischer und psychischer Energie; aber sie ist auch Produktion. Was aber ist Produktion? Betrachtet man die Plattformen des digitalen Kapitalismus, so handelt es sich um die Produktion von Daten, also Kodifizierungen von Wort-, Bild-, Ton- und Gefühlsflüssen. Jedoch ist offensichtlich, dass noch etwas anderes produziert wird, auch wenn es nicht sofort von den Plattformen erfasst wird. Mit Marazzi und anderen können wir sagen, dass Menschlichkeit produziert wird: In dieser Kooperation werden in hohem Ausmaß die Produktionsbedingungen in ihrer Gesamtheit re/produziert. Das Internet und insb. soziale Netzwerke sind Säulen der sog. „anthropogenetischen Produktion“.[17] Die Unterscheidung zwischen maschinischer Arbeit und menschlicher Arbeit erfährt dabei Trübungen, die mit der kapitalistischen Verfassung der Körper-Maschine verbunden sind, d.h. mit der Subsumtion der Zusammenarbeit zwischen den Gehirnen (und Körpern) in den Systemen der algorithmischen Informatik. Die Maschinenkörper entwickeln sich mehr und mehr zu unterschiedlichen Systemen der maschinischen Indienstnahme, also der modularen Vereinnahmung durch algorithmische Maschinen, die bestimmte neuronale Prozesse kontrollieren, vorhersagen, unterbrechen, stimulieren. In diesem Sinne lebt, arbeitet und funktioniert die zerebrale und sensomotorische Wetware – und damit die kognitive und affektive Aktivität – in dieser Hybridisierung, einer Dimension der kapitalistischen Ausbeutung, die verschieden ist von der Extraktion absoluten oder relativen Mehrwerts in Übereinstimmung mit der sozial notwendigen Arbeitszeit. Mit der Etablierung des Zeitalters der globalen Informatisierung wird die modulare Erfassung von Körpern und Gehirnen durch die maschinischen Systeme des informationellen Kapitalismus immer intensiver und dichter. Auf diese maschinische Ausbeutung und ihre Auswirkungen in Form von Leid und tiefem persönlichen Unglück müssen wir zielen, wenn wir nach den Katalysatoren des Auftauchens des transdividuellen Netzwerksystems suchen.

An anderer Stelle habe ich die Hypothese formuliert, dass das transdividuelle Netzwerksystem aus einer Rebellion des maschinischen Unbewussten entsteht.[18] In Distanz zu jeder freudianischen Formulierung ist das Unbewusste erstens als eine Dimension zu verstehen, die nicht dem Bewusstsein entgegengesetzt ist, sondern bewusst gemacht werden und ausschlaggebend sein kann, und zweitens müssen wir das Umfeld der hyperterritorialisierten Stoffwechsel der vier ontologischen Funktoren verstehen. Insofern kann man mit Guattari gar von „vier Unbewussten“ sprechen. Zwischen ihnen gibt es keine absolute Trennung; die Prozesse des einen und des anderen gehen einander begleitende, transitive, aber auch gegensätzliche oder sich überlappende Beziehungen ein. Das Ausmaß ihres Einflusses auf die Produktion von Subjektivität ist indes deutlich verschieden.

Das subjektive Unbewusste müssen wir grundsätzlich in Bezug zur individuierten und persönlichen Äußerung und zu den entsprechenden neurotischen Reterritorialisierungen verstehen, etwa der persönlichen Identität, der Normalisierung und vor allem der Repräsentation. Selbstverständlich ist es wehrloser im Hinblick auf die modularen Vereinnahmungen durch die Maschinismen des Kapitals und deren Kontrolle der Äußerung. Die algorithmische Kontrolle des subjektiven Unbewussten wird durch soziale Netzwerke, Selbsthilfetechniken, Coaching etc. immer realer.

Das materielle Unbewusste dagegen hat mit der expressiven Proliferation der verschiedenen nicht-semiotischen geschichteten Ströme zu tun. Es ist sozusagen das Unbewusste des Fleisches, der Elemente, der geformten Materien, ob biologisch oder nicht. Es ist das Unbewusste, das die Wörter in der psychotischen Erfahrung verschlingt und entleert, die sie in Zungen reden lässt oder in Schnitte von Flüssen klanglicher Materie verwandelt. Insofern wird es ganzen Lawinen von Psychopharmaka ausgesetzt.

Das territoriale Unbewusste betrifft seinerseits das Spiel von Territorialitäten aller Art, von jenen des Körpers selbst über die familiären, die heimatlichen und landschaftlichen bis zu den kosmischen. Es gibt kein Territorium ohne Deterritorialisierung, noch entsteht je ein Territorium, ohne dass in einer Durchquerung der Komponenten jedes territorialen Gefüges die Zeit auf bestimmte Weisen markiert wird. Was aber bringt diese Deterritorialisierungen hervor, besonders diejenigen im transdividuellen Netzwerksystem?

Das maschinische Unbewusste entspricht schließlich der verallgemeinerten Möglichkeit der Transformation des Gefüges, in der Arbeit, in der Äußerung, in den Mikropolitiken und im Werden. Das Gefüge wird von Maschinismen jenseits von Gleichgewicht und Vollständigkeit bearbeitet und öffnet sich hin zu nicht-programmierten Ausdrucks- und Äußerungsweisen:

„[...] das erste Unbewusste ist mit den Strukturen des Ausdrucks verbunden und sucht eine bestimmte Art von Gleichgewicht, Ausdruck, Semiotisierungsweise, daher seine Affinität mit neurotischen Strukturen; das zweite Unbewusste ist eher den Dimensionen des Inhalts und den heterogenen Komponenten zugewandt, die ich psychotisch genannt habe, und befindet sich irgendwo in Gegenabhängigkeit mit dem neurotischen Unbewussten; das territoriale Unbewusste, das der Familie etc., ist auch irgendwo auf der Suche nach einer Pseudo-Identität, auch wenn diese Identität in vielen Aspekten deterritorialisiert ist, wenn auch nur in seiner systemischen Funktion.

Seinerseits hat das maschinische Unbewusste keinen semiotischen Schlüssel als solchen. Es wird auch weder von einer Art verlorenem Paradies gepeinigt, das jenes des psychotischen Unbewussten wäre, noch von Territorien. Es besteht aus dem Ensemble der Möglichkeiten, die allen Dimensionen des Gefüges innewohnen können.“[19]

Die Beziehungen zwischen den vier Funktoren und damit zwischen den vier Unbewussten durchziehen das, was Guattari „Tensoren“ nennt, welche, ganz gemäß ihrer mathematischen Definition, Anordnungen von Vektoren sind, die in diesem Fall heterogene, auf alle ontologischen Dimensionen bezogene Zusammensetzungen verbinden.

Die semiotischen Tensoren erzeugen Schwellen des Äußerungssinns in Zusammensetzungen zwischen den vier Funktoren, d. h. sie sind Zeichenmatrizen, ohne die man nicht von Empfindungs- oder Wahrnehmungsterritorien der Subjektivität sprechen könnte; ohne sie wäre es auch nicht möglich, Affekte und unkörperliche Ideen der virtuellen Referenzuniversen zu unterscheiden oder Grammatiken, Logiken oder Diagramme in den maschinischen Zusammensetzungen zu bestimmen.

Hingegen erlauben es die Tensoren des Mehrwerts des Möglichen, ΔT, ΔU, ΔΦ und ΔF, ausgehend von pragmatischen Effekten (in den extrinsischen Beziehungen zwischen den Domänen Φ und F, d. h. in der Bestimmung von Möglichkeiten) und subjektiven Affekten (in den Beziehungen zwischen T und U, d. h. in den existenziellen Mutationen der Subjektivitäten, die den Prozessen der dividuellen Territorialisierung/Deterritorialisierung, der Alterifizierung und des Werdens entsprechen) die Erzeugnisse des Sinns zu übertragen. Aber diese Bestimmung ist nicht Realisierung oder Aktualisierung, sondern nur Ermöglichung. Für die Realisierung und Aktualisierung sind die synaptischen Tensoren zuständig, die Quanten des Möglichen und des Virtuellen vektoralisieren, und zwar durch die systemisch-extrinsischen Synapsen des Effekts bzw. die Transformate des Gefüges (in den Ausdrucksdimensionen und den maschinischen Dimensionen der Gefüge) und durch die strukturellen Synapsen des Affekts (in den Beziehungen zwischen unkörperlichen Wertuniversen und selbstreferenziellen existenziellen Territorien, in Übereinstimmung mit den intensiven Ritornellen des Inhalts).

Diese synaptischen Tensoren müssen sich mit den Mutationen von Affekt und Verhalten/Handlungsmacht im transdividuellen Netzwerksystem in Beziehung setzen, die zu seiner Entstehung führen und Prozesse der Verbreitung und Ansteckung, der Konsistenz zwischen Subsystemen und der Verbindung zwischen den Netzen von Singularitäten anstoßen, kurzum: Solche Tensoren sind die Wiege eines transdividuellen Netzwerksystems. Also müssen wir immer nach ihnen suchen, um seine Entstehungsbedingungen zu verfolgen.

Bei den Synapsen des Affekts können wir zwei Arten unterscheiden, den Empfindungsaffekt, der, wie Guattari schreibt, die (intensive) Stimmung des Seins betrifft; während der problematische Affekt einer aktiven Weise des Seins entspricht. Im Stoffwechsel der beiden Affekte liegt der Schlüssel zur Existenz des transdividuellen Netzwerksystems. Warum ist dieser Affekt „problematisch“? Weil er gerade in einer offenen Problematisierung des ontologischen Sinns auftaucht, innerhalb einer „optionalen Materie“, in der grundlegende Richtungen bestimmt werden. Sein hoher Grad an Deterritorialisierung und sein Charakter als Stoffwechsel zwischen dem Virtuellen und dem Maschinisch-Möglichen erzeugt eine Anreicherung der Skalen der ontologischen Alternative und zugleich eine Intensivierung der praktischen Existenz des transdividuellen Netzwerksystems und damit aller seiner Komponenten. Die unkörperlichen Wertuniversen sind nicht nur mathematisch oder künstlerisch, sondern auch ethisch. In diesem Sinn öffnet sich die kom-munistisch-gemeinsame Politizität des transdividuellen Netzwerksystems den problematischen Affekten des transistent-intensiven Inhalts, in denen mögliche Welten, nie dagewesene Verteilungen und existenzielle Territorien des Gemeinsamen um ihr Fortbestehen kämpfen. Im transdividuellen Netzwerksystem lässt sich nicht über das Individuum sprechen, wenn wir es als soziales, juridisches, ethisches und/oder psychisches Atom begreifen. Es gibt zweifellos Personen („Masken“). Sofern es sich dabei um variable Verteilungen einer dividuellen Materie handelt, sind im transdividuellen Netzwerksystem die Individuen eher Exdividuen, wobei „ex“ die gleiche Bedeutung hat – allerdings umgekehrt und ohne mögliche Symmetrie – wie im Ex pluribus unum der US-Verfassung, wo die Individualisierungstechnologien des Maschinenkörpers durch dividuelles Werden, das mit anderen Maschinenkörpern verbunden ist, unterbrochen werden. Auf diese Weise können wir sagen, dass die Beziehungen des Gemeinsamen mit den Singularitäten exdividueller Art sind.[20]

An dieser Stelle müssen wir die Rolle der Ritornelle hervorheben, sowohl die der Ritornelle der Empfindung und des Ausdrucks, ob sie nun aus Syntagmen der Sprache bzw. des Diskurses und semiotischen Materialien gemacht sind oder nicht, als auch die der Ritornelle des Inhalts, der intensiven Art, in Beziehung zu den abstrakten Maschinen. Ohne Zugang zum Spiel dieser Ritornelle kann nicht erklärt werden, wie das transdividuelle Netzwerksystem in Existenz tritt. Denken wir z. B. an das Empfindungsritornell der Bilder von den Plätzen und Camps im Jahr 2011, an seine Wiederholungen und Differenzen vom Tahrir-Platz über die Puerta del Sol bis zum Gezi-Park. Denken wir an dieses Panoramabild der acampada, an das ständige Streaming oder die Tausenden von Fotos aus allen Winkeln und daran, wie diese Bilder von der Puerta del Sol als visuelles Ritornell der Ansteckung zur Rebellion funktionierten, als Ritornell der De- und Reterritorialisierung an den dynamischen Schwellen des transdividuellen Netzwerksystems, immer im Prozess der Ausdehnung, Aneignung, Autopoiesis, durch unkörperliche Alteritätsuniversen und die Maschinen- und Äußerungskomponenten bestimmt, die in ihre Dimensionen der Konsistenz eintraten, während das sich wandelnde existenzielle Territorium sich in seinem Prozess der Selbstkonstituierung neue dividuelle Verteilungen von Körpern und algorithmischen Maschinen aneignete. Erinnern wir uns mit Guattari, woraus Ritornelle bestehen:

„Unter dem Oberbegriff des Ritornells würden sich über sich selbst geschlossene iterative diskursive Sequenzen befinden, deren Funktion eine extrinsische Katalyse existenzieller Affekte ist. Die Ritornelle können als Substanz rhythmische Formen, Plastiken, prosodische Segmente, Züge von Gesichtlichkeit, Embleme des Erkennens, Leitmotive, Eigennamen oder ihre invokativen Äquivalente beinhalten; ebenso können sie sich transversal zwischen verschiedenen Substanzen einrichten – wie es mit Prousts ‚Ritornellen der verlorenen Zeit‘ geschieht, die ständig in Austausch treten.“[21]

Anders gesagt scheint es, als ob eine konnektionistisch-retikulare Hyperkomplexität dazu tendierte, unter den Bedingungen des problematischen Affekts Phasenbrüche oder Entstehungsprozesse zu bestimmen, in denen eine Beziehung zwischen der autopoietischen Emergenz, der Immanenz des offenen Systems und der Umwelt und der Vektoren intensiver Bewusstseinsbildung (Empfindungsaffekte des existenziellen Territoriums des transdividuellen Netzwerksystems) auftritt. Unnötig zu sagen, dass dies eine spinozistische Formulierung ist, die mit der Strategie  des conatus als cupiditas oder Wunsch verbunden ist.[22] Dieser Wunsch vermag eine Vielzahl an Erfahrungen und Begegnungen zu bündeln, so unterschiedlich wie seine eigene kom-positive Mannigfaltigkeit, in deren Rahmen die Hyper-Komplexität gemeinsamer Begriffe zur amor dei intellectualis führt, die wir hier nur als eine Liebe zum Gemeinsamen fassen können, die für das transdividuelle Netzwerksystem charakteristisch ist.


Offene Probleme

Wenn das transdividuelle Netzwerksystem eine Entität ist, die die Konturen des Politischen in der gegenwärtigen Situation neu definieren kann, wird es im Folgenden notwendig sein, eine Reihe von nicht formulierten oder ungelösten Problemen anzusprechen.

Sofern es ein intrinsisch politisches Subjekt/Objekt ist, müssen wir das Problem des Antagonismus, das Problem der Feinde, aufwerfen. Und so auch den Ereignishorizont, vor dem das transdividuelle Netzwerksystem mit der Staatsform um die Bestimmung des gemeinsamen Lebens kämpft, die zunächst auf das Management von Gewalt, den Gehorsam gegenüber den Regeln des Rechts und die Regulierung des Antagonismus außerhalb des Bürgerkriegs verweist.

Inwieweit beeinflussen darüber hinaus die algorithmische Kontrolle, die Kontrolle und Beseitigung von Anomalien und der Zugriff auf die Interpretation und das Eigentum durch Big Data die Möglichkeiten der Emergenz, Konsistenz, Transistenz und Persistenz autopoietischer Netzwerksysteme? Inwieweit wird das aktuelle Internet durch die Kombination algorithmischer Filterungen mit der Eliminierung von Profilen und der gerichtlichen und repressiven Aktion in den telematischen sozialen Netzen mehr und mehr gegen das transdividuelle Netzwerksystem immunisiert?

Ein anderes grundlegendes Problem sind die historischen Grenzen des transdividuellen Netzwerksystems. In dieser Hinsicht handelt es sich darum, bei seiner Charakterisierung als ökologisches System voranzukommen, d. h. als einer Erfindung, die dafür empfänglich ist, Félix Guattaris Vorschlag der Drei Ökologien Leben einzuhauchen. Die historischen Grenzen betreffen die technischen Ungleichheiten des Weltsystems, die Grenzen des Energiehaushalts, den Klimawandel und die kapitalistische Konfiguration der Ära der globalen Informatisierung. In diesem Sinne kann das transdividuelle Netzwerksystem keine Variante des Akzelerationismus sein.

Es trägt eine Unvereinbarkeit mit dem privaten Eigentum an den Netzen, den Daten, den technischen Infrastrukturen des Netzes, den Algorithmen mit sich. Es ist Anti-Kapital, in Guattaris Sinn das Integral aller Machtformationen.

Das transdividuelle Netzwerksystem ist in seiner gegenwärtigen historischen Bestimmung völlig anfällig für staatliche Repression, Faschismus und Krieg. In diesem Sinn hat es bis heute nicht das Problem der Staatsform und ihres Verschwindens lösen können.

Das transdividuelle Netzwerksystem kann als eine ontologische Form des konstituierenden Exodus in Bezug auf das Zeitalter der globalen Informatisierung betrachtet werden. Ein prekärer Exodus, der gegenwärtig völlig vom Glück abhängig ist, wenn wir die oben genannten Grenzen in Rechnung stellen. Es ist jedenfalls aber eine instituierende Macht, deren Grenzen im Versuch, die Welt des Kapitals und die Staatsform zu absorbieren und sich anzueignen, nicht im Voraus bestimmt werden können – mit der Ausnahme, dass die Asymptote zu beachten ist, in der die mehr oder weniger faschistische Gewalt der Staatsform seiner Existenz ein Ende zu setzen vermag. Das transdividuelle Netzwerksystem ist eine außergewöhnliche Form des instituierenden Gemeinsamen und seines Vermögens, das zur Politik der Multitude geworden ist.

 

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[1] Der vorliegende Text kann auch als später Appendix zu meinem früheren Text gesehen werden: Raúl Sánchez Cedillo, „15M als Aufstand der Körper-Maschine“, in: Isabell Lorey, Roberto Nigro, Gerald Raunig (Hg.), Inventionen 2. Exodus. Reale Demokratie. Immanenz. Territorium. Maßlose Differenz. Biopolitik, Zürich: diaphanes 2012, S. 48–61. Für Beispiele und Illustrationen zum Netzwerksystem verweise ich auf diesen Text sowie auf AAVV, Democracia Distribuida. Miradas de la Universidad Nómada al 15M (2012), http://www.trasversales.net/ddun15m.pdf, und darüber hinaus auf Javier Toret Medina (Hg.), Tecnopolítica y 15M: La potencia de las multitudes conectadas. Un estudio sobre la gestación y explosión del 15M (2013), https://tecnopolitica.net/sites/default/files/1878-5799-3-PB%20(2).pdf.

[2] Besetzungsbewegung in allen spanischen Städten, die mit und um den 15. Mai 2011 entstand, vgl. Sánchez Cedillo, „15M als Aufstand der Körper-Maschine“, a.a.O.

[3] Zum Sprachgebrauch der deutschen konservativen Revolution vgl. Jean-Pierre Faye, Totalitäre Sprachen, Frankfurt/Main: Ullstein 1977.

[4] Vgl. Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1993, S. 189: „Andererseits aber gibt es die Zukunft und Vergangenheit des Ereignisses an sich, das jeder Gegenwart ausweicht, weil es von den Begrenzungen eines Dingzustandes frei, weil es unpersönlich und präindividuell, neutral, weder allgemein noch besonders ist, eventum tantum […].“

[5] Félix Guattari, „De la production de subjectivité“, in: Chimères Nr. 4 (1986), http://www.revue-chimeres.fr/drupal_chimeres/files/04chi03.pdf; vgl. auch Félix Guattari, Cartographies schizoanalytiques, Paris: Editions Galilée 1989.

[6] Vgl. Félix Guattari, Antonio Negri, Neue Räume der Freiheit, Wien et al.: transversal texts 2015, insb. S. 67–73.

[7] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Altered_Carbon_%E2%80%93_Das_Unsterblichkeitsprogramm.

[8] Hier spielt der Autor vor allem auf die Politikform der 2014 neu gegründeten Partei Podemos an (Anm. d. Ü.).

[9] Darüber habe ich ebenfalls andernorts geschrieben: „L’assoluto della democrazia alla luce del 15M spagnolo“, in: Francesco Brancaccio, Chiara Giorgi (Hg.), Ai confini del diritto. Poteri, istituzioni, soggettività, Rom: Derive Approdi 2017.

[10] Vgl. Antonio Gramsci, Note sul Machiavelli, sulla politica e sullo stato moderno, Rom: Einaudi 1953.

[11] Vgl. Jean-Luc Evard, „Entretien avec Jean-Pierre Faye“, in: Revue Conférence Nr. 28 (2009), http://90plan.ovh.net/~revueconc/images/stories/n28/pdfs/conference_28_entretien_jean-pierre_faye.pdf.

[12] Vgl. Félix Guattari, Chaosmose, Wien: Turia+Kant 2014, insb. S. 77ff. und S. 157; sowie Félix Guattari, „Agencements. Transistances. Persistances“, Seminar vom 08.12.1981, http://www.revue-chimeres.fr/drupal_chimeres/files/811208.pdf: „Ein Gefüge besteht also darin, dass es materielle oder energetische Flüsse gibt, Beziehungen der Segmentierung, des Territoriums, Koordinaten, Referenzen, die sich mit dem maschinischen Phylum verketten, die irgendwo auf ihre eigene Rechnung arbeiten und Universen entwickeln. Es basiert darauf, dass die vier Arten von Elementen mehr oder weniger miteinander verkettet sind.“

[13] Alle Grafiken stammen vom Autor und sind Übertragungen aus: Guattari, Cartographies schizoanalytiques, a.a.O..

[14] „Was ist der Status der abstrakt-maschinischen Entitäten, die innerhalb des abstrakten Kerns des Gefüges die konkreten Dimensionen ‚verdoppeln‘? Gerade der des Doubles: die abstrakten Maschinismen stellen in keiner Weise Parallelwelten zu den konkreten Gefügen dar. Es gibt kein Verhältnis der Interaktion zwischen der maschinischen Abstraktion und dem konkreten Manifesten. In dieser Hinsicht müssen wir eher von einem System der Projektion sprechen.“ Ebd.

[15] William James, „Der Wille zum Glauben“, in: ders.: Philosophie des Pragmatismus. Ausgewählte Texte, Stuttgart: Reclam 2002, S. 128–160.

[16] Vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, München: Fink 1992, S. 157f.: „Und was ist zunächst jenes Handelnde, jene Kraft, die die Kommunikation garantiert? Der Blitzschlag entlädt sich zwischen verschiedenen Intensitäten, es geht ihm aber ein unsichtbarer, unspürbarer dunkler Vorstrom voraus, der im Vorhinein dessen umgekehrten Weg wie im Negativabdruck bestimmt. Ebenso enthält jedes System seinen dunklen Vorboten, der die Kommunikation der Begrenzungsreihen sicherstellt. […] Weil der von ihm beschriebene Weg unsichtbar ist und nur verkehrt herum – sofern von den Erscheinungen, die er im System induziert, verdeckt und durchlaufen – sichtbar werden wird, besitzt er nur jenen Ort, an dem er ‚fehlt‘, nur jene Identität, der er abgeht: Er ist eben das Objekt = x, dasjenige, das ‚an seinem Platz‘ wie seiner eigenen Identität ‚fehlt‘.“

[17] Vgl. Christian Marazzi, „L’ammortamento del corpo macchina“, in: Jean-Louis Laville, Christian Marazzi, La Rosa, Federico Chicchi (Hg.), Reinventare il lavoro, Rom: Sapere2000 2007.

[18] Vgl. Sánchez Cedillo, „15M als Aufstand der Körper-Maschine“, a.a.O.

[19] Félix Guattari, „Les quatre inconscients“, Seminar vom 13.01.1981, http://www.revue-chimeres.fr/drupal_chimeres/files/810113.pdf.

[20] Zur Ontologie des Dividuellen und seiner philosophischen wie politischen Relevanz vgl. Gerald Raunig, Dividuum. Maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution, Band 1, Wien et al.: transversal texts 2015, https://transversal.at/books/dividuum.

[21] Guattari, Cartographies schizoanalytiques, a.a.O.

[22] Vgl. Laurent Bove, La Stratégie du Conatus: Affirmation et Résistance chez Spinoza, Paris: Vrin 1996.